„Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben“ (Mascha Kaleko)

In ihrem Gedicht „Memento“ schrieb Mascha Kaleko 1945 :

„Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.“

(aus: Mascha Kaléko, Sämtliche Werke und Briefe, S. 227, Auszug zitiert nach: https://denkzeiten.com/2017/12/24/mascha-kaleko-memento/)

Das „nur“ würde ich gerne streichen. Sterben ist schwer, wenn man das Leben liebt. Es trennt mich von all den Menschen, die ich nicht zurücklassen möchte. Nicht jede und jeder stirbt am Ende alt und gelassen, mit dem Gefühl, jetzt loslassen zu können.

Es gibt den Tod, das Leid, den Abschied zur Unzeit. Es gibt den Tod, wenn der Lebenshunger noch lange nicht gestillt und die Lebenssehnsucht noch lange nicht erfüllt ist, die Lebensliebe noch unerwidert auf Vollendung wartet. Es fehlt der Augenblick, in dem man noch hätte Abschied nehmen können, um ein Wort aussprechen, das schon lange gesagt werden wollte, die Versöhnung zu feiern, die nicht mit dem Toten, der Toten begraben werden sollte.

All das gibt es seit alter Zeit und immer noch.

Aber Sterben und Tod überfallen uns und werfen uns um. Wir möchten fliehen und können es nicht.Wir möchten aus dem Albtraum aufwachen, aber wir schlafen ja gar nicht.

Von heute auf morgen ist das Leben nicht mehr was es war und wir können nichts dagegen tun, nur leben, weiterleben, hoffentlich mehr als nur Überleben.

Das Sterben am Kreuz war schwer – weil es auch zur falschen Zeit kam, weil es ein gewaltsamer Tod war, der aus dem Leben riss, selbst wenn Johannes im Ende eine Vollendung sieht:

Das Sterben am Kreuz war schwer, weil ein Unschuldiger stirbt, der kein anderes Verbrechen begangen hat als Gottes Liebe zu leben und zu verschenken an die, die ohne Liebe leben mussten; der Versöhnung anbot all denen, die bereit waren es im Leben noch einmal zu wagen und einer Zukunft aus Gottes Hand zu trauen;

Das Sterben am Kreuz war schwer, weil kaum Protest zu hören und zu sehen war, weder von denen, die am Wegrand standen oder zuschauten, noch vom Sterbenden selbst, der sich ins Leid fügte und trotz aller Klage mehr verwundert fragt:

warum, Gott?

wozu, Gott?

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal so gebetet und meinen Blick hilfesuchend nach oben gerichtet?

Dabei hat doch die Autorin Thea Dorn recht, die in ihrem Briefroman „Trost“ als Form der Bewältigung der Coronapandemie erzürnt schreibt: „Wenn du mich nun spöttisch fragen willst, ob ich den Tod als solchen für ein Unrecht halte, so antworte ich: ja: Der Tod ist der Inbegriff roher, absoluter Macht. Er kommt, packt uns, foltert und, zermalmt uns. Wer mit dem Tod seinen Frieden macht, der beugt sich dem Prinzip der Gewalt, der Unterwerfung, der Tyrannei. Wer den Tod hinnimmt, muss auch jegliche andere Form von Gewalt, Unterwerfung und Tyrannei hinnehmen. Wer die Menschlichkeit verteidigen will, muss den Tod auf die Anklagebank setzen.“

Aber eindeutiger und größer kann die Anklage des Todes um der Menschlichkeit willen gar nicht sein als im stillen und unwidersprochenen Leiden und Sterben des Unschuldigen am Kreuz.

Gott weint um die Menschlichkeit, die auf der Strecke zu bleiben droht. Gott leidet und weint, denn es stirbt der Sohn.

STILLE

Aber es stimmt auch: wer zurückbleibt, muss mit diesem Abschied und der Trennung weiterleben, wie Maria als Mutter und Johannes als Freund. Aber sie konnten Abschied nehmen. Nur die Hand konnten sie nicht halten und die Umarmung der ausgestreckten Arme am Kreuz nicht spüren. Aber sie hatten einander, sorgten füreinander, waren aneinander gewiesen und zugleich aufeinander angewiesen.

Wie viele müssen in diesen Tagen einsam sterben. Viele Abschiede sind erschwert, weil ein Virus zwischen Sterbenden und Angehörigen steht und trennt. Viele haben Angst, dem Tod zu begegnen. Dabei sind es vom Leben Abschied nehmende, die wir in den letzten Momenten ihres Lebens in der verbleibenden Lebenszeit begleiten dürfen, diesem zusammen mit dem Augenblick der Geburt tiefsten Moment unsres Dasein, des Lebens

Wer ist wohl für uns in diesem Augenblick da, hält uns, lässt uns los oder empfängt uns im Augenblick danach?

Wer sagt dann denen, die Abschied genommen und Leben in Gottes Hand zurückgelegt haben:  habt aufeinander Acht?

Weder großes noch kleines Leid lässt sich wirklich beschreiben und verstehen. Die Trauernden unter dem Kreuz fanden Trost und Halt in den Gebeten und Verheißungen der biblischen Schriften.

„Fürwahr: er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“lasen sie im Buch des Propheten Jesaja (Kap. 53,4) und es  ging ihnen auf, wie nah ihnen Jesus mit seinem Leidensweg war.  Mehr noch: sie spürten, dass sie IHM mit ihrem Leben ganz nahe waren und so Antwort bekamen auf ihre verzweifelten Rufe: „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Psalm 22,2)“

Mit dem Tod des Einen darf ich also leben, weiterleben und weitergehen. Es gibt keinen Ort, keine Macht, keine Schuld, keine Verzweiflung,  kein Leben und kein Sterben, in dem Gott nicht an meiner und deiner Seite zu finden ist.

Das ist für mich Trost, noch bevor die Hoffnung Nahrung bekommt, dass der Tod gar nicht das letzte Wort hat, auch wenn er meint es beanspruchen zu können. Thea Dorn, ich habe sie schon einmal zitiert, nennt diese Hoffnung der Christen ihren Lieblingstrugschluss und mag ihm nicht trauen, mag der Auferstehung als dem Protest des Lebens gegen den Tod nicht trauen.

Mir ist dieser Glaube aber der Himmel schon auf Erden, weil er mich lehrt der Macht, Kraft und Verheißung des Lebens zu trauen. Das ist Hoffnung auf Liebe, auf Versöhnung, auf Gerechtigkeit, es ist die Vollendung jedes einmaligen und kostbaren Lebens, das doch ein wunderbarer Gedanke und Einfall Gottes war, ist und bleibt.

Das Ende des Einen ist die Vollendung des Lebens und der Anfang  neuer Lebenshoffnung. Deswegen darf ich mit dem Tod des Einen leben, weil ich durch die Auferstehung des Einen leben werden in Zeit und in Ewigkeit in Frieden mit mir und mit Gott.

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