Das Geheimnis des Glaubens

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde – heute ist ein besonderer Tag für uns in der Kirche und ebenso für Sie daheim in den Häusern. Es riecht anders, es leuchtet anders – da liegt was in der Luft, was nur schwer zu greifen ist. Kinder, die weit weg leben, finden an diesem Tag heim. Es gibt gutes Essen, viele gehen in den Gottesdienst. Wir packen Geschenke aus, freuen uns an den kleinen und den großen.
Es ist ein besonderer Tag, der Heilige Abend, jeder und jede spürt das. Da ist das Kind in der Krippe, da sind die Hirten auf dem Feld und der Engel, der ihnen sagt: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude. Und mittendrin wir – mit einem Sack voll Gefühlen, Sehnsüchten und Erinnerungen.
In vielen Familien wird heute Abend noch gespielt oder gerätselt. Mit einem Rätsel möchte auch ich beginnen, weil auch der Predigttext ein bisschen in Rätseln spricht. Hört mein Rätsel für diesen Gottesdienst:
Was ist das: Erst ist es hart, dann ist es weich. Erst ist es kalt, dann ist es heiß. Und am Ende wärmt es dein Herz.

Ganz sicher haben einige von Ihnen es schon erraten. Aber bitte nicht gleich hinausposaunen, behalten Sie das Geheimnis noch eine Weile für sich. Denn ich möchte Ihnen mit diesem kleinen Rätsel etwas erklären:
Jeder, den ich kenne, sperrt die Ohren auf, wenn ihm ein Rätsel präsentiert wird. Und dann geht das große Grübeln los. Man hört es sich vielleicht noch ein zweites Mal an, das Rätsel, vielleicht hat man ja etwas verpasst beim ersten Mal. Kaum jemand steht einem Rätsel gleichgültig gegenüber, nein, man möchte es lösen. Die allermeisten Menschen versuchen es zumindest. Und ich möchte wetten, die meisten von Ihnen auch.
Was ist das: Erst ist es hart, dann ist es weich. Erst ist es kalt, dann ist es heiß. Und am Ende wärmt es dein Herz.

Tatsächlich hat das Weihnachtsfest ganz viel mit Rätseln zu tun. Zumindest bei uns zu Hause war das immer so. „Mama, was krieg ich zu Weihnachten?“ – Wir waren zu Hause vier Mädels, und wir haben erbarmungslos unsere arme Mutter gelöchert, bis sie uns wenigstens einen kleinen Tipp gab, der ihr einen Moment der Ruhe verschaffte.
Heute übrigens denkt sie sich einfach irgendetwas aus, wenn wir ihr mal wieder auf den Leib rücken. Und immer noch – wir sind alle inzwischen im fortgeschrittenen Erwachsenenalter – versucht sie, aus dem Fest ein kleines Geheimnis zu machen, wenigstens eine kleine Überraschung bereit zu halten, uns mit ihren Rätseln die Weihnachtszeit zu verzaubern.

Dass selbst die Bibel Geheimnisse hat, hätten Sie vielleicht nicht so vermutet. Ich lese den Predigttext aus dem ersten Brief des Paulus an Timotheus. Dieser Text enthält ein Rätsel.

Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

„Ha!“, werden Sie sagen, „das ist leicht! Das ist das Jesus-Kind in der Krippe!“
Aber so einfach ist das nicht. „Ganz heiß“, würde meine Mutter sagen, „ganz heiß!“ – aber die Antwort stimmt nicht wirklich.
Er ist offenbart im Fleisch – ja, das ist das Weihnachtsgeschehen, das ist das Kind in der Krippe. Aber dann wurde er gerechtfertigt im Geist – eine Anspielung auf die Taufe Jesu. Gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit – das hier ist eine Kurzfassung des Lebens Jesu, ein Glaubensbekenntnis, ein Credo. Das Kind in der Krippe ist in diesem Credo nur eine Station, ein Beginn. Das Jesus-Kind ist nicht das Geheimnis, sondern vielmehr ein deutliches Zeichen: In ihm sehen wir Gott unter den Menschen.

Eine andere Antwort könnte sein, dass dieses Geheimnis von Jesus Christus handelt – das ist schon etwas anderes als das Kind in der Krippe, und sie wären damit ganz, ganz dicht an der Lösung. Wenn wir Jesus den Christus nennen, den Messias, dann begreifen wir, dass diese Geschichte nicht an der Krippe endet, sondern dort beginnt. Der Christus, das ist der von Gott Erwählte, der die Welt heilen will. Wer von Jesus als dem Christus spricht, der versteht, dass in der Heiligen Nacht etwas beginnt, das im Innersten an sein Leben rührt.

Aber wenn schon Jesus Christus nur dicht dran an der Lösung ist, was soll es denn sein?
Zu gerne, liebe Gemeinde, würde ich Ihnen jetzt eine Antwort präsentieren. Aber das geht nicht. Es gibt keine Antwort auf das Geheimnis des Glaubens, die man aufschreiben oder vervielfältigen kann. Die Antwort liegt im Geheimnis selber. Sie ist der Weg, nicht das Ziel. Groß ist das Geheimnis des Glaubens – das bedeutet: Jesus, der Christus, ist nur als Geheimnis richtig zu verstehen. Der Glaube an ihn ist nichts, was man festhalten oder festschreiben kann, er ist nichts, was bewiesen oder abgeprüft werden darf. Christus in dir ist ein Geheimnis, das jeden Tag neu bewahrt und entdeckt werden will. Jesus, der Christus – das ist das Geheimnis Gottes. Es ist ein Geheimnis, das wir nie ganz begreifen oder fassen können.

Haben Sie mein Rätsel vom Anfang noch im Ohr? Was ist das: Erst ist es hart, dann ist es weich. Erst ist es kalt, dann ist es heiß. Und am Ende wärmt es dein Herz – und Sie, liebe Gemeinde, haben die Ohren aufgesperrt, ich hab’s gemerkt, Sie waren absolut aufmerksam in diesem Moment. Sie waren dicht dran an diesem Rätsel.

Gott möchte, dass wir unsere Ohren und unsere Herzen öffnen für sein großes Rätsel, für sein wunderbares Geheimnis. Gott weiß: In diesem Rätsel sind alle Rätsel des Lebens aufgehoben: Das Geheimnis von Geburt und Leben, die Frage nach dem Sinn, die Furcht vor dem Tod und unser Suchen nach Liebe. Das Geheimnis des Glaubens ist die Antwort auf alle Fragen des Lebens.

Nun ist der Heilige Abend ja das Fest, wo das Rätselraten ein Ende findet. All die schön eingepackten Gaben werden aus dem Papier gewickelt. Das darin enthaltene Geheimnis ist schnell gelüftet: Ein Buch, ein Spiel, eine Einladung. Und wir stellen alle Jahre wieder fest: Keine Überraschung, und sei sie noch so umwerfend, kann mithalten mit dieser Erfahrung des Geheimnisses im Vorfeld.

Vielleicht darf ich noch einmal auf meine Mutter zurückkommen: Unsere Geschenke drehte sie unendliche Male in den Händen hin und her. Sie schüttelte sie, drückte hier und drückte da, versuchte zu erraten, was drin ist, bevor sie mit dem Auspacken anfing. Und dann knüttelte sie mit Engelsgeduld an den Bändchen rum, löste vorsichtigst den Tesa-Film und achtete darauf, das Papier nicht zu zerreißen. Als Kind hat sie mich damit ganz wuschig gemacht. Ich war doch so neugierig, ich wollte doch zu gerne wissen, ob sie sich über mein Geschenk auch freut!

Meine Mutter aber hat verstanden, wie wunderbar Geheimnisse sind. Dieses Rumgetüdele – das tat sie nur, um die Zeit anzuhalten, für sich und für mich. Sie verstand, was Menschen heute schwer fällt: Ganz besonders herrlich ist das, was du nicht sehen kannst, sondern erraten musst, was nicht dein Eigen ist, sondern nur ein Gefühl, was du niemals wissen wirst, sondern nur glauben darfst.
Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens. Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Das Geheimnis des Glaubens ist ein Rätsel. Und zwar ein solches, das zu lösen unsere ganze Lebenszeit in Anspruch nimmt. Ein ganz heißer Tipp zur Lösung ist das Kind in der Krippe. Aber das Geheimnis des Glaubens hält noch viel mehr bereit: Im Glauben wirst du klug – klug für diese Welt und für die, die noch kommt. Frieden und ein großes Herz wird er dir geben, Liebe und Gemeinschaft.
Groß ist das Geheimnis des Glaubens – ich kann Ihnen dieses Rätsel nicht lösen, das muss jeder für sich tun. In der Bibel gibt es viele Hinweise – aber lösen werden wird sich dieses Geheimnis wohl erst am Ende unserer Zeit.
Anders ist es mit dem Rätsel, das ich an den Anfang stellte:
Was ist das: Erst ist es hart, dann ist es weich. Erst ist es kalt, dann ist es heiß. Und am Ende wärmt es dein Herz.
Ein einfaches Rätsel mit einer einfachen Antwort. Haben Sie’s gelöst? Es ist eine Kerze: Erst hart, dann weich, erst kalt, dann heiß. Und am Ende wärmt sie dein Herz.

Groß ist das Geheimnis des Glaubens. Es macht dein Herz licht und warm. Und dieses Geheimnis ist höher als alle Vernunft. Es bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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