Das Fest der durchkreuzten Erwartungen

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde, Weihnachten ist das Fest der Erwartung. Nichts anderes predigen wir mit jeder Adventszeit: Wir warten auf die Ankunft Christi, wir erwarten sein Kommen, ja seine Wiederkehr. Wir haben auf den gewartet, der da kommt. Und: Ja, wir erwarten, ihm zu begegnen.

Weihnachten ist das Fest der Erwartung.
Ihr Kinder wisst das am Besten: Ihr freut euch auf Weihnachten, schon lange. Auch wegen der Geschenke, ja, aber nicht nur. Ihr seid heute aufgeregt und übermütig – ich finde es toll, das ihr hier seid, obwohl euch das Stillsitzen heute bestimmt schwerer fällt als sonst. Ihr gebt uns Erwachsenen nämlich etwas, was wir selber nicht mehr so gut können: Wir freuen uns an eurer Freude. Es macht uns glücklich, wenn ihr glücklich seid. Euch so fröhlich zu sehen, macht unseren Tag hell. Und viele von uns geben sich große Mühe, diesen Tag für euch zum schönsten des Jahres zu machen, eben weil wir uns gut daran erinnern, wie das war, damals, als wir noch klein waren und die Erwartung so wundervoll war.
Wir Großen erwarten an diesem Tag viel von uns selbst: Das Essen muss perfekt sein, die Atmosphäre soll stimmen. Wir geben uns besondere Mühe mit dem Ambiente. Wir hoffen, dass die Geschenke stimmen. Wir erwarten von uns, dass wir zu Ruhe und Besinnlichkeit finden. Und: Wir erwarten, dass wir Gott begegnen – an diesem Tag, in dieser Kirche, dass er sich spüren lässt mit seiner wunderbaren Gegenwart.

Weihnachten ist das Fest der Erwartung.
Die Kinder erwarten viel von den Eltern, die Eltern erwarten viel von den Kindern. Die Kaufleute erwarten viel von den Kunden, die Alten erwarten viel von der Kirche, die Kirche erwartet viel von ihren Pastoren, die Pastoren erwarten viel von ihren Gemeinden. Für manche ist die Erwartung einfach zu hoch: Am Heiligen Abend wird am meisten geweint, am schlimmsten gestritten, am häufigsten der Notarzt gerufen. Der Heilige Abend hat die höchste Selbstmordrate des Jahres – auf große Erwartung folgt oft bittere Enttäuschung, alle Jahre wieder.

Und was erwarten Sie heute, liebe Gemeinde? Sie haben sich bei Dunkelheit und Kälte auf den Weg in die Kirche gemacht. Sie haben die warmen, festlich geschmückten Stuben zurückgelassen. Ich vermute mal: Sie haben hohe Erwartungen an diesen Tag und an dieses Fest. Das gute Essen, die Begegnung mit der Familie, der geschmückte Baum – da fehlt noch was, denken Sie vielleicht, das braucht noch etwas Tiefgang, etwas Nachdenklichkeit, einen Impuls von anderer Stelle.

Weihnachten ist das Fest der Erwartung
In der Tat. Die Geburt des Heilandes wurde sehnlichst erwartet im Volk Israel. Seit mehr als 500 Jahren wartete Israel auf den Messias, auf Gottes Heiland, auf den Retter und Erlöser. Er sollte Israel befreien aus der Knechtschaft der römischen Besatzung. Er sollte das Land und die Menschen wieder vereinen. Gerechtigkeit und Friede sollten mit ihm kommen, alle würden satt werden, niemand würde mehr Kummer leiden – voller Sehnsucht wartete Israel auf den Christus. Größer können Erwartungen nicht sein – nicht Ihre und nicht meine. Israel wartete auf seinen Erlöser und seinen Retter.

Und dann kam der Tag, an dem sich die Verheißung erfüllen sollte.
Das göttliche Kind wurde geboren. Aber es war ganz anders als erwartet. Es kam nicht im Palast zur Welt, sein Bett war nicht aus Samt und Seide – es war eine kümmerliche Geburt in einem schäbigen Stall. Nicht einmal ein richtiges Bett gab es für den neugeborenen König, die junge Mutter legte ihr Baby schlicht in die Futterkrippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Schmutzige, abgewrackte Hirten waren die ersten, die es erfuhren und dem Kind zu huldigen kamen.
Aber es sollte noch viel schlimmer kommen: Der erwachsene Jesus sprengte alle Erwartungen, predigte auf den Straßen, redete zu den Armen, nahm sich derer an, die sonst keiner wollte und machte sich schließlich die Mächtigen zu Feinden. Es endete in einer Katastrophe: Der ersehnte, der so lang erwartete, der Erretter und Erlöser starb einen schäbigen Tod am Kreuz.

Weihnachten ist das Fest der Erwartung, so hatte ich begonnen.
Aber ich will Ihnen etwas verraten: Weihnachten ist von Anfang an das Fest der enttäuschten Erwartung. Das ist es, was die Geburt im Stall uns erzählen will: Gott macht den menschlichen Erwartungen einen Strich durch die Rechnung, von Anfang an. Er will kein Königreich in dieser Welt errichten, er will ein König der Herzen sein. Er will nicht ein Volk erlösen und das andere unterjochen, er will eine Welt ohne Grenzen. Er will nicht friedlich regieren, er will, dass der Frieden die Herzen regiere. Er will nicht Glanz und Gloria, er will keine perfekten Menschen und keine perfekten Gottesdienste, er braucht keine Einser-Abiture und keine Hochschul-Magister, er muss nicht drei Mal im Monat in der Zeitung stehen und will keine Hochglanz-Fotos von sich in den Prominenten-Broschüren sehen. Er will einfach nur da sein. Mit uns sein. Bei uns sein. Das ist so wenig und doch so viel.

Ihre und meine großen Erwartungen – sie passen zu diesem Fest und zu den großen Erwartungen des jüdischen Volkes an den Messias. Nicht jedem von uns gelingt es, den eigenen Erwartungen zu genügen – auch das passt zu diesem Fest, das spiegelt Gottes Heilshandeln in der Krippe: Gott selber kann und will den Erwartungen, die an ihn gestellt werden, nicht entsprechen. Gott will uns erlösen von unseren hohen Ansprüchen, damit wir Frieden finden.

Wir sind nämlich wie die Hirten auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde. Wir ähneln den Hirten – allzu viel ist von uns eigentlich nicht zu erwarten. Wir sind so beschäftigt mit uns selbst. Wir sind so müde von der Adventszeit. Wir kommen beladen zur Krippe: Es war nicht alles gut im vergangenen Jahr. Wir haben Fehler gemacht. Mancher hat versagt. Einige haben Schuld auf sich geladen

Ach, könnten wir uns doch freuen wie die Hirten: Die Hirten erfahren es als erste, die, von denen nun wirklich nichts zu erwarten war, die schämen sich keine Sekunde, sondern laufen „eilends“ zur Krippe, die rennen regelrecht zum Stall und stolpern dabei über ihre eigenen Füße. Sie begreifen sofort – und zwar mit kindlichem Herzen! – was da geschehen ist: Dass nämlich Gott unsere Erwartungen auf den Kopf stellt, er macht sie geradezu absurd. Und jeder, der schon einmal an der Wiege eines Neugeborenen gestanden hat, der versteht, was ich jetzt sage: Da zählt auf einmal nicht mehr, was jemand kann und jemand hat. Schönheit, Geld und Ruhm, Kompetenz und Ehre – gar nichts ist mehr wichtig als dazustehen und zu schauen, wie die kleinen Hände sich um den hingereichten Finger wickeln. Da passiert in unserem Kopf nicht mehr viel aufregendes, da werden keine Predigten geschrieben und keine Philosophien entwickelt. An der Wiege eines Kindes wird keine Politik gemacht. Da werden selbst die härtesten Männer weich wie Wachs. Halten wollen wir, beschützen, nähren, versorgen – jeder von uns fällt beim Anblick eines Kindes ziemlich unvermittelt auf seine Biologie zurück. Wir werden, was wir sein sollen: Gute Menschen, nicht mehr und nicht weniger.

Weihnachten ist das Fest der großen Erwartungen – keiner von uns kann aus seiner Haut, so ist das nun. Unsere großen Erwartungen – sie haben uns heute hier zusammengeführt. Aber: Wollen wir, müssen wir wirklich allen Erwartungen entsprechen? Gott durchkreuzt die großen Erwartungen und bringt uns an den Punkt, wo er uns haben will: an die Krippe. Und wir werden weich wie Wachs, wenn wir sehen, wie Gott sich uns zeigt: Als Kind, für das die ganze Welt ein Wunder ist, weil es Erwartungen noch nicht kennt.

Weihnachten das Fest der durchkreuzten Erwartung: Lassen Sie sich von dem Kind erlösen. Sie müssen nichts leisten, nichts vorbringen, nichts toll machen. Sie dürfen einfach nur sie selbst sein. Dafür ist Gott Mensch geworden, dafür gab er uns seinen Sohn, dafür starb Jesus Christus am Kreuz, um uns zu sagen: Du bist Gottes geliebtes Kind, geschaffen, um Licht von seinem Lichte zu sein, um Liebe von seiner Liebe zu geben und um Frieden aus seinem Frieden zu leben. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten. Amen

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