Das „Aua“ kann doch fliegen

Liebe Gemeinde,
„Wenn ich als Kind hingefallen war, tröstete mich meine Mutter. Sie pustete und sprach die magischen Worte: „Schau mal, Eckart, da fliegt das „Aua“ durchs Fenster!“ Und ich habe es wirklich fliegen sehen. Sogar durchs geschlossene Fenster.

Mein ganzes Medizinstudium habe ich darauf gewartet, dass mir ein gelehrter Professor erklärt, warum das „Aua“ fliegen kann. Denn ich wusste ja seit meinem vierten Lebensjahr, dass es geht. Diese Phänomene wurden aber in der langen und teuren Ausbildung mit keiner Silbe erwähnt.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto beschränkter finde ich das. Ich bin heilfroh über alles, was es heute an Wissen und Möglichkeiten gibt, von der Schmerztablette bis zur Palliativmedizin. Aber manchmal braucht es nur jemanden, der dich einfach in den Arm nimmt und pustet!

Und selbst wenn ich als erwachsener Mensch irgendwann so aufgeklärt, so abgeklärt, so zynisch geworden bin, dass ich an die Flugfähigkeit von Schmerz nicht mehr glauben kann oder mag. Kurz gesagt: Es wäre dem Kind gegenüber immer noch eine unterlassene Hilfeleistung, aus Klugscheißerei nicht zu pusten!“

Das schrieb der Mediziner Eckart von Hirschhausen. Und mit diesen Worten beschreibt er auch meine Kindheitserfahrung. Meine Mutter konnte mein „Aua“ ebenso wegpusten. Phänomenal! Das hat immer wieder funktioniert. Alles wurde besser.

Es hilft, wenn ich in meinem Schmerz jemanden habe, der einfach da ist. Der mich in den Arm nimmt und pustet. Dieses Gefühl ist so kostbar, es ist Medizin, es ist heilsam. Nähe und Zuwendung wirken Wunder. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe es so erfahren, darum gebe ich dieses Gefühl weiter.

Mir begegnen Menschen, die auch so handeln: Weinende Kinder auf dem Spielplatz laufen ihren Eltern in die Arme. Diese streicheln ihnen über den Kopf, nehmen sie in den Arm.
Auf dem Fußballplatz tröstet der Trainer die Kleinen, die gerade mal wieder ein Spiel verloren haben. „Macht nichts,“ sagt er, „das nächste Mal wird es besser. Trotzdem, als Mannschaft habt ihr toll gespielt!“ Das Aua bleibt, die Niederlage auch.

Die Schülerin kommt mit einer schlechten Note nach Hause. Sie bekommt keinen Ärger mit ihren Eltern. Stattdessen das Versprechen, beim nächsten Mal nicht alleine lernen zu müssen. Die schlechte Note bleibt, das Versprechen baut auf.

Ein trauernder Witwer bleibt allein in der großen Wohnung zurück. Allerdings heute, das Feierabendbier mit dem Nachbarn, hat die Einsamkeit verscheucht. Zumindest für einen kleinen Augenblick. Wohltuende Nähe vertreibt nicht den Kummer, aber sie verändert den Blick, schenkt eine neue Perspektive.

Liebe Gemeinde, hören wir den Predigttext bei Jesaja 66, 10-14.

Freude angesichts von Trümmern? Das klingt fast so, als würde der Prophet im Namen Gottes Freude verordnen. Ich kann mich nicht so auf Kommando freuen. Schon gar nicht, wenn mir nicht danach zumute ist, oder das Umfeld es nicht zulässt.

„Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid!“ (10) Das lässt Gott seinem Volk ausrichten.

Freude, Frohsinn, verwandelte Trauer, in der Zeit nach dem Exil? Die Israeliten waren deportiert worden, in babylonische Gefangenschaft. Jetzt kehrten sie zurück, in das Land, in dem Milch und Honig fließen. Beziehungsweise, vormals flossen.

Nach dieser Gefangenschaft stand vor ihnen der große Neubeginn:
Der zerstörte Tempel musste wiederaufgebaut werden. Die Häuser waren zerstört oder einfach unbewohnbar. Die Felder alle verwüstet.

Die Israeliten hofften auf einen neuen Anfang. Sie hatten aus den Fehlern gelernt. Sie wollten sich nun wieder zu ihrem Gott bekennen. Zu dem Gott, den sie zuvor verraten hatten.

In der Heimat wollten sie ihn im Tempel anbeten. In der Gefangenschaft hatte Gott ihnen durch den Propheten Jesaja Mut gemacht. Jesaja hatte gesagt: „Gott wird sein Volk trösten! ER hält zu Euch! ER lässt euch nicht im Stich!“ Doch mitten in den Trümmern kommt ihre Hoffnung schlagartig zum Erliegen.

Und nun das: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid!“ (10) Das kann Gott nicht ernst gemeint haben? Freude in den Trümmern? Fröhlich zu sein in den Steinhaufen der Häuser? Nie im Leben kehrt so schnell Freude ein. Freude lässt sich nicht verordnen. Gott verlangt es auch nicht. Er weiß sehr wohl, dass Gefühle nicht befohlen werden können. Er weiß, sie entstehen aufgrund von schönen und wohltuenden Situationen.

Deswegen wandte er sich an sein Volk und lies durch den Propheten jenen besonderen Satz sagen: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (13a) Ich erkenne darin: Gott verspricht Nähe und Begleitung, sein Dasein und sein zur Seite stehen.

Mütter und Väter kommen oftmals an ihre Grenzen. Sie können nicht alles für ihr Kind machen. Sie können es nicht vor Leid und Kummer, vor Verlust und Enttäuschung bewahren. Allerdings, Mutter und Vater können „da sein“. Einfach nur „da sein“, in den Arm nehmen, das „Aua“ wegpusten. Eine Tasse Tee bringen, das Bauchweh wegstreicheln. Das können eine Mutter, ein Vater.

Wenn Gott sich selbst als Mutter bezeichnet, stellt er dar, dass er immer für uns da sein wird. Eben, weil er uns liebt. Menschen kommen an ihre Grenzen, Eltern sowieso. Das sagt er wenige Kapitel zuvor: „Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich deiner doch nicht vergessen.“ (49,15)

Ja, eine Mutter kann an ihre Grenzen kommen. Dennoch, sie ist und bleibt eine Mutter. Und das Kind bleibt Kind, ein Leben lang. Und daraus resultiert, die Gefühle füreinander bleiben. Ein kleines Kind läuft meist sofort zu seiner Mutter, lässt sich trösten, das „Aua“ wegpusten. Da ist bedingungsloses Vertrauen in die wunderbare Fähigkeit der Mutter.

Als ich klein war, habe ich das gewusst. Über die Jahre hat sich das Verhältnis zu meinen Eltern gewandelt. Ich wurde größer, erwachsener, vernünftiger.

Und doch ist es heute noch so. Wenn meine Mutter sagt, dass es gar nicht so schlimm sei, wie ich befürchte, fühle ich mich besser. Ich weiß, dass sie zu mir steht. Ich weiß, dass sie hinter mir steht, weil ich ihr Kind bin. Das tröstet mich auch heute noch.

Es gibt sie also doch, Trost und Freude auf Rezept. Auf mütterliches Rezept, nicht apothekenpflichtig. Das basiert auf gegenseitigem Vertrauen und Zutrauen.

Das haben damals auch die Israeliten erfahren. In dieser ausweglosen Situation des Exils, der Gefangenschaft, haben ihnen die Worte der Mütter Trost gespendet: „Wir kommen wieder zurück. Wir bauen alles wieder auf. Gemeinsam mit Gott. Hör auf das, was der Prophet sagt.“ Und dann waren sie in die Heimat zurückgekommen. Haben in den Trümmern gestanden und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Da haben die Taten der Mütter getröstet. Sie haben einfach angepackt. Haben Stein um Stein abgetragen und beim neu aufmauern mitgeholfen.

Gott spricht durch den Mund des Propheten. Gott handelt durch die Hände seiner Menschen. Gott tröstet wie einen eine Mutter tröstet. Und viele Menschen haben diese Erfahrung schon gemacht. In den Armen der Mutter gesund geworden, wenn sie das „Aua“ zum Wegfliegen brachte. Deswegen ist dieses Prophetenwort so tröstend.

Unbestritten, einige Menschen haben auch schlechte Erfahrungen mit ihren Müttern gemacht. Das ist hart und sehr traurig. Allerdings, die meisten erfahren in ihrem Leben, dass die Mutter ein einmaliger Mensch ist. Ein Mensch, der sein Kind nicht vergisst. Glücklicherweise gibt es auch Freunde, deren mütterliche Art genau dasselbe zeigt. Zu meiner Mutter kann ich kommen mit all meinen Sorgen und Nöten. Für meine Mutter bin ich nie zu alt. Ich bin und bleibe ihr Kind, mein Leben lang.

So blieb Gott die Mutter seiner Menschen, in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Und sprach mit ihnen durch Jesaja. Mit den Händen der Mütter der Israeliten hat er den Tempel wiedererrichtet. Er tröstete sein Volk und zeigte: Es gibt eine Zukunft, ihr, meine Kinder, habt eine Perspektive.

„Schau, da fliegt das „Aua“ durchs Fenster.“ Gott schafft das Wunderbare. Er schenkt Perspektive und Zukunft. Weil er tröstet wie eine Mutter. Es stimmt, Gott bewahrt mich nicht vor traurigen, schmerzhaften Situationen. Aber er tröstet mich, in dem er mich in den Arm nimmt. Und indem er mir Perspektiven aufzeigt. Mit der Taufe hat er mich als sein Kind angenommen und gesagt: „Du bist mein geliebtes Kind. An dir habe ich Wohlgefallen, meine Freude.“ Und dazu steht Gott. Wie eine gute Mutter vergisst er sein Kind nicht. Er bleibt meine Mutter, mein Leben lang. Und ich bleibe sein Kind, mein Leben lang. Ich weiß, dass das „Aua“ nicht fliegen kann. Doch ich glaube, dass allein das Pusten schon tröstet. Und so lasse ich bei meinen Kindern und Enkeln das „Aua“ fliegen. Durch das Fenster, ganz weit weg.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Sabine Schwenk-Vilov.)

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