Das alles für mich!

Liebe mit Christus leidende Gemeinde;
da ist uns am heutigen Morgen ein bekanntes Lied aus dem Buch des Propheten Jesaja aufgegeben. Manche Verse sind fett gedruckt, besonders wichtig also und besonders bekannt. Aber vielleicht ist genau das bisweilen das größte Problem, das größte Hindernis auf dem Weg, dass ein Wort uns nahe kommt. Wenn wir meinen, es sei schon ganz nah. Wir wissen ja, wovon die Rede ist und wir sortieren das Lied ein in das Geschehen vom Karfreitag. Wir wissen sofort, wer hier gemeint ist, welchen Namen der namenlose Knecht Gottes trägt – Jesus Christus. Aber ob das wirklich schon das Verstehen dieses Abschnittes eröffnet, bleibt die Frage.

Das Vorlesen mit verschiedenen Rollen sollte ja schon mal rein stimmlich eine Gliederungshilfe sein. Da sind nämlich mehrere Personen beteiligt, dieses Lied zu singen. Gott selbst zuerst – und es ist wie die Gestaltung eines Gottesdienstes überhaupt – Gott setzt den Anfang. Er redet und bringt etwas ins Leben, in Bewegung. Aber er macht dabei auch schon deutlich, was für eine zerrissene Angelegenheit das ist, wie widersprüchlich alles ist, was mit diesem seinem Knecht zu tun hat. Von Erfolg ist da die Rede, ihm wird es gelingen, von Erhöhung und Erhabenheit. Du musst dir das vorstellen, liebe Gemeinde, da ist ein Mensch am Rande seines Lebens. Und das hat nicht nur mit den verbrauchten Kräften zu tun, mit zunehmender Krankheit. Das ist der Gipfel sozusagen – sichtbares Leiden, das einen Menschen so zeichnet, ihn wirklich so entstellt, dass alle Menschen sich abwenden. Es gibt solche Anblicke ja tatsächlich, das ist keine Phantasie. Ein Antikriegsbuch aus den 70er Jahren hat einmal Photos gezeigt von Menschen mit Schussver-letzungen im Gesicht. Da verblassen die phantasievollen Horrorbilder von heute. Da mag man wirklich nicht mehr hinschauen ohne dass einem übel wird. Wer Kriegserfahrungen solcher Art gemacht hat – oder auch, wer mit verunfallten Menschen in Krankenhäusern zu tun hat, der weiß, wie das sein kann. Die anderen sind entsetzt wegen der abstoßenden Hässlichkeit. Einem Menschen, der so wahrgenommen wird, verheißt Gott selbst Gelingen, Hoheit und Erhabenheit.

Es stellt sich die grundsätzliche Frage, mit welchen Sinnen wir diesen Unterschied zwischen menschlicher Wahrnehmung und göttlicher Verheißung begreifen wollen. Gar nicht, wahrscheinlich, es geht nicht; wir sind festgelegt und blockiert. Es gibt menschlich keine Antenne dafür, dass dieser abgelehnte und hässliche Gottesknecht hoch und erhaben sein wird, vor dem die Könige auf die Knie gehen. Wie es auch keineswegs logisch ist, wenn in jedem Gottesdienst zu Beginn vom allmächtigen Gott geredet wird, der Himmel und Erde geschaffen habe und dass genau der unsere Hilfe sei. Es markiert diese unglaubliche Distanz, dass dieser große Gott das Wort ergreift und redet.

Aber nun antwortet die Gemeinde. Sie nimmt das Wort Gottes auf, fragend, zweifelnd, unsicher. Wer glaubt? Wer erkennt die Macht des Herrn? Und zwar auf diesem Hintergrund von Schwäche und Unansehnlichkeit. Es liegt doch offen und sichtbar auf der Hand, dass mit diesem Menschen, diesem Knecht, kein Staat zu machen ist. Die Rede Gottes wird nicht nur bestätigt, sie wird verstärkt – keine Hoheit, keine Gestalt, die gefällt; im Gegenteil: mehr als alle verachtet, voller Schmerzen und Krankheit, und zwar so sehr, dass man wegschauen muss – es gab keinen Anlass, ihn zu achten. Wie also soll man solch einer Figur glauben? Wie soll man da von Macht reden, von Königswürde? Das ist abwegig; alles, was wir menschlich wahrnehmen können, spricht deutlich dagegen. Wenn Menschen jemanden vertrauen wollen, dann erwarten sie einen sichtbaren und tragfähigen Grund dafür. Es muss sich lohnen – der muss Macht haben und Einfluss. Warum denn sonst? Wenn es nicht wirklich und deutlich etwas bringt, warum dann auf jemanden setzen? Wenn einer offensichtlich und sichtbar scheitert, machtlos ist, dann kann man ihn nicht würdigen. Das eine vielleicht – da wird von einem gesungen, der leidet, der scheitert, der Schmerzen hat, der ausgestoßen ist. Ein Bild menschlichen Leidens, in dem sich viele Menschen wiederfinden. Menschen in Kriegsgebieten, Opfer von Bombenhagel und Landminen, Opfer von Vertreibung und kollektivem Hass; Menschen von Krankheit und nahendem Tod gezeichnet. Empfindungen in der Art, ich bin allein, bin verlassen, niemand ist für mich da, niemandem bin ich wichtig, keiner kann mich wirklich verstehen in meinem Leid. Die finden womöglich Worte in diesem Lied vom fremden Leid, das ihre Seele mitnimmt. Wenigstens das. Aber das ist zu wenig, das ist keine Hilfe, da ist noch keine Basis für Vertrauen. Die Anfangsfrage bleibt hart stehen: Wer also glaubt? Wem ist es offenbart? Logisch wäre es nicht, keineswegs zu erwarten, wider alle Vernunft.

Aber auf einmal schlägt das Lied um, es bekommt eine ganz neue Richtung, ohne dass erkennbar wäre, woher das kommt. Das Lied kommt aus dem Status des Beobachters heraus, wo es nur beschreibt, was jeder sehen kann. Die Sänger kommen selber ins Bild, sie reden nicht mehr vom Knecht, sondern von sich selbst und was sein Leiden mit ihnen zu tun hat. Es wirkt eine plötzliche Eingebung und das Erschrecken, das davon ausgelöst wird. Da schlägt sich einer voller Entsetzen selbst die Hand vor den Mund – das grausame Leiden hat ja mit mir zu tun. Das ist ja nicht ein Schicksal wie das von Kriegs- oder Krankheitsopfern, das ist ja mein Leben. Die Beter sagen es unverblümt – unsere Krankheit, unsere Schmerzen, unsere Missetat, unsere Sünde. Das ist in jeder Hinsicht unglaublich, unfassbar, dem logischen Denken nicht zugänglich. Er leidet unter den Dingen, die wir zu tragen hätten. Der Geschlagene war nicht von Gott geschlagen, sondern trug unseren Schaden und Gott lud ihm auf, was unsere Schuld war. Das ist doppelt unerhört: Wie kann einer anderen Wunden und Schmerzen abnehmen? Und: wo bleibt da die Gerechtigkeit: muss nicht jeder das kriegen, was er verdient? Wie soll man sich da noch orientieren? Wo bleibt die Moral, die Religion. Unerhört, dass hier einer stellvertretend für andere leidet. Nicht weil wir modernen Menschen meinen, Schuld gehört untrennbar zum Menschen selbst, sondern weil Gott mit seinem Handeln aus unseren Erwartungen herausfällt. Diese Erkenntnis, dass Gott ganz anders ist, dass er tatsächlich unsere Schuld, unser Scheitern einem andern an den Hals hängt, führt die Gemeinde zum Bekenntnis. "Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg".

Das ist keine Erkenntnis, die man im Grunde schon immer hatte, deren man sich bewusst war, während man lief, sondern die jetzt aufleuchtet – im Rückblick auf den eigenen Lebensweg. Als Weg in die Irre wird ein persönlicher Weg beschrieben, den man die ganze Zeit als gut und richtig gesehen hatte. Es ist also ein neuer Blick aufs Leben: was bislang gut und richtig erschien ist jetzt als Irrweg erkannt. Und das mit der Sicht auf den leidenden Gottesknecht, der ja unsere Sünde trägt. Ich dachte, ich könnte mein Leben selbst meistern; ich dachte, es sei alles ganz ok so, wie ich es mache; und wenn mal was daneben läuft – na ja, so dramatisch muss man das sicher nicht sehen, schlechter als der durchschnittliche Christ bin ich auch nicht, das kriege ich schon irgendwie wieder geregelt. Alles kein Problem, ich hab es im Griff. Aber dann dieser Blick auf den entsetzlich Leidenden und die Erkenntnis: der leidet ja unter den Dingen, die mir misslingen; ihn macht krank, was ich verbaut habe, der stirbt, weil mein Lebenskonzept scheitert.

Und das alles, ohne sich zu beschweren, ohne den Einwurf: ‚ich war das gar nicht, ich bin unschuldig‘. So, als gebe er seine Schuld zu, als stimme er ein in die Vorwürfe und Beschuldigungen. Und genau so behandelt man ihn: er wird sterben und begraben werden wie jeder Verurteilte. Obwohl er doch wirklich und völlig unschuldig war.

An dieser Stelle nun schließt sich der Gedankenkreis des ganzen Liedes, denn es war am Anfang vom Gelingen die Rede, von Hoheit und Erhabenheit. Jetzt wird es aufgenommen, denn der Leidende wird Nachkommen haben, Nachfolger, er wird ewig leben und es ist der Plan des Herrn, der genau so verwirklicht wird. Also kein Irrtum in der Rechtsprechung, kein Übersehen von prozessnötigen Indizien – es sollte so sein, genau so. So wollte es Gott. Und der redet jetzt wieder – er hatte das erste Wort in diesem Lied, er hat nun auch wieder das letzte; seine persönliche und innige Beziehung zum Knecht wird wieder wie am Anfang deutlich, wenn es heißt: ‚mein Knecht‘. Am Ziel des Leidensweges steht das Licht und die Erkenntnis, die er weitergibt, damit die Menschen seine Gerechtigkeit geschenkt bekommen. Am Ende steht also wieder das Staunen – das alles meinetwegen; und: das alles für mich! So unfassbar wie zunächst das grausame Leiden war, so unfassbar ist jetzt die neue und geschenkte Gerechtigkeit. Das Leben, weil er, der Knecht, die Sünde trägt. Es ist kein Wunder, dass die christliche Kirche von Anfang an dies Lied so gehört hat, als sei es in Jesus Christus erfüllt. Wenn auch das jüdische Volk bis heute seinen eigenen Weg in diesem Lied wiederfindet und auf Erlösung und Befreiung hofft, so ist es doch auch durchlässig für unseren christlichen Glauben und unsere Hoffnung. Wir staunen darüber, dass Gott uns in seinem Sohn Jesus Christus alle Sünden vergibt und so den Weg in die sichtbare Gemeinschaft mit ihm öffnet. Mehr als alles andere bestärke uns die Botschaft des heutigen Tages in genau diesem Glauben.

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