Dann wird uns alles zufallen … (Mt 6,33)

Mt 6,33
[33] Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

[Ältere Frau nach kurzer schwerer Krankheit]

Liebe Gemeinde,

wir sind hier zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von N.N., geborener N.N., die am Dienstag dieser Woche zu ihrem Herrn berufen wurde. Die letzte Woche ihres Lebens hier auf Erden hat unsere Schwester in Christo im Krankenhaus zubringen müssen. Erneut war es N.N. und ihr N.N., was es nicht mehr zuließ, dass sie zu Hause blieb.

Vor sechs Jahren war es das erstemal, dass N.N. sich auf eine ähnliche Weise meldete – seitdem musste N.N. einen Gang zurückschalten und etwas langsamer tun. Mir wurde berichtet, dass ihr das nicht leicht gefallen ist: sie, die so doch immer mitgeholfen hat bei der schweren Arbeit am Feld und im Haus – sie, die sie immer da war für andere und sich selber gerne in den Hintergrund stellte. Sie musste erleben, dass ihr vieles nicht mehr so leicht von der Hand ging, der Weg zum Garten etwa wurde immer länger, genauso wie der Weg in die Kirche. Beides hat sie bedauert, war aber in Gedanken noch immer mit dabei.

Ich habe N.N. selbst nicht mehr kennenlernen dürfen, aber ihre Familie hat sie mir eindrücklich beschrieben: ein freundlicher Mensch sei sie gewesen, ein offenes Ohr habe sie gehabt, immer hilfsbereit und dem anderen zugeneigt: so werden Sie, lieber N.N. und liebe Verwandte ihre Frau, ihre Mutter und Oma und in welcherlei verwandtschaftlicher, freundschaftlicher oder geschäftlicher Beziehung man sie immer erlebte: so werden Sie sie in Erinnerung behalten dürfen. Ein schönes Bild, möchte ich sagen, was da einem die Erinnerung bereit hält, ein freundliches Bild, ein tröstliches.

Noch eines kommt hinzu: der Tod unserer Schwester in Christo war nach der Woche des schlimmen Leides in Krankenhaus wohl eine Erlösung, eine Erlösung für N.N. selbst, denn nun – und das darf ich aus unserer gemeinsamen christlichen Hoffnung sagen – denn nun hat sie diese menschlichen Gebrechen überwunden, ist frei geworden von den Schranken, die uns hier auferlegt sind. Wir können sagen: sie ist bei Gott geborgen. Freilich bleibt für uns etwas zurück, was nur durch sein Nicht-vorhanden-sein auffällt: nämlich eine Lücke in unseren Reihen, eine Lücke im Hause N.N.: „Sie wird mir fehlen“, so habe ich es gehört.

Man wird spüren, dass sie nicht mehr da ist, dass im Zusammenleben der Familie ein Glied aus der Kette genommen worden ist. Wie wird die Zukunft sich gestalten ohne sie? Wie wird es sein, wenn man realisiert – und erst nach dem Trubel dieser Tage wird man es richtig merken – wie wird es sein, wenn man realisiert: sie ist nicht mehr hier, nicht mehr ansprechbar und sei es bei noch so kleinen Dingen: „Sag´s der Oma“, wenn es darum ging, sich etwas zu merken: „die vergisst´s schon nicht“. Bei all diesen kleinen Gelegenheiten wird die Sorge wieder auftauchen: wie wird der Tag morgen ohne sie aussehen – wie werde ich dadurch kommen?

Es ist eine berechtigte Sorge, von der ich hier rede: denn die Trauer wird Zeit in Anspruch nehmen, sie wird die Erinnerung immer wieder durchspielen, sie wird Tränen und Schmerzen abforden. All das darf zugelassen werden, denn der Tod ist immer ein Teil unseres Lebens. In diese Situation hinein möchte ich das Bibelwort verlesen, dass zugleich der Konfirmationsspruch von N.N. ist. Es steht bei Matthäus im sechsten Kapitel: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Dieses Wort, diese Zusage Gottes, dass uns alles zufallen wird, ist, wenn man so will, eine Spitzenaussage, ein Zuspruch und ein ungeahnter Trost, v.a. wenn wir auf den Zusammenhang achten, in dem es geschrieben steht: da lese ich z.B. „Darum sorgt nicht für morgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Sorge hat.“ Oder: „Darum sollt ihr nicht sorgen, denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“

In unserer Situation wirkt es daher fast wie ein Vermächtnis, das N.N. mit ihrem Konfirmationsspruch uns hier zurückgelassen hat: sorget nicht, seid nicht über die Maßen betrübt, denn Gott sorgt für euch, er ist es, der um alles weiß, was euch belastet und was ihr braucht. Gott ist es, der euch kennt von Jugend an, der euch durch das Leben begleitet bis hin zum Tod, ja selbst im Tod euch trägt und hält. Man kann niemals tiefer fallen, als in Gottes Hand, sagt eine alte Wahrheit. Und deswegen, liebe Gemeinde, deswegen sind wir aufgefordert, hier auf Erden etwas anderes zu tun, als nur den Tod und das Elend zu bedenken und uns von diesen bedrängen zu lassen: wir sind aufgefordert nach dem „Reich Gottes“ zu trachten und das heißt, dass wir danach suchen sollen, das heißt, dass wir es uns wünschen sollen, dass wir mit unseren Gedanken, mit unserem Streben und mit unserem Begehren uns eben dorthin orientieren, wo Gottes Recht und seine Wahrheit schon regieren. Dann aber, so lautet die Verheißung, dann wird uns alles andere zufallen.

Wo aber, liebe Gemeinde, ist denn dieses Reich Gottes schon aufgerichtet, wo können wir es finden und sagen: da ist es, hier bin ich angekommen? Ist es vielleicht diese Kirche mit Menschen darinnen, die wir sehen können und in der wir selber handeln. Sie merken an meiner Art der Frage: nein, das ist es nicht: die sichtbare Kirche wird immer eine Kirche von und mit Menschen und damit mit menschlichen Fehlern bleiben: Versäumnisse, Ärgernisse, mancherlei Unrecht usw. finden sich auch hier, manchmal sogar trifft es uns noch schlimmer, wenn wir solches in der Kirche finden, vielleicht weil wir doch gehofft hatten, hier, wenigstens hier müsste es besser sein. Ist dann das Reich Gottes vielleicht zu finden in bestimmten Parteiprogrammen oder Ideologien: würden wir nur dies oder jenes machen, schon hätten wir den Himmel auf Erden.

Nein, liebe Gemeinde, auch das nicht, ebensowenig wie man das Reich Gottes finden kann, indem man es gleichsetzt mit bestimmten Vorstellungen von Recht etwa oder von gesellschaftlichen Vorgaben. Nein, das Reich Gottes findet sich auf andere Art und Weise, nämlich, indem es uns findet und uns die Augen öffnet für Gottes wunderbare Schöpfung, indem es uns die Augen öffnet für sein Da-Sein mitten unter uns, für seine Hilfe und Treue, indem es uns die Augen öffnet, damit wir erkennen, wie Gott in unserem Leben wirkt. Freilich sind das Momente, die wir nicht festhalten können, noch weniger können wir sie herstellen, aber diese Momente wirken in unser Leben hinein und gestalten es auf ihre Weise. Diese Momente deuten unser Leben und geben ihm einen Sinn, den wir vorher nicht erkannt haben. Und in der Tat: dann wird uns alles zufallen.

Ich kann nicht sagen, wo sich das Reich Gottes in der Welt von N.N. zur Wort gemeldet hat, wo sie erfahren durfte, was es heißen kann: sorget nicht – Gott weiß um dich! Vielleicht waren es Momente, die im Rückblick so alltäglich erscheinen mögen: eine heile Familie? – vielleicht! Ein Zusammenleben, wie es nur noch wenige führen können? – möglicherweise! Ich will dem nicht weiter nachforschen, aber Mut machen, diesen Momenten nachzugehen und zu sehen, ob dort nicht die Spuren Gottes zu finden sind.

Unsere Schwester in Christo indes ist schon weiter – weiter, als wir, die wir hier heute sitzen und stehen es alle zusammen sein können. Sie kann nun dieses Reich Gottes in seiner Fülle überblicken und sie wird wissen, wo sein Reich in ihr Leben hineinragte und wo sie ferne davon stand. N.N. lebt nun in dieser Welt, wo ihr getrost alles andere zufallen wird.

Wir, die wir zurückbleiben haben als Gedenken einen Stein auf dem Friedhof, zu dem wir nachher gehen werden. Ein Stück Erde und einen Schriftzug, die nur deshalb da sind, damit wir einen Mahner haben, der uns erinnern soll: suche das Reich Gottes in deinem Leben, spüre den Spuren seiner Herrlichkeit nach, solange du noch lebst.

Ein Wunsch für ein Lied wurde an mich herangetragen: Von guten Mächten treu und still umgeben möchte doch bitte gesungen werden. Gerne, liebe Gemeinde, drückt doch dies Lied aus, was Matthäus in seinen Worten vom nicht-sorgen uns zur Hoffnung weitergegeben hat: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag: Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen