Damit wir nicht allein dastehn in einem Kosmos voller Leben, von dem wir uns abgewendet haben.

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Liebe Gemeinde, "dieses Predigtwort ist eine der eindrücklichsten Aussagen, die wir in der Heiligen Schrift vorfinden. Es hat unzählige Menschen angeregt, über ihr Leben nachzudenken, dem Sinn des Todes und des Leides nachzusinnen und es hat viele Menschen auf den verwiesen, dessen Tod wir heute gedenken. Jesus Christus ist in diesem prophetischen Wort nicht erwähnt." (Mark Meinhard zum selben Text hier bei kanzelgruss) Und dennoch sind diese Zeilen für mich das deutlichste Portrait des Christus, des Sohnes Gottes, der zum Erlöser für die Menschheit wurde.

Wir kennen wohl alle solche Gottesknechte, wie sie Jesaja beschreibt: Menschen, Tiere und Pflanzen, auf deren Kosten sich das Leben anderer aufbaut. Ja: Unser Leben baut darauf auf, dass wir auf Kosten anderer leben: Wir werden geboren und suchen als erstes die Brust der Mutter. In der Regel gibt sie sie uns gern. Aber sehr schnell lernen wir schon in den nächsten Monaten, uns zu nehmen, was wir wollen. Und wir interessieren uns nur noch wenig dafür, ob die, von denen wir es bekommen, uns dieses gerne geben.

Dass manch einer unseren Wünschen einen Riegel vorschiebt, weil er stärker ist; dass Erziehung uns, wenn es gut läuft, anleitet, uns selbst zu begrenzen; und dass uns die Erfahrung lehrt, dass wir am Ende verlieren, wenn wir den Bogen im Spiel der Kräfte überspannen, ist das Eine. Die Erfahrung mit der Balance der Macht verhindert, dass wir Menschen übereinander herfallen. Das ist das Eine.

Menschen wie der Gottesknecht des Jesaja und Jesus Christus lenken unseren Blick aber auf ein Zweites: Wo ein Mensch im Spiel der Kräfte nicht mithalten kann oder will. Wo sich jemand nicht wehrt, weil er nicht kann oder nicht will, da zehren wir ihn auf, bis nichts mehr von ihm bleibt, da wird er zum Material unserer Begierden.

Es gibt doch noch das Mitleid, mögen Sie sagen. Ja, das gibt´s. Wirkliches Mitleiden aber ist selten. Und vermutlich versucht es jeder von uns zu vermeiden. Denn wie schon das Wort sagt: Es bringt Leid in mein Leben. Ich leide mit, wenn ich Mitleid empfinde. Und wer will schon leiden?

Ich vermute, die meisten von uns versuchen folgendes: Dort, wo ich nicht wegschauen kann, weil mein innerster Lebenskreis betroffen ist. Dort, wo das Leid anderer unmittelbar auf mich zurückschlägt, in der Familie und im Freundeskreis, da kümmere ich mich, oft aber hauptsächlich, weil ich weiß, dass sich mein eigenes Leben drastisch verschlechtern würde, wenn ich mich um diese Menschen nicht kümmere. Und in diesen Kreis zählt dann auch das Meerschweinchen, die Katze und der Hund. In diesem innersten Lebenskreis erhalten wir uns das Gefühl, einigermaßen gute Menschen zu sein.

Weiter fragen wir meistens nicht. Wir machen bewusst die Augen zu. Ich jedenfalls befrage das Schwein, das als Schnitzel in meinem Kühlschrank liegt nur sehr selten, ob es freiwillig auf meinem Teller liegt. Bisher hat diese Sau noch immer „Nein“ gesagt. Ich befrage auch seit Jahren meine Lebensversicherung nicht, ob sie wenigsten ausschließen kann, dass das Geld, das ich monatlich überweise, nicht in Waffengeschäfte und Prostitution investiert wird: beides derzeit die lukrativsten Investitionsmöglichkeiten. Ich frage den Fisch in der Dose nicht, ob er das in Ordnung findet. Ich forsche nicht weiter nach, ob man bei Pflanzen von Leid sprechen kann. Denn wenn ich es wüsste, hätte ich vermutlich auch als Vegetarier ein größeres Problem. Ich frage kaum, wer beim Einkaufen mein Geld bekommt, höchstens mal die Klofrau mal nach dem Bieseln, ob sie die 50 Cent auf dem Teller behalten darf oder abgeben muss. Ich rette Regenwürmer von der Straße, so bis zu 20 pro Spaziergang. Dann achte ich auch nur noch darauf, dass ich nicht selbst auf sie trete.

Regenwürmer können leiden, so viel ist klar. Fische, bevor sie in die Dose kommen und Schweine, bevor sie im Kühlschrank landen auch. Vom Schwein zum Mensch, da fehlt nicht viel. Ich find´s schlecht, wenn man jemanden erschießt, ehrlich. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Prostitution Menschen nicht kaputt macht. Theoretisch habe ich Mitleid, praktische Auswirkungen hat das nur sehr selten. So weit zu meinem kleinen jämmerlichen Leben. Wie es bei Ihnen ist, wissen Sie selbst.

Wenn ich nicht ganz pervers und alle anderen Menschen viel verantwortungsvoller sind als ich, dann ist echtes Mitleid selten, sehr selten. Wir Menschen brauchen wohl eine Doppelmoral, um vor uns selbst unser Gesicht wahren zu können. Wir können es gar nicht leisten, uns mit allem Leben auf dieser Welt in Mitleid zu verbinden. Es geht nicht! Und weil es nicht geht, wird die Grausamkeit immer zu unserem Leben gehören. Es gibt ich nicht, den guten Menschen. Deshalb verlangen auch alle ernstzunehmenden Philosophien, Verhaltenslehren und Religionen nur, sich so weit richtig zu verhalten, wie man sehen kann. Das nennt sich Verantwortung. Da fällt der Regenwurm hinein und das Schwein. Da fällt die Prostituierte und das Mordopfer nicht hinein, solange ich sie nicht kenne; der Vertrag meiner Lebensversicherung aber schon. Denn der liegt vor mir und ich kann darauf bestehen, schriftlich zugesichert zu bekommen, dass solche Geschäfte mit meinem Vertrag nichts zu tun haben. Was auch in meine Verantwortung fällt, das Grundlegenste der Verantwortung überhaupt ist, dass ich überhaupt die Augen aufmache und bereit bin zu sehen, wie es um mich und mein Verhalten bestellt ist. Das, liebe Gemeinde, ist Karfreitag: Wenigstens einmal im Jahr sich den Spiegel vorhalten zu lassen, dass wir auf Kosten anderer leben, manchmal verantwortungsbewusster, mitleidender und manchmal unvorstellbar gnadenlos. Einmal im Jahr sollten wir uns den Spiegel des Leids vorhalten lassen, damit wir zu der Erkenntnis kommen, dass wir uns nicht in Mitleid mit allem Leben verbinden können, weil wir es nicht aushalten könnten.

Dennoch ist alles Leben miteinander verbunden, auch wenn wir in der Regel so tun, als könnten wir den Großteil des Lebens wegschieben. Es führt kein Weg vorbei: Das Leid dieser Welt muss getragen werden. Und wenn wir es nicht gemeinsam durch Mitleid tragen, bürden wir es anderen auf. Sie übernehmen dann stellvertretend das Leid, das wir alle gemeinsam tragen müssten. Alle, die wir in ihrem Leid allein lassen, tragen letztlich unsere Verantwortung für uns. Deshalb verdient Alles, was Leid trägt unsere Dankbarkeit: vom Regenwurm bis zum gequälten Menschen. Alles, was Leid trägt, trägt mit am Leid dieser Welt, zu der auch wir gehören. Alles, was Leid trägt, trägt letztlich auch uns, unsere Verantwortung und unser Leben – freiwillig oder gezwungenermaßen.

Wenn wir am Karfreitag den leidenden Christus vorgehalten bekommen. Dann ist das ein schmerzhaftes Geschenk. Christus bietet sich uns an als Symbol aller, die Leid tragen in dieser Welt. Der Schöpfer allen Lebens, die Lebenskraft, die alles Lebendige verbindet, bietet sich an, die ganze gewaltige Menge an Mitleid aufzubringen, die fehlt, damit die Verbindung zum Leben nicht reißt.

Das ist ein schmerzhaftes Geschenk. Denn wenn wir es annehmen, müssen wir akzeptieren, dass wir selbst es nicht schaffen, das nötige Mitleid aufzubringen. Wir müssen ehrlich eingestehen, dass wir mitschuldig sind an vielen Leiden dieser Welt. Und wir müssen den Anstand aufbringen, ins Angesicht dessen zu sehen, der anbietet, das zu tragen, was wir nicht schaffen. Und wir müssen sein Geschenk annehmen, dass er uns stellvertretend mit allem Leben dieser Welt verbindet, von dem wir uns täglich abwenden. Durch sein umfassendes Mitleid verbindet er uns stellvertreten mit allem Leben dieser Welt, damit wir letztlich nicht allein dastehn in einem Kosmos voller Leben, von dem wir uns abgewendet haben.

Sehen wir ihm ins Gesicht, dem Bevollmächtigen Gottes, wie er uns begegnet, bei Jesaja, am Kreuz und unzähligen Orten dieser Welt:

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