Damit wir neu das Leben lernen …

"Es ist vollbracht!" sagt der sterbende Jesus am Kreuz. "Was ist vollbracht?" fragen wir zurück, ob laut oder leise, klagend oder seufzend – ob mit dem Verstand oder mit dem Gefühl oder mit beidem zugleich. "Was ist für mich vollbracht?" fragt bitter ein Leidender; denn nach jenem Karfreitag ging es weiter, als wäre nichts geschehen. Als hätte Jesus nicht gelitten, wird weiter gelitten. Als wäre Jesus nicht gefoltert, wird weiter gefoltert. Als wäre Jesus nicht hingercihtet, wird weiter hingerichtet. Was ist also vollbracht? Zu Ende gebracht? Auf den Weg gebracht? Es wird nicht gelingen Leid mit Antworten in den Griff zu bekomen. Es gibt keine bündige und immer gültige Antwort auf das Kreuz, das der eine zu tragen hat, auf das Leiden, das Menschen Jahrzehnte lang fesselt. Es gibt allenfalls ein Herantasten, ein – wie der Apostel Paulus es sagt – stückweises Erkennen. (1.Kor.13,12). Von einem der hinschaut, hinhört, sich an eine Antwort wagt, spricht unser heutiger Text:

[TEXT]

1.Gott hat unsere Schuld zur Schuld des Gekreuzigten gemacht. Wenn wir die Passionsgeschichte lesen, so ist es nicht schwer zu erkennen, wie das geschieht und wie wir alle darin mitspielen: z.B. Judas, der seinen Rabbi um 30 Silberlinge verrät, – das bin ich, das bist du ein am Geld, am Besitz klebender Mensch, der menschliche Bindungen nur dann eingehen und halten kann, wenn sie die materiellen Bindung nicht in Frage stellen. Oder Petrus, der großsprecherische Anführer der Jünger, der seinen Rabbi verleugnet, aus Angst, es ginge ihm auch an den Kragen – das bin ich, das bist du, der seinen Mund ständig zu voll nimmt gegenüber Gott und seinem Mitmenschen, weil er von sich selbst so hoch zu denken gewohnt ist und der dann, wenn’s darauf ankommt, wenn’s etwas kostet, preisgibt, was er zu halten versprochen hat. Oder Pilatus, Repräsentant der Macht und Veranwortung, herrisch und unterwürfig zugleich angesichts der Hohenpriester und des aufgewiegelten Volkes, voller Angst vor seinem Kaiser, der ihn jederzeit abrufen kann – das bin ich , das bist du: jemand, der weiß, das er nichts außer Gott zu fürchten hat, und der dennoch ängstlich und devot vor Menschen kriecht und alle Möglichkeiten ausschöpft, um Konflikten auszuweichen. Es gibt noch viele weitere Rollen: die fliehenden Jünger, Barrabbas, die Folterknechte, Simon von Kyrene, der römische Hauptmann unter dem Kreuz und die Staitsten, die Zuschauer. Doch wo immer wir in der Passionsgeschichte als Beteiligte mit unserer Biografie vorkommen, keine und keiner ließe sich an die Seite dieses Opfers, an der Seite des Gekreuzigten entdecken. Paul Gerhardt hat es in seinem Lied beschrieben:

Wer hat dich so geschlagen,
mein Heil, und dich mit Plagen
so übel zugericht‘?
Du bist ja nicht ein Sünder
wie wir und unsre Kinder,
von Übeltaten weißt du nicht.
Ich, ich und meine Sünden,
die sich wie Körnlein finden
des Sandes an dem Meer,
die haben dir erreget
das Elend, das dich schläget,
und deiner schweren Martern Heer.
(EG 84, 2+3 O Welt, sieh hier dein Leben)

Dieser Tod ist das Resultat deines und meines Lebens. So sieht die Rechnung aus, die wir zu zahlen hätten, wenn wir geradestehen müssten für das, was wir uns geleistet haben.

2."Das geht zuweit!" protestieren wir. "Bin ich Judas? Bin ich Petrus? Bin ich Pilatus? Die Sprache der Bibel ist längst nicht mehr unsere Sprache." Wir denken an ein Gefühl, wenn wir von Schuld reden. Allenfalls denken wir an einzelne Verfehlungen gegen Gesetz und gute Sitten. Die Bibel aber redet grundsätzlicher. Schuld ist mehr als eine einzelne Tat oder eine Ansammlung davon. Es ist die Last eines jeden Menschen, die in der bewussten oder unbewussten Abwendung von Gott besteht, die schon im dritten Buch Genesis in dem Dialog von der Frau mit der Schlange beschrieben wird: "ihr werdet sein wie Gott" (Genesis 3,5) Dieses Sein-Wollen wie Gott. Hierin liegt bis in unsere Tage hinein eine ungeheure Dynamik und Verführbarkeit. Aktuell zeigt sie sich in der Debatte um die Forschung an embryonalen Stammzellen. Die erste Verführung liegt darin, den Menschen freizugeben für die Forschung am werdenden Menschen. Sie nennt das "verbrauchend" _ welch ein Begriff – zu forschen und damit die Gottebenbildlichkeit des Menschen anzutasten. Eine zweite Verführbarkeit liegt darin, sich selbst zum Schöpfer des Lebens zu machen, nicht gottebenbildlich, sondern gottgleich. Die dritte Verführung liegt darin zu glauben, Leiden und Tod überwinden zu können. Und die vierte Verführung sehe ich darin, dass wir den perfekten Menschen schaffen wollen. Den Menschen, der nicht nach Gottes Bild geschaffen ist, sondern den Menschen, den wir nach unserem Bild schaffen, nach unseren Idealbildern nämlich. Wer befreit uns aus solcher Verführbarkeit? Oder mit der Bibel gesprochen: Wer erlöst den Menschen daraus?

3. Der Heidelberger Katechismus antwortet eben auf diese Frage: "Was für einen Mittler und Erlöser müssen wir denn suchen? Einen solchen, der ein wahrer und gerechter Mensch und doch stärker als alle Geschöpfe, also auch wahrer Gott ist." Und unser Predigttext antwortet: "Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt." Das zu glauben, ist leicht gesagt und doch fällt es schwer, anzunehmen. Warum? Eine kleine Geschichte möge das erläutern: Zwei Jugen sind auf eine alte Stadtmauer geklettert und laufen über das alte Gemäuer, da bricht hinter ihnen ein Teil ein. Vor ihnen liegt der alte Stadtgraben. Sie können also weder zurück noch weiter. Da ruft ein Erwachsener. Spring! Ich fang dich auf. Die Jungen drehen sich um. Der eine sagt: Nein! Ich kann nicht! Der andere sagt "JA". "Warum", fragt der erste. "Na, das ist mein Vater", lacht er und springt in dessen Arme. Am Karfreitag zeigt sich Gottes Liebe, die den Menschen in seiner Verführbarkeit verstrickten Menschen nicht aufgibt, sondern ihn annimmt, indem sie sich opfert, damit wir neu das Leben lernen.

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