Da wird sein unser Mund voll Lachens … (Apg 8,39)

Apg 8,39
[39] Er zog aber seine Straße fröhlich.

Liebe Frau N.N., lieber N.N., werte Trauergemeinde!

Als ich am Dienstag vom Trauergespräch nach Hause ging, kam mir immerzu ein Satz aus dem Johannesbrief in den Sinn: Sehet, welch eine Liebe. Immerzu dachte ich diesen Satz und das liegt nun sicherlich an alledem, was ich beim Gespräch in Ihrem Haus gespürt und gehört habe.
Sie kennen das sicherlich auch: man kommt in ein bis dahin gänzlich fremdes Haus und spürt: Hier weht ein guter Geist, die Menschen, die hier zusammen sind, sind gut zueinander und meinen es von Herzen ehrlich. Das ist das eine, was mir immer wieder durch den Kopf ging.
Das andere aber ist dies: Es hat sich in Ihrer aller Leben binnen weniger Stunden ganz viel geändert und mit diesen Veränderungen müssen Sie jetzt leben. Sie hatten, wie so oft, ein schönes Wochenende miteinander verbracht, Sie alle zusammen. Und da für mich für den Zufall der Satz gilt: Es gibt ihn nicht, sollte nun gerade dieses Zusammentreffen so sein, wie es war.
Nach dem Kaffeetrinken hatten Sie sich voneinander verabschiedet und Ihre Eltern waren dann alleine zu Hause. Nichts aber auch gar nichts deutete darauf hin, dass Sie ein letztes Mal so wie an diesem Wochenende zusammen sein sollten. Alles, was sich dann in den letzten Stunden des Lebens von N.N. zutrug, ging rasch: Er hatte sich zu Bett begeben, weil er sich nicht wohl fühlte, dann hörten Sie, liebe N.N., wie Ihr Mann Sie rief und Ihnen auftrug, einen Krankenwagen zu herbeizurufen. Das musste schon seltsam anmuten, denn Ihr Mann war ja in seinen 72 Lebensjahren nie ernsthaft krank und deswegen war da schon mit schlimmen Dingen zu rechnen.
Was mag da alles in Ihnen vor sich gegangen sein? Was geht einem da alles durch den Kopf? Sie konnten nur reagieren und haben das Nötige veranlasst. Aber die, die Hilfe oder gar Rettung bringen sollten, konnten nichts mehr ausrichten, weil es jene Grenze gibt, die auch die cleverste Medizin nicht verrücken kann. N.N. hat in jenen Minuten sein Leben ausgehaucht. Das ging alles zu schnell, als das Sie es auch nur annähernd in den ersten Augenblicken begreifen konnten.

Ihre herbeigeeilten Kinder konnten helfen, die Fassung zu behalten und Ihnen ersten Trost ? wenn das überhaupt geht ? zusprechen. Das sind nun Stunden gewesen, die Sie niemals vergessen werden. Denn in jener Nacht ist jemand gestorben, der mehr war als Ihr Ehemann, denn dieser N.N. war ein Teil von Ihnen. Mit ihm waren Sie über 40 Jahre verheiratet und haben sicherlich viel, sehr viel mit ihm geteilt. In jener Nacht ist Ihnen und auch Ihren Kindern jene Lektion zum Lernen, zum Buchstabieren aufgegeben worden, die Ihnen noch lange Zeit zu schaffen machen wird. Wie gut ist es doch, dass Sie einander haben, liebe Familie N.N. Sie können sich gegenseitig stützen, sich können sich immer wieder das sagen, was man sich selbst nicht sagen kann, Sie haben von heute an eine sehr große Aufgabe, die Sie aber meistern können. Warum sage ich das? Ich sage Ihnen das, weil ich denke, dass Sie mit diesen Herausforderungen des Abschieds und der Trauer von Gott nicht alleine gelassen werden. Er wird sich zu Ihnen gesellen, er wird ?at hand? sein, wie es in einer englischen Bibelausgabe so treffend heißt, er wird an Ihrer Hand sein, still und manchmal unerkannt, aber er wird Ihnen die Phantasie und die Kraft geben, auch mit dieser Situation fertig zu werden.

Da bin ich mir sehr sehr sicher. Unser Gott ist nämlich nicht ein Gott der nur da ist in den schönen Stunden unseres Lebens, dann, wenn alles wie am Schnürchen läuft, sondern Gott wird sich auch dann bemerkbar machen, wenn Abschied und Trauer unser Leben bestimmen. Und vielleicht geht es Ihnen, liebe Angehörigen so wie es mir manchmal geht, das Gebet und die Seufzer werden in solchen Augenblicken intensiver und nehmen so etwas von dieser Last, die da ist und wir nicht schönreden, wohl aber in unser Leben integrieren wollen. Meine Erfahrung im Umgang mit Abschied und Trauer lässt sich so auf den Punkt bringen: Wir müssen uns mit dem Schatten arrangieren.

Das sagt sich leichter, als man es tun kann, aber diese meine Aussage wird nun unterlegt mit der Erfahrung, dass man dabei nicht alleine ist, sondern mit der Hilfe Gottes rechnen kann.

Lassen Sie uns das Leben unseres Verstorbenen würdigen. Wer war N.N.? Er wurde am … in Hannover in eine altehrwürdige Familie hineingeboren.
Einen Teil der Jugendzeit verbrachte er in Berlin, wo die Familie eine Transformatorenfabrik, die bereits der Großvater gegründet hatte, besaß. Von dort aus kam er durch die Kriegswirren nach Barsinghausen. Schulische Stationen war das KWG in Hannover und das Gymnasium in Bad Nenndorf, aber keine Schule hat ihn in seiner Entwicklung wohl so sehr geprägt wie das Internat in Bad Sachsa, wo sehr intensiv gelernt wurde. In diesen Jahren entstand auch die Freundschaft zu N.N.; diese Freundschaft hat ihm sehr viel bedeutet und war neben der Ehe und dem guten Verhältnis zu den Kindern ihm sehr wichtig. Nach dem Abitur begann das Studium, wurde dann aber abgebrochen, weil N.N. in der Firma gebraucht wurde.

Zusammen mit seinem Bruder führte er den Betrieb, wobei Klaus immer derjenige war, der als Traditionalist, als Bewahrer galt. N.N. hat nicht nur geerbt, sondern auch erworben.

Mit Weitblick und mit sozialem Engagement leitete er die Firma mit. Immer Geradeaus, das war sein Motto, ehrlich sein und gerecht: das war seine Einstellung zu allen Dingen.
Indessen ist es so: Ehrlichkeit will nicht jeder haben, und die Wahrheit können längst nicht alle Menschen vertragen.
1961 haben Sie, liebe N.N. und Ihr Mann geheiratet und Ihre Ehe war gut, weil Sie eben auch je einen eigenen Arbeitsbereich hatten und sich immer wieder auch unterhalten haben über eigene Anliegen.

Die beiden Söhne sind ein echtes Geschenk, wenn es mir überhaupt zusteht, darüber etwas zu sagen.

Aber das darf ich wohl, denn ich habe es gespürt, wie gut Sie miteinander angefangen haben, diese für Sie alle ganz neue Situation zu bewältigen.

Den Zufall gibt es nicht, das zeigt mir auch der Trauspruch, den Sie damals vor 43 Jahren bekamen: Er zog aber seine Straße fröhlich. (Acta 8,39). N.N. war, so haben Sie ihn mir geschildert, durchaus jemand, der das getan hat: fröhlich und nie mit halben Herzen hat er sein Leben geführt und hat sich dabei selber einiges abverlangt.
Das was ihm anvertraut wurde, hat er sorgfältig verwaltet und hat davon abgegeben. Davon hat nun die ganze Familie etwas gehabt. Und das ist gut so, sehr gut sogar, denn es ist das Beste, wenn man mit warmen Händen gibt, jedenfalls sehe ich die Sache so.

Er zog aber seine Straße fröhlich. (Acta 8,39). Ja, dieses Wort kann gelten, wenn man auf dieses Leben schaut.

Wenn ein Mensch stirbt, geht etwas zu Ende, ein Stück gemeinsamen Weges, das gemeinsame Lachen, die Ausgelassenheit und auch die gemeinsam gehabte Stille, wenn es denn mal nicht so viel zu sagen gab.

All das geht zu Ende und Sie bleiben zurück mit den je eigenen Perspektiven. Wie soll man reagieren auf Trauer und Abschied? Ich denke Sie sollten zum einen dankbar sein, dass Sie diesen Menschen, den Ehemann, den Vater, Schwiegervater, Großvater und so weiter haben durften.
Er hat Ihr Leben mit geprägt und wird es auch weiterhin tun.

N.N. hat leidenschaftlich gerne gelebt und würde man ihm die Gretchenfrage stellen, er würde darauf antworten: Ich glaube, weil ich Gott spüre. Ich glaube, weil ich beim Segeln den Himmel mit seinem unendlichen Blau sehe, ich glaube, weil dieses Leben ein Geschenk ist. Von dogmatischen Einengungen wird er nicht übertrieben viel gehalten haben, denn dogmatische Einengungen mögen einleuchten, aber sie wärmen nicht und nähren nicht die Sehnsucht. N.N. hat um seinen Glauben kein Gewese gemacht, sondern hat ihn einfach gelebt.

Das, liebe Angehörigen ist freilich nur eine Vermutung, denn ich habe N.N. nicht persönlich kennen gelernt, leider nicht.

Es ist gut, dass es N.N. gegeben hat.

Es ist allerdings gut, dass er Sie als seine Familie hatte und auch Sie, lieber Ulrich Jung, als seinen besten Freund.

Er zog aber seine Straße fröhlich. (Acta 8,39). N.N. ging mit leichtem Gepäck und es wird so sein, wie es Heinz Piontek beschreibt:

Da wird ein Ufer
zurückbleiben.
Oder das End eines
Feldwegs.

Noch über letzte Lichter hinaus
wird es gehen.

Aufhalten darf uns
Niemand und nichts!

Da wird sein
unser Mund
voll Lachens ?

Die Seele
reiseklar ?
Das All
nur eine schmale
Tür,
angelweit offen ?

Wir lassen N.N. los. Vielen wird er fehlen, aber die Hauptsache ist ? so denke ich ? dass er an seinem Bestimmungsort ankommt: bei Gott, der ihn aufnehmen wird und der zu ihm sprechen wird: Klaus, ich freue mich, dass Du kommst. Und das ist überhaupt das Wichtigste in diesem Leben und im Leben danach.

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