Da hilft nur beten!

Liebe Gemeinde!

„Da hilft nur noch beten!“ – Das sagt man so, wenn die Lage aussichtslos ist. Ihr alle kennt diese Redewengung, habt sie vielleicht sogar selbst schon benutzt. Wie so viele Redewendungen sagt man das so vor sich hin… Oder manchmal auch ganz bewusst um die Dramatik einer Situation zu unterstreichen. Aber meint man da wirklich, was man sagt?

Eigentlich heißt der Satz „Jetzt hilft nur noch beten!“ ja, dass der Mensch keine Möglichkeiten hat irgendetwas noch selbst zu bewegen. Der einzige, der jetzt noch helfen kann, ist Gott, denn Gott ist allmächtig; der kann alles (wenn er will)!

Interessant ist es schon, dass Menschen in bestimmten Situationen erst ganz zum Schluss auf Gott kommen. Wenn ich nicht mehr weiter weiß und auch nicht mehr weiter kann, dann – und auch erst dann – rufe ich nach Gott.

Wer so denkt und handelt, der erwartet ja eigentlich nichts von Gott. So ein Stück weit steckt hinter solchen Denken, die Erwartung, dass eigentlich nichts mehr hilft. „Ich rufe jetzt mal Gott um Hilfe, aber das kenne ich schon. Das wird eh nichts.“
Ich behaupte, dass die meisten Menschen in unserem Land tatsächlich von Gott nichts erwarten, was schon schade und auch etwas dumm ist.

Warum traue ich Gott nicht immer über den Weg?
→ „Zum einen vielleicht, weil ich keinen Erfahrung mit ihm habe. Ich kenne ihn nicht. Ich bete auch nicht. Ich gehe nicht in die Kirche. Warum auch. Gott hilft mir ja eh nicht.“ Da entsteht dann auch schnell so ein Kreislauf.
→ Zum anderen hat das etwas mit einem Gefühl von Abhängigkeit zu tun. Und von jemandem oder irgendetwas abhängig zu sein, ist ein Gefühl, das der Mensch nicht mag. Vor allem der moderne Mensch. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, heißt es. Und eigentlich müsste es dann logischerweise auch „jeder ist seines Peches Schmied“ heißen – sagt aber keiner.
Der moderne Mensch möchte die Kontrolle behalten.
→ Und sicherlich spielen auch Enttäuschungen eine Rolle. „Immer wenn ich Gott um etwas bitte, passiert sowieso nichts. Meine Bitten werden nicht erhört!“

Jetzt muss man aufpassen: Es gibt Menschen, die jetzt sagen würden: „Na, dann hast du wohl nicht genug gebetet.“ Oder: „…nicht richtig.“
Wie viele Menschen beten sehr oft und in wirklich tiefen Glauben um wirklich wichtige Dinge: die Heilung eines kranken Menschen, die segensbringende Wendung im Leben? – und das, um das sie bitten, passiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie es erhoffen.
Welchen Schaden richte ich an, wenn ich sage: „Na, dann hast du wohl nicht genug gebetet.“ Oder: „…nicht richtig.“ Und obendrein ist es unverschämt über den Glauben eines anderen urteilen zu wollen und falsch ist es auch: Man kann nicht zu wenig beten (es sei denn man beten gar nicht). Und jedes Gebet ist irgendwie ein gutes Gebet.

Und überhaupt: Was heißt denn, dass ein Gebet erhört wird?
Gott hört immer zu! Wer sagt denn, dass Gott nicht zugehört hat, nur weil er einen Wunsch nicht eins zu eins umgesetzt hat.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Gott sehr genau zuhört, wenn wir zu ihm beten. Ja, mehr noch: Gott weiß, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten. Das hat Jesus sehr deutlich gesagt. Und ich verstehe das sogar noch etwas weitreichender: Gott weiß manchmal besser, was wir brauchen, als wir selbst. Denn Gott hat definitv einen erheblich größeren Weitblick: Gott überblickt unser Leben in Gänze, von der Geburt bis zum Tod. Genauso wie Gott auch die Welt in Gänze überblickt. Vom Beginn der Schöpfung, vom Urknall, bis zum Ende aller Zeiten, wie auch immer das aussehen mag.
Jesus hat mal diese Geschichte erzählt, die wir vorhin gehört haben:

Eine Witwe hat rechtliche Probleme. Irgendjemand hat sie bedrängt, versucht ihr zu schaden – wer und warum und wie ist egal. Sie tut also das, was man in si einer Situation sinnvollerweise tut: Sie geht zum Gericht. Heute würden man sagen: Sie verklagt den anderen. Damals war das mit der Gerichtsorganisation noch etwas einfacher. Sie geht also zum Richter hin und sagt: „Hilf mir, spricht Recht.“
Aber nun ist dieser Richter kein gerechter Richter, sondern einer der seine Position schamlos ausnutzt. Da heißt es: Er fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Mit anderen Worten: Es geht ihm um seinen Vorteil, um seine Bereicherung und um seine Ruhe. Dieser Kerl fällt seine Urteile nach Lust und Laune, nach persönlicher Sympathatie und bestimmt auch nach den Geldmengen, die man ihm dafür bezahlt.
Dass die Witwe dann doch ihr Recht bekommt, liegt nur daran, dass den Richter nicht in Ruhe lässt. Dass sie ihn solange nervt, bis er nachgibt. Der wollte endlich seine Ruhe haben von dieser nervigen Frau.

Diese Geschichte ist ein Gleichnis. Aber Achtung: Jesus sagt natürlich nicht, dass Gott wie so ein ungerechter Richter ist. Auch wenn manch ein Lästerer jetzt denken mag: „Das habe ich mir doch gedacht! Wenn es Gott gibt, dann kann er nicht gerecht sein, wenn ich mir mein Leben so ankucke.“

Aber es geht um was anderes, nämlich dies: Wenn selbst so ein egoistischer, korrupter und absolut ungerechter Richter seine armen alten Witwe Recht verschafft, wenn sie nur lange genug rumnervt, dann wird doch der gute, gnädige und liebende Gott viel eher auf uns hören.

Die Witwe in Jesu Geschichte ist in einer ausweg- und hoffnungslosen Situationen. Ihr Gegner macht ihr schwer zu schaffen. Sie braucht Hilfe. Eine Situation in der man vielleicht sagen könnte: „Da hilft nur noch beten!“ Bzw. „Da kann nur noch ein Richter helfen.“
Diese Frau ist ein Beispiel für jemanden, der vielleicht den Eindruck hat, dass auch Gott so ein ungerechter und korrupter Richter ist.

„Da hilft nur noch beten!“ – Die Witwe will sich nicht damit abgeben, dass ihr Wünsche nicht erfüllt werden. zumal es nicht nur um Wünsche wie Weihnachts- oder Geburtstagswünsche geht. Sie will Gerechtigkeit erfahren. Das ist ihr Recht. Und so bedrängt sie den Richter und nervt ihn und lässt ihn nicht in Ruhe – weder Tag noch Nacht.

Die Frage ist nicht: Wie soll ich beten? Oder. Wie viel soll ich beten? Es geht darum überhaupt zu beten!
Es geht darum den Kontakt zu Gott zu halten. Den Hören nicht aufzulegen. Beim Beten gibt es kein „richtig“ und kein „falsch“, kein „zu viel“ oder „zu wenig.“ Es gibt nur einen einzigen Fehler, denn man machen kann: Gar nicht zu beten. Aufzugeben.

Nicht alles, um was ich Gott bitte, wird so passieren. Und ich darf an Gott auch verzweifeln. Ich wäre nicht der erste. Und ich darf und soll mein Schicksal in meine eigene Hand nehmen. Aber ich darf und soll mein Schicksal auch immer in Gottes Hand gut aufgehoben wissen. Denn Gott sieht weiter als ich. Viel weiter.
Und ich darf sicher sein, von Gott erhört zu werden. Ich bin sicher, dass er jedes, wirklich jedes Gebet hört.

Beten heißt: nicht nachlassen. Denn andersherum lässt auch Gott nicht locker. Immer wieder läuft Gott hinter mir, hinter einem jeden von uns her. Vielleicht sollten wir endlich mal stehen bleiben und auf ihn warten.
Gott findet seinen Weg mir zu helfen. Und manchmal ist das ein ganz anderer Weg, als der den ich eigentlich gehen will. Vielleicht muss ich mich nur einfach mal auf einen anderen Weg einlassen?!?

Beten heißt: nicht nachlassen. Heißt mit Gott in Kontakt bleiben zu wollen oder auch erstmal mit ihm in Kontakt zu kommen. Und da hilft wirklich nur beten!
Søren Kierkegaard, ein dänischer Theologe und Philosoph aus dem 19. Jhdt. hat seine Erfahrung mit dem Beten in einem wunderbaren Text festgehalten, den ich Euch zum Schluss vorlesen möchte:

Als mein Gebet immer inniger wurde,
da hatte ich immer weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich meinte zuerst, beten sei reden.
Ich lernte aber, dass beten nicht bloß Schweigen ist,
sondern hören.
So ist’s: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören;
beten heißt still werden
und warten, bis der Betende Gott hört.

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