Da betet jemand für mich

<i>[Diese Predigt wird am 2. Januar am 2. Sonntag nach dem Christfest 2005 gehalten]</i>

Irgendwann am 2. Weihnachtstag, heute vor einer Woche. Hast du schon gehört? Ein Unglück in Asien 10.000 Tote. Was, wo? Eine Naturkatastrophe, ein Erdbeben, es kam gerade im Radio. Das ist ja schrecklich. Mach doch mal den Fernseher an.

Und dann kamen die Nachrichten Stück für Stück. Bilder von zerstörten Häusern, überflutete Strände, Menschen, die durcheinander laufen. Und dazu Namen von Ländern, die an Fernweh erinnern, aber auch an Armut. Thailand, Malediven, Indonesien, Sumatra. Irgendwann wusste man, was geschehen war. In unerreichbarer Meerestief ganz tief unten, im indischen Ozean, sind durch ein Beben Erdplatten eine auseinander gebrochen und haben sich neu übereinander geschoben. Durch diese Verschiebung ist der Meeresboden abgesackt und hatte eine riesengroßen Welle in Gang gesetzt, die wir bisher nur aus Computer animierten Katastrophenfilmen im Kino kannten. Informationen werden aufgesaugt. Jeder, der irgendetwas Wissen könnte wird interviewet. Es gibt Schaltungen ins Außenministerium, wo ein Krisenstab gebildet wird, zur TUI, die als Touristikunternehmen betroffen sein könnten, zu Außenkorrespondenten und zu Hilfsorganisationen.

Ein Tag später schon ist deutlich, dass über 20.000 Menschen gestorben sind und kein Mensch sich diese Zahl wirklich vorstellen kann. Es wird deutlich, dass die Länder mit der Versorgung von Kranken und Verletzten und Heimatlos gewordenen überfordert sind, dass die Angst vor Nachbeben umgeht und alle Experten vor Seuchengefahr warnen.

Furchtbar, grausam, schrecklich, oder einfach mein Gott.

Mittlerweile haben wir ein genaueres Bild, alle Zeitungen haben Experten interviewt, wir konnten Zeichnungen studieren und Geophysiker und ihre Arbeit kennen lernen. Und wir können lernen, dass jedes Unglück, auch dieses Auswirkungen auf die Börse, auf den globalen Kapitalfluss hat.

Die Zahlen explodieren 100.000, 120.000 oder 150.000 wir lernen Inseln kennen, von denen wir noch nie etwas gehört haben, und erfahren, dass dort 1000de von Menschen nicht mehr leben. Wir suchen nach Worten, die eine Steigerung zulassen von furchtbar oder unvorstellbar, denn genau das ist es.

Furchtbar, grausam, schrecklich, oder einfach: Mein Gott.

Mich machen solche Nachrichten sprachlos, oder auch Informationssüchtig, dann traurig, und wütend, ja und vor allem hilflos. Was kann man überhaupt tun? hören, sich informieren, Geld spenden oder aber: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Was soll das jetzt?

Es ist die Jahreslosung für das Jahr 2005, für dieses ganz frische neue Jahr. Die Herrenhuter Brüdergemeinde hat wie schon seit langen Zeit auch für dieses Jahr einen Text ausgewählt, der wie eine Überschrift über das Jahr steht. Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Das Jahr 2005, die Schrecken des Vergangenen Jahres, die wir ja mitnehmen in das Neue und das Beten passt das zusammen?

Der Bundeskanzler hat seinen Urlaub abgebrochen und seine Anteilnahme mit den Betroffenen bekundet. Und er hat davon gesprochen, dass wir die reichen Geberländer nun auch in der Pflicht sind, nicht nur zu spenden, sondern dann später beim Wiederaufbau auch finanziell aktiv zu sein. Und er sprach davon, dass nun, wo es die ärmsten der Armen getroffen hat auch über Entschuldung nachgedacht werden muss. Der Bundespräsident stellte sich auch vor das Mikrofon und sagte: Es ist an der Zeit zu beten, für die Menschen, die betroffen sind und ich tue es.

Ich habe für dich gebeten, dass deine Glaube nicht aufhöre. Beten für die Verzweifelten, die ihre Angehörigen verloren haben. Beten für die Helfer, die gar nicht wissen, wie sie verkraften sollen, was sie dort Sehen und erleben. Beten für die Menschen, die dem Grauen entkommen sind und es gar nicht fassen können. Beten für die Verstorbenen, die ohne Namen bleiben, die kaum bestattet werden können, weil sie nicht identifizierbar. Beten und Danken, für die kleinen Wunder, die geschehen sind, wo Kinder, die ihre Eltern fanden und Eltern ihre Kinder.

Beten für die Menschen in Thailand und anderswo, die helfen mit allem, was sie können, Beten.

Was uns normal scheint, zu beten. Laut und leise, füreinander und miteinander. Wirkt sonst zu relativ unpopulär, etwas für Fromme oder wenn etwas sehr privates, oder ungewöhnliches. Ich habe für die Gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Liest man einmal in den ausliegenden Gästebüchern, so wie hier eins in der Kirche liegt, aber auch in Krankenhauskapellen, Autobahnkirchen, in touristisch attraktiven Gotteshäusern, an Wallfahrtsorten und in Gipfelbüchern höherer Berge. Oder auch auf Webseiten im Internet. Ist zu spüren, dass neben persönlicher Not oder auch spontaner Dankbarkeit immer auch etwas zu lesen ist, wie: Wo bist du Gott? Ich kann dich gar nicht mehr fassen und begreifen. Du hast mich enttäuscht, ich glaub nicht mehr an dich.

Ein Unglück von unvorstellbarer Größe geschieht und niemand ist Schuld, niemand wird dafür verantwortlich gemacht. Kein menschliches Versagen, kein Terroranschlag, kein schlampig gebauter Staudamm, nicht einmal das Ozonloch werden genannt. Und auch wir die Zuschauer, können uns nicht fragen, was haben wir falsch gemacht mit unserem Lebensstil vielleicht, unserer Politik, was können wir daher auch ändern. Doch diese Flutwelle in Asien löste eine Zerstörung biblischen Ausmaßes aus ganz ohne Sünde aus und macht das Leid daher noch unverständlicher und trostloser. Es ist ein Leid, das sich weder in Anklage noch in Trost aufheben lässt. Und dabei brauchen wir das, um zu begreifen und zu verstehen.

Ich habe für die gebeten, damit dein Glaube nicht aufhöre. Ernelie Martens die Pastorin für Notfallseelsorge in Hamburg ist gefragt worden: Wie kann Gott das zulassen? Und sie hat ehrlich gesagt: Sie weiß es nicht. Aber, sie kann sagen, was sie glaubt. Sie glaubt, dass Gott da ist, wo die Menschen leiden, wo Schmerz ist, wo Trauer.

Ich habe für die gebeten, damit dein Glaube nicht aufhöre

Jesus sagt das zu Petrus: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.

Jesus betet für Petrus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das wirklich hören will, der Petrus. Er kann schließlich selbst beten, sogar ein richtiges Bekenntnis zu Christus, seinem Herrn, ablegen, während andere Leute noch glauben, sein Herr sei der wiedergekehrte Elia oder ein anderer Prophet. Heute wäre Petrus vielleicht ein Mensch mit dem Motto: „Selbst ist der Mann.“ und auf eigenen Füssen steht die Frau!“ Wenn ich etwas will, muss ich mir eben Mühe geben, es erarbeiten, konsequent sein zu mir selbst. Gut und dann gibt es immer wieder diese Grenzen, das kennt auch Petrus. Doch, dass Jesus für ihn beten will, das wehrt er ab.

Wir kennen seine Geschichte. Für Petrus kommt es anders. Er hat nicht den Mut. Er ist eher so wie eigentlich alle, irgendwie das Segel im Fahrwasser halten und zu sehen, dass man gut durch kommt. Das man Hilfe brauchen könnte, lieber nicht.

Heute ist der 2. Januar, eine Woche ist das Unglück her, die Katastrophe weitet sich aus und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Kein glücklicher Start für ein Neues Jahr. Und wer weiß, was da noch alles kommt. Es ist erschütternd, was dort geschehen ist und welche angemessenere Form kann es geben als immer wieder für einen Augenblick still zu werden, ja und vielleicht die Hände zu falten und ein paar Worte zu suchen. Ein Gespräch zu beginnen, ein ganz besonderes Gespräch. Wir haben nichts in der Hand, wir können, wenig tun von unserem Sofa aus. Doch sich bewusst zu werden, dass es gut ist für andere zu beten, die in Not sind, das es Hilfe ist für die in Not und für uns selbst. Was kann angemessener sein als ganz bewusst einen Kontrapunkt zu setzen, gegen das was eben nach so einer Katastrophe geschieht, wenn alles erzählt und erklärt ist, wenn die Schuldzuweisungen, Besserwissereien und Streitereien um Geld um Kompetenzen los gehen.

Ich habe für dich gebeten, damit dein Glaube nicht aufhöre. Und auch dann wenn andere kleine Katastrophen uns hilflos machen. Ein Freund ist krank, hat gar nichts gesagt, wollte uns nicht belasten. Und wenn ich selbst Kummer habe, bin ich da besser? Ich habe für die gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Es gibt immer etwas, wo man hinbeten kann, das ganze Jahr. So viel nachdenkliches schon am 2. Januar? Diese Jahreslosung wurde sicher nicht ausgewählt, damit wir geknickt und lustlos das neue Jahr beginnen. Ich denke eher, dass es darum geht einen neuen Blickwinkel mitzunehmen in das kommende Jahr. Und der Blickwinkel für 2005 könnte sein: Wie ist das eigentlich für mich, wenn ich weiß, da betet jemand für mich. Ist mir dabei wohl? Wie Hilfe los muss ich sein, damit ich mir das gefallen lassen? Bin ich nicht eigentlich lieber auf der Geber Seite? Auf der Seite derer, die für andere betet? Ja, und dass unser Glaube nicht aufhört unsere Vertrauen in Gottes Weisheit, Liebe und Segen für uns, für unsere Familien, für unsere Freunde, unsere Arbeit, unsere Gemeinde, unsere Kirche, unser Engagement, unsere Ideale, dass kann man sich doch gut wünschen für ein Neues Jahr.

Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre, komme was kommen mag.

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