Cool! (Hebr 13,9)

Hebr 13,9
[13] Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen.

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

bekräftigen, Grund finden, fest werden, das ist der Sinn der Konfirmation. Das ist schon ein bisschen mehr, als öffentlich zu bestätigen, dass Ihr mit der Entscheidung Euerer Eltern, Euch als Kinder taufen zu lassen im Großen und Ganzen einverstanden seid. Früher bedeutete die Konfirmation das Ende der Kindheit und den Eintritt ins Erwachsenenleben. Und von einem Erwachsenen erwartet man, dass er für sich selbst Verantwortung übernimmt. Dass er nicht heute dies und morgen das für erstrebenswert und richtig hält. Dass er nicht länger ein Halm im Wind ist, der sich gerade in die eine und dann wieder in die andere Richtung biegt.

Es ist ein köstlich oder wie ihr sagt „cooles“ Ding, wenn das Herz fest wird. Dann hält es was aus. Für uns damals galt der als obercool, der es schaffte, bei stockfinsterer Nacht in die Nailaer Friedhofskapelle zu schleichen, wo hinter einer Glasfront die Toten aufgebart wurden. Meistens war die Kapelle – Gott sei Dank – zu. Aber manchmal hatte man vergessen, sie abends abzuschließen. Links und rechts vom offenen Sarg standen zwei brennende Kerzen und im flackernden Kerzenschein schienen die Toten sich noch zu bewegen. Das war echt gruselig. Und dann musste man natürlich immer vor dem Friedhofsangestellten auf der Hut sein, der uns Rotzlöffel ordentlich staubte, wenn er uns erwischte.

Die Geschichte ist mir eingefallen, als ich von den Gewaltvideos auf Schülerhandys hörte. Und die Entrüstung der Erwachsenenwelt kommt mir immer noch scheinheilig vor. Diese sogenannte Erwachsenenwelt, die sich selbst tagein tagaus vor allem mit Gruseln und Gewalt im täglichen Fernsehprogramm unterhalten lässt. Als säßen da immer noch groß gewordene Kinder vor dem Mäusekino und probierte immer noch aus, was man so aushält. Generationen in einer hartnäckig anhaltenden und nie abgeschlossenen Pubertät. Statt dass sie irgendwann ihre Lektion gelernt hätten, die lautet:

Auch ein festes Herz hält nicht alles aus. Auch ein festes Herz muss nicht alles aushalten. Ein Herz, dass alles aushält ist nicht fest, sondern hart geworden. Ein Herz, dass alles aushält, ist nicht länger lebendig, sondern tot. Der Club der toten Herzen ist nicht cool, er ist eiskalt und er verbreitet Angst, Schrecken und Tod. Im Club der toten Herzen haben wir alles verloren und deshalb nichts verloren. Fest oder hart, das ist ein Unterschied auf Leben und Tod.

Nicht nur beim Herzen, sondern auch bei der Hand. Es ist ja wirklich eine trostlose Diskussion darüber, wie man mit Jugendlichen umgehen soll, die im Club der toten Herzen gelandet sind. Die auf Schulhöfen Messer zücken und auch dann noch zutreten, wenn der Gegner am Boden liegt. Wer ihre Geschichten hört, vernimmt immer wieder, dass diese Jugendlichen oft selbst nichts als Hartherzigkeit und die harte Hand erfahren haben. Das ist keine Entschuldigung für ihre Taten. Aber es darf für uns alle auch keine Entschuldigung sein, dass wir selbst darauf mit harter Hand und Hartherzigkeit reagieren. Wer nach zwei deutschen Diktaturen das Loblied auf die harte Hand anstimmt, erweist sich als der eigentlich Unverbesserliche. Harte Hände gehören deformierten Menschen, die andere deformieren.

„Eine feste Hand hingegen – die täte uns (allen) gut. … Eine feste Hand – schon ein kleines Kind weiß sie zu schätzen. Ein kleines Kind ist ja ein in jeder Hinsicht haltloses Subjekt, ein haltloses Subjekt im unschuldigsten Sinne des Wortes. Es ist darauf angewiesen, bei anderen Halt zu finden. Und es merkt blitzschnell, ob es von einer festen Hand in die ihm noch unbekannte, fremd und befremdlich aussehende Welt eingeführt wird: behutsam, Schritt für Schritt. Oder ob es mit harter Hand in die bedrohlich fremde Welt hineingestoßen wird. Ein Kind spürt die Hand und erkennt das Herz. …

Selbst für uns Erwachsene ist es ja ein überaus beglückendes Erlebnis, wenn sich eine kleine Kinderhand in die unsere legt und sie vertrauensvoll drückt. Eine harte Hand kann man nicht drücken. Wer aber keine Hand findet, die er vertrauensvoll drücken kann, der droht ein überaus unsicherer Mensch zu werden: unsicher gegenüber allem und jedem, unsicher vor allem gegenüber sich selbst – ein schwankendes Rohr. Und vor lauter Unsicherheit wird er hart werden und verschlossen. Nicht Ich-Stärke, sondern Unsicherheit erzeugt harte Herzen.“ (Eberhard Jüngel, Predigten 5, Radius, 2001, S.24f.) Und das gilt leider auch für den, der als Kind eine feste Hand sucht und selbst bei den eigenen Eltern nur eine unsichere, schwache, überängstliche und selbst haltlose Hand findet. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gerade deshalb ist es ein wichtiger, ja unverzichtbarer Schritt zuzugeben und zu sagen: Auch mein Herz hält nicht alles aus. Auch dort, wo ich ganz Ich bin, tief im Herzen, bin ich oft traurig, entsetzt, hilflos und verloren. Auch dort bin ich angewiesen auf eine feste Hand, in die ich meine legen kann. Gerade dort bin ich angewiesen, darauf, dass jemand mich ganz fest an sein Herz drückt, bis meins wieder getröstet und fest wird. Nur wer immer wieder so reden und vor allem eine solche Hand und ein solches Herz finden kann, kann erwachsen werden und erwachsen bleiben.

Wir merken, dass das eine andere Sprache ist, als die Sprache der seelischen Ratgeber, die uns in solchen Situationen raten, unser Herz gefälligst in die eigenen Hände zu nehmen und uns gefälligst selbst zu finden und uns gefälligst selbst zu verwirklichen um der Angst und Gefahr uns selbst zu verlieren zu entgehen. Mit solchem Rat wird heute jede Menge Geld verdient, obwohl uns schon die eigene Erfahrung lehren müsste, dass weder unser Herz noch das ganze Leben so funktionieren kann.

Und deshalb sagt uns Gottes Wort das Selbstverständliche noch einmal. Denn Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, werdet längst gemerkt haben, dass das, was wir bisher über das Leben gesagt haben, ein einziges Gleichnis für unser Verhältnis zu Gott ist. Ja, dem Gott gegenüber, der Himmel und Erde geschaffen hat, bleiben wir wohl ein Leben lang wie „kleine Kinder, also wie haltlose Subjekte die eine feste Hand, die seine feste Hand brauchen, wenn sie selbst ein festes Herz gewinnen sollen.“ (Eberhard Jüngel, aaO, S.25)

Und das soll auch nicht den Hauch einer Drohung haben. Dass Gott eine weiche, liebevolle, gnädige Hand und auf der anderen Seite eine drohende, vernichtende, strafende Hand haben soll, ist eine Lüge. Sie ist eine Erfindung von Menschen, die Gott vor ihren eigenen Karren spannen wollen, um ihre eigenen Werte und Gebote durchzusetzen. Für den Terror der Tugend und die harte Hand der Moral gibt sich Gott nicht her und dafür gibt sich deshalb auch der Glaube nicht her, so dringend und laut heute auch nach Werten gerufen wird.

So viele Hände Gott auch haben mag. Von allen gilt das Wort von der festen Hand. Und die feste Hand Gottes gehört zu einem festen Herzen und in dem regiert nichts als Gottes Liebe und Güte allein. In dieser Liebe steht das Herz Gottes fest. Und gerade deshalb kann man sich auf Gott verlassen. Auch und gerade dann, wenn Gottes Hand uns einmal höchst unsanft Grenzen setzt und uns von einem falschen auf den rechten Weg bringt. Auch und gerade dann verdient diese Hand unser höchstes Vertrauen, wie die Hand eines Vaters, die das in ein Unglück rennende Kind in letzter Sekunde dem sicheren Tod entreißt.

Nicht durch Prinzipien, nicht durch Gesetze wird unser Herz fest. Mögen sie auch in der Bibel stehen. Wer vom Leben und dieser Welt nichts anderes erwartet, als dass sich eherne Gesetze erfüllen und man empfängt, was man sich verdient hat, der braucht von Gott nichts mehr erwarten. Der lebt, so superfromm er sich geben mag, in einer gottlosen – und das heißt immer auch – in einer trostlosen Welt.

Fest wird das Herz, wenn es sich der festen Hand Gottes anvertraut, denn das ist keine eherne Faust, sondern eine sehr lebendige und gütige Hand, die sich keine Ruhe gönnt um für das Leben, um für unser Leben tätig zu sein. Fest wird das Herz, dass in jeder Lage, auch in der scheinbar ausweglosen sagen kann: Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich an meiner rechten Hand (Psalm 73,23). Ja, selbst wenn meinem Glauben und meiner Hand die Kraft ausgeht, Gott hält mich immer noch an meiner Hand. Von dieser Hand gilt, dass sie auch das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht (Jesaja 42,3), dass sie also auch den, der am Boden zerstört ist oder sich selbst zerstört hat, nicht aufgibt. Diese Hand soll sogar harte und versteinerte Herzen wieder lebendig machen können und das heilen können, was harte Herzen und harte Hände auf dieser Welt angerichtet haben. Und deshalb sollten wir Christenmenschen niemals so tun, als gäbe es auf unseren Schulhöfen, in unseren Familien oder sonst irgendwo hoffnungslos Verhältnisse. Es sind unsere Kinder. Es sind Gottes Kinder, wie wir.

Das Bild in der Nailaer Friedhofskapelle ist mir bis heute im Kopf. Es gibt schreckliche Bilder, die sich in unsere Köpfe und Herzen einbrennen. Viel später einmal im Traum sah ich mich selbst tot dort liegen zwischen den flackernden Kerzen. Alt war ich geworden. Aber vor dieser Glasscheibe stand ich als Kind und die Angst war verschwunden. Hielt jemand mich an meiner Hand?

Mit Gott Hand in Hand ist es wirklich ein „cooles“ Ding, dass das Herz fest werde, durch Gottes Gnade allein. Und was wird das für eine Entdeckungsreise sein durch dieses Leben und durch diese Welt und mitten drin fängt noch eine ganz andere Geschichte an, wie ein neuer Tag, an dem die Friedhofskapelle in Naila und alle Bilder von Krankheit, Gewalt und Tod, verfliegen werden wie ein böser Traum. Mit Gott Hand in Hand fängt schon mitten im Leben die Geschichte des Himmelreichs an, wo Gottes Güte reicht, soweit der Himmel ist und seine Wahrheit, soweit die Wolken gehen (Psalm 57,11). Da werden wir alle staunend die Augen aufreißen und – sollte das noch modern sein – im Chor sagen: „Cool!“

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