Chance zum Leben

Liebe Gemeinde,

es ist November, die Natur verabschiedet sich aus ihrem sommerlichen und herbstlichen Glanz, die Tage werden grau, es wird früh dunkel. Das Kirchenjahr neigt sich ebenfalls langsam dem Ende zu. Uns stehen die Tage des Gedenkens, der Buße und der Trauer bevor. Die Lieder, die wir singen und die biblischen Texte, die wir bedenken, berichten davon, dass wir Menschen begrenzte Wesen sind, dass wir mit der uns geschenkten Zeit und mit den uns zeitlich auferlegten Grenzen leben müssen. In diesen Tagen sind unsere Gedanken oft wehmutsvoll, müde, vielleicht auch resignativ. Vielleicht denken wir auch an verpasste Chancen unseres Lebens; an Fragen, auf die wir keine Antwort gefunden haben; an Enttäuschungen über Menschen wie über Gott. Vielleicht denken wir auch an betrogene Hoffnungen in Familie Beruf und Freundschaft, wo aufkeimende Hoffnung bald durch eine bittere Realität erstickt wurde.

Unser Leben ist eingebunden in den Kreislauf der Natur, es unterliegt den natürlichen Gesetzen des Werdens und Vergehens, aber in diesem wunderbaren Schauspiel bleiben wir nicht allein, sondern wir erleben dies in Gottes Gegenwart und Geborgenheit, in seinem Schutz und in seiner Liebe. Über alle Zufälligkeit hinaus, über alle Sinnlosigkeit hinweg, ist Gottes Weg mit uns vorgezeichnet, auch wenn uns dies manchmal erst im Nachhinein bewusst wird, auch wenn dieser Weg vielleicht mehr der Gestalt eines Labyrinths ähneln mag als eines sicheren Weges. Aber dieser Weg ist da!

Gottes Licht scheint aus seiner Ewigkeit heraus auf unseren Weg, damit wir eine Orientierung haben, damit wir ein Ziel haben, damit wir bewusst leben können. Viele Menschen resignieren in diesen Tagen, sie schlafen und schlummern in ihrer düsteren Ausweglosigkeit; sie finden sich nicht mehr zurecht. Was bleibt, ist oft ein Scherbenhaufen und Müllplatz der eigenen verpassten Existenz. Da ist soviel Finsternis, da sind so viele heruntergelassene Rolläden einer scheinbaren Vernunft und Wirklichkeit, die kein Licht mehr in das Innere lassen.

Mit ähnlichen inneren Problemen, liebe Gemeinde, hatten auch die ersten Christen zu tun und zu kämpfen. Auch wenn sie zeitlich sehr weit weg von uns sind, auch wenn sie in einer ganz anderen Epoche lebten, die inneren Anfragen, das was Menschen bestimmt, die Fragen nach dem Woher und Wohin des Lebens, die sind gleich. Und so hatten sich die ersten Christen in Thessalonich, der Hauptstadt der römischen Provinz Mazedonien, brieflich an den Apostel Paulus gewandt. Sie waren bewegt von der Frage, wann denn Jesus Christus wieder zu ihnen kommen werde. Sie waren ungeduldig, denn die ersten von ihnen waren bereits verstorben und sie glaubten und hofften ganz fest, dass die Wiederkunft Christi sich noch zu deren Lebzeiten ereignen würde. Ungeduldig fragten sie bei Paulus nach: "Du, Paulus, sag uns die Wahrheit, was ist dran? Worauf haben wir uns eingelassen? Führe uns nicht in die Irre!" Und Paulus reagiert auf die Anfragen, ich verlese uns aus seinem Antwortschreiben, dem 1. Thess 5,1-6.

Paulus weiß, dass geweckte Hoffnungen schnell in Enttäuschungen umschlagen können; so wählt er für seine Antwort ein Bildwort, um den Menschen Mut zuzusprechen: in Dieb kündigt ja seinen Einbruch auch nicht höflich vorher an. Der Tag des Herrn kommt plötzlich und unerwartet, während sich die übrige Welt in Sicherheit wiegt. Aber ihr, ihr Christen, ihr seid doch Kinder des Lichts, die eine Zukunft haben, ihr werdet Gottes neue Schöpfung erleben. eiten und Stunden sind nicht das Entscheidende. inzig entscheidend ist der Glaube, zu dem ihr gekommen seid und die Hoffnung auf Gott. Euer Glaube an Jesus Christus, der aus dem Tode in eine neue Kreatur auferweckt wurde, das ist eine Hoffnung, die über Zeiten und Stunden hinaus geht. Ihr habt den Glauben, dass Christus gestorben und auferstanden ist; und mit diesem Glauben sind eure Angehörigen gestorben. Dieser Glaube macht euch zu Kindern des Lichts. Die Auferstehung Christi ist grenzenlos, sie umfasst auch eure Verstorbenen; bleibt in diesem Glauben und festigt euch darin. Ihr seid mit Christus immer schon verbunden und bleibt es auch! Zeiten und Stunden sind nicht das Entscheidende.

Manchmal ist der Tag Gottes heute. Heute, wenn die Mauern fallen, die wir zwischen uns Menschen aufrichten. Heute, wenn Versöhnung gelingt, wenn wir den Panzer unserer Angst ablegen. Wir, liebe Gemeinde, sind doch in vielen Bereichen des Lebens in Sackgassen geraten, an deren Ende uns der Tod gelassen angrinst. Die Folgen dieser Ausweglosigkeit sind häufig Sinnentleerung und verantwortungsloses Leben in Hülle und Fülle, sind oft auch Tabletten und Betäubung, Drogen und Süchte. Was wir dabei selbst produzieren, das kann nicht die gute Zukunft Gottes sein. Wer sich aber auf die Zukunft Gottes einlassen kann und will, der beteiligt sich nicht mehr an den Fahrplänen der eigenen Ewigkeit und des eigenen Verderbens. Wir sind doch klug genug um zu wissen: allein Gott schenkt, bemisst und qualifiziert uns die Zeit. Das ist unser Hoffnung für die oft so trüben Tage, das ist das Licht von seinem Licht, deshalb fährt Paulus fort: "So lasst uns nicht schlafen, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein!" Paulus meint damit ganz im Sinne Jesu: hört auf, an euch selbst und an eurer Wirklichkeit vorbei zu laufen, hört auf, mit eurer Ruhelosigkeit euerer eigenen Wirklichkeit auszuweichen und euch zu Sklaven und Opfern eurer Ängste und Illusionen zu machen. Öffnet vielmehr die Augen und seht, was wirklich ist. Nehmt Stellung zu dem, was ihr wirklich seid und hört auf, euch etwas vorzumachen. Wenn ihr nun nichts mehr erwartet, kennt ihr keine Zukunft. Euer Leben ist dann wie zugeschüttet, wie begraben. Aber ihr könnt doch anfangen, selbst zu leben, indem ihr darauf achtet, was für eine Aufgabe euch in eurem Leben wirklich zukommt, wozu ihr wirklich geschaffen seid, und wer ihr eigentlich seid; ihr könnt wegen eures Glaubens an Jesus Christus ganz selbstbewusst sagen: Das bin ich, dazu hat mich Gott bestellt! Dann gibt es so etwas wie Zukunft; dann ist es möglich, über die Hast und die Sorge des Augenblicks hinweg nach vorne zu schauen und innerlich das Gefühl zu bekommen: es ist nicht alles aus! Vielmehr kommt etwas auf mich zu, auf das ich gespannt warten kann!

Liebe Gemeinde, aus dem Brief an die ersten Christen in Thessalonich ist auch für uns wichtig, zu erkennen: wir können und dürfen zu unserem Leben stehen. Für das Resultat, das sich dabei einstellt, sind wir nicht mehr allein verantwortlich, das steht auch bei Gott! Wir haben keinen Grund, der Wirklichkeit auszuweichen. Wir können zu uns stehen, auch zu den Fehlern, die wir begangen haben sollten, auch zu der Schuld, die uns vielleicht zu schaffen macht und die uns den Rücken krümmen möchte. Wir können zu unserer selbstgemachten Schuld stehen, denn das letzte Wort Gottes über unser Leben ist ein Wort der Vergebung. Was dabei überfordernd oder untragbar sein sollte, können wir abschütteln; denn vor Gott brauchen wir nur das zu sein, als was er uns erschaffen hat. Der Apostel Pls bekräftigt seiner Gemeinde: "Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir seinem Strafgericht verfallen, sondern dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, gerettet werden." Gott sagt im ganzen Ja zu uns. Er wartet auf unser kleines Leben schon seit einer Ewigkeit. Gott wartet, dass wir selber leben. Und überall, wo wir dies tun, da wird ein Stück von Gott in diese Welt eintreten, da kommt Gott auf uns zu und wir zu ihm.

Das, liebe Gemeinde, ist für mich die Chance zum Leben, das ist auch die Ermutigung, das Leben zu wagen, trotz aller Widersprüche und Widrigkeiten, die sich immer wieder auftun; trotz aller Scherben, die auch wir selbst verursachen. Für mich ist das ein Leben, das ich dankbar weiterführen möchte, dankbar und fröhlich zugleich, gerade jetzt, wo es draußen so grau und trübe geworden ist.

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