Brezel-Theologie

Liebe Gemeinde,

jeder von Ihnen hält nun hoffentlich eine Brezel in der Hand. Frisch gebacken, speziell für heute morgen. Ich danke Hr. xxx herzlich dafür!

Bitte: das ist jetzt keine neue Methode, um gegen eine mögliche Langeweile im Gottesdienst anzukämpfen, indem man diese mit Essen überwindet. Sie werden jetzt auch nicht zu jeder Predigt etwas zu essen bekommen! Nein, es ist eine Möglichkeit, mit einem anfassbaren und später dann auch gerne essbaren Symbol etwas zu erläutern, um das es heute gehen soll. Sie vermuten es vielleicht schon: heute feiern wir Trinitatis, die Dreieinigkeit. Es ist die Glaubensvorstellung, die wir vorhin so schön im entfalteten Glaubensbekenntnis miteinander gesprochen haben: wir glauben an Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiliger Geist in einer Einheit. Nichts anders heißt Trinität: drei in eins. Übrigens hören Sie diese Dreiheit mit jedem Kanzelgruß vor der Predigt! Sie erinnern sich: „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.“

Vielfältig ist versucht worden, diese Einheit durch ein Symbol anschaulich zu machen. Vielleicht weiß der eine oder andere von Ihnen, dass am 17.03. der St.-Patricks-Day gefeiert wird, der Nationalfeiertag der Iren. Diese denken an diesem Tag an den Missionar Patrick, der die Insel christianisierte. Mit Hilfe eines Kleeblattes versuchte dieser, den Iren die Dreieinigkeit zu erläutern. Die Kaddler unter Ihnen wissen es: beim Kartenspiel ist das Kreuz meist die höchste Spielfarbe – es symbolisiert: ein dreiblättriges Kleeblatt.

Andere versuchten, die Trinität mit den drei Aggregatszuständen des Wassers zu fassen: Wasser als flüssiges Wasser, wie wir es trinken können. Wasser im gefrorenen Zustand als Eis und Wasser im Zustand des Dampfes, der sich verflüchtigt. Und dennoch: immer bleibt es Wasser.

Und nun liebe, Gemeinde, da ich weder so viele dreiblättrige Kleeblätter mitbringen konnte noch hier im Chorraum Ihnen Eis und Dampf präsentieren kann, habe ich Ihnen eine Brezel mitgebracht.

Wer sie also noch nicht aufgegessen hat, möge sie doch bitte einmal betrachten! Die Sagen um die Herkunft der Brezel sind ganz unterschiedlich.

Einer Sage nach wurde die Brezel von einem Bäcker aus Bad Urach erfunden, der durch einen Frevel bei seinem Landesherrn sein Leben verwirkt hatte. Da der Bäcker jedoch vorher gute Dienste geleistet hatte, sollte ihm noch eine Chance gegeben werden. „Back einen Kuchen lieber Freund, durch den die Sonne dreimal scheint, dann wirst du nicht gehenkt, dein Leben sei dir frei geschenkt.“ Eine andere Herleitung meint, die Brezel zeige einen Mönch beim Gebet. „Bracellus“ heißt Arm oder Ärmchen. Beide Herleitungen sind für uns gut symbolisch geeignet. Sie wissen, liebe Gemeinde, dass die Brezel aus einem einzigen Teigstrang hergestellt wird, sie ist ein Backwerk aus einem Stück. Nur Könner sind in der Lage, eine so kunstvolle Form vollendet herzustellen. Dreimal scheint die Sonne durch diesen „Kuchen“. Wer die Hände überkreuzt auf seine Schultern zum Gebet faltet, findet ebenfalls drei Einheiten in der Körperhaltung vor. Trinität will nichts anderes sagen: in dieser Dreiheit ist doch die Einheit verborgen. Sie können gut sehen, dass die Brezel eigentlich aus einem einzigen Stück hergestellt wurde. Wer ein Stück aus der Brezel reißt, v.a. an den knusperigen Ärmchen in der Meinung, er könne den Rest des Kunstwerkes unversehrt erhalten – so glauben das meine Kinder zumindest manchmal – der irrt. Wer ein Loch ausreißt, der zerstört den ganzen Strang.

Dogmen, Lehrsätze sind selber kein Glaubensgut – ich glaube also nicht an die „Trinität“. Sondern diese Dogmen sollen helfen, zu verstehen. Und das bedeutet hier: Gott ist für uns nur in seiner Einheit fassbar, eben als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist. Wer dort trennt und ausreißt, der verliert das Ganze. Gott-Vater, mit welchem wir v.a. die Schöpfung verstehen ist ohne Geist und Sohn für uns nicht verstehbar, genauso wie Jesus Christus als Sohn Gottes nur unser Herr sein kann, weil er zugleich Vater und Geist ist. Wir beten nicht an den Menschen Jesus von Nazareth. Und schließlich ist auch Pfingsten nur so fassbar: der Geist, der uns das Leben ermöglicht, ist nicht unabhängig von Christus und Gott-Vater: nur in der Einheit ist es der Geist, auf den wir hoffen, und der unserer Schwachheit aufhilft.

Es ist eine Hilfe für uns Menschen, dass wir kleinere Fensterchen öffnen, weil das Große, Ganze schwerer zu fassen ist. Wer seine Brezel relativ nahe von sich weg auf einen Gegenstand hält und dann durch eines der drei Löcher blickt, wird verstehen, dass ihm jeder Durchblicke einen ganz bestimmten Blickwinkel eröffnet, einen Fokus, einen Ausschnitt. Und dennoch wissen wir, dass der Gegenstand, den wir dadurch sehen, in Wirklichkeit doch derselbe ist. Aber der Blickwinkel auf diesen verändert vielleicht auch manchmal das Verstehen. Betrachtet man durch ein Brezelloch aber etwas, was weiter in der Ferne liegt, so relativieren sich diese Unterschiede, die Ausblicke aus allen drei Fenstern der Brezel fangen an, sich zu decken. So auch im Glauben: wem der weite Blick geschenkt ist auf das Leben im Glauben, der wird in allen Dinge das Wirken dieser Dreieinigkeit erblicken können. Für die Übung bis dahin aber ist der konzentrierte Blick auf das Einzelne aber dennoch heilsam: der Blick auf die Schöpfung etwa, in welcher wir Gottes Macht erkennen können. Der Blick auf das wichtige Handeln am Nächsten in der Liebe des Nazareners, welches uns die Liebe der Tat zeigt: so sollt Ihr miteinander umgehen! Das Verzücken und Entrückte in der Wirkung des Geistes, welche uns immer wieder mahnt: Ihr habt die Grenzen der Welt hinter Euch gelassen! Aber all dies, liebe Gemeinde, all dies bildet eine notwendige Einheit.

Liebe Gemeinde, im Gegensatz zum Demonstrationsobjekt Kleeblatt oder Wasser haben Sie heute noch einen weiteren Vorteil: Sie dürfen gerne Ihre Brezel essen und sollten noch welche übrig sein: bitte nehmen Sie sich welche mit nach Hause mit!

Die Sprache der Menschen, die uns zur Verfügung steht, um das Göttliche zu beschreiben, ist nicht ausreichend. Wir können nur in den Bildern denken, die uns zur Verfügung stehen. Bilder also, die wir aus eigener Anschauung beschreiben können. Empfindungen, die wir aus dem eigenen Erleben benennen können. Dass mehr nicht geht, ist verständlich: wie soll ich etwas benennen, für das ich keinen Namen haben. Deswegen ist das Unterfangen, über den Glauben zu reden, immer wieder mit Missverständnissen belegt. Denn die Bilder, die wir haben sind immer endlich. Ich rede von Gott als dem Vater, wohl wissend, dass nicht jeder Vater zu seinen Kindern ein gutes, schützendes, liebendes und wegweisendes Verhältnis hat. Ich rede von der Ewigkeit und bin mir bewusst, dass es uns schwerfällt nicht an die lineare Zeit zu denken, die wir mit Minuten und Sekunden messen. Ewigkeit ist dann, wenn die Zeit aufhört zu existieren! Schwer zu fassen!

Nur wenige Bilder schaffen es, von Gottes Wesen Grundsätzliches einzufangen. Am ehesten ist es das Bild der Liebe: Gott ist die Liebe, sagt Johannes. Und Liebende werden es erleben: wo aus zwei Personen eine wird. Wo nicht mehr das „Ich“ zählt, sondern das „Wir“. Wo Gemeinschaft gelingt ohne irgendwelche Hindernisse. Wo Entgrenzung stattfindet, man sich fallen lassen kann, ohne Angst vor einem Aufschlag zu haben. Wo der eine dem anderen nur das Beste will und ihn verstehen kann, wie sonst keiner. Dort herrscht für Momente in unserem Leben diese Liebe. Ich hoffe, Sie alle haben das einmal kennen gelernt. Mit Ihrem Partner, mit Ihren Kindern, mit Ihren Eltern, mit einer Beziehung zu einem lebendigen Wesen! In diesen Momenten darf man Gott für Augenblicke begreifen lernen. Aber Sie wissen auch: diese Momente sind nicht konservierbar, sie lassen sich nicht festhalten. Weder auf Fotos, noch in Schriftstücken, nur in der lebendigen Bewegung aufeinander zu! „Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott!“ heißt deswegen auch die Anweisung in den Geboten. Weil Gott nicht festhaltbar, nicht konservierbar, nicht endgültig beschreibbar ist, sondern Leben ist. Und Leben ist immer Bewegung. Deswegen, liebe Gemeinde, ist ein Merkmal der Götzen im Alten Testament, gegen die die Propheten kämpfen, immer die Unbeweglichkeit, das tote Ding. Der Götze aus Holz geschnitzt? Vielleicht kunstvoll gefertigt, vielleicht aus edlem Material, vielleicht von vielen verehrt – aber dennoch: tot, nicht lebendig. Er hat nicht die geringste Chance, dem Herrscher über alle Welt auch nur annähernd zu entsprechen. Die Lehrsätze der Kirche, die Symbole des Gottesdienstes, die Einteilung des Kirchenjahres – all das soll nur Hilfe sein in Ihrem eigenen, lebendigen Zugang zu diesem Gott. Hilfe in der Bewegung, wenn Sie so wollen. Denn Gott sucht jeden einzelnen von uns. Oft an Orten und Zeiten, die wir nicht für möglich gehalten hätten – und wartet auf unsere Antwort.

Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes will eine solche Hilfe sein: Gott noch größer zu denken, als es die einzelnen Bilder leisten können. Das Preisen Gottes angesichts der Schöpfung – natürlich! Aber auch und gleichzeitig: das Erbarmen angesichts der beschädigten Schöpfung – das Mitleiden aller Kreatur und die tätige Nächstenliebe! Aber nicht allein oder nur dies, sondern auch: das Staunen und Mitgerissen werden, wenn der Geist meine eigenen Grenzen aufhebt. Mich über mich selbst hinaus hebt in die himmlischen Sphären: dort, wo Sie be-geistert sind. Auch das ein Merkmal unseres Glaubens. Niemals nur das eine oder das andere. Untereinander so gehalten, dass sie je Korrektur sein können für das andere. Naturerlebnis und Schöpfungsliebe allein ist zu wenig, zu einseitig. Nur soziales Engagement und Nächstenliebe ist zwar lobenswert, aber allein kein ausreichend christliches Merkmal. Die Energie und Kraft eines Geistes bleiben auf sich allein gestellt ohne Zusammenhang und verwickeln allzu oft nur in esoterisches Gestrüpp.

Die Trinitätslehre will uns hinweisen auf das Ganze, auf den Zusammenhang. Mit dem Sonntag Trinitatis schließen wir gewissermaßen die Reihe der Einzelfeste ab: Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Die nun folgenden Sonntage haben je einen Schwerpunkt dieses Bildes. Sei es die Nächstenliebe oder die Sakramentsgottesdienste – sie konzentrieren wieder, gehen wieder ins Detail. Heute soll als Eingang in diese Zeit das Ganze bedacht sein, zu der wir die überkreuzte Ärmchenform, die Brezel als Symbol verwandt haben. Sei es Ihnen eine Hilfe, wenn Sie die Arme zum Gebet falten, dem Geheimnis Gottes auf der Spur zu bleiben!

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es beschreiben könnten, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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