Blind vor Hass (zu Lukas 18, 31-43)

Liebe kann blind machen. Er hatte sie vor kurzem auf einem Fest kennengelernt. Da war sie ihm sofort aufgefallen. Er mochte die Art, wie sie lachte. Dass sie aber immer unverbindlich blieb, dass man sich auf Verabredungen nicht wirklich verlassen konnte, dass sie allen persönlichen Fragen nach ihrer Familie, ihren Freunden und ihrem Leben eher auswich, das blendete er lange Zeit einfach aus, wollte es nicht wahrhaben, sah nur, was er sehen wollte. Er hatte halt nur Augen für sie…

Es dauerte lange und war schmerzhaft, bis ihm die Augen geöffnet wurden und er begriff, dass er nur gesehen hatte, was er hatte sehen wollen und nicht, was wirklich war: sie war weder ihm noch sich selbst gegenüber ehrlich. Sie lief vor ihren Problemen davon. Sie spielte eine Rolle. Sie wollte nicht erwachsen werden und auf Kritik reagierte sie ausgesprochen aggressiv. Wie konnte er das nur so lange Zeit übersehen? Liebe kann halt blind machen…Er hätte sich gewünscht, ihm wären die Augen früher geöffnet worden, aber er war nicht nur blind, sondern auch taub und hörte die Warnungen nicht, er wollte sie nicht hören!

Hass kann blind machen und ist mords-gefährlich… , das müssen wir gerade schmerzhaft erfahren. Den versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Oktober, bei dem zunächst jüdische Menschen, die sich am Versöhnungstag in der Synagoge versammelt hatten, um Gottesdienst zu feiern, getötet werden sollten, haben wir noch nicht vergessen. Es traf dann unschuldige Passanten, deren Weg sich zufällig mit dem des Attentäters kreuzten. Von jüdischer Weltverschwörung redete der Täter, von seinem Hass auf Fremdes und seiner Ablehnung von Feminismus. Ein tödlicher, blinder und unbegreiflicher Hass, wie wir heute wissen, Ursprung unsäglichen Leidens für unbeteiligte Menschen und Familien und für eine ganze Gesellschaft.

Was den Täter in Hanau in der Nacht zu Donnerstag zu seinen furchtbaren Morden an Fremden und seiner Mutter bewegt hat, wissen wir noch nicht endgültig. Hass ist aber nicht einfach nur Wahnsinn, Irrsinn, gegen den man ja nichts ausrichten kann. Hass hat Wurzeln, wird genährt, gepflegt, wächst und breitet sich zunächst unbemerkt aus, ehe er gewaltsam sich Gehör verschafft  oder sichtbar wird. „Der Täter habe sich unerkannt radikalisiert“ lautete eine Analyse am Folgetat. Er war den Blicken entzogen oder die Ordnungsmacht war blind…eins wissen wir wohl: er war vor allem blind vor und voll an Hass .

Was hat vor mehr als 80 Jahren Menschen in unserem Land bewegt, plötzlich jüdische Verwandte, Freunde oder Kollegen nicht nur zu meiden, sondern zu hassen, auszugrenzen, ihre Verschleppung und Ermordung zu ignorieren , zu tolerieren oder zu unterstützen?

Was hat aus Mitläufern Mittäter, aus Ignoranz und Gleichgültigkeit Hass, aus Vielfalt, die ich eben noch genossen habe, Blindheit gemacht? Wir werden es nicht wirklich verstehen. Wir können nur hoffen, dass uns die Augen geöffnet werden und sie geöffnet bleiben, wir nicht  erneut blind in das alte aus Hass geborene Unglück laufen, oder sehenden Auges wieder wegschauen. Wir können, müssen und werden Verantwortung übernehmen, das Leid aus der Vergangenheit beklagen und uns heute ganz gegenwärtig gegen blinden Fanatismus, gegen blinden Fremdenhass und blinde religiöse Intoleranz wehren. Denn die Folgen sind damals wie heute fatal und Ursache von unsagbarem Leiden.

Verspottet, misshandelt, angespien, gegeißelt und getötet….

Lukas sagt: die Jünger verstanden nichts davon. Verstehen kann man das auch nicht. 

Ich sehe heute die Bilder aus unseren Tagen, sehe Gesichter, ohne die Namen zu kennen, höre von Schicksalen, ohne den Menschen dahinter begegnen zu können, und kann mich nicht mehr distanzieren. Ich kann nicht mehr so tun, als ginge mich das alles nichts an oder wäre so weit weg, dass es mit mir nichts zu tun hätte. Es rückt näher, von Tat zu Tat und das von Tag zu Tag, immer näher.

Ich kann nicht einfach weiter machen und weiter gehen wie bisher, ohne zu wissen, wo das alles enden soll.

Ich will nicht darüber diskutieren, ob wir auf dem rechten oder dem linken Auge blind sind.  Diese Diskussion soll nur ablenken. Wer alles gleich machen will, vor allem Gewalt und Verbrechen, wer sie politisch instrumentalisieren will, wer darauf besteht, dass seine Sicht der Dinge mindestens gleich gültig ist, der wird ganz schnell gleichgültig, dem Leid und der Ungerechtigkeit, dem Hass und der Gewalt, dem Unrecht und dem Leiden gegenüber, der wird und bleibt blind am Wegrand sitzen, vom Dunkel verschlungen, ohne Aussicht auf Heilung.

Wem das jetzt alles zu weit her geholt oder der Tagespolitik geschuldet scheint, wer meint, er sei weder vor Liebe noch vor Hass schon einmal blind gewesen: irgendwo gibt es bestimmt blinde oder dunkle Flecken, die wir nicht so gerne wahrhaben wollen, die uns aber irgendwann – früher oder später – einholen.

Lukas berichtet eben nicht nur einfach eine Geschichte von früher, die man sich immer noch erzählt, warum auch immer. Er zeigt eher Mechanismen. Prinzipien, Verhältnisse auf, die so immer noch existieren: „verspottet, misshandelt, angespien, gegeißelt und getötet.“

Obdachlose auf den Parkbänken, Arme in den langen Schlangen vor den Tafeln, Flüchtlinge am Rande unserer Städte und Dörfer, Menschen in den Auffanglagern auf Lesbos oder an der lybischen Küste, Familien auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien, politisch verfolgte in den vermeintlich befreundeten Staaten wie der Türkei und eine Öffentlichkeit oder Verantwortliche, die nichts sehen wollen oder können, weil das ja ungeahnte Folgen haben könnte, wenn den Flüchtlingen die Tore geöffnet würden. Oder einfach die kranken, alten Sterbenden in den Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Privathäusern…wieviel Not und Elend, wieviel Leiden und Schmerzen trotz vieler Unterstützungen, wieviel Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit am Ende eines Lebens.

Eigentlich müssten wir wie der Bettler und Blinde von Jericho laut um Hilfe schreien, blind und hilflos wie wir sind, in der Hoffnung, dass sich Gott unserer erbarmt. Und wir sollten endlich die Hilfeschreie  derer hören, die jetzt auf Hilfe angewiesen sind.

Jesus lässt sich unterbrechen, vielleicht weil sein Weg ja auch ein Weg ins Leiden ist und er die tiefe Solidarität der Leidensgefährten spürt und kennt, aber auch weil es seine Art ist, Augen, Ohren und Herz nicht vor den Nöten der Welt und der Menschen zu verschließen, selbst wenn er im Großen und Ganzen nichts an den Verhältnissen ändern kann, die Menschen blind, stumm, lahm oder gebeugt machen. Er kann immer nur Einzelnen helfen. Wobei: was heißt hier „nur“. Es geht doch immer darum, dass einem jeden/ einer jeden einzelnen geholfen werden kann. Jedes einzelne Opfer auch in diesen Tagen muss zumindest mit Namen und Gesicht wahrgenommen werden.

Das schlimmste wäre, sich mit den Verhältnissen und der Situation einfach so abzufinden. Die Ungeduld, auch die innere Unruhe und Widerständigkeit, das eigene Los nicht einfach nur als blindes Schicksal anzunehmen, stattdessen von anderen, von Gott alles zu erwarten, drängend nicht nachzulassen, Hilfe anzumahnen, um Hilfe zu rufen, sich nicht stumm machen zu lassen, auch nicht von den Starken und Gesunden und Lauten: das nennt Lukas schlicht weg „Glauben“

Hier gibt es keine stille und fromme Innerlichkeit (die ist auch wichtig), sondern laute und öffentliche Unruhe über das Leid im Leben und Jesus geht, weil es sein Weg ans Kreuz ist, gerade daran nicht stumm und ignorant vorbei, sondern er geht darauf ein. Das ist sein Passionsweg und seine Antwort auf menschlichen Glauben.

Viele werden stumm bleiben, viele werden blind oder lahm bleiben, Menschen kann womöglich nicht geholfen werden, Leben ist ein Weg zum Sterben, unterwegs mit viel Lebensfreude und Lebensfülle bereichert – aber hoffentlich auch ein Weg, auf dem wir sehend werden für die Schönheiten und die Nöte, für den Reichtum und das Leiden, für die Grenzen und die Weite des Himmels.

„Das ich sehen kann“ – will ich beten.

„Sei sehend“ – will ich mir gerne zusagen und verheißen lassen.

Das uns die Liebe Augen öffnet und die Blindheit des Hasses überwunden wird, dass lasst uns in unsere Welt, in unsere Gesellschaft, in unsere Dörfer und Städte in unsere Zeit hineintrage.

Halle und Hanau dürfen sich nicht wiederholen. Herr, erbarme dich

Dass Hass unser Leben vergiftet, darf nicht sein: Herr, erbarme dich.

Dass Menschen in ihrer Not übersehen oder überhört werden, bleibe ihnen erspart, aufmerksame Augen, Ohren und Herzen wünsche ich: Herr, erbarme dich, auch über uns! Amen

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