Bilder des Lebens (zu Jeremia 29, 1.4-7.10-14)

Wie in einer Galerie schreite ich langsam die Bilderreihe ab, bleibe manchmal stehen, vertiefe mich in das, was ich sehe, überrascht, verwundert, erschüttert oder erinnert. Manchmal gehe ich auch einfach nur vorbei, als hätte es nichts mit mir zu tun.

Dreißig Jahre ist das eine Bild erst alt, grau kommt mir alles vor, eingetaucht in fahles Licht, im Schatten einer Mauer Häuser, die deutlich die Spuren der Zeit tragen. In Novembertagen hängt der Nebel und der Rauch aus den Schornsteinen tief in den Straßen. Menschen mit gesenkten Häuptern, eilenden Schrittes, beschäftigt und bemüht unerkannt zu bleiben. Mir fallen Geschichten zu diesem Bild ein, von Menschen, die sich zu Hause in der Fremde fühlten, weil es zwar die Städte und Landschaften waren, in denen sie geboren und aufgewachsen waren, aber schon lange nicht mehr ihr Land, in dem sie das Gefühl hatten gestalten und mitbauen, verändern und zukunftsfähig machen zu können. Innere Emigration und innere Verbannung, aber nach außen unauffällig, so  lebten und arbeiteten sie. Sie hatte ihre Rückzugsorte in den eigenen vier Wänden, unter Freunden und in den Familien, Kleingartenidylle und kleines, aber ganz privates Alltagsglück. 

„Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte, nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter.“

Wir haben doch aber auch gelebt, werden sie sich später einmal entschuldigend oder empört erzählen.

Auf der anderen Seite der Mauer, so entdecke ich auf dem nächsten Bild, ist viel Bewegung und viel Leben. Es ist grau und bunt zugleich. Auch hier zeigen die Häuser die Spuren der Zeit, preiswert lässt es sich hier leben.

Genau richtig für die wenigen Jahren, in denen sie hier sind, um Geld zu verdienen, um dann zu Hause, in der Heimat, in den Ländern im südlichen Europa oder in der Türkei ein ruhiges Leben in relativem Wohlstand zu führen. Hier wollen sie nicht zu Hause sein, für eine Weile sind sie hier in der Fremde zu Gast, Gastarbeiter und bringen ihre Lebensweise mit und leben wie zu Hause, bunt zwischen grauen Häusern, buntes Treiben auch auf ihren Märkten.

Und sie nahmen Frauen und zeugten Söhne und Töchter, gaben ihren Töchtern Männer, dass sie (auch) Söhne und Töchter gebaren und sie wurden nicht weniger dort….

Ich ahne beim Betrachten: die Alten lebten in Erinnerung in der fernen Heimat und waren Gast in ihren Städten, aber die jungen wussten nicht wo sie hingehörten: weder in das Land der Erinnerung ihrer Eltern, noch in das Land, dass sie als Gast-Arbeiter sah, dessen Sprache sie sprachen, und dass sie doch nicht zu seinen Bürgern machen wollte, auch weil sie anders hießen, anders glaubten, anders lebten – bis auch sie studierten oder arbeiteten und ihre Frauen und Männer und ihre Töchter und Söhne von hier waren und sich hier zu Hause fühlten, integriert oder assimiliert? Heimat auf Zeit oder fremde Heimat für immer?

Weitere Bilder führen mich mehr als zweitausend Jahre zurück:

Ein Bild von Jerusalem. Diese stolze Stadt, mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, vielleicht manchmal mehr Schein als Sein, mehr Selbstvertrauen als weltpolitische Bedeutung, liegt immer noch in Trümmern. Der Tempel mittendrin, Herz des Glaubens und einigendes Zentrum des Volkes und seiner Stämme und Volksteile, ist wüst seit mehr als einer Generation. Es leben Menschen in dieser Stadt, zumindest überleben sie. Die Sonne geht morgens auf und abends unter. Die Armut ist in den Gesichtern und auf den Straßen allgegenwärtig. Die Hoffnungslosigkeit hat sich längst breit gemacht. Die Menschen hier sind zurückgelassen, weil die neuen Herren der Welt aus Babylon sie nicht fürchteten. Mit den kleinen und armen Leuten war und ist schließlich kein Staat zu machen, also waren und sind sie auch nicht interessant. Sieht so ein Hoffnungs- und Sehnsuchtsort aus?

„Ich will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe. Und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen“

Mich beschleicht das Gefühl: Gedanken des Friedens sind in der Stadt des Friedens wirklichkeitsfern, alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft wie ein buchstäblich frommer Wunsch und utopisch. Man bat und bittet darum bis heute, wie wir um das Gottesreich bitten seit Generationen und Jahrhunderten….und wartet…

Ich gehe noch ein Stück weiter und bleibe an den Ufern des Stroms in Babylon stehen. Er macht das Land reich, stark und fruchtbar. Der Boden trägt reiche Frucht, die Streitkräfte des Landes sind schlagkräftig , ihre Macht in der Welt ist groß. Im Hintergrund erhebt sich die Stadt in all ihrer Schönheit und Pracht. Aber am Ufer sitzen Menschen und weinen. Altgeworden sitzen sie und weinen um die verlorene Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie womöglich nicht wiedersehen werden. Sie leben und arbeiten, halb frei, halb gefangen in der Ferne und gehören doch nicht hierher. Aber sie sind zuhause hier, haben Häuser. Und ihre Kinder sind hier geboren und nicht alle teilen die Sehnsucht nach dieser fernen und mittlerweile fremden Heimat. Bin ich denn in der zweiten und dritten Generation noch heimatvertrieben oder längst heimisch hier? Lebe ich das Leben mit allen Träumen meiner Vorfahren oder das meiner Nachbarn und neuen Landsleute, weil es längst auch mein Leben und meine Träume geworden sind?

Weggeführt wurden die Alten, die Geschichten von zu Hause kennen auch die Jungen. Aber ihre Häuser und die Orte ihrer Kindheit stehe nan den Ufern Babels. So manche Ehefrau und auch mancher Ehemann mit seiner Kultur und seinem Glauben stammt aus diesem Land.

Ihnen sagt der Prophet: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen und betet für sie zum Herrn, denn wenn es ihr wohlgeht, so geht es euch wohl!“

Deshalb sitzen auf dem Bild Menschen nicht nur weinend am Flussufer, sondern auch sie arbeiten auch auf den Feldern, die reiche Frucht bringen ,und ernten die süßen Früchte, die an den Bäumen hängen, sie tanzen zur Ernte einen Reigen und fassen sich lachend an den Händen. Beides ist warh: Trauer und Lebensfreude prägen den Alltag der verschiedenen Generationen.

Am Ende des Saales, in dem ich unterwegs bin, finde ich ein Bild aus unseren Tagen. Vom Leben inmitten der Katastrophe…

Ich sehen  von Angst, Sorge und Krankheit gezeichneten Menschen, die in ihrem Leben nicht mehr richtig zu Hause sein können, um sie herum Liebende und Sorgende, um sie und ihre Bedürfnisse besorgt. Sie ringen um das Leben und kämpfen mit dem Tod. In diesen Tagen Corona, aber an anderen Tagen verbreiten andere Krankheiten, Schrecken und Tod, denn sie kommen zur Unzeit und nicht, wenn ein Mensch alt und lebenssatt ist.

Ich höre wieder den Propheten: suchet der Stadt Bestes und betet für sie, damit es ihr und euch gut geht.

Fehlen nicht Menschen auf dem Bild, die genau das tun: für das Wohl der Stadt und das Wohl der Menschen beten, damit es allen gut geht und nach dem Beten für das Erbetene arbeiten und sorgen, damit meine Gebete nicht leere Worte, sondern auch verheißungsvolle Taten sind? Vielleicht stehen dafür das Kreuz über dem Krankenbett und die Kirchturmspitze am Rande der Stadt. die ich sehe. Vielleicht stehen sie dafür, dass Kranke und Einsame, ratlose und heimatlose, egal wie jung oder alt, nicht allein bleiben mit ihrem Fragen, sondern den barmherzigen und fürsorglichen Gott und seine Menschen an ihrer Seite haben und dafür, dass das Beten und das Tun des Gerechten nicht aufhört. Aber am Rande der Stadt, inmitten der Bilder von Angst und Sorge, von Krankheit und Ohnmacht, von gehetztem und ängstlich oder argwöhnisch beobachteten Alltag sehe ich auch die Wiesen, Gärten, Felder und Wälder. Noch leuchtet das Gras in diesen späten Herbsttagen grün, die Gärten und Wälder tragen buntes Laub, die Sonne tanzt mit ihren Strahlen zwischen den Farben und springt hin und her, ein Glitzern und verzaubern des Lichtes, voller Lebensfreude und Lebenskraft. Es sprüht auch vor Leben und stöhnt nicht nur vor Krankheit und Tod. Da strahlt Freude inmitten aller Not.

Und ich frage mich, was ist denn nun die eine und die wahre Wirklichkeit?

Wohl beides: die Welt und unser Leben sind bedroht. Wir leben bedrängt, manchmal wie in der Fremde, ganz unwirklich, erfüllt von Sorgen und Ängsten um das Morgen, konfrontiert mit den Grenzen, die wir gerne leugnen: Sterben ist unser aller Los.

Und zugleich sind wir mittendrin im bunten Treiben des Lebens. Wir bauen (Lebens-)Häuser und wohnen darin, heiraten und halten werdendes, wachsendes Leben, eine nächste Generationen in den Armen. Wir pflanzen Gärten und ernten die Früchte. Gott sei Dank!

Die Welt ist gefährlich und Lebensraum, Heimat, bergende Stadt zugleich: darum, weil Gott uns immer noch Lebensraum und Lebenszeit schenkt, das Chaos und die lebensfeindlichen Mächte in Schach hält: suchet der Stadt Bestes und betet für sie, denn wenn es ihr wohl geht, dann geht’s euch auch wohl! Gerade in diesen Tagen, in denen wir Rücksicht und Vorsicht walten lassen können, um zu helfen und Leben zu bewahren. Amen

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