Besser von Angesicht zu Angesicht (1.Korinther 13, 11-13) Abschluss Kirchentag Berlin

Die Nachrichten gingen hin und her. Kurze Sätze, immer nur wenige Zeichen, Abkürzungen, Smileys, Emoticons. Eine ganze Weile ging das so, meist humorvoll, witzig, manchmal mit den dicken Fingern etwas mühsam trotz Schreibhilfen; aber irgendwann veränderte sich etwas. Da stand mit einem Mal ein Satz, den konnte man so oder so verstehen. War er witzig, ironisch oder gar sarkastisch gemeint, ein Scherz oder nur halbwegs verpackt beißende Kritik? Das konnte man nicht sehen. Hätten sich die beiden gegenübergestanden, hätte wahrscheinlich ein kurzes Blick in das Gesicht gereicht, um die lachenden Augen oder den verbissenen Mund zu sehen, dann wäre am Tonfall zu hören gewesen, welche Botschaft mitschwingt. Von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden ist immer besser als doppeldeutig ohne mitschwingenden Unterton Nachrichten in die Welt hinauszuschicken, die nicht mehr eingefangen werden , aber auch nicht interpretiert werden können. Ich möchte mein Gegenüber gerne anschauen, ihm in die Augen sehen können. Dann weiß ich woran ich bin – meist jedenfalls. Denn manche können sch gut verstellen. Nicht immer kann ich dem trauen, was ich sehe. Da spielt mein gegenüber ein Rolle, freundlich, mir zugewandt und interessiert. Dabei hat er es nur im Seminar für die richtige Verkaufstrategie gelernt und im Rollenspiel geübt : Interesse am Gegenüber zeigen, ihn in ein Gespräch verwickeln, das persönlich und vertraut wirkt, auf seine Themen eingehen, um eine Nähe zu erzeugen, die den Verkäufer glaubwürdig wie einen guten alten Bekannten rüberkommen lässt. Auch das geht nur von Angesicht zu Angesicht; das Internet bleibt unpersönlich, es kann mich nicht beraten, sondern lässt mich allein.
Begegne ich einem Menschen von Angesicht zu Angesicht, habe ich manchmal schon eine festgelegte Ansicht von ihm: Ich sehe, wie er sich bewegt, wie er gekleidet ist, welche Körperhaltung er einnimmt und, egal ob bewusst oder unbewusst, ist mein Urteil schon gefällt. Ich sehe, was ich sehen möchte, glaube sehen zu müssen. Erst, wenn ich mich wirklich auf jemanden auf Augenhöhe, wahrhaft von Angesicht zu Angesicht einlasse, hat er vielleicht eine Chance, dass meine Vorurteile, mein Bild, meine Meinung korrigiert werden. Aber wie schwer ist es, eine einmal gefasste Meinung von einer Person zu revidieren. Ich bin auf meine Vorurteile festgelegt und bin gefangen in den Vorurteilen anderer über mich. Von Angesicht zu Angesicht sehe ich, was ich sehen will. Ich muss hinsehen, hinter die Kulissen schauen, die Geschichte und den Menschen entdecken.
Warum verkörpert der eine nur Protest und rebelliert mit allem, was er ist und was er hat? Warum hat die andere so viel Angst etwas zu verlieren oder dass sie teilen muss und nicht im Mittelpunkt steht? Warum werden die Fremden ausgegrenzt, obwohl sie doch mit ihren Fluchtgeschichten nur erzählen, dass sie die gleichen Hoffnungen und Sehnsüchte haben wie wir? Warum vertraut er nur auf Gewalt, um seine Interessen durchzusetzen und kann sich nicht wirklich vertrauensvoll auf sein Gegenüber, den Menschen, der ihn gerne lieben möchte, einlassen?
Ich muss hinsehen, um zu verstehen. Muss lernen, dass hinsehen und nicht wegschauen oder wegducken der Anfang von Glaube, Liebe und Hoffnung ist.
Ich darf hinsehen, weil Gott mich sieht.
Es ist ein falsche Unterton, wenn drohend gesagt wird, dass Gott alles sieht, auch das, was im Dunkeln und im Verborgenen geschieht. Wieviel Angst ist damit in die Seelen gepflanzt worden, Misstrauen gegen einen Gott, der als Scharfrichter über meine Gedanken daherkommt. Dabei ist doch vielmehr gemeint, dass Gott wahrnimmt, was ich vor den Menschen vielleicht gut verbergen kann: meine Einsamkeit, meine Verzweiflung, meine Trauer, mein mangelndes Selbstbewusstsein, meine Versagensängste oder auch meine Liebesbedürftigkeit. Ich muss es vor ihm nicht verborgen halten, weil er dieses Wissen nicht missbraucht, sondern mich groß und stark machen möchte, in dem er nicht nur sieht, was ich bin, sondern auch was ich sein kann. Gott sieht mich an, aber nicht, weil er mich ständig auf frischer Tat ertappen, sondern weil er durch seinen Glauben an mich, seine Liebe zu mir und seine Hoffnung in meine ungeahnte Möglichkeiten etwa in mir groß machen will.
Ebenso traut er uns zu, dass wir zwischen den Zeilen lesen können und nicht nur oberflächlich bei den Bildern bleiben, die wir von uns produzieren. Er traut mir den Glauben an die Menschen auf meinem Weg zu – Menschen, die mir nahe sind oder die mir erst noch nahekommen wollen, weil Gott sie mir in den Weg stellt.
Er traut mir die Liebe zu, die kein überfließendes Gefühl für alle und jedermann ist, sondern eine Tat und ein Dienst, die in der Not gut tun und die Not wenden. Und er traut mir die Hoffnung zu, dass wir es schaffen, in Frieden und versöhnt miteinander zu leben und Unterschiede auszuhalten, Nähe und Distanz zu ertragen. Ich muss mich nicht allen gleichmachen, aber allen die gleichen Rechte und die gleiche Würde zubilligen.
Er traut mir Glaube, Liebe und Hoffnung im Umgang mit meiner Umwelt zu, wenn ich erfahre, dass alle Ansehen haben, weil Gott sie ansieht.
Dabei mögen die Anschauungen, die Weltsichten, die Einstellungen verschieden sein. Es gibt keine einfachen Lösungen für die drängenden Probleme der Gegenwart: weder die Flüchtlingskrise, die Wirtschaftskrisen in manchen Teilen der Welt, auch vor unsern Haustüren, die soziale Frage und die Generationengerechtigkeit, noch der Klimawandel kennen einfache Antworten als Lösungsansätze, sondern jede Herausforderung erfordert es, genau hinzusehen und miteinander um den richtigen Weg zu ringen.
Übrigens auch in den Fragen des Glaubens. Natürlich leben wir aus den Gewissheiten unsres Glaubens, aber sie dürfen nicht dazu verleiten, Menschen anderen Glaubens von vornherein abzulehnen.
Einem Glauben, der meint, immer schon im Besitz der ganzen Wahrheit zu sein, wohnt nicht nur eine gefährliche Intoleranz inne, sondern auch eine potentielle Gewaltbereitschaft, diese Wahrheit notfalls mit dem Schwert durchzusetzen. Der eine vermeintlich wahre Glaube duldet oft keine falschen, weil anderen Einstellungen neben sich. Der sogenannte islamistische Terror ist kein exklusives Problem des Islam, gegen das jede Form des Christentums von vornherein immun ist. Militante Christen gab und gibt es genug, auch wenn sie nicht als Selbstmordattentäter auftreten, dafür aber ein gefährliches Maß an militanter Intoleranz gegenüber anders Glaubenden und anders Lebenden an den Tag legen. Ich will nicht alle und alles gleichmachen. Ich will mir bewusst werden, was meine Sicht von Gott, was meinen Glauben ausmacht, damit ich anderen damit begegnen und ihnen davon erzählen kann. Aber ich will auch begreifen lernen, was andere glauben, um sie kennen und verstehen zu lernen. Das Gespräch zwischen den Religionen ist nicht automatisch Gleichmacherei, aber die Gelegenheit aus dem Kreislauf auszubrechen, dass im Glauben der Menschen die Ursachen für Streit und Krieg liegen. Es ist an der Zeit, endlich die Versöhnungskraft und Friedensmacht des Glaubens zur Geltung zu bringen. Genau dazu werden wir in der Gesellschaft dringend gebraucht.
Gott sieht mich von Angesicht zu Angesicht. Das möchte ich gerne glauben Sehe ich ihn aber auch schon so deutlich und eindeutig?
Man hat mir oft früher gesagt, die Nähe Gottes kann ich am Grad meiner Gewissheit erkennen, die ich mit Blick auf Gott habe. Glaubensgewissheit sei die entscheidende Frucht des Heiligen Geistes. Heute macht mich jede zu schnelle Gewissheit misstrauisch. Wenn ich schon nicht immer dem trauen kann, was sich mir auf den ersten Blick darstellt, wenn ich den Menschen vor mir oft schon nicht wirklich kenne, wie will ich dann meinen, von Gott alles zu wissen. Trauen mag ich wirklich nur, respektvoll gelebt, Glaube, Liebe und Hoffnung.
Und ansonsten weiß schon der Apostel: wir sehen bestenfalls durch einen Spiegel ein unscharfes, dunkles Bild.
Selbst unsere scharf geschliffenen Spiegel mit ihren gestochen scharfen Bildern können uns oft vortäuschen, was wir gerne sehen wollen.
Mein Glaube wächst zuweilen mit dem Maß der Ungewissheiten, die ich verspüre, nicht mit dem Maß der Gewissheiten, mit denen viele in unseren Tagen unterwegs sind. Ich erkenne immer nur ansatzweise, stückweise, ich glaube voller Unglauben. Ich halte mich an Bildern und Worten in ihrer Vorläufigkeit fest. Ich teile meine Erfahrungen mit anderen: so nehmen viele ein lebendiges Bild von Gott mit vom Kirchentag nach Hause und hoffen darauf, in ihren Gemeinden ähnliches zu finden. So hoffen viele, dass Christen sich auch weiterhin dort finden, wo die Zukunftsthemen bearbeitet werden. Und viele setzen sich auch nach dem Kirchentag für Frieden Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ein. So leben Glaube, Liebe und Hoffnung, auch wenn der ernüchternde Alltag wieder realer als die Erinnerung an die fröhliche Kirchentagszeit geworden ist. Es bleibt alles Stückwerk, aber Gott will sich uns ganz geben. Einmal werde ich ihn erfassen, begreifen, sehen, von Angesicht zu Angesicht. Dann werde ich sicher auch Verstehen, was ich heute nur ahnen kann, oder was an Fragen unbeantwortet bleibt. Bis dahin hoffe ich auf Gottes Angesicht vor, mit und über mir, freundlich zugewandt, und auf Spuren seiner Nähe auf meinem Weg, sozusagen von Angesicht zu Angesicht.  Amen

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