Bekennen – damals und heute

Liebe Gemeinde,

mussten Sie schon einmal ihren Glauben bekennen? Es ist eine etwas ungeschickte Frage, das gebe ich zu, denn wir wissen: wir alle bekennen unseren Glauben immer wieder in unseren Gottesdiensten, gerade eben etwa in Antwort auf die Lesung aus der Heiligen Schrift. Auch wissen Sie: bei der Konfirmation gilt es, den Glauben zu bekennen. Etliche von uns heute Abend haben diesen Akt des Bekenntnisses noch vor sich. Ihr Konfirmanden werdet nächstes Jahr vor die Gemeinde treten und "Ja" zu dem sagen, was eure Eltern und Paten stellvertretend für euch bei euer Taufe bekannt haben. Ihr werdet die Gemeinde zu Zeugen rufen und sie bitten, euch in ihre Mitte mit aufzunehmen als gleichberechtigte Mitglieder der Gemeinde mit allen Pflichten und Rechten.

Und sonst: wo haben Sie sonst schon Ihren Glauben bekannt? Vielleicht könnten die Älteren unter uns etwas darüber erzählen. Vielleicht aus den Tagen des Krieges oder aus den Tagen der Vertreibung. Vielleicht waren sie dort, diese Situationen, die den Mut erforderten, seinen Glauben vor der Öffentlichkeit oder vor der Staatsmacht zu bekennen, und das, obwohl man Druck und Nachteile fürchten musste.

Wenn wir heute in Deutschland unseren Glauben bekennen, so müssen wir das in der Regel nicht bedenken. Der Staat ist neutral in Fragen der Religion, aber er achtet diese und versucht, sie gleichermaßen zu fördern. Er gewährt ihnen auf Antrag besondere Rechte und lässt es zu, dass sich die Kirchen mit ihrem Bekenntnis einbringen in die soziale Wirklichkeit, so wir hier etwa mit diesem Haus Lehmgruben, das seit einiger Zeit in den Händen der Rummelsberger Diakonie ist oder aber in der Schule, wo der Religionsunterricht einen festen Platz erhält und die gleichen Rechte bekommt, wie andere Pflichtfächer auch.

Heute, am 25.Juni feiern wir einen Gedenktag, der uns erinnern will, dass Bekennen aber noch mehr ist, als dies ruhige Fahrwasser, in dem sich die Kirchen in Deutschland heute bewegen dürfen. Heute vor genau 475 Jahren haben die Protestanten ihr Bekenntnis, das sogenannte Augsburger Bekenntnis auf dem Reichstag in Augsburg dem Kaiser Karl V. vorgetragen. Es ist im Laufe der Geschichte zu einem grundlegenden Zeugnis geworden für die Lehre der evangelischen Kirchen und hat Aufnahme gefunden in unser Gesangbuch auf den letzten Seiten, damit jeder, der es mag, nachlesen kann in diesen 28 Artikel, was die Protestanten (auf deutsch in etwa: die öffentlichen Bekenner) damals als die neue Lehre im Gefolge von Martin Luthers Nachdenken über die Kirche ansahen. Beinahe wäre es damals möglich geworden, die Spaltung der Kirche zu verhindern. Das Augsburger Bekenntnis sollte dazu seinen Dienst tun. Sie aber wissen, liebe Gemeinde, es hat nicht funktioniert. Die Geschichte der Kirche läuft seitdem auch in der Trennung zwischen römisch-katholisch und den vielen evangelischen Richtungen weiter. Das Bekennen damals war ein mutiger Schritt, gerade auch, weil es verbunden war mit dem Loslösen von alten, hergebrachten Formen und die erneute Ausrichtung auf Jesus Christus und die Schrift, in der wir das Zeugnis von ihm finden. Der Gedenktag am 25.06. will daran erinnern, dass solch ein Bekennen aber zu jeder Zeit notwendig ist. Zu jeder Zeit, so sagt es auch die evangelische Kirche muss die Kirche reformiert werden und Anschluss finden an die Mitte der Heilige Schrift.

Jeder Evangelische ist deshalb aufgerufen, die Entwicklung in Gesellschaft und in der Politik, in der Kirche und in seiner eigenen Familie immer wieder zu überprüfen, ob er dies noch vor seinem eigenen Gewissen verantworten kann und er muss gegebenenfalls Konsequenzen daraus zu ziehen, um einer falschen Entwicklung entgegen zu steuern.

So hören wir das Predigtwort für den heutigen Tag aus dem ersten Timotheusbrief im sechsten Kapitel, die Verse elf bis 16:

[TEXT]

Der Gottesmensch, liebe Gemeinde, ist der neue Mensch, der in Christus Jesus befreit wurde von den Sünden und der aufgerufen ist, sein Leben aus dieser Annahme heraus neu zu leben und zu gestalten. Der Gottesmensch, ein Wort, das wir sonst kaum in der Bibel finden ist das Kind Gottes, das aus der Taufe zu neuem Leben entsteht. Mit anderen Worten: die Gottesmenschen sind wir, die wir uns in der Gemeinde um den Tisch des Herrn versammeln, zu ihm beten und ihm antworten mit unserem Bekenntnis und mit unseren Taten.

Manchmal ist es schwer, das zu erfassen, gerade, wenn wir in diesen ruhigen Fahrwassern uns befinden, von denen ich gerade sprach. Morgen z.B. werden wir wieder ein Kind taufen und es so in unsere Gemeinde aufnehmen. Und dennoch sehen wir an dem Kind keine Wandlung, wir können nicht sichtbar unterscheiden zwischen vorher und nachher. Das Kind strahlt nichts besonderes aus, ja vielleicht schreit es nur mehr als vorher, wenn es das Wasser über den Kopf gegossen bekommt. Und dennoch glauben wir, dass in diesem Zeichen der Taufe etwas geschieht, was für unser Leben wichtig ist. Wir vertrauen darauf, dass Gott dieses Kind in der Taufe zu seinem eigenen Kind macht und es einschreibt in das Buch des Lebens, damit dieses Leben niemals mehr vergessen werden kann. Dieses Kind ist bestimmt zum ewigen Leben, so sagen wir es bei der Taufe und wir vertrauen als Eltern darauf, dass Gott seine Hand schützend über dieses junge Leben hält. Weil sich aber nun nichts nach außen sichtbar verändert, verweist uns unser Predigtwort heute auf einen Zusammenhang, den wir oft vergessen. Wir müssen dieses ewige Leben auch ergreifen! "Ergreife, wozu du berufen bist!" Wie soll das gehen, können wir doch zur Taufe nichts dazu tun, weil alles aus göttlicher Kraft und Liebe heraus geschieht?

Unser Predigtwort geht die Begründung weiter: "Ergreife dies Leben, so wie du bekannt hast das gute Bekenntnis!" Ich kann dies Leben ergreifen, wenn ich zulasse, dass mein Bekenntnis eben dies gute Bekenntnis ist, von dem wir vorhin sprachen. Ich bekenne mich zu Jesus Christus. Ich bekenne, dass Christus mein Leben ist, dass er mir in der Einheit mit dem Heiligen Geist und Gott-Vater als der Dreieinige begegnet und ich vertraue darauf, dass diese Begegnung für mein Leben notwendig ist, weil sie mich errettet von allem, was mich nur auf mich selbst zurückwerfen mag und mich frei macht für ein Leben mit Gott und mit meinem Mitmenschen.

Unser Predigtwort gibt dazu allerdings ein paar Einschränkungen, mit denen wir auch heute noch zu kämpfen haben. Dieses Vertrauen auf Gott – die tiefste Bedeutung des Wortes Glauben – kann in unserem Leben keinen Beweis erfahren, der vor Menschen mit unseren Methoden überprüfbar wäre. Unser Predigtwort schreibt dazu: "Unser Gott, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann."

Zu solch einem Gott sollen die Christen sich bekennen und durch dieses Bekenntnis das ewige Leben ergreifen. Das macht es schwer, denn es bedeutet in der Menschenwelt immer wieder angreifbar zu werden und Spott und Hohn ausgesetzt zu sein. "Wo ist er denn, euer Gott, wenn man ihn doch nicht sehen und greifen kann?" Selbst Jesus am Kreuz musste diesen Spott erfahren, als er "das gute Bekenntnis bezeugt hat": "Wo ist denn dein Gott – soll er dir doch helfen, vom Kreuze herab zu steigen?!" Und dennoch ist sich unser Predigtwort gewiss: du kannst in und mit deinem Bekenntnis dieses Leben, das wir im Glauben das ewige nennen, ergreifen. Denn wenn du bekennst und vertraust auf das, was du mit deinem Munde ausdrückst, dann wirst du eine Wandlung erfahren, die dich immer mehr ergreift und dich hinführt zu dem Leben, welches Gott wohlgefällt. Vielleicht, liebe Gemeinde, ist das der stärkste Beweis, den die Christen dieser Welt als Gottesbeweis hinhalten können. Unser Predigtwort wird da ganz konkret, wenngleich auch dies nur Beispiele sind, die noch beliebig erweiterbar wären. Ich nenne sie der Reihenfolge nach, in der wir sie gelesen haben: Gerechtigkeit. Frömmigkeit. Glaube. Liebe. Geduld. Sanftmut.

Und jetzt, liebe Gemeinde, kommen wir doch noch an bei unserer Gegenwart und ich komme zurück auf meine erste Frage: wo bekennen wir denn heute unseren Glauben? Ja, im Gottesdienst, bei der Taufe, bei der Konfirmation. Aber, liebe Gemeinde, wir haben es im ersten Timotheusbrief gehört: wir bekennen unseren Glauben auch durch unser Leben. Wir legen Zeugnis ab von dem, der unser Leben verwandeln will und der uns das ewige Leben geschenkt hat. Wir jagen nach der Gerechtigkeit, die keine weltfremde und innerliche Angelegenheit ist, wie uns unsere Heilige Schrift auf jeder Seite berichtet. Nein, wir sollen kämpfen dafür, dass die Menschen in größtmöglicher Gerechtigkeit untereinander leben können. Und wir brauchen nicht weit zu sehen, wir können in unserer Gesellschaft beginnen. Zu suchen nach dem, was gerecht heute bedeutet, im sozialen, im wirtschaftlichen und im rechtlichen Sinne. Wir sehen die Veränderungen in unserer Gesellschaft und sind aufgerufen, dort einen christlichen Standpunkt zu beziehen.

Der Christ steht weiter ein für Liebe, Geduld und Sanftmut in seinem Leben. Man darf erkennen, in wessen Leben diese Eigenschaften eine Rolle spielen. In unserem Bekenntnis, welches wir vor der Welt ablegen, versuchen wir immer wieder, diese Dinge zu leben, sie zu verkörpern, indem wir uns besinnen, wie Jesus selbst auf die Menschen zugegangen ist. Gott will uns dabei die Hand führen und uns unterstützen, wenn wir selber schwach werden. Genau das, liebe Gemeinde, lenkt unseren Blick wieder auf die Einsicht der evangelischen Kirche, wie sie sie auch mit der Augsburger Konfession zum Ausdruck gebracht hat. Wir müssen immer zu unserem Bekenntnis zurückkehren und sehen, ob wir heute noch darauf stehen. Ob es noch das gute Bekenntnis ist, von dem unser Predigtwort heute spricht.

Der 25.06. – in Erinnerung an unsere Väter und Mütter, die für diese Einsicht in die Heilige Schrift ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben – setzt eine Markierung im Kirchenjahr, damit wir nicht vergessen, dass auch unser Ergreifen des ewigen Lebens mit dem Bekennen etwas zu tun hat.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir Menschen es zu fassen vermögen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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