Behutsame Töne

Maria

Die Nacht ihrer ersten Geburt war

Kalt gewesen. In späteren Jahren aber

Vergaß sie gänzlich

Den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen.

Und das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu.

Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham

Nicht allein zu sein

Die den Armen eigen ist.

Hauptsächlich deshalb

Ward es in späteren Jahren zum Fest, bei dem

Alles dabei war.

Das rohe Geschwätz der Hirten verstummte.

Später wurden aus ihnen Könige in der Geschichte.

Der Wind, der sehr kalt war

Wurde zum Engelsgesang.

Ja, von dem Loch im Dach, das den Frost einließ, blieb nur

Der Stern, der hineinsah.

Alles dies

Kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war,

Gesang liebte

Arme zu sich lud

Und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben

Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

(Bertolt Brecht)

Liebe Nacht-Gemeinde hier in der Klosterkirche!

Liebevolle Worte sind es trotz der ungewöhnlichen Sicht auf die Weihnachtsgeschichte. Liebevolle Worte, die der Dichter Bertolt Brecht für diese Nacht im Stall von Bethlehem findet. Für diese Nacht, die uns hier zusammengebracht hat in der alten Franziskaner-Kirche, in der schon über hunderte von Jahren der Geburt dieses Kindes gedacht wird.

Geblieben von dieser Nacht der ersten Geburt ist die Krippe, aus billigem, einfachen Holz gefertigt. Eigentlich dazu da, Futter aufzunehmen. Nicht als Bett für ein Neugeborenes. Fast zu romantisch ist sie geworden, weil wir sie jedes Jahr sehen und nicht mehr an das Futter für die Tiere denken, sondern nur noch: Ich steh an deiner Krippen hier.

Bertolt Brecht holt mit seinem Weihnachtsgedicht die Not, die Bedrohung, das Dunkel, die Scham, die bei dieser Geburt dabei waren, in unser Gedächtnis. Den Stall oder die Höhle, die Futterkrippe oder die Steinmulde. Sie waren Wirklichkeit. Die Not, die Angst, die Bedrohung, das Dunkel – sie waren Wirklichkeit und wohl genau so schwer zu ertragen wie die Not, die Angst, die Bedrohung, die Einsamkeit, das Dunkel, die Menschen heute empfinden und die vielleicht so manchen auch heute Nacht in diese Kirche, zur Krippe und zum Licht von Bethlehem gezogen haben.

Es ist doch eigenartig, welche Anziehung diese Nacht hat. Das Dunkel dieser Nacht, das Geheimnis, das warme Licht der Kerzen. — Menschen lassen sich von diesem Kind in der Krippe anziehen. Das ist schon oft belächelt und kritisiert worden. Erinnerung an das Weihnachten der Kindheit, Rückzug ins Kindliche, Regression. Kein erwachsenes Verhalten also?

Die Bibel weiß, dass alles seine Zeit hat in unserem Leben. Und so ist es auch immer wieder Zeit, bei diesem Kind an der Krippe zu stehen. Mit der eigenen Not zur Not dieses Kindes und seiner Eltern zu kommen. Mit der Dunkelheit in meinem eigenen Leben durch die Dunkelheit zum Stall zu kommen. Mit meiner Einsamkeit bei dieser Familie zu sein, die allein in einer fremden Welt unterwegs und auf der Flucht war. Mit meiner Angst mich geborgen zu wissen bei Menschen, die wie ich erfahren haben, was Angst ist. Aber auch mit meiner Freude über Menschen, die mich lieben bei diesem Kind zu stehen, das Gottes Liebe zu uns so greifbar macht.

Alles hat seine Zeit. Heute Nacht ist die Zeit für das Geheimnis dieser Geburt, für das Geheimnis der Heiligen Nacht. Und niemand zwingt uns, gleich weiterzugehen, nicht zu bleiben an dieser Krippe, in diesem Stall. Lasst es euch nicht einreden.

Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben. Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen. Wenn es doch mehr Menschen gäbe, die an dieser Krippe stehen, die alte und doch immer wieder neue Weihnachtsgeschichte hören, die alten Lieder singen. Das rührt ja nicht nur unser Herz an. Dieses Kind in der Krippe kann uns verändern. Es lässt die zarten, die behutsamen Seiten in uns anklingen. Es macht unser Leben liebevoller.

Wie viele alte Weihnachtslieder weiß ein neues Lied von diesen leisen Tönen, die das Kind in der Krippe in unser Leben bringt. Dieses Kind, das nichts erzwingt, sondern uns behutsam verändern und trösten will. Erst in den letzten Strophen bricht sich in diesem Lied von Peter Spangenberg der Jubel Bahn. Er dichtet:

Hoch über allen Welten/ erglänzt ein heller Stern,/

dass Friede möge gelten,/ die Gnade unsers Herrn.

Hoch über allen Zeiten/ erstrahlt ein helles Licht;/

will uns mit Kraft begleiten,/ die alle Angst zerbricht.

Tief unter allem Bangen/ erscheint ein heller Strahl;/

hat´s Leuchten angefangen/ zu Bethlehem im Stall.

Tief unter allen Nächten/ erglüht ein heller Schein;/

trotz allen dunklen Mächten/ will Halt und Hilfe sein.

Wir reiten mit den Weisen/ im Glauben bis zum Stern./

Lasst uns das Christkind preisen;/ das Fest ist nicht mehr fern.

(Mel.: Es kommt ein Schiff geladen)

Wie gesagt: Es sind die behutsamen Töne, die das Geheimnis dieser Nacht ausmachen und die doch nicht verschweigen, dass dieses Kind in der Krippe erwachsen werden wird und wir mit ihm.

Hoch über allen Welten erglänzt ein heller Stern. Schon durch die ganze Adventszeit haben uns Sterne begleitet. Der große Herrnhuter Stern zum Beispiel hier in der Klosterkirche, der Tag und Nacht leuchtet. Den ich auch sehen kann, wenn ich nachts über den Klosterplatz laufe. Der Wunsch, die Verheißung, von der er kündet: Dass Friede möge gelten, die Gnade unsers Herrn. Friede lässt sich nicht erzwingen oder erkämpfen. Dass Friede möge gelten. Ein leiser Ton. Ein liebevoller. Ein Ton, der Menschen verändern kann.

Hoch über allen Zeiten erstrahlt ein helles Licht; will uns mit Kraft begleiten, die alle Angst zerbricht. Ich denke an die Hirten heute Nachmittag beim Krippenspiel. Mitten in der Nacht sehen sie einen hellen Schein. Und ihnen ist gleich klar, dass das noch nicht der Morgen ist. Es ist das Licht, das alle Angst zerbricht.

Und auch in der dritten und vierten Strophe die leisen Töne. Hat´s Leuchten angefangen zu Bethlehem im Stall. Und von dem hellen Schein heißt es, dass er Halt und Hilfe sein will.

In der letzten Strophe werden wir als Glaubende angesprochen, als Menschen, die mit den Königen unterwegs zum Stern sind. Und wir werden aufgefordert, das Christkind zu preisen, denn: das Fest ist nicht mehr fern.

Alles hat seine Zeit. Heute ist Zeit für das Geheimnis dieser Nacht. Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.

Dass wir aber immer wieder zurückkommen zu dieser Krippe, zu diesem Kind, in Windeln gewickelt, das hat damit zu tun, dass Jesus erwachsen geworden ist.

Alles dies

Kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war,

Gesang liebte

Arme zu sich lud

Und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben

Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

So dichtet Bertolt Brecht. Das Leuchten hat eben nur angefangen in Bethlehem im Stall. Wäre das Kind nicht erwachsen geworden. Wir würden Jesus heute nicht mehr kennen.

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