Banale Boshaftigkeit und Liebe

Liebe Schwestern und Brüder!
Einer der Merksprüche, Ermahnungen und Lebensweisheiten, die mir meine Großmutter mit auf den Weg ins Leben gegeben hat, hieß:
„Mein Sohn, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht. “ Der Spruch steht übrigens im Buch der Sprüche (Sprüche 1,10) des ATs.

„Böse Buben“ locken auch heutzutage noch genug. Und damit sind nicht Lausbuben gemeint, sondern verführerische, gewissenlose und niederträchtige Menschen, Situationen und skrupellose Ideen. Aber jeder von uns muss scheinbar die unumgänglich eigene Lebenserfahrung mit den -bildlich gesprochen- „bösen Buben“ machen. In aller Regel wirken die Ermahnungen und Verhaltensmaßregeln in einem bestimmten Alter ja eher noch kontraproduktiv, denn je mehr man als Erwachsener gebetsmühlenartig vor bestimmten Dingen, wie z.B. dem Drogen- oder Alkoholkonsum warnt, desto interessanter scheint er für (manche Jugendliche) zu sein. Es bleibt auch immer der Reiz des Verbotenen. Selbst Aufklärung, der Appell an das eigene Gewissen und die Warnung vor den schlimmen Folgen scheinen bei manchen nichts zu nützen.
Also passiert: Wer nicht hören will, der muss fühlen. Wobei das nicht Hören-Wollen manchmal in die persönliche Katastrophe oder Krise führen kann.
Nichts anderes, aber auch mit dem direkten Hinweis auf den Weg aus der eigenen, persönlichen Katastrophe, mahnt der Apostel im heutigen Predigttext an.
Und vielleicht denkt mancher von ihnen jetzt, warum müssen manche Bibeltexte immer so streng sein, warum klingen die Ratschläge immer so moralinsauer, so nach Verbot, sind voller Ermahnungen oder gar eine Angst machende Drohung?!
Da ist von Unzucht, sexueller Unreinheit, Pornographie und Habsucht die Rede, also von gemeinhin negativen menschlichen Eigenschaften und Handlungen, die schon zur Zeit des Apostels ein großes Problem im Zusammenleben der Menschen darstellten.
Und es wird ja auch heute nicht nur zu Unrecht, aber bisweilen heuchlerisch gefragt, worin sich denn das Leben eines Christen oder einer Christin vom Leben eines anderen, sagen wir mal nicht so religiösen Menschen unterscheide?! Und besonders entrüstet oder hämisch sind viele Mitmenschen und die Aufregungen in sozialen Medien sind groß, wenn überzeugte Christen moralisch tief fallen bzw. man ihnen Fehler und schuldhaftes Verhalten nachweisen kann. Da stellt sich dann auch schon mal krasse Schadenfreude ein. Nichts scheint schöner zu sein im Medienzeitalter, als sich am persönlichen Unglück oder über die moralischen Fehltritte anderer Menschen voyeuristisch zu ergötzen und besonders darüber zu ereifern. Da werden früh abends in unzähligen gestellten Daily Soaps und Boulevard-Magazinen die geistigen und wirklichen Hosen runtergelassen. Man zieht sich im wörtlichen oder übertragenen Sinn vor einem Publikum aus und prostituiert sich für etwas Geld oder den vermeintlichen kurzen Ruhm. Und alles um einmal im Leben ein Star zu sein, den man herausholt, um seine eigene Dekadenz zu zeigen oder um seine Geltungssucht zu befriedigen.
Bezogen auf das wirkliche oder vermeintlich heuchlerische Verhalten von Menschen, die sich Christen nennen, höre ich hin und wieder die billige und lässige Ausrede. „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich geh zwar nicht jeden Sonntag in die Kirche, wie die Frau X oder der Herr Y!! und dann folgen meistens so nebulöse Andeutungen über moralische Fehler der anderen, „aber auch ich finde meinen Frieden mit Gott.“
Eigentlich wird dabei doch nur das eigene schlechte Gewissen gespiegelt oder die schlechte Erziehung gezeigt, nämlich über andere zu räsonieren. Vor mir braucht niemand ein schlechtes Gewissen zu haben, aber vielleicht sollten diejenigen sich einmal fragen, ob sie ihr Gewissen im Gottesdienst vor Gott bringen sollten.
„O Herr ich danke dir, dass ich nicht bin wie jene“ spricht der wirkliche und ironisch in uns wohnende Pharisäer.

Stattdessen hören wir aus dem berufenen Munde des Apostels Paulus:
„Lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“
Lebt in der Liebe.
Oh wenn wir doch mit- und untereinander in Frieden und in und mit Liebe zu lebten.
Lebt in der Liebe, das ist die paulinische Aufforderung, Rücksicht auf und Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen.
Denn jeder von uns ist durch seine Gottesebenbildlichkeit dazu aufgefordert, seinen Körper, seinen Geist nicht zu prostituieren und zu verkaufen oder zu lügen, hetzen und zu verleumden.

Lebt in der Liebe, das heißt nach christlicher Ethik sich von der gemeinen täglichen Unzucht, der Pornosucht und von der Übersexualisierung in den Medien fernzuhalten. Und ich pflegte in diesem Zusammenhang meinen Schülern immer zusagen, wenn wir das Thema Partnerschaft, Ehe und Sexualität im Unterricht behandelten, dass die Sexualität zwischen Menschen eine große, schöne und gute Gabe Gottes sei. Mit dieser Gabe muss ich aber verantwortungsvoll, zärtlich und liebevoll umgehen. Und den anderen, meistens Frauen, nicht zum Objekt meiner Begierde degradieren.
Auch gehört es eben noch nicht zur gesunden sexuellen Entwicklung und Reifung eines Menschen  z.B. Sadomasochismus als normale sexuelle Praktik anzusehen. Wenn man dümmlichen Talkshows glauben darf oder in falsch verstandener Sex-Literatur a la Fifty shades of Grey propagiert, dann scheint es heutzutage „normal“ zu sein eine perverse oder sadomasochistische Ader haben zu müssen. Das ist dann die Unzucht von der Text spricht. Falschverstandener Liberalismus und primitive Selbstverwirklichungsphantasien bringen uns individuell und gesellschaftlich nicht unbedingt weiter.

Lebt in der Liebe!
Das heißt nicht nach der Logik der Habsucht sein Leben auszurichten. Nach dem Motto: „Haste was, dann bist was“.
Wer sein Leben nach dieser kapitalistischen Maxime ausrichtet, der scheitert im Leben spätestens dann, wenn die Anstrengung zum Haben-wollen zur Sucht wird. Zur Sucht, die einem gefangen hält in der Enge der eigenen geizigen Unbarmherzigkeit.
Habsucht kleidet sich in vielen Gewändern und ist nicht immer leicht zu durchschauen. Und auch ich selbst bin manchmal nicht frei von ihr. Sie tarnt sich in Geschäftstüchtigkeit, falsch-verstandenem Ehrgeiz, aber auch in Sparwut, Gier und boshaftem Neid auf den Besitz oder das Glück der anderen. .
Heutzutage könnte man auch einmal darüber nachdenken, ob das Pochen auf so vielen Besitzständen und Rechten nicht auch etwas mit einer etablierten Habsucht zu tun hat.
Wie soll da Gerechtigkeit entstehen?!
Und die Tragik bei einer Habsuchtkarriere ist, dass der Süchtige immer tiefer in seine Sucht hineingerät. Die Sucht hält ihn gefangen. Der sog. reiche Kornbauer ist das biblische Symbol des Habsüchtigen mit seiner Gier.

Lebt in der Liebe, das heißt nicht in losen, lästerlichen und schandbaren Reden, sich am Abgrund der üblen Nachrede befindend und mit Verleumdung über andere herzuziehen und sich über deren Augensplitter aufzuregen, aber die eigenen Balken im Auge zu übersehen.
Das ist ein weitverbreitetes Phänomen in unserer Gesellschaft, in einer Zeit, in der uns das Medium Fernsehen und manche Zeitungen weismachen wollen oder fast dazu erziehen über andere mit Schandmäulern herzuziehen. Auch die schlimme Hetze in sozialen Medien gehört dazu.
Ihr sollt nichts sagen, das andere herabsetzt,
nicht dumm daherreden und keine zweideutigen Witze machen. Das ist nicht angemessen! schreibt der Apostel.

Lebt in der Liebe, liebe Schwestern und Brüder, das ist der Hinweis des Apostels uns nach dem Vorbild Jesus Christus zu richten. Ein Mann, der andere Menschen mit göttlicher Liebe und Gnade angenommen hat. Der sich nicht banal über menschliches Fehlverhalten und Sündhaftigkeit entrüstete, sondern den Sündern die gnädige und selige Nähe Gottes zusprach, wenn sie bereuten. Der die Ehebrecherin nicht verdammte, sie aber bat nicht noch einmal Ehebruch zu begehen.

Und was ist die Tat, die Aufgabe und Wirkung der Liebe, der Liebe, die von der Dunkelheit in das Licht führt?!
Lassen Sie mich darauf mit einigen Sätzen des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckart antworten.
Nachfolge und Liebe wird darin und dadurch konkret:
„Ein Weiser wurde gefragt, welches die wichtigste Stunde sei, die der Mensch erlebt, welches der bedeutendste Mensch, der ihm begegnet, und welches das notwendigste Werk sei.
Die Antwort lautet: Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.“
Mit dieser Haltung und dem Wort des Apostels:
„Lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat“, also mit tief empfundener Liebe und Nächstenliebe lässt sich das Böse und Destruktive mit seinen Verlockungen und Banalitäten überwinden.
Dann führen wir unser Leben wie Menschen, die zum Licht und Jesus Christus gehören.

Amen.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen