Autonomia und Eleutheria

Liebe Gemeinde,
wer hätte gedacht, dass das Thema Beschneidung noch einmal zum Politikum werden wird? Im Juni dieses Jahres hat das Landesgericht in Köln ein viel diskutiertes Urteil gefällt: Darf ein Arzt auf Wunsch der Eltern aus religiösen Gründen bei einem Knaben eine Beschneidung vornehmen, wenn keinerlei medizinische Notwendigkeit besteht? Das Gericht hat entschieden: nein – das Wohl des Kindes steht über dem Recht der freien Religionsausübung der Eltern.

Man mag über die Sinnhaftigkeit dieses chirurgischen Eingriffs, bei dem die Vorhaut von Kindern am 8. Lebenstag entfernt wird, diskutieren. Für Juden, aber auch für Muslime, ist diese Handlung ein religiöser Akt, vergleichbar mit der christlichen Taufe.

Durch die Beschneidung werden die jüdischen Knaben symbolisch in den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, aufgenommen.

Es ist seit diesem Urteil wieder ruhig geworden um dieses Thema. Trotzdem zeigt es auf, wie weit unsere Gesellschaft inzwischen geht. Auch religiöse Handlungen und Gewissensentscheidungen werden heutzutage in Frage gestellt oder sogar untersagt.

Es ist längst nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder getauft, Jugendliche konfirmiert, Paare kirchlich getraut und Verstorbene kirchlich beerdigt werden.

Man kann darüber nachdenken, was das für uns und den Stellenwert des Glaubens in unserer Gesellschaft bedeutet.

Wir kennen heutzutage viele Sachzwänge. Grundsätzlich empfinden wir uns aber als frei und unabhängig. Jede und jeder kann tun, was ihr oder ihm gefällt. Nicht, dass man alles gut heißt, was andere tun. Auch nicht, dass man nicht über sie herzieht oder zumindest über sie spricht. Aber letztlich darf jeder so leben, wie es ihm gefällt. Da redet keiner drein.
Zur Zeit des Apostels Paulus sah das anders aus. Da waren die Menschen selten wirklich frei. Sie waren abhängig von den Machthabern, aber auch abhängig von den sozialen und religiösen Traditionen.

Und dann kam Jesus von Nazareth und sagte: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Das ist auch die Botschaft des Apostels.

Im Grunde ist es die Botschaft Gottes von Anfang an: Denken wir an den Auszug aus Ägypten, an die Befreiung aus der Babylonischen Gefangenschaft! Denken wir daran, wie Jesus Menschen aus dem Abseits herausgeholt und ihnen einen neuen Anfang geschenkt hat!

Die Geschichte Gottes mit uns Menschen ist eine Befreiungsgeschichte. Jesus ist gekommen, um von uns zu nehmen, was uns bindet, knechtet und niederdrückt. Er ist gekommen, um uns Gerechtigkeit und Frieden zu bringen. Und um uns zum Leben zu verhelfen.

Überall, wo Gerechtigkeit, Frieden und das Leben bedroht sind, ist das Evangelium noch nicht zu den Menschen gekommen. Überall, wo Menschen – auch im Namen Gottes – eingeengt und unterdrückt werden, wo Angst regiert und nicht die Freude am Herrn, leben die Menschen noch in der Finsternis, ist das Licht des Evangeliums noch nicht zu ihnen gedrungen.

Die Freiheit ist ein hohes Gut. Die Empfänger des Galaterbriefes 
hatten die befreiende Botschaft des Evangeliums gehört. Aber sie standen in der Gefahr, die im Glauben erlangte Freiheit wieder zu verlieren. Sie waren durch gewisse Leute unsicher geworden, ob sie sich wirklich allein auf Jesus Christus verlassen können. Oder ob sie nicht doch besser weiterhin die jüdischen Gebote und Vorschriften befolgen sollen.

Paulus weist immer wieder darauf hin: Du kannst dich noch so bemühen, du wirst niemals so gut sein, dass du alle Gebote und Vorschriften hältst. Du kannst dir die Liebe Gottes nicht verdienen!

Genau von diesem Zwang hat dich Christus befreit. Er hat für dich erreicht, dass du vor Gott bestehen kannst. Und wenn du darauf vertraust und dich auf ihn verlässt, dann bist du mit Gott im Reinen. Lass dir also nicht wieder neue Vorschriften aufladen, die dich einengen und niederdrücken!

Vor 495 Jahren hat Dr. Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg gehämmert. Er ist dagegen aufgetreten, dass die Kirche die Gläubigen mit dem Ablasshandel eingeschüchtert und sich gleichzeitig an ihnen bereichert hat. Die Kirche machte Geschäfte mit der Angst der Menschen vor dem Fegefeuer.

Und eine der bekanntesten Schriften Luthers war: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Die Freiheit war auch sein großes Thema. Frei von Angst und Knechtschaft, denn Christus hat uns befreit – weil er aus Liebe zu uns für uns in den Tod gegangen ist.

Was bedeutet diese Freiheit für uns heute? Ich möchte das folgendermaßen verdeutlichen: Im Griechischen gibt es zwei Begriffe für Freiheit: Autonomia und Eleutheria.

Autonomie ist Freiheit durch Selbstbestimmung. Ich bin von niemandem abhängig. Ich bin mein eigener Herr. Ich bestimme, was für mich gut und richtig ist. Ich glaube, von daher wird Freiheit heute weitgehend verstanden. Der autonome, selbstbestimmte Mensch steht im Mittelpunkt.

Gerade der Protestantismus hat viel dazu beigetragen, dass der Mensch ein mündiger Christ und Mensch wird, der niemandem verpflichtet ist als Gott und seinem Gewissen. Allerdings geht falsch verstandene Autonomie so weit, dass der Mensch nur mehr seinem Gewissen verpflichtet ist – sofern er noch eines hat.

In Wirklichkeit treten andere Gesetzmäßigkeiten an Gottes Stelle: Profit, Macht und Einfluss. Der Mensch schaut nur noch auf sich und ist sich sein eigenes Gesetz. So aber ist Freiheit nicht gemeint.

Noch deutlicher wird es vom anderen Begriff für Freiheit her – und diesen verwendet Paulus hier: Eleutheria. In diesem Begriff steckt das deutsche Wort „Läuterung“.

Wer geläutert wird, wird gereinigt und befreit von belastenden und schädlichen Einflüssen. Das ist die Freiheit, die Christus für uns errungen hat: Er hat uns befreit von dem Ballast der Sünde, von allem, was unsere Seele verunreinigt. Christus selbst ist für uns durchs Feuer gegangen. So sind wir rein geworden vor Gott und haben die Gerechtigkeit erlangt, die vor Gott gilt.

Wer Freiheit falsch versteht, steht in Gefahr, nur noch sich selbst zu sehen, sich von nichts und niemanden berühren zu lassen.

Wer aber geläutert ist, wer weiß, dass Christus seine Freiheit teuer erkauft hat, bleibt nicht unberührt von dieser Liebe, die Christus uns erwiesen hat. Und das befreit uns dazu, uns im Leben richtig – und das bedeutet im Sinne Jesu – zu verhalten.

Darum schreibt Paulus: In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Äußerlichkeiten sind nicht entscheidend. Religiöse Traditionen sind nicht entscheidend. Niemals soll es heißen: Um ein guter Christ zu sein, musst du dies oder jenes tun. So reden gesetzliche Menschen. Wir aber sind freie Menschen – und wir sollen uns diese Freiheit nicht wieder rauben lassen!

Freiheit bedeutet aber nicht, ohne Ziel und ohne Hirte zu sein. Wir haben einen Hirten, und der spricht zu uns: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Wer von diesem Guten Hirten geführt wird, wer von Jesus Christus befreit und geläutert wurde, der wird auch von seiner Liebe erfüllt. Der wird ein barmherziger Mensch. Und er wird innerlich zufrieden sein, weil er frei ist, nicht jeder Stimme zu folgen, die ihn nur verunsichert. Er wird unabhängig von der Meinung anderer, weil er weiß, dass Gott zu ihm steht.

Ein gläubiger Mensch ist deshalb frei, weil er, wie Paulus schreibt, durch den Glauben begründete Hoffnung hat auf die Gerechtigkeit, die ihm im Geist schon jetzt geschenkt ist.

So ist ein freier Mensch, wer weiß und erlebt hat, dass nichts und niemand ihn trennen kann von der Liebe Gottes.

Ich meine, das war auch die Kernbotschaft der Reformation.

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