Aus verschiedenen Perspektiven

  1. Die Runde

Sie saßen zusammen – kurz vor dem Fest.
Jesus, die Jünger. In trauter Runde. Mal ganz privat. Nur der engste Kreis. Keine Zuhörer. Keine Zuschauer. Keine neugierigen Blicke. Endlich mal Ruhe.

Sie saßen zusammen – kurz vor dem Fest.
Passah – das große Fest. Das Hochfest. Nationalfeiertag. Das jüdische Fest. Fest des Stolzes. Fest des Selbstbewusstseins. Fest der Gewissheit: Wir sind das Volk Gottes! Auserwählt aus allen Völkern! Befreit mit eigener Kraft durch Gottes Hand…
aus der Sklaverei in Ägypten.
aus der Babylonischen Gefangenschaft.
und bestimmt auch bald von der römischen Besatzung! Der Retter ist nahe. Und vielleicht/hoffentlich/ganz bestimmt war er schon mitten unter ihnen und saß hier mit am Tisch: Jesus.

Sie saßen zusammen – kurz vor dem Fest.
Passah – das große Fest. Das Hochfest. Feiertag des höchsten, des einzigen Gottes und seiner Macht über die Menschen, der seine schützende Hand über sie breitet.
Dieser Gott, sein Name ist heilig, würde sie alle erretten. Darauf hofften sie, daran glaubten sie und darauf warteten sie – wie alle Juden. Gott würde ihnen einen Retter schicken, einen gesalbten, einen Messias, einen, der sie erlösen würde von allen Sorgen und Ängsten des Lebens, von allen Krankheiten und Nöten. Und vielleicht sogar vom Tod…
Und vielleicht/hoffentlich/ganz bestimmt war er schon mitten unter ihnen und saß hier mit am Tisch: Jesus.

Sie saßen zusammen – kurz vor dem Fest und aßen und redeten miteinander und tauschten sich aus über die Ereignisse der letzten und die Pläne der nächsten Tage.
Und sie machten sich ihre Gedanken – jeder für sich.
Bis Jesus plötzlich sagte: »Ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten.« (Joh 1321)

  1. Petrus

Was? Hatte er das jetzt wirklich gesagt? Verrat?!? Ich hätte es mir ja denken können. Das konnte ja nicht gut gehen. Irgendwann musste das passieren.

Aber kein Wunder. Jesus war immer schon zu gutmütig. Mit allen hat er sich auseinandergesetzt. Mit allen geredet, sich auf alle eingelassen. Wirklich auf alle! Bei irgendwelchen komischen Frauen hat sich zum Essen eingeladen. Und bei Zöllnern, diesen Schergen des römischen Schweinesystems ist er ein und ausgegangen. Und wir mussten immer mit. Naja, so schlimm war es auch nicht. Und wer mit uns mitkommen wollte, durfte mitkommen. Einfach so.
Nun gut, die meisten haben es eh nicht lange ausgehalten und das hat er wohl auch schon geahnt. Aber wer es ernst meinte, war mit dabei. Egal wer. So ist er halt, unser Jesus. Ein Menschenfreund.

Dass sich irgendwann mal ein falscher Fuffziger unser diese Truppe mischen würde war ja klar. Ein römischer Spitzel! Oder noch schlimmer: einer, der diesem Pack von Tempelpriestern zuarbeitete. Die würden Jesus lieber heute als morgen tot sehen. Denen war er viel zu widerspenstig mit seinen Reden. Aber dass jetzt tatsächlich einer von und hier vom engsten Kreis… Von uns zwölfen?!? Wer ist es wohl? Bestimmt der Bartimäus und sein Bruder.

Ich muss mal Johannes fragen, ob er nicht mal unauffällig Jesus fragen kann. Den Johannes mag Jesus ja immer besonders gerne. Naja, der sagt ja auch nicht viel.
Wenn ich Jesus direkt Frage, kuckt er mich bestimmt wieder so mitleidig an. So mit so einem Blick: „Ach Petrus, weißt es denn nicht. Das ist doch klar. Aber du schaffst es ja nicht mal auf dem Wasser zulaufen.“ Ja, tut mir leid, Jesus. Ich bin halt nicht perfekt und manchmal verstehe ich dich auch einfach nicht. Zuerst dachte ich ja, dass es irgendwie gegen die Römer und die ganzen reichen Typen in Jerusalem. Aber dass es darum nicht ging, habe ich ja jetzt verstanden. Spätestens seid der Sache auf dem Berg, als plötzlich Mose und der Prophet Elia da waren. So ganz glauben kann ich das ja bis heute nicht. Aber eins scheint wahr zu sein: Unser Jesus hat irgendwie einen ganz besonderen Draht zu Gott. Nicht wie die Priester in Jesusalem. Sondern so direkt. Deshalb: Ich würde weder Jesus noch irgendwen anders von uns an irgendwen verraten. Aber wer ist es denn nun?

Was sagt er zu Johannes? »Ich werde ein Stück Brot in die Schüssel tauchen und der, dem ich es gebe, der ist es.« (Jes 1326) Alles klar!

WAS? JUDAS? Das hätte ich nicht gedacht!
Oder vielleicht doch. So ganz geheuert, war der mir noch nie. Der war immer schon so radikal. Ich dachte immer, der wollte Jesus nur aus der Reserve locken. Aber dass der nun Jesus an die Römer oder die Tempelpriester verschachert hat… Judas, der Verräter! Dann hat er die ganze Zeit schon gegen uns und vor allem gegen Jesus gearbeitet, oder?

  1. Judas

Verrat? Ja, so nennt er das! Das war ja klar. Ich weiß zwar nicht, wie er rausbekommen hat, dass ich mit den Tempelpriestern gesprochen habe, aber das ist mir jetzt auch egal. Man kann ja viel über ihn sagen, aber eins kann er, der Jesus: den Menschen ins Herz schauen. Das kann er! Der weiß bei uns allen, wie wir ticken.
Nun gut, vielleicht hat er mich durchschaut. Egal! Irgendwie muss ich unsere Sache doch mal voranbringen. Der er tut’s ja nicht!

Ja, er ist der große Redner. Nein wirklich, reden kann er. Ein Charismatiker, wie er im Buche steht. Einer, der die Menschen abholt und mitnimmt und mitreißt. Wenn der redet, dann liegen ihm die Menschen zu Füßen und hängen an seinen Lippen. Ich merke ja selbst immer wieder, dass ich mich nicht entziehen kann – diesen Worten, diesem Geist, der er verbreitet. Wahnsinn! Ich könnte ihm stundenlang zuhören. Da können sogar die Blinden wieder sehen. Ehrlich. Das ist irre. Er ist der, der die Menschen begeistert.
Aber darum geht’s hier doch nicht. Es geht doch nicht nur um ihn. Es geht um unser Volk und unser Land. Darum, dass wir die Römer loswerden.
Darum, dass wir wieder die Herren im eignen Land werden.
Wir müssen die Mächtigen loswerden.

Und immer wenn ich reden höre, dann weiß ich: Er ist der jenige, der das schaffen kann. Er kann die Menschen hinter sich vereinen. Er kann dafür sorgen, dass wir aufstehen und unsere Freiheit wieder erlangen. Und er würde Davids Thron besteigen.
Ich weiß, dass das einige andere auch hoffen. Aber das sind Idioten. Die denken, sie könnten dann den Hofstaat bilden und hätten ausgesorgt. So ein Quatsch! Hier geht es um mehr! Wir könnten als Volk endlich eins ein. Und Jesus kann das erreichen…

Das heißt: Er könnte! Er KÖNNTE! Aber er macht’s ja nicht. Redet immer so metaphysisches, geistliches Zeug, was keiner versteht. Gut, es berührt die Herzen, der Menschen. Aber was hat das mit der Realität zu tun? Dieses ganze Gerede von Gott: Und „Selig sind die Friedfertigen“ und so. „Ich bin das Brot, ihr seid die Reden.“ Hallo?!? So organisiert man keinen Aufstand. So was kann man am Sabbat in der Synagoge den alten Frauen erzählen.

Aber, Jesus, ich weiß, was du auf dem Kasten hast! Ich habe dich gehört und gesehen. Ich weiß, was du zu sagen hast und was du alles tun kannst. Aber wenn du nicht willst… Oder traust du dich am Ende nicht…?

Deshalb bin ich in den Tempel gegangen. Zu den Priestern. Die sind schon lange gar scharf darauf, den Jesus in die Finger zu kriegen. Und unauffällig verschwinden zu lassen.

Und Jesus, wenn die Soldaten der Tempelwache, dich dann abführen oder spätestens wenn sie dich umbringen wollen, dann wirst du nicht mehr anders können. Dann musst du deine Macht unter Beweis stellen, wenn du nicht sterben willst. Und dann werden alle sehen, wer du wirklich bist. Denn du wirst dich ja wohl nichts ans Kreuz schlagen lassen. Nein, so weit wirst du es nicht kommen lassen!

Ja, Jesus, jetzt gibst du mir Brot. Da dann. Was meinst du?»Tu das, was du vorhast, bald«? (Joh 1327) Keine Sorge. Schon geschehen. Ich werde der Welt schon zeigen, welche Macht zu wirklich hast. Und wenn ich dich dafür verraten muss…

  1. Johannes

Verrat! Ja, das muss wohl so sein. Ich verstehe, ja auch nicht immer, was Jesus uns so sagen will. Manchmal drückt er sich schon sehr komisch aus.
Aber ich bin mir sicher: Irgendwann werden wir ihn verstehen! Irgendwann werden wir verstehen, was er uns sagen will und vor allem, wer er wirklich ist.

Die anderen, zumindest einige, Judas und so, die denken ja, dass er der Messias, der Sohn Davids ist, der uns von den Römern befreien wird. Der, der den Thron Davids wieder aufrichten will. Der, der Israel wieder groß und stark machen wird. Ich glaube, da gibt’s einige von den anderen, die sehen sich schon mit dicken Gehältern in großen Villen sitzen und Minister spielen oder so. Aber davon hat Jesus aber sicher nie etwas gesagt.
Und überhaupt: Wenn das sein Ziel wäre, dann hätte er schon längst losschlagen können. So viele haben ihm gehört und ihm zugejubelt. Und viele sind es noch im Land, die nur darauf warten, dass einer zum Aufstand bläst.

Nein, nein, das was Jesus vorhat, das ist noch größer. Viel größer. Das ist noch viel wunderbarer. Das übersteigt unsere Vorstellungskraft. Da geht es um mehr, als nur um Politik und Unabhängigkeit. Da geht es um Leben und Tod. Aber nicht, wie unsere politischen Mitjünger hier denken. Ja, Jesus, der hat eine ganz besondere Beziehung zu Gott. Eine ganz besondere. Der ist nicht wie die Priester im Tempel und die Lehrer und Prediger in den Synagogen. Der ist anders.
Ganz bestimmt ist er ein Prophet, einer, Sachen sagt, die von Gott kommen. Vielleicht sogar direkt von Gott. Wer weiß…?!?
Wenn der redet, dann bin ich hin und weg. Und dabei geht es gar nicht so sehr um das, was er sagt. Sondern wie! Was er sagt geht direkt ins Herz. Für mich war das wie eine Verwandlung. Als müsste ich nichts mehr fürchten. Alles war immer ganz klar.

Nun gut, wenn er mal nicht da war oder mit anderen oder anderem beschäftigt war… wenn ich mal Zeit hatte, darüber nachzudenken, dann war dieses Gefühl nicht mehr so stark. Ja, das muss ich zugeben. Wenn das Leben mit seinen Alltäglichkeiten, mit seinen kleinen und großen Sorgen wieder da war, dann war es nicht ganz einfach dieses Gefühl im Herzen festzuhalten. Aber manchmal reichte es mich einfach nur an seine Worte zu erinnern und es war wieder da. Dieses Gefühl: Alles wird gut und Gott ist bei dir!
Ich glaube, wenn ich das irgendwem erzählen würde, der noch nie dabei war, wenn Jesus erzählt hat, dann hält der mich für verrückt. Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir selbst ein bisschen verrückt vor.
Aber egal. Ich weiß, was ich weiß. Und das mit Jesus ist groß und wunderbar. Ganz sicher!

Und wenn jetzt wirklich einer ein Verräter ist, dann ist das für Jesus bestimmt nichts Neues. Den überrascht nichts, vor allem nichts menschliches.

Jetzt sagt Petrus, ich soll mal fragen, wer der Verräter ist.

Judas. Der arme. Hoffentlich weiß der, was der da tut. Wenn der Jesus an die Wachen ausliefert oder an die Römer… Wie mag das am Ende ausgehen? Für ihn? Und vor allem für Jesus? Was sollen wir tun, wenn sie ihn einsperren? Oder sogar umbringen?

»Tu das, was du vorhast, bald!« (Joh 1327)
Was meint Jesus denn damit schon wieder? Judas soll ihn auch noch verraten? Will er etwa sterben? Aber das wäre das Ende…

Oder nicht?

  1. Ende

Sie saßen zusammen – kurz vor dem Fest.
Jesus, die Jünger. In trauter Runde. Mal ganz privat. Nur der engste Kreis. Keine Zuhörer. Keine Zuschauer. Keine neugierigen Blicke.
Und als Judas das Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus. Es war Nacht. (Joh 1330)
Amen.

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