Augen – die Fenster zur Seele (zu Johannes 13, 21-30)

Augen sind das Fenster zur Seele sollen Hildegard von Bingen und Leonardo da Vinci gesagt haben.

Wenn Blicke sich begegnen und ausgehalten werden dann verraten Augen viel über das Gegenüber.

Die Jünger sahen sich untereinander an: flüchtige, unstete, auch unsichere, ratlose Blicke, oder – um nur nicht beim Schauen erwischt zu werden – nicht als erster Aufschauen, aber aus dem Augenwinkel genau beobachten, was wer tut und wie reagiert…so stelle ich mir die Situation im Raum vor; es liegt etwas in der Luft, nicht nur Abschied, etwas Größeres, Tragischeres, etwas Ungutes.

Ich spüre die Unsicherheit und Unruhe, von denen die Blicke erzählen, obwohl Stille im Raum herrscht.

Zwischen zweien im Raum passiert etwas. Einer taucht einen Bissen Brot ein und reicht es dem anderen. Hände und Gesichter bewegen sich aufeinander zu. Einen Augenblick lang begegnen sich die Augen, schauen einander an, versuchen in den anderen hineinzuschauen.

Durchschaut der eine den anderen? Was sieht der Verräter in den Augen seines Opfers, was der Verratene bei dem, der doch sein Freund sein wollte und sein sollte?

Kann der Freund diesem wissenden Blick standhalten?

Manchmal reicht  der eine Augenblick um zu erkennen, zu verstehen,  was da geschieht; reichen die Blicke, die sich treffen.

Ich stelle mir vor, wie Jesus Judas anschaut: den Jünger, den Wegbegleiter den Freund. So hat er auf Menschen immer schon reagiert. Er hat hingeschaut und hingehört, er hat wahrgenommen, Stummen eine Stimme und Namen- und Bedeutungslosen Ansehen geschenkt.

Jetzt schaut er Judas an. Er schaut in ihn hinein und sieht er Zerrissenheit Enttäuschung, Verärgerung, Traurigkeit, Resignation, Leere – denke ich mir.

Oder sieht er das Böse?

Kann ein Mensch abgrundtief und hoffnungslos böse sein?

Ich weiß es nicht und bin froh nicht richten zu müssen.

Ich weiß nur, wie schnell die Menschen meinen, alles zu wissen.

Wie sie schnell sie glauben, längst alles verstanden und durchschaut zu haben.

„Es ist Nacht in Judas‘ Herzen, Nacht in seiner Seele“ hat ein Ausleger geschrieben und sein Urteil über Judas gefällt.

Keiner möchte einen Judaskuss erhalten oder den Judaslohn. Der Name ist mittlerweile gleichbedeutend mit der Tat: Verrat

Judas wurde verantwortlich gemacht für den Tod Jesu, und seine vermeintliche Schuld des Verrates wurde projiziert auf das jüdische Gottesvolk, das in Jesus nicht den Messias sah. Judas wurde gleichbedeutend mit „jüdisch“, Sein Name stand für das Volk, das den Hass durch die ganze Geschichte hindurch und immer noch real in Gestalt von mörderischem Antisemitismus erfahren hat. Da ist es das abgrundtief Böse, aber nicht zuerst bei Judas, sondern bei denen die hassen – unausrottbar,  hoffentlich wird Antisemitismus nicht einfach widerspruchslos hingenommen, indem zu viele wegschauen, den Blick senken und eben nicht wahrhabenn wollen, was sich da vor ihren Augen für Abgründe auftun und was da gerade geschieht, von Mensch zu Mensch, ohne, dass alle einander als Menschen begegnen.

Hat Jesus Judas in ein finsteres, umnächtigtes Herz geschaut?

Oder hat sich das Herz erst verfinstert, ist unterwegs trübe geworden.

War der Blick Judas längst verschlossen, so dass er euchten und Liebe, Zuwendung und Vergebung gar nicht mehr wahrnehmen konnte?

Wie lange halten sie einem Blick stand?

Es hängt wohl auch davon ab, ob ich mich „verstanden und angenommen“ oder „beobachtet und durchschaut“ fühle. Meine Seele soll kein offenes Buch und meine Augen keine Tür zu meinem Innersten sein und zugleich wünsche ich mir nichts mehr, als dass einer Lesen kann, was in mir geschieht, ohne dass ich auf mich aufmerksam machen muss; dass einer mich im Innersten berührt ohne dass ich mich entlarvt fühle.

Jesus kann wohl mit seinem Blick so ganz beim Andern bleiben.

Es liegt an mir, was ich zulasse, wie viel Nähe ich spüren möchte, wenn er mich anschaut.

Musik

In einem Stück des Berliner Gripstheaters sangen die Schauspieler einmal: doof geboren wird keiner, doof wird gemacht…

Ist Judas nun hoffnungslos und von Natur aus böse – oder in tragischer Weise zum Täter geworden, weil er nicht mehr Herr seiner Sinne und seiner Taten war?  Da fuhr der Satan in ihn, erzählt Johannes.

Es wäre dann nicht Judas allein, der aus seinen Taten spricht. Es wäre eine Kraft, die über ihn Macht gewonnen hat.

Vielleicht ist es allein schon die Verführung, Macht über Leben und Tod zu haben.

Die Versuchungsgeschichten am Anfang der Bibel im Paradiesgarten kennen die verlockende Verheißung der Versuchung, Wissen und Macht wie Gott zu gewinnen. Adam und Eva konnten exemplarisch diesem menschlichen Größenwahn nicht widerstehen.

Jesus erlebte Versuchungen des Größenwahns in seiner Wüstenzeit, aber er widerstand ihnen.

Es ist die Tragik menschlicher Existenzen, sich aus diesem Teufelskreis verlockender und vernichtender Macht, die uns so viel verspricht, nicht befreien zu können.

Auch wer nicht zum Mörder oder Verräter, zum Denunzianten oder Spitzel des Systems wird, ist stets in der Gefahr, Macht und Einfluss mit Überlegenheit zu verwechseln. Aber niemand steht als Mensch in Wert und würde über einem anderen oder unter einem anderen.

Was also hat Jesus wohl gesehen, als er hingesehen hat?

Er hat einen liebesbedürftigen, vergebungsbedürftigen erlösungsbedürftigen Freund angesehen und verweilt bei ihm in diesem intimen Augenblick, in dem alles, was kommt, offen zwischen beiden liegt, mit einer Geste des Vertrauens und der Sorge und der Freundschaft. Er taucht den Bissen ein und gibt ihm zu essen.

Jesus kann doch nicht mit einem brechen, mit dem er das Brot bricht!

Er kann nicht mit mir brechen, wenn ich an seinem Tisch Platz nehme und von seinem Brot esse und aus seinem Kelch trinke.

Dann halte ich mich daran fest, dass es ja heißt: für dich

Brot für dich

Kelch für dich

Der Verrat fängt  nicht erst da an, wo er jemanden ausliefert.

Wie oft habe ich selbst schon Hilferufe zwischen Sätzen, Berührungen oder Blicken ignoriert, übersehen oder überhören wollen, überfordert, erschöpft oder einfach nur zu sehr bei mir und in mir gefangen!

Ich werde die Frage nach dem Warum und Wozu nicht beantworten können. Aber ich sollte sie um der Gerechtigkeit willen grundsätzlich stellen, um den Menschen hinter dem Bösen weiter wahrzunehmen. In jedem und in jeder verbarg sich doch auch die Möglichkeit die ganz andere oder der ganz andere zu sein. Das mag das Geheimnis der mythischen Rede vom Satan sein, der von Judas Besitz ergriff.

Das ist nicht wirklich Judas, der verrät, der ausliefert, der den Tod verursacht. Dem verletzbaren Judas komme ich näher, in dem Augenblick, in dem er nicht mehr leben kann und leben will mit dem, was er zu verantworten hat.

Da hätte er sich an den Blick Jesu erinnern können. Da war ein  Ausweg aus der Schuld.  Jesus sah doch das Gotteskind, das Ebenbild Gottes in ihm, das mehr ist als die Tat.

Das unterscheidet Jesus von uns. Er hat die Größe auch im Bösen das Gute zu sehen, im schuldig gewordenen die verpassten Chancen und Möglichkeiten, im Verurteilten das Liebenswürdige.

Und doch verhindert er nicht das Unheil, das er doch abwenden könnte. Er lässt Judas gehen und sagt ihm: tue, was du tun willst – und ich höre da auch heraus: tue, was du tun musst.

Ja, der Mensch ist frei und Herr seiner Taten. Und er ist zugleich in der Gefahr, gefangen zu bleiben in schicksalhaften Verstrickungen, unglücklichen Umständen, ausgeliefert den verführerischen Kräften, die ihm Macht und Bedeutung verheißen. Das ist allerdings trügerische Bedeutung – wie eine Raub an sich gerissen und nicht voller Gnade als Geschenk und Auszeichnung, Ansehen von Gott her empfangen…

Das Böse ist real: Ehe die Menschen anfingen zu fragen und zu verstehen, was da eigentlich passiert, spürten sie bereits, was mit ihnen geschieht, 

spürten das Verhängnis, das zum Leben dazugehören scheint, wie die Liebe, die auch möglich und stärker ist als alles Böse.

Jesus hat sie gelebt und so die Macht des Bösen entlarvt, aber auch durchbrochen. 

Das Böse ist real, damals und heute.

Gewalt, Lüge, Hass, Betrug, Angst, Machtmissbrauch und ungerechte Strukturen lassen keinen Zweifel daran. 

Aber Gott lässt auch keinen Zweifel an seinem Urteil, seinem Plan, seinem Weg. Sein Blick spricht Bände, seine Hände sind ausgestreckt und warten darauf ergriffen zu werden.

Ich würde Judas gerne verstehen, aber ich kann nur über seine Motive spekulieren, aber ich kann für ihn hoffen, dass letztlich nicht er aus seinen Taten spricht und das Gott sieht, wer sich hinter dem verbirgt, was er tut.

Gott sei uns allen gnädig und liebevoll zugewandt. Gnädig und zugewandt können wir Welt und Wirklichkeit dann auch mit anderen Augen anschauen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen!

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