Auf Gottes Kosten

Liebe Gemeinde,

manchmal packt einen der heilige Zorn und zugleich die kalte Wut. Oder wie soll ein normaler Mensch sonst reagieren, wenn er im Fernsehen einen blonden elfjährigen Jungen aus Amerika sieht, der in Handschellen abgeführt wird, weil eine bigotte Nachbarin ihn angeblich beim Tun schlimmer Dinge gesehen hat. Das Gefängnis sei zum Besten des Kindes, sagt eine ebenso bigotte Richterin in einem Land, dass sich für die moralische Instanz der Welt hält, und das Recht auf Besitz von Schusswaffen als eines der höchsten Menschenrechte ansieht.

Packt einen da nicht der heilige Zorn und zugleich die kalte Wut, wenn in diesen Tagen argumentiert wird, der Verkauf von Leo II-Panzern an die Türkei würde langfristig 10.000 Arbeitsplätze sichern. Keiner kommt auf die Idee zu fragen, wie viele Menschen in Kurdistan dafür sterben könnten. Vor Jahren hat mir einmal ein Pfarrer erzählt, in Mitterteich hätte es im 3. Reich ein kleines Konzentrationslager gegeben. Als man es schließen wollte, gab es Proteste, denn dadurch würden ja Arbeitsplätze verloren gehen. An dieser Einstellung, so der Pfarrer, hat sich bei uns bis heute nichts geändert.

Ja, liebe Gemeinde, wir könnten in der weiten Welt anfangen und bei uns aufhören und wären in einer Woche noch nicht fertig mit dem Reden und Erzählen von himmelschreiendem Unrecht, von der Unfähigkeit und Ohnmacht der Gerechtigkeit, vom Betrug und Verrat der Lebenden an künftigen Generationen, vom egoistischen, gefräßigen, maßlosen, rücksichtslosen, gewissenlosen Lebewesen der Gattung Mensch, das seine Welt lieber zerstört und verkonsumiert, bevor sie noch jemand anders kriegt.

Muss Gott da nicht der heilige Zorn und die kalte Wut packen über diesen Menschen? Muss nicht jeder, der noch ein wenig Empfinden für Gerechtigkeit hat gegen diese Sorte Mensch kämpfen? Besonders gegen die Sorte mit gesundem Volksempfinden, die sagt: Solange bei mir im Garten noch ein Baum wächst, solange auf meine Kinder keiner schießt, solange kein Asylant meinen Rasen zertrampelt und solange meine Kasse stimmt, ist die Welt doch in Ordnung. Als wäre Gerechtigkeit, als wären Menschenrechte teilbar! Entweder sollen sie für alle gelten, oder es gibt sie nicht. Aber wo soll man anfangen! Gerechtigkeit für alle Menschen? Wann hat es das in der Geschichte der Menschheit jemals gegeben. War das mit der Sintflut vielleicht gar keine so schlechte Idee?

Denn was ist aus denen geworden, die sich dem Strom des Unrechts entgegenstellten? Mahatma Ghandi? Ermordet! Martin Luther King? Erschossen! Jesus Christus? Ans Kreuz genagelt!

Was wird der Christus tun, wenn seine Menschen alle erscheinen müssen vor seinem Richterstuhl (2.Kor 5,10)? Er wird ihnen seine Wundmale zeigen. Denn in ihnen liegt die ganze Geschichte Gottes mit uns Menschen. Sein Ringen um Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden. Gerechtigkeit, mit der Gott gerecht ist und den straft und verdammt, der seine Gerechtigkeit verachtet. Gott kennt den heiligen Zorn und die kalte Wut, wenn das Unrecht zum Himmel schreit. Er schickte die Sintflut und vertilgte den Menschen. Aber die Nachkommen derer, die er am Leben ließ, stellten die alten Missstände wieder her und bald schrie es wieder und noch lauter zum Himmel.

Da hat Gott seine Meinung geändert! Nicht weil er heute ein paar Gerechte mehr fände, als zu Noahs Zeiten. Nein, alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte (V 23). Paulus lässt keine Ausnahme gelten. Gott gibt die Hoffnung auf, dass sich bei uns aus eigener Kraft wieder ein bisschen Glanz entwickeln könnte. Alles Drohen bringt nichts.

Gott gibt diese Hoffnung auf, ohne die Hoffnung für uns aufzugeben. Und deshalb geht er einen anderen, neuen Weg. Er selbst begründet neue Hoffnung auf den anderen und neuen Menschen, der Gott und seiner Welt gefällt. Die Wundmale des Christus zeigen an, dass Gott unsere Sünde und Ungerechtigkeit mit all ihren zerstörerischen Folgen auf sich nimmt, um uns im Gegenzug mit seiner Gerechtigkeit zu bekleiden. Einen für uns Menschen fröhlichen, erfreulichen Wechsel hat Luther das genannt. „Damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit“, so Martin Luther in der Auslegung zum 2. Glaubensartikel.

Gott macht den Menschen gerecht, allein durch den Glauben. Das ist der Eckstein evangelischer, reformatorischer Theologie. Nicht zuletzt in unserem Predigttext hat Martin Luther diesen Eckstein wiederentdeckt und ans Licht geholt. Allein durch den Glauben, oder anders gesagt, allein im Vertrauen auf das, was Gott für uns tut, dürfen wir Menschen sein, die in einer miserablen Welt, Gottes „sehr gut“ wieder hören dürfen. In einer in vielen Punkten abzulehnenden Welt dürfen wir Angenommene sein und bleiben, von Gott angenommen durch die Gerechtigkeit, mit der Gott gerecht ist und den Sünder gerecht macht. Die gibt’s nur geschenkt, oder gar nicht.

Dieses Geschenk will Gott allen Menschen machen. Und deshalb gilt: Für von Gott bejahte Geschöpfe darf die Hoffnung nicht aufgegeben werden. Für alles, was den heiligen Zorn und die kalte Wut in uns weckt, darf die Hoffnung nicht aufgegeben werden. Wer die Hoffnung aufgeben will für alles, was in unserer Welt zum Himmel schreit, dem zeigt der Christus seine Wundmale, um uns wegzuholen von heiligem Zorn und kalter Wut. Um uns wegzuholen von einer Gerechtigkeit, mit der wir selbstgerecht sind und andere verdammen und oft gar nicht merken, wie sehr wir selbst im Glashaus sitzen. Für Sintfluten und anderes, was wir im Zorn anderen an den Hals wünschen, steht Gott nicht zur Verfügung. Auch nicht für die kaltherzige Gleichgültigkeit, mit der wir unseren Stall schön sauber halten, während anderswo die Sau los ist.

Gott sei Dank mischt Gott sich ein in unsere heillosen Verhältnisse. Auf seine Kosten! Ganz und gar auf seine Kosten. Das sollen und das können wir ihm nicht nachmachen. Aber wir können und sollen ihm soweit folgen, dass wir aufhören auf Kosten anderer Menschen und auf Kosten seiner Schöpfung zu leben. Wer auf Gottes Kosten leben darf, hat es nicht mehr nötig auf Kosten anderer zu leben. „Jedem das seine“, darf der Glaube besser verstehen: Jedem sein Platz zum Leben. Mir das meine und dem anderen das seine und damit er’s hat, notfalls auch noch ein Stück von meinem.

Soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Gerechtigkeit, ökologische Gerechtigkeit, Gerechtigkeit zwischen den Generationen wird es auch bei uns nicht geben, solange jede Gruppe in unserer Gesellschaft von der blanken Angst regiert wird, nicht auf ihre Kosten zu kommen. Es ist ja im Grunde auf vielen Gebieten der Wettbewerb darum, wer es in unserer Gesellschaft am Besten schafft, auf Kosten anderer zu leben? Im Weltmaßstab gehören wir jedenfalls zu den Ländern, die gewonnen haben. Aber wir werden irgendwann am eigenen Leib und im eigenen Land merken, dass es in diesem Kampf in Wahrheit nur Verlierer gibt.

Denn es wird keine Gerechtigkeit geben; keine Verhältnisse, wo wir nicht instinktiv aufbegehren und sagen: Da ist etwas nicht in Ordnung; keine Verhältnisse, die vielleicht bescheidener sind, als die, in denen wir heute leben, aber wo wir zufriedener werden, wir und die nahen und fernen anderen auch.

Ob es sie jemals geben wird? Gott hat uns alles geschenkt, damit wir sie ergreifen; mit einem Glauben, der gelassen macht, weil Gott uns alles schenkt. Die Sintflut ist schon lange her. Und noch immer gibt Gott die Hoffnung für uns nicht auf. Warum sollten wir es dann tun?

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