Auf der anderen Seite des Weges (Ps 91,10+11)

Ps 91,10+11
[10] Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen. [11] Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

[Unfalltod einer jungen Frau.]

Liebe N.N. und N.N., lieber N.N. und N.N.,

plötzlich hat euch – uns alle die Nachricht vom Tod eurer Schwester erreicht. Plötzlich ist alles anders. Es stellen sich sofort viele Fragen – die Fragen nach dem „warum“ und „warum unsere Schwester“ und „warum so früh“ – Fragen, auf die ich – wir keine Antwort haben. Der Schmerz übersteigt unsere Kraft. Wir spüren Hilflosigkeit. Wir sind erschüttert und tief betroffen. Protestieren und aufschreien möchten wir und spüren doch, dass wir nichts mehr ändern können.

Besonders euch möchte ich sagen, dass wir alle Anteil nehmen an eurer Trauer, auch wenn wir sie nicht abnehmen können und dürfen. Mit unseren Gedanken waren und sind wir bei euch in diesen Tagen.

Lieber N.N., du hast – zu deinem/eurem Trost Worte gesucht und gefunden und sie deiner Schwester an die Seite gestellt, sie ihr noch einmal in den Mund gelegt, mitgegeben – ihr dort, uns hier:

„Weint nicht, wenn ihr mich liebt, ich bin nur vorübergegangen – auf den angrenzenden Grund“
„Ich bin ich, ihr seid ihr; was wir füreinander waren, das bleiben wir für immer“
„Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt, sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt, wechselt nicht den Ton, (atmet) nicht einsam und traurig“
„Lacht weiter über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben. Denkt an mich, betet für mich, denn mein Name wird ausgesprochen wie immer: ohne irgendein Patos, klar!“
„Das Leben ist, was es immer war. Der Faden ist nicht gerissen. Warum sollte ich ausserhalb eurer Gedanken sein – nur weil ihr mich nicht mehr sehen könnt?
Ich erwarte euch! Ich bin euch nah – gerade nur auf der anderen Seite des Weges.“

Liebe Gemeinde, wie ein Abtasten, eine Annäherung in Demut mit dem Wissen um das Nichtwissen – wagen wir das Unmögliche auszusprechen, wagen wir es „Gott“ oder „das Göttliche“ zu sagen – zweifeln, nehmen es zurück, versuchen es noch einmal ganz anders und stehen da mit leeren Händen –
am Ende eines Menschenlebens.

Und da, wo wir selber garnichts mehr tun können, bleibt das Hören – heute Psalmworte, die ihr für diesen Gottesdienst ausgesucht habt:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, ja – das ist unser Apell, unsere flehentliche Bitte an Gott, dass es so sein möge: kein Stolpern, kein Stossen, keine Verletzungen – das Unmögliche: nicht wir, aber die Gott Nahen, die ganz anderen Geschöpfe, seine Engel mögen uns hier, N.N. dort tragen, beschützen, hier wie dort begleiten – unsichtbar, aber sicher!

Diese Psalmworte sind von ihrem Ursprung her die Worte eines Betenden im alten Israel. Der/die kannte zwar noch nicht die tödliche Gefahr, mit der Menschen einander gefährden, wenn sie z.B. heute zu Verkehrsteilnehmern werden, die einander imponieren, jagen und bedrohen und so ihre Großartigkeit meinen demonstrieren zu müssen. Nein, der Psalmbeter kannte nicht unsere Lust, Gier und Jagd nach grösseren und schnelleren Karosserien, die nicht nur das Geld zum Leben, sondern das Leben selbst kosten! Aber der Psalmist kannte offenbar vergleichbare Not: Warum sollte er sonst von der Rettung aus Tod und Verderben reden – nein, dazu braucht es keine starken Motoren! Denn wie schwer und bedroht das Leben ohnehin schon ist, das weiß eben jeder und jede, die versuchen muss, durch den Alltag zu kommen, wenn man nicht zu den Reichen, den Starken, den Schnellen, den Weißen gehört.

Der Psalmbeter gehört zu einer Minderheit, den Israeliten, die versuchten, in ihren Zelten zu leben und dem Wechselspiel der Großmächte zu trotzen: Ägypter, Assyrer, Perser … Die Starken und Mächtigen sind für den Psalmbeter keine Hilfe. Im Gegenteil! Sein Gott ist eben nicht der Gott der Starken, kein Mammon, kein Maschinengott – sondern der Gott, der hilft – so sein Name und sein Versprechen von Anfang an: schon vor der Geburt hat er es versprochen: Ich befreie dich zum Leben – durch die Nacht, durch alle Dunkelheit hindurch – selbst der Tod ist keine Macht mehr über dich! Von Anfang an nicht und auch nicht am Ende.

Auf diesen Gott, der hilft, setzt der Psalmbeter alle Hoffnung. Und in diesen Gottesnamen sind auch wir mit hineingenommen in das Versprechen, das Gott seinem Volk gegeben hat: er selbst, in seinem eigenen Sohn, steht dafür ein, dazusein: da zu helfen, wo die Starken behaupten, dass das Leben nichts, Geld, Stärke und Schnelligkeit alles bedeuten.

Liebe Gemeinde, wir hörten eben die Geschichte vom leeren Grab. Wer sie hört, der erschreckt zunächst – so wie die Frauen. Hatten sie sich doch schon abgefunden mit dem Tod; wollten sich einrichten in ihrer Trauer. Aber da wird ihnen und uns noch einmal gesagt, der Tod Jesu macht keinen Sinn; das hatte Jesus ihnen doch schon zu Lebzeiten gesagt: Ja, er kannte die Brutalität der Menschen und er wusste: Sinn macht nur, dieser Brutalität ein Ende zu bereiten. Das sinnlose Sterben zu beenden – Auferstehung der Toten: gewaltfrei – Leben; Kinder, Witwen und Waisen respektieren; vergeben und heilen – Auferstehung der Toten: niemanden verloren gehen lassen!

Das ist die Botschaft, die uns zur Gemeinde macht, die uns verbindet mit euren Familien in Afrika, die uns verbindet mit N.N. und mit allen, die auf ein besseres Leben hoffen.

Aber was heißt das schon – ein besseres Leben?

Ich denke an das, was ich von N.N. gehört habe: Sie wollte nicht das Abenteuer Europa, noch nicht einmal die Großstadt Cotonou hat sie gereizt; sie wollte leben – mit Kindern, Mann, auf dem Dorf; das war ihr genug Reichtum und Fülle. Sie hat euch mit dieser bescheidenen Haltung daran erinnert, wie verrückt wir werden, wenn plötzlich die Technik, die Uhren, der Besitz und die Karriere das Leben bestimmen. Sie war ein Ruhepol mit dieser Haltung, für eure Eltern, die ihren Kindern alles möglich machen wollen; für euch hier, die ihr das europäische Getriebensein mit seinen positiven, aber auch mit seinen negativen Seiten kennenlernt.

N.N. hatte das für sie bessere Leben gewählt, war zufrieden, mit dem, was sie hatte – das ist es, was euch hier besonders traurig macht; dass gerade sie so sterben musste. An unserer Verrücktheit; an unserem Getriebensein, an unserem Geschwindigkeitswahn! Dafür steht jeder Verkehrstote – ausgeliefert unserem sündigen Tun!

„Doch seinen Engeln befieht er, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie werden dich auf den Händen tragen, dass dein Fuss nicht an einen Stein stoße“ – Dafür steht Gott ein: wo seine Schöpfung, sein Geschöpf, wo sein Mensch zu schaden kommt, da ist er und nimmt ihn auf. N.N. ist längst getragen von seinen Boten. Das ist unser Trost, wenn wir heute an N.N. denken.

Ich bin da, um zu helfen, wo ein Menschenleben auf der Strecke bleibt. Niemand bleibt auf der Strecke. Auch wenn ihr einander begraben müsst – am dritten Tage auferstanden! Für euch alle! Niemand bleibt dort allein, wo ihr nicht weiter könnt. N.N. nicht – sie ist längst getragen von meinen Boten.

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