Auch die Zukunft ist ein fremdes Land (Rut 1,16-17)

Rut 1,16-17
[16] Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. [17] Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Lieber N.N., liebe N.N.,

Euer Trauspruch für diesen Tag steht im Buch Ruth im 1. Kapitel im 16. und 17. Vers: "Ruth antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlasse und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden."

Liebes Brautpaar, liebe Eltern, liebe Hochzeitsgemeinde.
So spricht Ruth aus dem Alten Testament. Ruth die Moabiterin, die nach dem Tod ihres Mannes in das fremde Land Israel wandert und so eine der Großmütter des Königs David wird. So spricht Ruth zu ihrer Schwiegermutter, die Ruth wieder nach Hause schicken will.

So ist das manchmal mit Bibelsprüchen, sie klingen so schön und passen zunächst einmal gar nicht zu unserer Situation. Denn wenn ihr, liebes Brautpaar, heute heiratet, dann müssen Eure Eltern und Schwiegereltern hören, dass Ihr mit diesem Tag Vater und Mutter endgültig verlasst, und mit dem heutigen Tag Eure Beziehung zueinander immer unbedingten Vorrang vor Eurer Beziehung zu Euren Eltern hat. Bei der Hochzeit müssen Eltern ihre Kinder loslassen und das ist nicht immer ganz leicht.

Trotzdem: Die Worte der Ruth passen auch für ein Brautpaar. Denn auch Eure Situation hat mit der der Ruth manches gemeinsam. Ihr habt nun einen gemeinsamen Lebensweg vor Euch. Und auch wenn Ihr schon Pläne für die Zukunft gemacht habt: Wo genau Euer Weg in 5, 10, 20 Jahren hinführen wird, das wisst Ihr nicht. Auch die Zukunft ist ein fremdes Land.

Und gerade weil wir so immer wieder aus dem Vertrauten in die Fremde unterwegs sind, brauchen und suchen wir uns Menschen, die mit uns gehen und bei denen wir in jeder Fremde geborgen und daheim sind. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen und wo du bleibst, da bleibe ich auch. Glücklich, wer einen Menschen hat, der so reden kann. Der hat den gefunden, bei dem man Zuhause sein kann in guten, wie in bösen Tagen. Und genau das sagt Ihr, liebes Brautpaar heute zueinander. Das ist und bleibt nicht nur heute ein Grund zum Feiern.

Und Gott gibt seinen Segen dazu. Als Ruth in die Fremde aufbricht, ist es alles andere als klar, dass eine gute Zukunft auf sie wartet. Und wenn sie auf ihre Vergangenheit zurückblickt, muss ihr der Mut noch mehr sinken. Aber Ruth verliert den Mut nicht. Ruth schaut nach vorn. Und Gott gibt seinen Segen dazu. Er bindet sie ein in seine Heilsgeschichte und am Ende schaut sie zurück auf ein Leben, das trotz aller Höhen und Tiefen gesegnet war von dem Herrn, der seine Barmherzigkeit nicht abgewendet hat (Ruth 2,20).

Ihr, liebes Brautpaar tut gut daran, wenn Ihr heute dem Beispiel von Ruth folgt und nicht zurück, sondern in die Zukunft schaut. Nicht im Vertrauen auf Euere eigene Kraft, sondern im Vertrauen auf den Gott, der seinen Segen dazu gibt. Dein Gott soll auch mein Gott sein heißt es in Euerem Trauspruch. Und damit ist eine Quelle angesprochen, die Eurer Beziehung mehr Kraft schenken kann, als gemeinsame Neigungen, Hobbys oder Interessen. Einen gemeinsamen Glauben haben heißt, sich nicht nur beieinander sondern auch in der gleichen Hoffnung geborgen wissen, bei dem Gott, der versprochen hat alle Tage bei Euch zu sein bis ans Ende der Welt. Und deshalb sagt ihr dann nicht einfach nur Ja zueinander: Sondern Ja, mit Gottes Hilfe.

Gottes Hilfe haben wir nötig. Auch die Liebe zwischen zwei Menschen braucht sie. Denn unsere Liebe hat Höhen und Abgründe. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, sagt Ruth. Denn sie weiß, dass die Nähe eines Menschen gesund machen, krank machen, tot und lebendig machen kann. Sie weiß, dass die Liebe gut machen, böse machen, traurig und froh machen kann. Anders als Cola, Käse und Wurst gibt’s die Liebe nicht light. Und wer nur einen Lebensabschnittspartner sucht, findet vielleicht nette Gesellschaft, aber die Liebe wohl kaum.

"Wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst," lässt der Schriftsteller Gibran seinen Propheten sagen, "dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken und vom Dreschboden der Liebe zu gehen, in die Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen, und weinen, aber nicht alle deine Tränen" (Khalil Gibran, Der Prophet, S.14).

Nein, liebes Brautpaar, die Liebe fordert unser ganzes Lachen und alle unsere Tränen. Die Liebe ist stark, wie der Tod. Und deshalb scheinen heute immer weniger Menschen etwas von ihr zu verstehen.

Aber Gott versteht etwas von der Liebe. Seine Liebe zu uns und unsere menschliche Liebe haben mehr miteinander zu tun, als die Kirche immer zugeben wollte. Was ist der Weg des Christus auf dieser Welt anderes als ein Weg der Liebe? Er führt durch die Höhen und Tiefen unseres Lebens, von der Hochzeit zu Kanaa bis zum Kreuz auf Golgatha, bis in den Tod. Doch an Ostern gibt der lebendige Gott seinen Segen dazu. Doch an Ostern lässt Gott nicht zu, dass dieses Leben der Liebe beerdigt wird. An Ostern zeigt Gott uns das Leben des Jesus von Nazareth als ein Leben nach seinem Willen und seinem Geschmack. An Ostern zeigt Gott, dass nur ein Leben, das von der Liebe bestimmt und getragen wird, Zukunft, ja sogar Ewigkeit hat.

Und auch all die gute Dinge, die wir Euch, liebes Brautpaar heute für die Zukunft wünschen, werden ohne die Liebe ja schlecht, denn:

Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich, Verantwortung ohne Liebe rücksichtslos; Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart, Freundlichkeit ohne Liebe heuchlerisch; Klugheit ohne Liebe macht grausam, Ordnung ohne Liebe kleinlich; Besitz ohne Liebe macht geizig, Ehre ohne Liebe hochmütig; Glaube ohne Liebe macht fanatisch. Ein Leben ohne Liebe ist sinnlos.

Deshalb darf die Liebe nicht fehlen. Deshalb ist sie Gottes oberstes Gebot und Gesetz. Ein Gesetz freilich, dem die Ausführungsbestimmungen fehlen. Denn es heißt, wie der Kirchenvater Augustinus einmal sagte: "Liebe – und tu was du willst. Es wird dann immer das Richtige sein."

Daran erinnert euch immer wieder auf Euerem gemeinsamen Weg. Und stellt Euer Leben und Eure Liebe zueinander immer wieder unter den Schutz und Segen Gottes. Unter den Schutz des Gottes, der auf der Seite der Liebenden steht und alles tun will, damit Eure Liebe nicht stirbt, sondern wächst und gedeiht zu Eurer Freude und zur Freude Eurer Freunde und Verwandten.

Dann wird Euch Euer gemeinsamer Gott davor bewahren, daß Ihr über allem Guten und Schönen im Leben, über Alltag und Arbeit das vergesst, was Euerem Leben wirklich Sinn und Zukunft gibt. Dann wird Euch Gott davor bewahren, dass Ihr einander und Eure Liebe aus den Augen verliert.

Dann wird Euch Gott aber auch von der anderen Gefahr bewahren, die der Liebe droht. Er wird Euch davor bewahren, dass Ihr vor lauter ängstlicher Liebe einander die Luft zum Atmen nehmt und einander erdrückt. Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen soll nicht heißen, dass jeder von Euch keinen Platz mehr hat, auch einmal einen eigenen Weg zu gehen.

"Lasst Raum zwischen euch", mahnt der Dichter. "Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel: Lasst sie ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein. Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch auch allein sein; so wie die Saiten der Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern. Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut. Denn nur Gottes Hand kann eure Herzen umfassen. Und steht zusammen, doch nicht zu nah: Denn die Säulen des Tempels stehen für sich und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen."(Gibran, aaO. S.16).

Dass Ihr Euch bei aller Liebe Platz lasst, auch dazu will der Glaube Euch helfen. Denn der Glaube nimmt der Liebe die Angst. Jeder von Euch darf den anderen in der Hand Gottes geborgen wissen. Dem gehört Euer Leben, Euer Anfang und Euer Ende.

Darum müsst Ihr Euch nicht ängstlich aneinander klammern, sondern dürft Euch und Eure Liebe jeden Tag aufs Neue als Geschenk Gottes betrachten. Oder habt Ihr Eure Liebe etwa gewollt, geplant und gemacht? Nein, sie wurde Euch geschenkt. Und Gott will sie Euch immer wieder neu schenken.

Deshalb wünschen wir Euch, dass ihr Euch darauf freut und gelassen bleibt, und dass Ihr wie Ruth einmal zurückschauen und feststellen könnt, dass Euer gemeinsames Leben trotz aller Höhen und Tiefen von dem Gott gesegnet war, der seine Barmherzigkeit nicht von uns abwendet.

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