Apfelbäumchen

"Und wenn ich auch wüsste, dass Morgen die Welt unterginge, so würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen." Martin Luther, liebe Gemeinde, dem dieser Satz zugesprochen wird, hat immer hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut. Auch und gerade, als er am 31. Oktober 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen über die Situation seiner Kirche veröffentlichte. Damals war er noch fest davon überzeugt gewesen, dass seine Worte in den Chef-Etagen des römischen Vatikan auf verständnisvolles Gehör stoßen würden. Er konnte nicht ahnen, dass dieser Tag noch 402 Jahre später in einer nicht-katholischen Kirche als Feiertag gilt.

Martin Luther hat damals einen sehr kritischen Blick auf die Institution geworfen, in der er als Priester mit Leib und Seele diente. Und ich glaube, am ehesten machen wir ihm heute eine Freude damit, wenn wir es ihm gleich tun. Schließlich soll unsere Kirche ja fit für das dritte Jahrtausend gemacht werden und da gibt es sicher noch einiges zu tun. Nun möchte ich sie nicht mit einem Vortrag von 95 Thesen langweilen. Die gehören ja auch nicht hier oben auf die Kanzel, sondern ich hätte sie bei einer Nacht- und Nebelaktion an die Kirchentür hämmern müssen. Aber ich möchte sie einladen, mit mir noch einmal den Predigttext, den wir eben gehört haben, entlangzugehen. Denn auch der sagt etwas über die Zukunftsfähigkeit unserer Kirche aus …

Als erstes lese ich da, dass wir als Kirche Tacheles reden sollen. Sagt eure Meinung offen und ehrlich und tut es so, dass es alle verstehen. Versteckt euren Glauben nicht hinter schönen Worthülsen, die nur deswegen fromm klingen, weil man sie mit getragener Stimme und ernstem Blick vorträgt. Und macht um Gottes Willen mit eurem christlichen Fachchinesisch die Sache Jesu nicht komplizierter als sie ist. Denn nichts soll verborgen bleiben, keine Geheimniskrämerei soll es geben, dafür aber Worte klar wie Licht und so deutlich, dass sie jeder Mensch hören kann. Und wie sieht es heute aus?

Nun, ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass Verlautbarungen unserer Kirche immer weniger Beachtung finden. Ein Beispiel: Wer spricht denn heute noch von dem evangelisch-katholischen Sozialwort der Kirchen, dass vor zwei Jahren veröffentlicht wurde? Man hat es zur Kenntnis genommen, höflich gelobt und dann vergessen, wogegen sich unsere Kirche übrigens ebensowenig gewehrt hat wie bei der Abschaffung des Buß- und Bettages. Immerhin, bei der Sonntagsruhe scheint man wieder etwas wacher geworden zu sein … Aber ich frage mich schon, ob sich unsere Worte nicht zu sehr einer politisch-diplomatischen Sprache angepasst haben? Und ob wir wirklich noch beherzigen, dass unsere Rede "Ja, ja und nein, nein" sein soll …?

Das gilt übrigens auch für Themen, die innerhalb der Kirche diskutiert werden. Besonders deutlich ist das bei der sogenannten "Gemeinsamen Erklärung der Lutherischen und Römisch-Katholischen Kirche zur Rechtferigungslehre", die ja heute in Augsburg feierlich unterschrieben wird. Von Klarheit kann da wohl kaum mehr die Rede sein. Zuviel muss interpretiert und ergänzend erklärt werden. Und ob man sich dabei wirklich näher gekommen ist, darüber ist man ja geteilter Meinung, wobei beide Seiten, Befürworter und Gegner des Dokuments, recht haben. Wie das nun mal in der Diplomatie so ist …

Und bei uns in der evangelischen Kirche wird seit geraumer Zeit ein Diskussionspapier zu den Themen "Sexualität und Lebensformen" sowie "Trauung und Segnung" mehr oder weniger totgeschwiegen. Auch aus Gründen der Diplomatie. Denn die Frage, was man denn nun unter der Ehe versteht und ob es möglich sein soll, gleichgeschlechtliche Partnerschaften offiziell unter den Segen Gottes zu stellen, droht unsere Kirche zu spalten. Also: ab damit in die Schublade …

Es liegt sicher auch an diesem Hin-und-Her, dass unser Reden von immer weniger Menschen verstanden oder für glaubwürdig gehalten wird. Die christliche Sprache ist für viele zur unverständlichen Fremdsprache geworden. Und hier liegt für uns in näherer Zukunft vielleicht die wichtigste Aufgabe vor uns: zu lernen, endlich so zu reden, dass es auch diejenigen verstehen, die den Kirchendialekt nicht sprechen: einen Psalm so zu lesen, dass er auch Jugendlichen etwas sagt; ein Glaubensbekenntnis so zu sprechen, dass mehr Ausrufungs- als Fragezeichen hinter den einzelnen Aussagen stehen; eine Predigt so zu halten, dass jede und jeder etwas davon mit nach Hause nehmen kann; ein Gebet so zu beten, dass darin die Alltagssorgen der Menschen aufgehoben sind; einen Gottesdienst so zu feiern, dass er die Fröhlichkeit der Botschaft Jesu wiederspiegelt; eine Gemeinschaft vorleben, die uns als Freunde Jesu glaubwürdig macht …

Denn was wir den Menschen zu sagen und zu vermitteln haben ist ja nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Du, du und du, jeder Einzelne von euch ist es Wert, geliebt zu sein, und zwar bedingungslos. Und du, du und du, jeder einzelne unter Euch ist es Wert auch so behandelt zu werden. Egal wer du bist, egal woher du kommst, egal was du glaubst. Für uns bist du ein Geschöpf Gottes und das sollst du auch zu spüren bekommen …

Die ersten Christinnen und Christen haben dies in erster Linie nicht in Worte gefasst, sondern gelebt und danach gehandelt. Was die neue Religion damals so attraktiv machte, das war die Art und Weise, wie man miteinander umging, auch mit denen, die nicht zur Gesellschaft gehörten. Christinnen und Christen haben damals vorgelebt, was es heißen kann, jeden Menschen seiner von Gott geschenkten Würde entsprechend zu behandeln. Enstanden ist daraus die Diakonie … Und wie sieht es heute aus?

Wenn ich das Wort Diakonie höre, dann denke ich sofort an Bad Kreuznach, an Meisenheim usw. An große, komplexe Institutionen, die professionell Dienst am Menschen tun. Und die sich trotz aller Wirtschaftlichkeit, mit der diese Unternehmen geführt werden müssen, bemühen, das Mitmenschliche nicht ganz zu vergessen. Allerdings sehe ich auch, dass die Diakonie in der einzelnen Gemeinde dadurch an Bedeutung verloren hat. Es hat einmal eine Zeit gegeben, da hatte jede Gemeinde ihre eigene Diakonie-Schwester. Das ist heute kaum noch vorstellbar.

Und doch: je mehr sich die Diakonie von der Gemeinde entfernt und praktisch zu einem eigenen Unternehmen neben der Kirche wird, desto wichtiger ist es m.E., dass in den einzelnen Kirchengemeinden wieder mehr aufeinander geachtet wird. Der Herr Rese, der Pfarrer im Diakonie-Krankenhaus ist, hat mir vor kurzem z.B. gesagt, dass in vielen Fällen eine Einweisung älterer Menschen in ein Seniorenheim verhindert werden könne, wenn sich nur jemand finden würde, der sich um die kleinen alltäglichen Dinge, wie z.B. das Einkaufen, kümmern würde. In den Städten ist die Anonymität inzwischen so groß geworden, dass es kaum jemandem noch auffällt, wenn irgendwo irgendwer wochenlang tot in seiner Wohnung liegt. Und bei uns auf den Dörfern wird es mit der Solidarität, die häufig ja noch funktioniert, auch immer schwieriger, je mehr Menschen zuziehen, die hier nicht aufgewachsen sind. Und wir werden uns darüber Gedanken machen müssen, liebe Gemeinde, wie wir damit in Zukunft umgehen wollen …

Letztendlich wird alles darauf hinauslaufen, inwiefern sich unsere Kirche innerhalb unserer Gesellschaft zu ihrem Auftrag bekennt – und zwar mit allen Konsequenzen, die daraus entstehen können. Ihr sollt mit der Zeit gehen, aber hütet euch davor, euch ihr anzupassen! Sagt den Menschen deutlich, wofür ihr einsteht und gebt ihnen damit die Möglichkeit, sich klar dafür oder dagegen zu entscheiden. Ihr seid dazu da, Geborgenheit zu geben, aber erkauft diese Geborgenheit nicht mit Bequemlichkeit. Ihr habt die Aufgabe, Frieden zu stiften, aber auch Unruhe. Ihr sollt euch für die Zukunft engagieren dieser Welt und den Menschen sagen, wer euch den Mut dazu gibt …

"Und wenn ich auch wüsste, dass Morgen die Welt unterginge, so würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen." Wenn sich unsere Kirche für das dritte Jahrtausend fit machen will, dann wünsche ich ihr so viel Zutrauen zu Gott und sich selbst, wie es dieser Satz ausdrückt. Ich habe mich lange gefragt, wieso Martin Luther gerade auf ein Apfelbäumchen gekommen ist. Immerhin ist es ja der Baum, mit dem nach alter Tradition ja die ganze Misere der Menschheit angefangen hat. Vielleicht hat Luther die Geschichte von Adam und Eva und dem Baum der Erkenntnis ja auch etwas Positives abgewinnen können. Seitdem sollten wir Menschen wissen, was dem Guten und was dem Schlechten dient. Und immerhin ist ja die Selbsterkenntnis bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Wenn wir gleich im Anschluss an den Gottesdienst dies kleine Gewächs einpflanzen, dann also auch als Ausdruck unserer Hoffnung, dass unsere Kirche erkennen möge, wo es lang zu gehen hat. Auch wenn es für sie manches Mal so aussieht, als ginge ihre Welt unter.

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