Ankommen – Predigt über Johannes 3,16

Liebe Gemeinde!

Ankommen. Nach einer langen Fahrt wieder zu Hause sein. Die Beine ausstrecken auf dem Sofa. Die eigenen vier Wände wieder haben. Innere Freude, die sich ausbreitet.

Ankommen. An einem fremden Ort. Mit Neugier und voller Vorfreude. Urlaub. Sich vertraut machen. Den Alltag hinter sich lassen.

Ankommen im Leben. Es geschafft haben. Die Ausbildung hinter sich. Die Suche nach dem eigenen Weg, einen Partner oder eine Partnerin gefunden haben. Das Gefühl: so ist es gut, so soll es bleiben.

Wie oft stellt sich genau dieses Gefühl ein? Ich vermute, es ist selten. Kostbar. Und flüchtig. Flüchtig wie das Glück. Ankommen tue ich oft. Aber das Gefühl, wirklich ganz angekommen zu sein, ist selten.

Unterwegs sein, das ist mir viel vertrauter. Auf dem Weg zur Arbeit. Innerlich unterwegs mit vielen Gedanken. An manchen Orten im Gespräch oder auf der Durchreise. Viel zu oft gehetzt und ohne Ruhe. Unterwegs in dieser undurchsichtigen Welt, diesem ruhelosen Leben. In den letzten Tagen besonders erschüttert von dem, was da passiert ist. Die Bilder aus Berlin im Kopf. Die Frage: wo geht das alles hin mit dem Terror, der Gewalt. Unterwegs nach Erklärungen, die es nicht so einfach gibt.

Unterwegs sein in einer komplizierten Welt, das ist anstrengend. Ich bin gefragt, mich zurecht zu finden. Es wäre so schön, wenn alles einfach wäre. Wenn schwarz schwarz und weiß weiß wäre. Doch da sind so viele Grautöne, so viele Schatten und Halbschatten, Verlockungen in hellem gelb oder knalligem rot. Mittendrin immer ich und die Frage: wo soll es hingehen. Für mich, für die, die ich liebe, für dieses Land, dieses Europa, diese Welt.

Unterwegs zu sein ist eine Anforderung an unser Leben. Wer sich orientieren will, muss flexibel sein. Informiert, bereit, den Ort zu wechseln. Die Möglichkeiten sind da. Internet überall, Mobilität dank moderner Verkehrsmittel. Unterwegs sein, wird leicht gemacht.

Doch ich weiß auch: Millionen sind unterwegs aus purer Not. Vertrieben vom Bombenhagel und Granaten. Auf der Flucht vor Hunger und Elend. Unterwegs, um das nackte Leben zu retten. Und es sind nicht weniger, nur weil bei uns die Grenzen nach Europa dicht gemacht werden. Nie sind so viele Menschen im Mittelmeer ertrunken wie im letzten Jahr.

Unterwegs zu sein, bedeutet keine Ruhe zu finden. Auf der Suche, getrieben von innerer Not oder äußerem Druck. Anzukommen und zu bleiben, das ist ein großer Wunsch. Nicht nur für Flüchtende. Auch für Getriebene, denen es äußerlich ganz gut geht. Für die Gehetzten und Unzufriedenen. Angekommen sein im Leben.

Gott ist angekommen. Mitten im Leben. In dieser Welt.

„So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn  gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Mit diesen Worten aus dem Johannesevangelium stellt die Bibel Gottes Ankunft vor.

Das Christfest stellt uns eindrücklich ein Bild vor Augen. Ein kleines Kind liegt in einer notdürftig hergerichteten Krippe. Nur Maria und Josef sind da. Es ist kein Platz für dieses Kind in einer Welt, die schon damals aus den Fugen geraten war. Jesus gehörte schon am Anfang seines Lebens zu den Verfolgten. König Herodes will ihn töten lassen. Eine Heimat bei den Menschen findet dieser Jesus auch später nicht. Er bleibt ein Mensch ohne Heimat. Einer, der umherzieht. Ein Wanderprediger ohne eigenes Haus. So ist Gott angekommen. Kein Fünf-Sterne-Hotel oder Palast. Wer Gott sucht, findet ihn bei denen, die unterwegs sind. Bei den Rastlosen und Unruhigen, den Flüchtenden und Fragenden.

Er kommt in eine Welt, die zunehmend unübersichtlich geworden ist. Danach sehnen sich viele Menschen, dass sie diese Welt deuten können, sie lesen, sie verstehen können. Aber das gelingt nicht mehr. In einer globalisierten Welt ist kaum der Durchblick zu gewinnen. Zu verworren sind die politischen Großwetterlagen, die wirtschaftlichen Interessen, die religiösen Einflüsse in vielen Teilen der Welt. Wer versteht schon, was im Krieg in Syrien passiert. Wer kann ermessen, welchen Einfluss ein Terrorsystem wie der Islamische Staat wirklich hat und wer ihn mit Geld und Waffen versorgt?

Sicher, das scheint weit weg. Aber der Anschlag von Berlin hat gezeigt, wie nahe der Terror uns rückt. Wir können versuchen, uns die Probleme anderer Staaten vom Hals zu halten. Aber längst ist es so, dass wir nicht losgelöst voneinander leben können. Wer meint, wir könnten umunser Land Mauern bauen, um uns die Probleme anderer nicht zu uns zu holen, liegt falsch. Wir haben in unserem Land eine ganz unselige Erfahrung mit Mauern gemacht. Ausgrenzung und Abschottung führen in die Isolierung und irgendwann in den Untergang.

Was mich immer mal wieder tröstet: die Welt war auch früher schon kompliziert. Sicher ganz anders und aus heutiger Perspektive vielleicht viel übersichtlicher. Aber für die Menschen in ihrer Zeit war das Gefühl der Ohnmacht genau so stark. Sich nicht zuhause zu fühlen in dieser Welt, unterwegs zu sein, ohne je ganz anzukommen, das kannten auch Menschen früherer Jahrhunderte.

Das Leben spielt sich immer in dieser nicht perfekten und chaotischen Welt ab. Aufregend ist, dass Gott genau in diese Welt kommt. Nicht in eine Märchenwelt, sondern in diese Ansammlung von sehr fehlerhaften Menschen. Gott liebt genau diese Welt so, dass er seinen Sohn in diese Welt geschickt hat. Martin Luther hat es in einer Predigt über diesen Bibelvers einmal so ausgedrückt. Diese Welt ist „ein großer Haufen solcher Leute, die Gott nicht fürchten, vertrauen noch lieben, loben noch danken, alle Kreatur missbrauchen, seinen Namen lästern, sein Wort verachten, dazu Ungehorsame, Mörder, Ehebrecher, Diebe und Schälke, Lügner, Verräter, voll Untreu und aller bösen Tücke, und kurz, aller Gebote Übertreter.“

Für seine deftige Sprache war er ja bekannt. Aber ich finde: wenn ich die Nachrichten unserer Zeit höre und lese, dann ist mit seiner Beschreibung die Welt ganz gut getroffen. Eine Ansammlung von Gottesverächtern. Das sind häufig die, die den Namen Gottes besonders laut vor sich her tragen, die meinen mit ihrer engstirnigen Religion andere töten zu dürfen oder die, die mit rechten oder linken Ideologien andere ausgrenzen. Ein künftiger amerikanischer Präsident, der hohle Phrasen dröhnt, ein russischer Präsident, der über Leichen geht, ein türkischer Präsident, der alle anders Denkenden ausschaltet. Wirtschaftsbosse, die nur an Profit denken.

Und mittendrin wir. Menschen, die sich danach sehnen, einmal anzukommen. Anzukommen im Leben, bei sich zu sein. Abgeschreckt und verwirrt von dem, was um uns herum passiert. Suchend, wie das gehen kann in einem Land, das mit so vielen verschiedenen Kulturen und Religionen und Einstellungen zurechtkommen muss.

Die Botschaft dieses Abends ist die, dass Gott angekommen ist. Er gibt uns Raum, dass wir auch ankommen dürfen. Der Stall von Bethlehem ist dieser Ruheort. Diese Heimat, die Geborgenheit gibt. Die unsere Suche zum Ziel kommen lässt. Nicht damit wir uns zur Ruhe setzen. Sondern damit wir wissen, wo wir Halt und Hoffnung finden.

Frieden ist ein arg strapaziertes Wort. Mehr Hoffnung als Realität. Aber an der Krippe bekommen wir eine Ahnung davon, dass Friede möglich werden kann. Weil Gott in diese unheile Welt gekommen ist. Angekommen bei den Ruhelosen. Angekommen in diesem einen Menschen, Jesus.

Er hat nicht auf alle unsere Fragen eine Antwort. Er ist nicht der Messias, der diese Welt mit einem Paukenschlag verwandelt. Aber er zeigt einen Weg. Dieser Weg fängt an mit dem Staunen über das Kleine. Ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Wie könnte Gott schöner und eindringlicher ankommen bei uns.

Es wird darauf ankommen, wie wir wieder losziehen von dieser Krippe. Wie wir weiter unterwegs sind. Als Hetzende und Getriebene oder als solche, die wissen, dass sie Heimat in Gott haben. Mit dieser Heimat im Herzen wird es möglich, die Welt neu in den Blick zu nehmen. Sie ist nicht verloren. In ihr liegt Gottes Versprechen geborgen, dass Rettung und Frieden möglich sind. Dafür ist es manchmal nötig, das Grausame auszuhalten. Anders wird es nur, wenn wir andere werden. Uns anstecken lassen von der Botschaft der Engel, die Frieden verkündet haben. Das geht auch ganz klein los.

Den Islamischen Staat werden wir nicht als einzelne besiegen können, einen Donald Trump nicht ändern, und auch, ganz saubere Autos zu bauen, wird uns schwerfallen. Aber für unsere Nachbarn ein offenes Herz zu haben, seien es Deutsche oder nicht, das kann uns gelingen. Unsere Kraft für ein Projekt einzusetzen, das dem Frieden dient, das ist nicht einfach, aber machbar. In jedem Fall können wir Menschen mit Achtung und Respekt begegnen. Uns nicht anstecken lassen von mancher Hetzpropaganda oder Ausgrenzung anders Denkender.

Unsere Grenzen erkennen und die Zerbrechlichkeit unserer Welt, und dann das Leuchten in den Augen meiner Mitmenschen zu suchen: das lässt mich ankommen. In diesem Leben, in dieser Welt. Dabei begleitet Gott und macht sein besonderes Angebot. Er ist Mensch geworden und nur so, als Mensch lässt er sich finden. So kommt er auch zu uns.

 Amen.

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