Andersrum

[Anmerkung: zum Parthenon finden Sie Informationen u.a. bei wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Parthenon]

Liebe Gemeinde!

Kommen Sie mit. Wir fahren mal nach Athen. Und gehen auf die Akropolis ins Parthenon. Das ist der grandiose Tempel der Stadtgöttin Athene.

Wir gehen hinein. Wollen Sie mir folgen, so blicken Sie auf Ihr Bild. Wir erklimmen zunächst die Stufen des Tempels. Riesige Säulen markieren den Eingang. Mensch, das ist groß. Oder: Was bin ich klein dagegen. Wir schreiten hinein in die Vorhalle. Von da aus gehen wir weiter in den Innenraum. Ein Steintisch taucht vor uns auf. Darauf opfern die Priester Schafe, Lämmer, Ziegen. Diese Opfer, besonders das Blut der Tiere, gelten ihr. Ernähren sie. Die, die dahinter steht. In einem halbdunklen Raum. Athene. Überlebensgroß. 11m hoch. Aus Gold und Elfenbein. In der einen Hand der Schild, mit dem sie Athen beschützt. Auf der anderen Hand thront ein kleines Wesen mit Flügeln, die Siegesgöttin Nike, die nie von ihrer Seite weicht. Auf dem Kopf der Helm, Zeichen ihrer Wehrhaftigkeit. Athene hält ihr Haus sauber. Und ihr Haus, das ist nicht bloss der Tempel, sondern die ganze Stadt Athen, die ihren Namen trägt.

Die Architektur der ganzen Anlage ist eine beeindruckende Inszenierung der Religion des antiken Athens. Mach dich auf, Mensch, auf die Bergeshöhen, mühevoll bergan schleppe Deine Opfergabe, überwinde die letzten Stufen, ernähre Deine Göttin mit dem, was Du hast, und sie wird Dich und Deine Stadt beschützen und Dir Frieden gewähren. Sie, die heilige Jungfrau, die nur Dich, Athen als Kind hat, sie sorgt für Dich, wenn Du für sie sorgst als Deine Mutter.

Wir verlassen Athen. Wir haben verstanden und sind durchaus beeindruckt. Wir gehen nun in unseren Tempel, in die Stadtkirche Heiligenhafens. Auch auf einem Hügel angelegt thront sie über dem Hafen. Vom Salzspeicher aus gehen wir die Stufen hinauf. Treten ein durch die hohe Eichentür, durchqueren den Turmraum, kommen in das Hauptschiff, das auch von stattlichen Säulen getragen wird. Vorne, nochmals einige Stufen höher steht ein Steintisch, und auf diesem hängt Jesus Christus am Kreuz. Flankiert von zwei Menschen, Adam und Eva, Mann und Frau. In Christus Händen stecken Nägel, auf seinem Kopf eine Dornenkrone.

Und der soll unsere Stadt beschützen? Geht es uns durch den Kopf….

[Der Küster und ich stellen nun das Abendmahlsgeschirr auf den Altar]

Ja. Da liegt es nun. Christi Leib für uns. Christi Blut für uns. Für mich. Für Dich. So heisst es nachher, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot usw.

Sie spüren es schon, nicht wahr. So ähnlich auf den ersten Blick der architektonische Aufbau unserer Kirche doch ist zum Athenetempel, so anders doch der religiöse Inhalt. Andersrum sozusagen. Genau andersrum. Kein Opfertier wird gebracht, um die Gottheit zu ernähren. Sondern Er, unser Gott, gibt uns sein Fleisch und Blut, sein ganzes Leben und alles was er hat, damit wir leben. Damit es uns gut geht. Damit wir uns geliebt wissen, wie Kinder, die sich der Liebe ihrer Mutter gewiss sind.

Und was geben wir zurück? Nichts.

Gar nichts. Wir kommen einfach, bilden einen Kreis und empfangen: Christ Leib für Dich. Christi Blut für Dich. Geht hin, mit dem Frieden des Herrn. Er selbst liebt Euch.

Empfangen. Aber im Kreis. Gemeinsam. Das schafft er. Gebt Euch das Zeichen des Friedens. Gebt Euch die Hand. Einer trage des anderen Last. Liebet einander. Usw. Wenn überhaupt wir etwas geben, dann das: unsere Menschlichkeit als Antwort. Das schützt zwar nicht unsere Stadt vor Bomben und Granaten, aber unsere Seelen vor Hass und Bosheit.

Und darum nehmen wir ihn in unsere Mitte, erhöhen ihn, stellen sein Bild auf einen Altar, sein Haus auf einen Hügel, weil er sich zu uns begibt, sogar in uns hinein geht, und uns dient als der Hirte und Hüter unserer Seelen.

Andersrum. Unsere Religion ist andersrum.

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