Anbruch der Ewigkeit (Mt 23,10)

Mt 23,10
[10] Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus.

Liebe N.N.

Dieser Weg heute hierher in diese Friedhofskapelle ist Ihnen sicherlich schwer gefallen. Den diesem Weg ist eine Zeit vorausgegangen, die Ihnen allen viel abverlangt hat. Wie mag es Ihnen heute gehen, wie mögen Sie sich fühlen, wenn Sie diesen Sarg hier stehen sehen und wissen doch allzu gut, alle Zeichen stehen auf Abschied.

Es ist schon wahr: Ihnen wird heute etwas zugemutet und ist es nicht so, dass im Augenblick Ihre Seele und auch Ihr Herz angesprochen wird.

Und das was wir vorhaben, hat ja auch mit diesen besonderen Bereichen des Menschen zu tun. Es geht um Liebe, um einen letzten Dienst in Liebe und um einen Weg, der vor einiger Zeit begonnen hat und der heute rein äußerlich so etwas wie einen vorläufigen Abschluss findet. N.N. wurde am …… in Elbing, einem Ort in Westpreußen geboren. Die Familie flüchtete im Winter 1945 zu Fuß nach Danzig, kam auf dem Wasserwege nach Hamburg und wenige Zeit später in die Stadt Schwarzenbek. In Schwarzenbek wurde N.N. am …… konfirmiert. Und nach Beendigung der Volksschule daselbst machte er eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Seine berufliche Laufbahn erhielt das Sahnehäuptchen als er 10 Jahre nachdem er seine Ausbildung angefangen hatte, die Meisterprüfung als Werkzeugmacher ablegte. N.N. war ein Mensch, der alles sehr sehr genau nahm. Ihm ging es um Präzision, es musste 100% stimmen, was man sich vornimmt, plant und erst recht, wenn man einen Plan ausführt. Alles, was er – nicht nur aus technischer Sicht – machte, musste auf ein µ genau stimmen. N.N. hatte gegen sich selber hohe, sehr sehr hohe Ansprüche und hat sich dadurch das Leben vielleicht oft auch schwerer gemacht als dies nötig tat. Aber – wir haben ja alle unsere Ecken und Kanten, wir sind an dieser oder jener Stelle eben auch schwierig und können, obwohl wir es gerne wollen, doch nicht aus unserer Haut. Unser Verstorbener war vielseitig interessiert. Er las sehr viel und liebte die Naturwissenschaften, hat gerne anspruchsvolle Rätsel gelöst und gehörte zu den ganz wenigen ZEIT-Lesern in unserer Gemeinde. In dem Bereich, in dem er gearbeitet hat, von der Firma Fette an bis hin zur Firma Wilhelmsburger war er beliebt, weil er eben zuverlässig und kollegial war. N.N. war zwar ein vielseitig interessierter Mensch, lebte aber ehe zurückgezogen und pflegte so gut wie keine Freundschaften. Sicherlich hat so ein Verhalten auch Ihre Beziehung zu ihrem Mann ausgemacht, liebe N.N. Sie selber wissen es am besten, was Sie an ihrem Mann hatten und wie sehr Sie ihn geschätzt haben: Sie haben ihn geliebt.

Die Ereignisse, die zu seinem Tod geführt haben, haben sich in einer ziemlichen Dichte zugetragen: Bereits ….. war er im Krankenhaus in ……wegen des Verdachtes auf Herzinfarktes. Im letzten Jahr war der Dezember für Sie die Zeit, die Sie alle mental besonders in Anspruch genommen hat: Erste Anzeichen einer stark zunehmenden Krankheit waren Rückenbeschwerden und Übelkeit. Am Nikolaustag kollabierte er in der Wohnung und wird, obwohl er es nicht möchte, ins Krankenhaus nach Celle eingewiesen. Dort wird er bis zum …..untersucht und man plante eine Bypass-Op. An Heiligabend haben Sie, lieber N.N., Ihren Schwiegervater nach Hause geholt. Bei der Schweineglätte hatten Sie einen Schutzengel bei sich und es war in der Rückschau das Beste, was Sie tun konnten, denn es war die letzte Weihnacht, die Sie zusammen mit N.N. verbracht haben.

Und Weihnachten bekommt dadurch einen besondern Stellenwert: Für Sie, liebe N.N.,Sie seine Mutter, die Sie ihn unter Ihrem Herzen getragen und ihn ein Leben lang bei sich haben durften. Sie können es so gar nicht verstehen, dass Ihr Sohn vor ihnen gegangen ist. Sie hätten es gerne anders gehabt, dass Sie vor ihn hätten gehen können; für Sie, liebe N.N., die Sie seit dem ………. mit ihm verheiratet waren und ihn auf Ihre Weise geliebt und gekannt haben, wie sonst niemand hier und ich darf Sie bitten: Denken Sie in Zukunft bitte an die vielen schönen Augenblicke, die Sie mit Ihrem Mann teilen konnten; für Dich, liebe N.N., denn man hat nur einen Vater in seinem Leben und dieser Dein Vater hat Dich so gut ins Leben geschickt, wie er es eben verstand und vermochte; für Dich, lieber N.N., denn Du konntest einen Menschen auf einem Stück Deines und seines Lebensweges kennen- und sicherlich auch schätzen lernen.

Und dann sind da noch N.N. und N.N., die am letzten Weihnachtsfest mit den Häusern gespielt haben, die ihr Großvater eigens für die beiden gebaut hatte. Es ist ein Abschied, aber es bleibt so viel zurück, an Stimmungen, an Eindrücken und auch an Gegenständlichem. Sie werden überall in Ihrem Haus Dinge haben und wieder entdecken, die Sie an ihn erinnern werden. Am ……. hatte man versucht, mittels einer Operation N.N. zu retten und sein Leben zu verlängern. Um 19.30h bekamen Sie dann Bescheid, dass er nicht mehr lebt.

Das war für Sie alle ganz schlimm, denn zuletzt stirbt die Hoffnung und so sind Sie heute hier und nehmen Abschied von N.N.

Geboren …….. Gestorben ….. . Was ist das Leben? Diese Frage drängt sich auf. Lassen Sie uns dieser Frage nachgehen mittels eines Textes von mir, den Sie, liebe N.N. beim Begegnungsnachmittag im November zum ersten Mal gehört haben und der Ihnen gefallen hat:

An einem schönen Sommertage war um die Mittagszeit eine Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel. Alles ruhte.

Da steckte der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte: „Was ist das Leben?“ Alle waren betroffen über diese schwere Frage. Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere heraus. Sie sprach: „Das Leben ist eine Entwicklung“.

Weniger tief veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte da und dort und sagte: „Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein.“

Drunten am Boden schleppte sich eine Ameise mit einem Strohhalm ab, zehnmal länger als sie selbst, und sagte:“ Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit.“

Geschäftig kam eine Biene von einer honighaltenden Blume zurück und meinte dazu: „Das Leben ist ein Wechsel von Arbeit und Vergnügen.“

Wo so weise Reden geführt wurden, steckte der Maulwurf seinen Kopf aus der Erde und sagte: „Das Leben ist ein Kampf im Dunkel“.

Die Elster, die nur vom Spott der anderen lebt, sagte: „Was ihr für weise Reden führt! Man sollte meinen, was ihr für gescheite Leute seid!“

Es hätte nun einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der sagte: „Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen!“

Dann zog er weiter zum Meer. Dort brandeten die Wogen und warfen sich mit aller Gewalt gegen die Felsen, kletterten daran in die Höhe und warfen sich dann wieder mit gebrochener Kraft ins Meer zurück und stöhnten: „Das Leben ist ein stets vergebliches Ringen nach Freiheit.“

Hoch über ihnen zog majestätisch ein Adler seine Kreise, der frohlockte: „Das Leben ist ein Streben nach oben“.

Nicht weit davon stand eine Weide, die hatte der Sturm schon zur Seite geneigt. Sie sprach: „Das Leben ist ein Sich-Neigen unter eine höhere Macht.“

Dann kam die Nacht.—

In lautlosem Flug glitt ein Uhu durch das Geäst des Waldes und krächzte: „Das Leben heißt, die Gelegenheit nutzen, wenn die anderen schlafen.“

Schließlich wurde es still im Wald.

Nach einer Weile ging ein Mann durch die menschenleeren Strassen nach Hause. Er kam von einer Lustbarkeit und sagte vor sich hin: „Das Leben ist ein ständiges Suchen nach Glück und eine Kette von Enttäuschungen.“

Auf einmal flammte die Morgenröte in ihrer vollen Pracht auf und sprach: „Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit.“

Liebe Angehörigen, hätte dieser Text unserem Verstorbenen gefallen? Ich denke schon.

Das Leben ist kurz und schnell und unvermutet kann das Sterben kommen. Es gibt keinen Zufall und vieles wird Ihnen noch als gut und richtig einleuchten, was Sie für N.N.getan haben.

Es ist folglich kein Zufall, dass unser Verstorbener folgenden Spruch zu seiner Konfirmation bekommen hat: Einer ist Euer Meister, Christus.

Kurz und bündig ist dieser Satz aus dem Matthäusevangelium. Wenn einer über unseren Verstorbenen zu befinden hat, über ihn und über sein Leben, dann Christus und sonst niemand. Unsere Mutmaßungen über ihn gelten vor Gott uns seinem Sohn nichts, denn sie haben zwar ihren Platz in dieser Welt, aber nicht im himmlischen Reich Gottes.

Wir wollen N.N. loslassen, auch wenn es Ihnen so schwer fällt. Wir befehlen ihn in die guten und treusorgenden Hände Gottes. Er ist nirgendwo besser aufgehoben als dort.

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