Anbetung der Könige

<i>[Zu einem Bild von Meister Francke „ Anbetung der Könige“. Das Bild ist zu finden unter: <a href="http://www.onlinekunst.de/weihnachten/adventskalender/15_adventskalender.html" target="_blank">http://www.onlinekunst.de/weihnachten/adventskalender/15_adventskalender.html</a>.]</i>

Was ist es mit dem Heiligen Abend, was diesen Abend besonders macht? Was ist es?

Ist es die Erinnerung an die Aufregung der Kindertage? Ist es das Leuchten in Kinderaugen heute?

Ist es die uralte Geschichte von Geburt und Anbetung; die Geschichte vom Wunder des Lebens, das sich ausbreitet auch unter widrigen und ungeklärten Umständen?

Ist es die Erwartung und die Hoffnung auf Erfüllung: die Erwartung, dass das einmal wahr wird, was wir da hören: FRIEDE AUF ERDEN! Friede überall, trotz aller schlimmer Weltwirklichkeit – und Friede auch in uns selbst?

Ich kann mich nicht entscheiden. Es gibt wohl tausend Gründe, warum diese Nacht „heilig“ ist – vielleicht so viele Gründe wie es gläubige Menschen gibt …

Wenn ich das Bild betrachte, dass wir ihnen an den Platz gelegt haben – ein kleines Dankeschön unserer Hamburger Kirchen an Sie – wenn ich dieses Bild betrachte, dann finde ich viele der guten Gründe im Bild wieder:

Das Kind sehe ich zuerst, das neugierig in der Schatulle kramt und dabei fast vom Schoß seiner Mutter herunterrutscht. Die Mutter wirkt in sich gekehrt, vielleicht ist sie sehr mit sich selbst beschäftigt, versucht, mal abzuschalten! Hinter ihr ist das Ruhekissen für sie bereitgelegt – aber mal ehrlich – welche Mutter findet denn schon am Heilgen Abend Ruhe? Das Kissen sieht vornehm aus – ein Kissen für eine Königin, mit Troddeln daran und auf Purpur gelegt – und man sieht es kaum: es ist ganz zart mit Kreuzen bestickt!

Man möchte sich gleich ausstrecken und den Kopf bequem anlehnen – aber da ist ja dieses quirlige, lebendige Kind, das sich kaum halten lässt.

Und da sind ja auch Besucher angekommen! „Anbetung der Könige“ heisst diese Altartafel aus der Werkstatt des Meister Francke. Gemalt wurde das Bild für die Englandfahrergesellschaft zu Hamburg und für die Kapelle dieser Bruderschaft in der Hamburger Johannes-Kirche. Diese Kirche stand ungefähr dort, wo sich heute das Hamburger Rathaus befindet.

„Anbetung der Könige“ also von 1425. Das Bild befindet sich heute in der Hamburger Kunsthalle, dort können Sie es im Original ansehen!

Schauen wir noch einmal auf die Postkarte:

Einer der Könige deutet zum Himmel hin, der mit unzähligen Sternen geschmückt ist. Es geschieht Himmlisches – will er wohl sagen und ein zweiter schaut noch suchend hinterher.

Der dritte aber ist schon angekommen – er vertut keine Zeit mit Deutungen, er hat gefunden, was er suchte: das Gotteskind, den Menschgewordenen Gott. Was soll er da noch in den Himmel schauen, wenn das Ziel des langen Weges doch auf der Erde zu finden ist.

Die drei kommen mir durchaus vertraut vor. Sie haben etwas mit der Weihnachtsstimmung zu tun: In Erwartung sein und in Spannung, nach dem Glück suchen, Ausschau halten nach dem, wofür sich ein weiter Lebensweg lohnt und dann – in die Knie gehen und das Haupt neigen, die Krone vom Kopf nehmen, demütig werden.

Das Hinknien kennen wir heute kaum noch: Mich erinnert es an die Brautpaare, die wir in den Kirchen trauen, sie gehen so in die Knie, dann wenn sie danken für die Gnade der Liebe und um den Segen bitten für ihr Lebensglück. Unsere Konfirmanden knien auch so, wenn sie eingesegnet werden und das ganze Leben liegt vor ihnen.

Das Kind auf unserer Abbildung segnet auch: jedoch nur mit einer Hand. Die andere greift in das Gold hinein. Nun sollte man ja meinen, dass Gold und Geld gar nichts zu suchen haben in der Heiligen Nacht, aber hier ist es anders.

Vielleicht wollte der Maler sagen: seht her, das, was einem König zusteht – aller Reichtümer dieser Welt, die sind für das Gotteskind nur wie ein Spielzeug. Das ist gar nicht ernstzunehmen!

Josef sieht das wohl anders. Er sitzt vorn im Bild – übrigens ohne Heiligenschein! – und hat schon eine Truhe bereitgestellt, wohl um die wertvollen Geschenke hineinzulegen … aber wie sieht dieser Kasten aus?

Bei genauem Hinsehen sieht er mir aus wie ein Sarg!

Das Wertvollste wird in den Tod gegeben werden – auch diese Botschaft steckt mehrfach in dem Bild: eine Kiste wie ein Sarg – Kreuze auf dem Kissen – eine finstere Wolke am Firmament.

Vielleicht ist diese Maria deshalb so eigenartig zurückgenommen, sie weiß schon, dass sie dieses Kind nicht wird bewahren können, nicht wird zurückhalten können. Es will zur Welt, zu den Menschen.

Es gehört zur Welt – mit einer Hand im Gold kramend – und es gehört zum Himmel – mit der anderen Hand segnend.

Geburt – Sterben – Auferstehen – das ist eigentlich schon auf diesem Bild zu erkennen: Ein Kind – ein Sarg – ein deutender Finger zum Himmel hin …

Vielleicht ist es ja dies, was diese Nacht „heilig“ macht. Es geht eben nicht nur um den Geburtstag, um das fröhliche Feiern, um den Urlaub, Essen und Ausschlafen, um das Weihnachtsgeld – wenn es denn noch gezahlt wird … Das ist alles schön und gut, aber geht es denn darum wirklich?

Wenn wir am Heiligen Abend nach Bethlehem schauen, dann geht es da um die Erfüllung all dessen, was wir Menschen uns vom Leben nur wünschen können: Erlösung und Heilwerden.

Es geht um einen Gott, der sich klein macht, der durch das Leben geht wie wir – auch durch Leid und Tod. Es geht um einen Gott, der den Wert des Lebens hoch hält und die Reichtümer dieser Erde als „Spielzeug“ fast verhöhnt. Es geht um einen Gott, der den Himmel öffnet und unser Menschsein annimmt, ganz und gar.

„Heilig“ ist das. Heilig Abend feiern wir, weil das Leben, weil unser Leben „heilig“ ist.

Nicht nur das Leben damals – dieses eine da in Bethlehem, nein, jedes Leben ist heilig um Gottes Willen, weil Gott jeder Mensch sein will.

„Heilig“ – im Glaubensbekenntnis der Christen sagen wir es sogar: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen“ – dass wir selbst gemeint sind, das nimmt Heilig Abend seinen Anfang. Oft genug ist uns das gar nicht bewusst.

So feiern wir – über all in der Welt, an vielen verschiedenen Orten unseres Landes, dieser Stadt: Zuhause bei Oma, in Krankenhäusern, auf dem Kiez, bei der Bahnhofsmission. Am Telefon der Telefonseelsorge sitzen Menschen – auch jetzt – und in vielen Kirchen kommen wir zusammen überall in der Welt – heute und dann auch am 6. Januar, wenn unsere orthodoxen Brüder und Schwestern Weihnachten feiern. Unter Lasten viele – verfolgt und gedemütigt. Aber auch voller Stolz im Herzen! In Trauer manche und andere voller Glück, die einen verliebt, andere allein geblieben und mancher vielleicht mehr zufällig dabei und doch geborgen … „Heilig“ sind alle – alle Menschen, die reinen Herzens nach Bethlehem schauen und wie die Hirten: „Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat …“ Die Geschichte sehen, die da geschehen ist: Das kleine Gotteskind in sich selbst groß werden lassen!

Ja, es gibt wohl mehr als 1000 Gründe, warum diese Nacht „heilig“ heisst – so viele Gründe nämlich, wie Menschen auf der Erde sind. Jeder und jede von uns ein Grund für Gott, auf die Erde zu kommen, irdisch zu werden und einzugehen in das wahre Leben.

Der Dichter sagt: Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren/ und nicht in dir, so wärst du doch verloren!

Jedoch: Verloren soll keiner mehr sein auf Erden!

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