An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen: Juden-Denkschrift v.Elisabeth Schmitz. Friedensdekade

Martin Luther, 1543: Von den Juden und ihren Lügen.
– daß man ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecke
– daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. … Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder einen Stall tun wie die Zigeuner
– daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren;
– daß man den Juden das Geleit und die Straße ganz und gar aufgebe. … Sie sollen daheim bleiben
– daß man ihnen nehme allen Barschaft und KIeinod von Silber und Gold.

Im Jahr 1938 gibt Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach Luthers Schrift neu heraus unter dem Titel „ Martin Luther über die Juden – Weg mit ihnen!“ Im Vorwort schreibt Bischof Sasse:
„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“
Diese Neuausgabe mit dem Vorwort des Eisenacher Bischofs wird etwa 150.000 mal verkauft.

Lied, Eingangsliturgie

Pfarrerin
Ein sensationeller Fund in Hanau 2004
Im Herbst 2004 wurde zufällig in Hanau am Main in einem Kellerraum eines Kirchengebäudes eine offenbar herrenlose Aktenmappe aufgefunden. Sie musste seit vielen Jahren in diesem Raum gelegen haben, denn sie war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Auf ihr lag ein großer Zettel mit dem Vermerk ›Nachlaß Dr. Elisabeth Schmitz‹. Die Aktenmappe war prall gefüllt mit sieben Ordnern und einer Vielzahl Unterlagen verschiedenster Art. Es handelt sich um die Aktenmappe, die Elisabeth Schmitz auf dem Weg von ihrer Wohnung in der Corniceliusstraße 16 in Hanau zu dem nahe gelegenen Städtischen Realgymnasium für Mädchen getragen hat. … Es ist völlig unklar, wer diese Aktenmappe wann dort deponierte. Eines allerdings steht fest: Wer immer diese Aktenmappe abgelegt hat, wusste nicht, welchen Schatz er dort verbarg. Die Mappe enthielt Dokumente, Urkunden aus den Jahren 1849 bis 1979, alle gut erhalten, Zeugnisse, Briefe, Veröffentlichungen – ein ganzes Leben erzählen diese Papiere – das Leben von Dr. Elisabeth Schmitz.

Stimme 2
Wer war Elisabeth Schmitz? Sie wurde 1893 in Hanau geboren. Elisabeth hatte zwei ältere Schwestern. Ihr Vater war ihr großes Vorbild: Sie wollte Gymnasiallehrerin werden, so wie er!

Stimme 3
Elisabeth studierte Religion, Geschichte und Deutsch an den Universitäten in Bonn und Berlin. Geschichte war ihr Lieblingsfach. In Berlin erwarb sie bei dem Historiker Friedrich Meinecke den Doktortitel. Sie war 36 Jahre alt, als sie endlich ihre Wunschstelle als Studienrätin in der Luisenschule erhielt. Das war die erste Städtische Höhere Mädchenschule in Berlin.

Stimme 2
Doch die Leiterin der Luisenschule wurde schon 1933 von der nationalsozialistischen Schulbehörde entlassen, weil sie Sozialdemokratin war. Mit dem neuen Direktor geriet Elisabeth Schmitz schon bald in Konflikte, weil sie immer wieder ihre radikale Ablehnung des Nationalsozialismus zu erkennen gab. Schließlich ließ sie sich an eine andere Schule versetzen. Dort unterrichtete Elisabeth Schmitz Deutsch, Geschichte und Religion. Eine ehemalige Schülerin von ihr, Dietgard Meyer, erinnert sich:

Stimme Dietgard Meyer
»Es war eine schwere Umgewöhnung für uns. Ihre Vorgängerin, Dr. Erna Buschmann, die ›Buschi‹, war weltgewandt (sie hatte sogar das Drehbuch für einen Film geschrieben), kam morgens mit der Taxi zur Schule, was uns sehr imponierte, war temperamentvoll, hatte kurz geschnittenes Haar und war modisch gekleidet.
Und nun Elisabeth Schmitz: leise auftretend, persönlich zurückgenommen, konzentriert auf den Unterrichtsstoff, sachlich und anspruchsvoll in ihren Anforderungen an uns. Und in ihrem ›Outfit‹ – ach, so schlicht und bescheiden: grauer Faltenrock und hochgeschlossene Bluse, meist mit einem ›Seelenwärmer‹, einer wollenen Weste, darüber; das Haar in der Mitte gescheitelt und mit einem Kamm hinten hochgesteckt. Alles ein wenig altertümlich und nicht dazu angetan, uns spontan für ihre Person zu begeistern. Dennoch ist es Elisabeth Schmitz gelungen, sich Anerkennung zu verschaffen. Ihre absolut lautlose Autorität machte uns sprachlos. Ihr ruhiges, bedächtiges Sprechen zwang zum Hinhören. Ihre leise, aber dennoch bestimmte Art überzeugte. Die Klasse hatte Respekt vor ihr.
Abneigung oder Zuneigung erzeugte sich bei uns durch ihre erkennbare Ablehnung des Nationalsozialismus.
Die zeigte sich schon bei ihrem Hereinkommen ins Klassenzimmer mit ihrem Hitlergruß. Der kam nicht forsch und mit stramm erhobenem Arm wie bei anderen Lehrern. Nein, sie machte nur eine verhuschte Handbewegung und ihr verhauchter Gruß war kaum vernehmbar.
Einmal war ich eingeladen in ihr Wochenendhäuschen in Wandlitz unweit von Berlin, das von ihr samt großem Garten gehegt und gepflegt wurde. Damals wusste ich noch nicht, dass sie Bedrängte und Verfolgte, oft wochenlang, dort wohnen ließ.«

Stimme 3
Dietgard Meyer konnte auch nicht wissen, dass Elisabeth Schmitz in dieser Zeit an einer Denkschrift arbeitete, in der sie alles festhielt, was sie über die Diskriminierung und Verfolgung von Juden hörte, sah und las. Mit dieser Denkschrift wollte sie ihre Kirche auffordern, endlich etwas für die verfolgten und gefährdeten Juden zu tun.
Sie tat noch mehr: Eine ihrer jüdischen Freundinnen, Dr. Martha Kassel, musste nach dem 1. April 1933 ihre Arztpraxis schließen und verlor damit jegliche Existenzmöglichkeit – sie war Jüdin, hatte sich evangelisch taufen lassen. Elisabeth Schmitz ließ sie heimlich bei sich wohnen, auch andere Verfolgte fanden Zuflucht in ihrer Wohnung – bis sie von einem Parteispitzel aus der Nachbarschaft, dem sog. Blockwart der NSDAP, angezeigt wurde. Es gab wohl Fürsprecher für sie, denn sonst wäre sie gewiss von der Schule geflogen.
Und Frau Dr. Kassel? Sie versteckte sich mit ihrem Lebensgefährten in dem kleinen Haus in Wandlitz, bevor es beiden gelang, aus Deutschland zu fliehen.

Stimme 2
Elisabeth Schmitz hatte in Berlin einen großen Freundeskreis, viele Freundinnen waren wie sie gut ausgebildet, berufstätig, die meisten ledig – Frauen, die wie sie unabhängig dachten und handelten. Von e i n e r Freundin müssen wir erzählen: ‚Absenderin: Elisabeth Schiemann (Berlin-Zehlendorf)’ stand auf einem großen Umschlag in der 2004 gefundenen Aktenmappe. In diesem Umschlag lag der Entwurf zu der Denkschrift, von der wir noch hören werden. Aber wer war d i e s e Elisabeth, 14 Jahre älter als Elisabeth Schmitz?

Stimme 3
Bei dem Vater, Professor Theodor Schiemann, hatte Elisabeth Schmitz Geschichte studiert. Auch Frau Schiemann begann als Lehrerin in einer Berliner Höheren Mädchenschule, aber dann studierte sie weiter und wurde schließlich Hochschulprofessorin für Biologie. Mit diesem Wissen konnte sie niemals die rassistischen Vorstellungen der Nationalsozialisten teilen. Als Wissenschaftlerin wusste sie: »Reine Menschenrassen« hat es seit Beginn der Menschheitsgeschichte nicht mehr gegeben und es wird diese auch nicht mehr geben. Für sie waren die Juden in Deutschland deutsche Menschen. Sie fragt in einem Brief an Pfarrer Martin Niemöller:

Stimme Elisabeth Schiemann
»Habe ich nicht die Pflicht, das 9. und 10., und 7. und 8. und 5. und 4. Gebot auch an den nichtgetauften deutschen Juden zu erfüllen? Wer ist denn mein Nächster?«

Stimme 4
9. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
10. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.
7. Gebot: Du sollst nicht stehlen.
8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
5. Gebot: Du sollst nicht töten.
4. Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.

Pfarrerin
Als Elisabeth Schiemann diesen Brief schrieb, war Martin Niemöller noch Pfarrer in Berlin-Dahlem, bevor die Nazis ihn bis zum Kriegsende einsperrten. »Wer ist denn mein Nächster?« hatte Elisabeth Schiemann ihn mit Blick auf die verfolgten Juden gefragt.
Zweieinhalb Jahre zuvor – im September 1933 – hatte Martin Niemöller gemeinsam mit ca. 70 Pfarrern (Frauen wurden nicht eingeladen!) einen Pfarrernotbund ins Leben gerufen. Denn seit April 1933 sollte auch in der Kirche der sogenannte Arierparagraph gelten. Alle getauften Juden, Juden also, die zum Christentum übergetreten waren und in der Kirche mitarbeiteten, sollten sofort entlassen werden. Manche evangelischen Gemeinden stimmten der Geltung des so genannten Arierparagraphen in der Kirche zu, die Pfarrer des Notbundes verweigerten sich.
Doch auch dem Notbund ging es nur um die getauften Juden, um Kirchenmitglieder also. Die anderen Juden – und das waren die meisten – interessierten sie kaum. Es gab eben auch in der Kirche viel Judenfeindschaft.

Stimme 2
»Wer ist denn mein Nächster?« hatte Elisabeth Schiemann den Pfarrer Niemöller gefragt. Und vielleicht hatte sie an der Denkschrift mitgearbeitet, die ihre Freundin Elisabeth heimlich verfasste und allen Pfarrern der evangelischen Kirche zukommen lassen wollte. Das war 1935/1936.

Lied: In Ängsten die einen, und die andern leben – EG 626

Stimme Historikerin
Wir haben von dem aufregenden Fund der Denkschrift gehört: Nicht in einer Wüstenhöhle, verschlossen in Tonkrügen, aber für das 20. Jahrhundert von so großer Bedeutung für die Kirche wie die Rollen vom Toten Meer für Israel um die Zeitenwende. Die Denkschrift hat drei Teile vom Herbst 1935 und einen Nachtrag vom Mai 1936. Im Eröffnungsteil, er heißt »Die innere Not«, sind erschütternde Szenen der »Verhetzung der öffentlichen Meinung« gegen die Juden zusammengestellt und die Folgen für die Kinder und die Ehen. Im zweiten Teil – »Die äußere Not« – sind Beispiele aus dem bedrückenden beruflichen und schulischen Alltag gesammelt. Im dritten Teil fragt Elisabeth Schmitz nach der Stellung der Kirche.
Sie zitiert überwiegend Zeitungen, persönliche Berichte, auch schwer erträgliche Texte aus Nazi-Hetzschriften. Elisabeth Schmitz will damit die christlichen Amtsträger zum Widerstehen aufrütteln. Nun hören wir Auszüge aus der Denkschrift.

Stimme Elisabeth Schmitz:
Ein Kind, das eine jüdische Mutter hat, bittet seine Freundinnen immer angstvoll: »Kommt bald wieder, meine Mutter ist sehr nett.«
Ein anderes bittet die Mutter fortzugehen, damit die Freundinnen sie nicht sehen.
Ein Lehrer fragte bei jeder Gelegenheit: »Wer ist nichtarisch?« und zwang (das einzige nichtarische) Kind immer wieder, als einziges aufzustehen. Es musste schließlich aus der Schule genommen werden.
Aus dem Lübecker Volksboten vom 27.3. 1935, der »meldet, dass ein Jude von einer Menschenmenge aus dem Büro geholt und zur Wache gebracht wurde. Es wurden ihm Schilder umgehängt: ›Ich bin ein Vampyr und sauge das Blut des deutschen Arbeiters‹. Die Menge zog unter dem Gesang nationalsozialistischer Lieder und Rufe: ›Deutschland erwache!‹ und ›Juda verrecke‹ durch die Straßen. Das Blatt hat die Stirn, dazu zu bemerken: ›Der Jude…aber soll sich für die durch den Nationalsozialismus anerzogene Diszipliniertheit der Massen bedanken, die nur das taten, was richtig war, nämlich ihn der Polizei – wenn auch auf eine nicht gewöhnliche Art – zu überantworten.‹«

Stimme Historikerin:
Elisabeth Schmitz beobachtet: » Das Leben wird unaufhörlich planmäßig vergiftet durch Hass, Lüge, Verleumdung, Schmähungen niedrigster Art.«
Sie erwartet, daß die Kirche öffentlich für die Juden eintritt.

Stimme Elisabeth Schmitz
»Sollte es der Kirche nicht aufgetragen sein, angesichts der unaufhörlichen Übertretung des (achten) Gebots zu reden und nicht zu schweigen? Wer ruft die Gemeinden und unser ganzes Volk zurück zu dem, nach dem alles Christentum sich nennt? Was soll man antworten auf die verzweifelten, bitteren Fragen und Anklagen: Warum tut die Kirche nichts? Warum gibt es nicht Fürbittgottesdienste, wie es sie gab für die gefangenen Pfarrer?«

Stimme Historikerin
Und sie empört sich:

Stimme Elisabeth Schmitz
»Dass es aber in der Bekennenden Kirche Menschen geben kann, die zu glauben wagen, sie seien berechtigt oder gar aufgerufen, dem Judentum in dem von uns verschuldeten Leiden Gericht und Gnade Gottes zu verkünden, ist eine Tatsache, angesichts derer uns eine kalte Angst ergreift. Seit wann hat der Übeltäter das Recht, seine Übeltat als den Willen Gottes auszugeben?«

Stimme Historikerin
Auf die Denkschrift wurde kirchenamtlich kein Gedanke verwandt. Elisabeth Schmitz hatte im Mai 1936 200 Exemplare eigenhändig abgezogen und sie Schlüsselpersönlichkeiten der Bekennenden Kirche zugestellt.

Stimme Elisabeth Schmitz
»Ich wollte… die B[ekennende] K[irche] rufen zu ihrem Amt und zum Widerstand gegen die antichristlichen Maßnahmen des Staates.«

Stimme Historikerin
Sie hatte ein prophetisches Gespür für das, was in der Luft lag, als sie festhielt, was Gauleiter Kube 1934 angedroht hatte: »Der Jude ist die personifizierte Verneinung, der Deutsche ist die gottgewollte und gottbedingte Schöpfungskraft …Die Sau suhlt sich im Mist, der Jude in dem, was er ›Kunst‹ nennt. Wir passen auf, mit uns spielt ihr nicht 9. November 1918. Eher spielen wir mit euch Zerstörung Jerusalems …mehr als euch frechem Geschmeiß lieb ist.«

»Mit uns spielt ihr nicht 9. November 1918, eher spielen wir mit euch Zerstörung Jerusalems« – vier Jahre später geschah es, am 9. November 1938, in der Nacht zu Luthers Geburtstag.
Diese Nacht würde auch das Leben von Elisabeth Schmitz verändern. Sie faßte einen einschneidenden Entschluß:

Stimme Elisabeth Schmitz
»Den Ausschlag gab der 9. November 38. Ich beschloss, den Schuldienst aufzugeben und nicht länger Beamtin einer Regierung zu sein, die die Synagogen anstecken lässt.«

Stimme Historikerin:
18 Worte für eine Lebensentscheidung. Nach diesem Tag konnte sie nicht länger Beamtin, christliche Lehrerin, Mitglied eines Schulkollegiums sein, das einer Regierung unterstand, die Synagogen anstecken ließ. Wieviel Mut gehörte dazu! Hätten wir heute soviel Mut? –
Am 10. November 1938 war der Geburtstag von Martin Luther. In den Nächten vom 9. bis 12. November 1938 brannten in Deutschland und Österreich die Synagogen. Feuerwehren wurde das Löschen verwehrt. Jüdische Geschäfte wurden geplündert, Erwachsene, Kinder und Alte zusammengeprügelt, 30 000 Männer in Konzentrationslager verschleppt, 2000 kamen um.

Stimme 2
Und in Sangerhausen? In der „Mitteldeutschen Nationalzeitung“ konnten die Sangerhäuserinnen und Sangerhäuser nur lesen, daß die „spontanen Aktionen aufgebrachter Volksgenossen“ diszipliniert abgelaufen waren. Neben jüdischen Geschäften wurden in Sachsen-Anhalt die Synagogen in Magdeburg, Halle, Dessau, Halberstadt, Bernburg, Burg, Aschersleben, Köthen, Stendal, Salzwedel und Weißenfels zerstört. Das Eisleber Tageblatt meldete mehr:

Stimme 3
„Demonstrationen gegen das Judentum
Auch in Eisleben entlud sich – wie in anderen Städten Deutschlands – der Volkszorn über die schändliche Mordtat des Judenjungen Grünspan in Demonstrationen gegen das Judentum. Die erbitterten Massen zwangen die Schließung der jüdischen Geschäfte. An verschiedenen Stellen gingen dabei Fensterscheiben zu Bruch. In einem jüdischen Privathaus, dessen Bewohner sich provozierend benahmen, wurde die Einrichtung zertrümmert. Verschiedene Juden sind in Schutzhaft genommen worden. In den Nachmittagsstunden wurde die Bevölkerung durch einen Lautsprecherwagen der Kreispropaganda-Leitung aufgefordert, Ruhe zu bewahren und der Erbitterung über den jüdischen Weltfeind keinen gewalttätigen Ausdruck zu geben. Dieser Aufforderung wurde sofort überall Folge geleistet.“

Stimme 2
Zwei Wochen vor den Pogromen hatte die Staatsmacht Tausende polnische Juden nach Polen abgeschoben. Sie wurden nachts an die Ostgrenze deportiert, die aber von Polen geschlossen wurde. 8000 Menschen waren im Niemandsland zwischen den Grenzgebieten eingeschlossen, darunter die Eltern des 17jährigen Herschel Grynszpan, der nach Paris geflohen war. Als er vom Elend seiner Eltern erfuhr, schoss er in der Deutschen Botschaft in Paris auf den Beamten Ernst vom Rath, der an den Folgen des Schusses am 9. November starb – die Gelegenheit für den blitzschnell inszenierten Schlag gegen die jüdischen Deutschen und ihre Gemeinden.

Stimme 3
Seit 1936 waren intensive Kriegsvorbereitungen im Gange, die den Staat Unsummen kosteten. Nach den Pogromen begann eine regelrechte Räuberei: Auf vielen Ebenen wurde das Privatvermögen der jüdischen Familien, der Unternehmer, Ärzte und Rechtsanwälte ausgeplündert. Die Opfer des Pogroms wurden zur Kasse gebeten: 25% des Vermögens lautete die kollektive Geldstrafe. Dazu wurden Versicherungsgelder den Juden gestrichen, jüdische Betriebe enteignet, Bargeld, Schmuck, Wertpapiere, Wertgegenstände – alles, was Wert hatte, wurde hemmungslos beschlagnahmt.
2 Milliarden brachte der Pogrom den Nazis ein. Sie dienten dazu, für den 2. Weltkrieg aufzurüsten.

Stimme Historikerin
Christinnen und Christen sahen die Flammen der brennenden Synagogen und rochen den Rauch. Sie sahen die demolierten Geschäfte, die zusammengeschlagenen Menschen und blieben trotzdem blind dafür, welches Unrecht geschah.
Kirchenhistoriker sagen heute, dass die Kirchen das deutsche Judentum bereits im Sommer 1933 ohne zu zögern und bedingungslos dem Nazistaat preisgegeben hatten. Es ist kein kirchlich offizielles Dokument bekannt, dass die Gewalttaten öffentlich kritisiert oder sogar verurteilt hätte. Es gab Kritik an dem Radau- und Rabaukenverhalten, aber die Partei setzte nicht zu Unrecht auf den Antisemitismus im Volk.

Pfarrerin
Wer verhalten Kritik übte, berief sich auf die 10 Gebote: Juden sind auch Menschen. Die Kirche hat sich, wenn überhaupt nur für die zum Christentum übergetretenen, die getauften Juden verantwortlich gefühlt. Gegen die Verfolgung von Juden als solche hat sie nicht protestiert.
Nein, fast nicht, denn wir haben die Denkschrift von Elisabeth Schmitz gefunden, die wie ein Licht in der Nacht Solidarität übte.

Lied: Laß uns dein Wort ganz neu verstehn (Dieter Frettlöh, Melodie: Ein feste Burg, EG 362 – EKD-Material zum Bittgottesdienst für den Frieden in der Welt 2012)

Stimme 2
Im Jahre 1943 wurden viele Berliner Familien wegen der dauernden Bombenangriffe evakuiert. Elisabeth Schmitz zog in ihr Elternhaus nach Hanau. Ihre Berliner Wohnung wurde im November 1943 durch einen Angriff völlig zerstört. Sie kehrte nicht mehr zurück.

Stimme 3
Niemand in der Berliner Kirchenleitung wollte nach dem Krieg etwas von Elisabeth Schmitz wissen. Sie blieb in Hanau, arbeitete bis zur ihrer Pensionierung wieder als Lehrerin, war im Hanauer Geschichtsverein aktiv. Erst wurde ihre Denkschrift vergessen, dann vermutete man viele Jahre lang eine andere Verfasserin. – Elisabeth Schmitz starb am 10. September 1977, einsam, viele Jahre vergessen. Im Jahre 2005 wurde ihr Grab eine Ehrengrabstelle.
Nach dem Krieg schrieb ihr ein Freund:

Stimme Kurt Theodor
»Wenn es mehr mutige Menschen wie Dich gegeben hätte, hätten wir wahrscheinlich nicht das Schlimmste auskosten müssen. Du bist zwar kein Opfer, aber ein Vorbild, und jeder Ehrung und Bevorzugung vor vielen würdig!«

Pfarrerin
„Namenlos, einfach, – unbekannte Frauen, deren Namen in kein Geschichtsbuch eingehen, aber eingetragen sein werden im Buch des Lebens. Sie haben die unscheinbaren, so unentbehrlichen Arbeiten übernommen, die Vervielfältigungen, Verbreitung der Flugblätter und der Predigten, sie sammelten und gaben Geld und versteckten es, sie stellten ihre Wohnungen zur Verfügung für unsere heimlichen Zusammenkünfte, unerschrocken, in unwandelbarer Treue. Und sie trugen diesen Kampf mit ihrem Gebet. Und dies alles aus keinem anderen Grunde als deswegen, weil sie das Wort des Evangeliums so lieb gewonnen haben; weil sie Lebenserfahrung mit ihm gemacht haben; weil sie darum oft rascher als viele Theologen und Kirchenmänner die Verfälschung erkannt haben; weil sie es nicht untergehen lassen wollten in unserem Volk; weil sie dadurch frei geworden sind von Menschen-Furcht, so frei, dass sie oft viel radikaler und kompromissloser waren als wir vermittlungssüchtigen Theologen und eine unentbehrliche, unvergessliche Stärkung für uns waren in den vielfältigen Versuchungen jenes Kampfes.“ (Helmut Gollwitzer, 1977)

 

An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen. Gottesdienst zur Eröffnung der Friedensdekade 2012: „Mutig für Menschenwürde“
Basierend auf dem Gottesdienst für Jugendliche zum Gedenktag an die Novemberpogrome 1938 von Ingrid Schmidt und Helmut Ruppel (2008) : »… dieses Mal, wo ja nun wirklich die Steine schreien« Elisabeth Schmitz und ihre Denk-Schrift gegen die Judenverfolgung. Hrsg: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Berlin 2008, S. 34 – 47
Schmidt / Ruppel zitieren (und belegen) Passagen aus: Manfred Gailus (Hrsg): Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung. Berlin 2008.

Ich habe diesen Gottesdienst fast vollständig übernomen, aber zur besseren Verständlichkeit stark gekürzt und z.T. umgestellt sowie auf die örtlichen Verhältnisse bezogen. Die Kürzungen und Zitate habe ich um der Lesbarkeit willen nicht kenntlich gemacht. Die geistige Leistung liegt bei Schmidt / Ruppel!

Mitwirkende (Konfirmandinnen und Konfirmanden):
Stimmen 2 – 4, Dietgard Meyer, Elisabeth Schiemann, Elisabeth Schmitz, Historikerin, Kurt Theodoor

Weitere Predigten: www.queerpredigen.com
Weitere Predigten zur Friedensdekade: hier

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