Alles ist euer (1. Kor 3,21-23)

1. Kor 3,21-23
[21] Darum rühme sich niemand eines Menschen; denn alles ist euer: [22] Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, [23] ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde!

Der letzte der vier Beiträge hat es uns ins Gedächtnis zurückgerufen: Lieben und Geliebt werden, das ist das Wichtigste im Leben der Menschen. Aber woher wissen wir denn, dass wir geliebt werden? Wie können wir uns der Zuneigung anderer sicher sein?

Dass eure Eltern euch lieben – ja, das ist klar! Oder nicht? Ich kann mich gut erinnern, dass ich in eurem Alter um die Liebe meiner Mutter gekämpft habe, dass ich in dauernder Konkurrenz stand zu meinem Bruder und mir sicher war: Den hat sie lieber als mich! – Ob das nun gestimmt hat, oder nur ein eifersüchtiges Gefühl von mir war, das weiß ich nicht. Aber es spielt auch keine Rolle. Denn die Unsicherheit bleibt ja, setzt sich in anderen Beziehungen fort. Bin ich schön? Bin ich begehrenswert? Und vor allem: Werde ich von dem geliebt, dem auch mein Herz gehört? Denn das ist ja nicht immer so, dass unsere Zuneigung auf Gegenliebe trifft.

Ich weiß nicht, was ihr als Liebesbeweis gelten lasst. Sind es teure Geschenke? Die könnten ja nicht bloß Ausdruck von Zuneigung sein, sondern eher von schlechtem Gewissen. Sind es Treueschwüre? Von denen mag ein anderer womöglich bald nichts mehr wissen, besonders, wenn sie immer wieder gebrochen werden. Wenn man ganz und gar liebt, muss man sich dann auch ganz und gar dem geliebten Gegenüber unterordnen, sich total verändern nach dem Willen des anderen, den eigenen Willen zurückstecken bis zur Selbstaufgabe? Oder ist das, was an uns liebenswert ist, nicht gerade die eigene, ganz individuelle, unaufgebbare Persönlichkeit?

Aus Liebe ist schon viel Unrecht geschehen. Liebe macht auch blind – vor allem, wenn sie sich verrannt hat. Liebe – egoistische Liebe – engt den anderen ein, und nur im besten Falle merkt der’s nicht, weil er oder sie selbst glaubt, dass das so sein muss.

Bin ich zu streng mit meinen Maßstäben? Müsste ich vielleicht ein wenig großzügiger sein mit meinen Erwartungen? Bin ich vielleicht einfach zu pessimistisch, ein bisschen wie die alte Tante, die an allem und jedem etwas auszusetzen hat, hinter jedem guten Wort eine böse Absicht wittert und deshalb sitzenbleiben muss? Ich glaube nicht. Denn ich habe so eine Liebeserklärung gehört, die über allen Zweifeln erhaben ist – ich weiß, wie das klingen muss, damit man sicher sein kann, wirklich geliebt zu werden und nicht nur begehrt oder erwünscht oder als Besitz ersehnt. „Ich liebe dich so, dass ich es ertragen kann, nicht wieder geliebt zu werden.“ So hört sich das an. „Ich liebe dich so, dass ich dir zugestehe, deinen Weg zu gehen, auch wenn der von mir wegführen sollte. Ich sehne mich nach dir, aber so, wie du bist – und nicht so, wie ich dich gerne hätte. Ich liebe dich so, dass ich auf dich warten werde ohne dich zu bedrängen, ohne dir die Zeit vorzuhalten, die du mich warten lässt und in der Vorfreude auf das Fest, das unser gemeinsames Leben sein kann – egal ob, egal wann es beginnt.“

Zugegeben: Menschen kommt so etwas nur selten über die Lippen – und glücklich sind die, deren Partnerinnen oder Partner so zueinander reden und so zueinander sind. Glücklich sind die, die in Freiheit geliebt werden und lieben können, denn dann spüren sie etwas von der Art und Weise, wie Gott uns liebt. Das ist ja das Großartige an diesem Predigttext, dass er eine Liebeserklärung ist – ein Dokument der Zuneigung Gottes, Ausdruck absoluter Freiheit bei völliger Selbstverpflichtung.

Alles ist euer: … es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles sei euer!

So wie ich euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, in den vergangenen Monatem kennengelernt habe, müsste sich nun eigentlich Widerspruch regen. „Alles ist euer!“ sagt der Predigttext. Aber: „Alles soll unser werden – vielleicht, möglicherweise!“ Das sagt eure Erfahrung. Wer Glück hat, dem erfüllt dieses Fest wenigstens einige Wünsche – einen neuen Computer vielleicht oder das tolle Fahrrad oder gar ein Mofa. Ein bisschen Geld, für das man sich ein bisschen was kaufen kann – aber doch nicht alles! Reglementiert ist euer Leben, und da fehlt es noch an manchem – auch an Wissen, beispielsweise, und eure Lehrerinnen und Lehrer machen euch tagtäglich klar, dass „alles oder nichts“ womöglich in der Schule noch nicht so gut kommt. Freiheit wächst euch nur langsam zu. Und an manchen Punkten kommt sie gar zu spät, sind Weichen für eure Zukunft schon vor langer Zeit gestellt worden und ohne, dass ihr darauf irgend einen Einfluss gehabt hättet. Eure Familien konntet ihr euch nicht aussuchen, Schicksalsschläge nicht verhindern. Die Schulwahl könnte bereits über die Karriere entschieden haben, noch bevor ihr wisst, wo ihr sie machen wollt. Fragt eure Eltern, wenn ihr wollt, sicher haben die dazu auch ihre Gedanken, auch was den Mangel an Freiheit betrifft, wenn man Kinder hat.

„Alles ist euer!“ So viel Freiheit wird euch da zugesprochen, und ich kann’s verstehen, dass ihr diese Freiheit ausprobieren wollt. Ab heute seid ihr religionsmündig. Theoretisch könntet ihr morgen schon losmarschieren und aus der Kirche austreten oder zumindest aus dem Religionsunterricht. Und auch wenn ich mir sicher bin, dass das nicht passieren wird – bestimmt werden einige von euch in den nächsten Jahren ein wenig auf Distanz gehen zu Kirche und Glaube. Ich sage das ganz ohne Vorwurf. Schließlich gehört das zum Ausprobieren der Freiheit. Für viele ist alles, was mit Kirche zu tun hat, erst einmal ein Stück Zwang, ein Stück Reglementierung und Einengung, etwas, das der Freiheit entgegensteht, anstatt ihr zuträglich zu sein. Und nirgends lässt sich einfacher Freiheit auskosten als hier. Was soll ich denn sagen, wenn mir bei einem Traugespräch oder bei einer Taufanmeldung die Eltern erklären, dass sie durchaus an Gott glaubten, auch wenn sie mit seinem Bodenpersonal nicht viel am Hut hätten? Welchen plausiblen Grund hätte ich, solchen Glauben anzuzweifeln? Dass Glaube auch Liebe ist, und dass Liebe Nähe sucht und Nähe braucht zu Gott und seiner Gemeinde, und dass es ein Ausdruck dieser glaubenden Liebe sein kann, Gottes Gemeinde finanziell zu unterstützen oder sich mit Zeit und Arbeitskraft in ihr zu engagieren – das ist doch erst der zweite Schritt. Wichtiger ist der erste, und den machen nicht wir, den macht Gott auf uns zu – vielmehr hat er ihn schon getan, als er uns geschaffen und jedem und jeder von uns das Leben geschenkt hat: Alles ist euer: es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles sei euer!

Was für ein Geschenk zur Konfirmation! Keine Bedingungen, keine Einschränkungen. Kein Verfallsdatum.

Nur ein Nachtrag: Alles sei euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes. Ihr seid getauft (oder werdet es in einer Viertelstunde sein). Ihr gehört zu Gott, und diese Verbindung ist so eng, dass keine Unterschrift auf dem Einwohnermeldeamt sie lösen könnte. Sie muss aber auch nicht verstärkt oder erneuert werden durch irgendwelche Rituale, um in Kraft gesetzt zu werden. Es braucht keine „zweite Taufe“, keine besonderen „Festmach-Ereignisse“, keine separaten „Lebensübergaben“. Könnte man jemandem etwas schenken, was ihm ohnehin schon gehört? Kann man Gott etwas übergeben, was sowieso schon sein eigen ist?

Ihr gehört Christus, seit der Taufe seid ihr untrennbar mit ihm verbunden und nichts wird euch lösen können. Christus aber gehört Gott, und so gehören wir mit ihm dem Schöpfer und Erhalter unseres Lebens. Das ist der Kern dieser Liebeserklärung, gleichsam das Pfand, das uns die Freiheit verbürgt, die sie uns zusagt: Gott steht hinter allem. Um unseretwillen, hat er das Liebste hergegeben, das ein Vater haben kann, den eigenen Sohn. Um unseretwillen hat er den Tod besiegt und uns die Herrschaft darüber geschenkt: Alles ist euer: es sei Leben oder Tod. Und es ist keine Bedingung daran geknüpft, keine Drohung damit verbunden, nur ein Versprechen: Die Zukunft steht euch offen, und nichts, aber auch gar nichts, kann euch von Gott trennen!

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