Alle Jahre wieder …

Liebe Gemeinde,

das kennen wir doch alles: Wohnzimmer ­ Baum ­ Schmuck ­ Kerzen ­ Essen ­ Lieder ­ Gottesdienst ­ Bescherung ­ Plätzchen ­ Krippe – Familie.

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“, so singen wir in einem allseits bekannten Lied. Alle Jahre wieder. Als Kind war das noch was besonderes. Endlich war wieder Weihnachten. Endlich gab es das alles wieder. Dann aber sind wir älter geworden. Wie oft haben wir schon Weihnachten gefeiert? Den Teenager langweilt es doch ein bisschen. Später mit den eigenen Kindern kommt wieder ein wenig Glanz zurück. Für eine Weile. Aber wie singe ich „Alle Jahre wieder…“, wenn ich es zum 65sten Mal feiere, dieses Fest. Alles bekannt, alles schon einmal gehabt, alles gefühlt und erlebt, die Weihnachtsgeschichte fest eingeprägt, Jesus, das Kind, das da alle Jahre wiederkommt, nur allzu bekannt. Im heutigen Evangelium sagt er selber als Erwachsener von sich etwas völlig anderes:

[TEXT]

Jesus von Nazareth ist also nicht sein eigentlicher Name. Er ist nicht wirklich in Bethlehem geboren. Seine wahre Herkunft liegt im Dunklen und kann nur von dem bestätigt werden, den wir nicht kennen?

Das fühlt sich an, wie Weihnachten in der Wüste. Am heiligen Abend irgendwo in Australien, mit Klimaanlage im Auto. Kerzen würden schmelzen draußen, Nadelbäume gibt es nicht. Statt Plätzchen gibt es Eis und kalte Cola.

Und das soll Weihnachten sein? Was sagt Jesus da? Was tut er uns da an? Weihnachten ohne Glühwein und Rauschgoldengel? Ohne das Kindlein in der Krippe. Das wäre völlig anders als sonst, kaum auszuhalten.

Aber so weit weg ist das gar nicht. Ich glaube Jesus nimmt uns mit seiner Leugnung sehr ernst. Ist nicht dieses Weihnachten wirklich ganz anders als die anderen zuvor. Das erste Jahr in dem ich als Geschiedene oder Alleinerziehende in den Gottesdienst komme. Das erste Weihnachten ohne einen sehr geliebten Menschen. Das erste Weihnachten seit dem Stellenwechsel oder der Arbeitslosigkeit, seit dem Umzug oder dem Schulwechsel der Kinder. Das erste Weihnachtsfest seit der Hochzeit oder seit der Diagnose: Krebs. Das erste Jahr zu dritt, zu viert.

Vieles ist wie immer an Weihnachten. Aber nicht alles. Gerade das, was sich seit dem letzten Jahr verändert hat, spielt oftmals eine besonders große Rolle an diesem Tag. Wir bedenken diese Veränderungen sind gerade an diesem Tag sensibel, dünnhäutig. Weißt du noch, letztes Jahr zu Weihnachten war ich noch schwanger? Heute sind wir zu dritt. Weißt du noch wie krank Mutter war im letzten Jahr? Und jetzt besuchen wir sie auf dem Friedhof. Weißt du noch, wie sehr ich mich vor der Arbeitslosigkeit gefürchtet hatte? Und jetzt bin ich schon 8 Wochen im neuen Betrieb.

Diese besondere Gefühlslage macht dieses Fest aus. Zwischen dem, was immer schon so war und dem was sich verändert hat bewegen sich unsere Gedanken und Eindrücke hin und her. Manches von dem, was immer gleich geblieben ist, schenkt uns ein vertrautes, ein heimeliges Gefühl. Die wiederkehrenden Rituale geben Sicherheit, Vertrauen und manchmal auch Halt. Besonders dann, wenn das andere, die Veränderung übermächtig scheint. Auf der anderen Seite tut auch der sentimentale Blick zurück gut ­ weißt du noch … Im Glanz des immer wiederkehrenden Festes kann ich zurückblicken. Kann ich Schweres ertragen und Schönes noch einmal bedenken.

Weihnachten ist eine sensible Angelegenheit, die man nicht unterschätzen darf. All das, was immer so wahr und immer so sein wird, dient uns auch als Ort des Schutzes und der Kraft für ganz neue Dinge und einschneidende Veränderungen.

Das süße Jesuskind in der Krippe, das Kind von Maria und Josef, hilft uns, den verfolgten Schmerzensmann, den Sohn Gottes, den Gekreuzigten und Auferstandenen auszuhalten und anzunehmen. Deswegen weißt Jesus uns noch einmal auf seine ganz andere Herkunft hin. In seinem Kommen als Kind nimmt er unsere Gefühle und unsere Zerbrechlichkeit ernst und führt uns zart in seine Nähe. Aber es kommt die Zeit, die leiblichen Eltern zurückzuweisen, auf seinen himmlischen Vater hinzuweisen und zu leben, dass nicht nur unsere Sentimentalität, sondern unsere Seele insgesamt gerettet werden soll.

Jesus tritt aus dem Schatten des allseits Bekannten heraus. Und auch wir tun diesen Schritt immer wieder mal in unserem Leben. Mag sein, dass viele Leute meinen Namen kennen, mein Geburtsdatum, meine Eltern, meinen Beruf. Aber doch habe ich Seiten an mir, die keiner kennt ­ dunkle Seiten, aber auch gute und starke Seiten, die nur allzu selten zum Vorschein kommen.

Vor manchen dieser Seiten fürchten wir uns sogar ein bisschen. Wir bringen sie vielleicht auch gar nicht zusammen mit unserem sonstigen Wesen. Sie sind so verschieden wie ein Wiegenkind und ein Gefolterter.

An manchen Punkten schaffen wir es gerade am Weihnachtsfest diese scheinbar unversöhnlichen Verschiedenheiten zusammenzubringen. Leid und Freude. Den eigenen Wohlstand und unsere Spenden für die in Not. Unseren Zorn und unsere Verletzlichkeit. Am Weihnachtsfest öffnet Gott die Tür zu dem Bereich in dem eine Versöhnung dieser so unterschiedlichen Gefühle möglich ist. Wir spüren das im Kleinen und erfahren es durch Jesus Christus als Kind und Gekreuzigtem.

Die beiden Pole des einen Gottessohnes gehören zusammen, so wie sie auch in unserem Leben zusammen gehören. An Weihnachten müssen diese beiden Pole nicht mehr auseinander klaffen. An Weihnachten hat beides seinen Platz: Das alle Jahre wieder und die einschneidende Veränderung. Mein Lachen und meine Tränen. Meine Freude und meine Furcht. Und beides ist gut aufgehoben in der Hand dessen, den wir noch nicht vollständig kennen, den uns aber Jesus vorgestellt hat; in der Hand unseres Gottes.

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