Advent: Zukunftsorientiert!

Was feiern Sie eigentlich im Advent?

Ist Advent eine kleine Weihnacht mit viel Lichtern, mit viel grün-rot, mit kleinen Geschenken, mit Weihnachtsbäckerei und Vorfreude?

Das ist sicher nicht falsch, aber eigentlich war die Adventszeit etwas Anderes. Menschen machten sich bewusst, dass sie es eigentlich nicht verdient haben, dass Gott sich ihnen zuwendet und sie besucht. Sie bereiten sich durch Buße und Fasten darauf vor, dass dieses Wunder trotzdem passiert – nicht in jener historischen Nacht von Bethlehem, sondern heute und bei uns. Auch deswegen haben KünstlerInnen aller Zeit versucht das Geschehen der Weihnacht in ihrer Gegenwart zu versetzen. Schnee rieselt selten in Palästina und über ein Alpenpanorama verfügt Bethlehem nun sicher nicht. Aber Weihnacht kann nur dann wirklich werden, wenn sie auch bei mir passiert – und das betrifft auch den Advent.

Advent ist nicht einfach Vorweihnachtszeit. 

Advent ist vor Allem zukunftsorientiert: Ich habe von Gott mehr zu erwarten als diese Welt hergibt. Mehr als den Streit um Corona oder Klima, mehr als die Hoffnung auf eine Impfung oder auf Einsicht bei Donald Trump oder den Wirtschaftsmächtigen. 

Was feiern wir eigentlich im Advent – und was besonders im Advent dieses seltsamen Jahres 2020?

Vielleicht  meint Jakobus in  seinem Brief gerade uns:

7 So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Jakobus schreibt einen Brief als Hirte an eine Gemeinde, die großes Leid erlebt: Verfolgung, Krisen, Gewalt und Verachtung. Und da gibt es solche, denen geht das nicht nur an die Nerven, sondern auch an den Glauben. Und es gibt Fromme, die geht das eigentlich gar nichts an – scheinbar. Sie leben ihrem Glauben, ihrer Frömmigkeit. Der Herr wird es schon richten, egal was um sie herum passiert.

An beide Gruppen schreibt Jakobus von der Geduld oder besser gesagt von der makromythia. Diesen Begriff übersetzt Luther und viele andere mit Geduld. Aber wie so oft sind Begriffe nicht einfach 1:1 übersetzbar. Man kann makromythia mit Geduld übersetzen, aber auch mit Langmut. Wichtig ist, wenn man diesen Begriff verstehen will, dass es um eine Bewegung, ein Tun geht. Es gibt diese Geduld auf einem Bahnhof, wenn ich auf einen Zug warte und weil ich ein schlechter Warter bin ungeduldig hin und her gehe, dauernd auf die Uhr und auf die Anzeige starre. Da kann ich nichts machen – der Zug muss kommen ohne mein Zutun.

Aber es gibt auch das Warten, bei dem ich etwas machen kann. Wenn ich Besuch erwarte, muss ich warten und kann dieses Warten füllen mit allerlei Vorbereitungen: Wein kalt stellen, Tisch decken, Haus schmücken, überlegen, was ich denen erzählen kann. Ihnen fällt wahrscheinlich noch mehr ein.

Jakobus will Mut machen zu einer großen Leidenschaft im Warten, er will Mut machen, langen Atem zu haben: Es geht nicht um ein einfaches Warten, sondern um ein Warten mit großer Leidenschaft.

Er will Mut machen zu einem gestalteten Advent. Und um seine Gemeinde zu erreiche wählt er ein Beispiel aus der Landwirtschaft, weil das die Lebenswirklichkeit seiner Menschen am meisten traf.

Die ganze Lebensexistenz eines Bauern und seiner Familie hängt davon ab, dass nichts umkommt. Trotzdem kann er nur warten und Maßnahmen ergreifen, aber nichts bewegen. Er kann nicht am Halm zupfen, dass die Pflanze schneller wächst. Aber er kann seinen Acker bearbeiten, rechtzeitig säen. Er kann Einiges tun und das tut er und dann kann er nur noch warten.

Das können auch die Schwestern und Brüder, denen Jakobus schreibt, das können wir auch: Geduldig warten auf den Herrn, der diese Welt verändern will.

Ich kann geduldig das Meine tun, dass viele Veränderungen (im Kleinen) schon im Heute und Jetzt stattfinden.

Ich kann diese Welt nicht wirklich zum Guten verändern. Ich kann nicht Gerechtigkeit oder Frieden schaffen. Nicht einmal die Bewahrung der Schöpfung liegt wirklich in meiner Hand. Das erwartet auch Keiner von mir. Aber ich kann kleine Schritte tun in die richtige Richtung. Oder sturköpfig immer weiter in die falsche Richtung gehen, egal was für eine Welt ich meinen  Nachfahren hinterlasse. 

Es kann kann sehr leicht zynisch werden, Menschen zur Geduld aufzufordern, Menschen, die unter Vereinsamung leiden zu erklären, es dauere nur noch wenige Monate, dann dürfen sie sich wieder frei bewegen und Bekannte treffen, ist zynisch. Menschen, die leiden unter Armut oder Ungerechtigkeit zu vertrösten auf die Liebe Gottes und das Jenseits ist genauso zynisch. 

Geduld ist keine Tugend an sich. Sie hat ihren Wert, aber sie kann auch falsch sein. Sie kann auch dann falsch sein, wenn wir  Dinge ändern könnten und das verschieben. Die Not unserer Mitmenschen, die Not der Schöpfung dulden sicher keinen Aufschub. Wir müssen tun, was wir tun können, um zu helfen. Und das Andere in Gottes Hand legen. Geduld ist wichtig, wo es darum geht, Entwicklungen herbeizuführen, Dinge weiter zu entwickeln. Geduld war gefragt bei der Entwicklung eines Impfstoffes, auch wenn alle Welt Druck gemacht hat. 

Und ob jetzt wirklich alles gut wird, werden wir sehen. Geduld ist gefragt und wird weiterhin gebraucht werden.

Hoffen und Harren macht Menschen zu Narren. Diese alte Redensart belegt: ChristInnen sind Narren und Närrinnen um Christi willen. Das hat Paulus schon an einer Stelle festgestellt. Das gilt heute genauso. Das gehört zum Wesen des Advent, dass wir darauf warten, dass Gott diese Welt erneuert, dass er vermag trotz aller Katastrophen, die wir anrichten, diese Welt zu regieren und auf einen guten Kurs zu bringen. Das mag nicht besonders vernünftig klingen, sondern eher aller menschlichen Vernunft widersprechen, aber es ist Vertrauen, auf dem ein Segen liegt. 

Der Herr kommt. Das feiern wir im Advent. Vielleicht sind wir es nicht wert, aber er kommt, um diese Welt zu befreien, um uns zu befreien – aus Liebe.

Darum singen wir im Advent gerne Lieder wie Macht hoch die Tür oder O Heiland, reiß die Himmel auf. Wir beten zu Gott, dass er kommt und wir machen  uns Mut, dass wir uns einstellen darauf, dass diese Welt, dass Corona und Klimawandel nicht das letzte Wort Gottes über uns sind, sondern dass uns die Befreiung erwartet und dass wir darum Befreiung wirken können, soweit wir vermögen, dass diese Welt blüht.

Heute feiern wir nicht nur den 2. Advent, sondern auch den Tag des heiligen Nikolaus von Myra (3. Jahrhundert) um dessen Großzügigkeit sich zahlreiche Legenden ranken: So hat er sein ererbtes Vermögen den Armen gegeben und soll drei mittellosen Jungfrauen zu ihrer Mitgift verholfen haben. Der Nikolaustag erinnert uns daran, wieviel uns selbst von Gott geschenkt worden ist: „Aus Gnade seid ihr selig geworden.“ Aus diesem Reichtum heraus können wir selbst immer wieder Freudenboten werden, Traurige trösten und Bedürftigen helfen – ein bisschen so wie Nikolaus. Das bedeutet leben im Advent. Ich warte auf das Kommen Gottes und tue das Meine, dass Menschen Freude erleben.

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