Wasser ist Leben (zu Matthäus 3, 13-17)

Ein Foto ist mir in die Hände gefallen. Viele Menschen säumen das Flussufer. Pilger sind in weißen Gewändern in den Fluss hineingestiegen.

2002 hat der jordanische König Abdullah II den verschiedenen Konfessionen Land am Jordan geschenkt, um Kirchen zu bauen und aus der Taufstelle Al-Maghtas einen internationalen Pilgerort zu machen. Unsere römisch-katholischen Geschwister z.B. feiern am heutigen Sonntag dort ein großes Fest, zu dem bis zu 4000 Pilger strömen, 30 Priester im Einsatz. Das Wasser für die Segnung und Tauferneuerung soll nicht nur tropfen, sondern in Strömen fließen, was für ein schönes Bild für die Taufgnade und das Leben. Über das Jahr verteilt und quer durch die verschiedenen christlichen Konfessionen sind es bis zu 150.000 Pilger, die an die vermeintliche Taufstätte Jesu pilgern. Viermal mehr Menschen pilgern zur israelischen Taufstelle Kasr al-Jahud.   Jardenit am See Genezareth zieht als dritte Taufstelle ebenfalls viele Besucher an. Es ist eigentlich egal, ob und an welchem dieser drei Orte Jesus wirklich getauft wurde. Ein Problem heute bleibt:  der Jordan führt nur noch einen Bruchteil des Wassers mit sich wie zur Zeit Jesu, nur noch ein zwanzigstel im Vergleich zur damaligen Zeit. „Dabei hängt vom Wasser im See Genezareth unser Leben ab“, sagen die Einheimischen. Wie konkret, wie bedrohlich, wie existentiell für das leibliche Überleben die Einsicht sein kann, dass es Wasser des Lebens ist, wird da auf dramatische Weise sichtbar. Kriege, so befürchten viele, werden künftig um brauchbares, trinkbares, leben- und fruchtbarkeitspendendes Wasser in dieser Region geführt oder aber die Sorge um Trinkwasser wird zu einem gemeinsamen Friedensprojekt. Momentan steigen die Pilger eher in eine dreckige Brühe denn in einen lebendigen klaren Fluss. Ich kann also die Rede vom Lebenssymbol nicht nur spiritualisieren. Hier wird es sehr konkrete und lebensnah. Unsere klimatischen Herausforderungen erscheinen dazu im Vergleich beinahe unbedeutend.

Wasser ist Leben. Hier und dort, physisch und geistlich, ein kostbares Gut, eine himmlische Gabe, ein göttliches Geschenk. Wasser und Brot sind für viele keine Androhungen und Strafe, sondern Verheißung und Über-Lebensmittel. Wir könnten miteinander gut beten: unser täglich Wasser und Brot gib uns heute….

Ein anderes Bild von einer Taufe kommt mir in den Sinn.

Vielleicht ist es zehn Jahre her, da wurden Bewohner/-innen des Waldhofes in der Maria-Magdalenen-Kirche nach Religions- und Konfirmandenunterricht getauft oder konfirmiert. Eine junge Frau ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Ich weiß nicht, was sie aus dem Unterricht mitgenommen hat, ob sie von ihrem Glauben hätte erzählen, ein Glaubensbekenntnis sprechen oder das Vater unser mitbeten können. Aber sie stand in großer Ernsthaftigkeit am Taufstein und spürte das Wasser auf ihrem Kopf, auf ihre Stirn, hatte die Hände dicht aneinander vor Brust, wie zum Gebet gefaltet, und nach dem Segen, nach dem Kreuz auf der Stirn schaute sie mit weiten Augen und einem strahlenden Lächeln im Gesicht nach oben Richtung Himmel, inmitten der Kirche, und sagte für alle vernehmbar: „O, ist das schön!“ Viele haben es gehört und ebenso gestrahlt. Vielleicht hatte sie mehr begriffen und verstanden als so mancher oder manche….

O ist das schön, besser hätte ich es der Gemeinde nicht sagen können, was da gerade geschehen ist und woran wir alle jedes Mal, bei jeder Taufe miteinander erinnert werden: o wie ist das schön,

   der Himmel steht offen und Gott lässt deutlich hören: du bist mein liebes Kind. An dir habe ich Freude, Wohlgefallen. Du bist mir wichtig und wertvoll. Du bist mein und ich bin dein! Das ist etwas sehr Persönliches, privates. Du und Ich, Ich und Du – das ist die Sprache des Glaubens, das ist die Sprache des Gebetes, des Lobes, des Dankes, der Bitte, manchmal auch der Klage, der Hoffnung und der Verzweiflung, Ich und Du, Du und Ich, Gott und Mensch, himmlischer Vater und seine Kinder.

Es kommt Gott auf jeden Einzelnen an. Das ist kein naiver christlicher Individualismus, das ist christliche Grundsubstanz, dass das ICH eben nicht in der Masse untergeht und aufgeht, sondern von Gott wertgeschätzt, geliebt und umworben wird. Es sind Diktaturen und menschenverachtende Strukturen, in denen das große Ganze, das Volk oder die Idee, die Rasse oder die Klasse dem Einzelschicksal übergeordnet werden. Aber es ist nicht die Sprache und die Botschaft des Evangeliums. Allein schon deshalb müssen wir uns gegen alle menschenverachtenden Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen wehren. Es gibt nicht die Deutschen und die Flüchtlinge, die Reichen und die Armen, die da oben und wir hier unten. Mag eine laute Masse, die übrigens aus lauter Individuen besteht, das auch laut brüllen. Es gibt nur Menschen, die Ebenbilder Gottes sind, einen Namen tragen und ein Schicksal oder eine Geschichte haben. Wer, wenn nicht wir, soll und kann alle Verantwortlichen und in allen Zusammenhängen immer wieder daran erinnern. Mit jedem Menschen, der Gewalt erleidet, mit jedem Menschen, der auf der Flucht ist, mit jedem Menschen, der im Mittelmeer ertrinkt, mit jedem Menschen, der hungert und dürstet oder kein Dach über dem Kopf hat, mit jedem ud jeder,der nicht hören und erfahren kann, wie geliebt er oder sie ist, wird Gott beleidigt und verletzt. Denn jeder und jede ist sein Ebenbild.

Und so malt uns Matthäus auch ein Bild vor Augen.

Viele waren an den Jordan gekommen, weil der Ruf des Täufers sie erreicht hatte: tut Buße, denn das Himmelreich, Gottes neue Welt, ist nahe herbeigekommen. Sie teilten die Sehnsucht und die Hoffnung nach einer neuen Welt und wussten zugleich, dass sie nicht ohne weiteres bereit waren für die neue Welt. Sie kannten ihre eigene Bedürftigkeit, ihre Grenzen, ihre Schuld, ihre Unzufriedenheit, ihren Neid, auch ihre Gedankenlosigkeit. Sie hatte Sorgen, dass es in der Welt Gottes keinen Platz für sie geben könnte. Was muss das für eine Angst gewesen sein! Wer einmal in seinem Leben erfahren hat, dass es keinen Platz für ihn gibt, der kann das erahnen. Wenn Kinder um ihren Platz in der Familie, um die Anerkennung und Wertschätzung, um die grundlose Liebe der Eltern kämpfen müssen, wenn Menschen im Berufsleben aussortiert werden oder nie hineinkommen, Alte und Kranke als Belastung der Gesellschaft wahrgenommen werden und Zugewanderte nur neidvoll in Konkurrenz und nicht mehr mit Geschichte und Schicksal gesehen werden, spüren dass sie nicht dazugehören und unerwünscht sind, dann ist es ein ähnliches Gefühl. Die Menschen, die zu Johannes kamen, wollten das ihre dazu tun, dass das Reich Gottes auch ihre Wirklichkeit wird, sie wollten Buße tun, ihrem Leben eine neue Richtung geben, mit Gott ins Reine kommen, die Last, den Schmutz und die Schuld der Vergangenheit abwaschen und stiegen zum Täufer in den Jordan und stiegen aus dem Jordan mit der Gewissheit, dass Gottes Zukunft ihre Zukunft ist. Deswegen ist bis heute Taufe auch Taufe zur Vergebung der Sünden und Tauferinnerung ein fröhliches oder hartnäckiges Hineinkriechen in die Taufe. Ich erinnere Gott an sein Versprechen und seine Verheißung. Aber mich erinnere ich ganz genauso. Denn die Seele ist so vergesslich, dass sie immer wieder daran erinnert werden muss: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Das war schon immer so.

Und nun passiert etwas, was für Matthäus aufgeschrieben und festgehalten gehörte:

Unter diesen Menschen, deren Namen und Gesichter wir nicht kennen, ist auch Jesus. Und jetzt wird ein für alle Mal deutlich, dass Gott keine leeren Versprechen gibt, dass auch das Wasser des Jordans nicht einfach nur irgendein Zeichen ist. Um der Gerechtigkeit willen, um der Gerechtigkeit Gottes willen und der Gerechtigkeit, auf die Menschen so verzweifelt warten, steigt Jesus in den Jordan, zeigt, wie immer deutlich an,  auf wessen Seite er steht, wohin er Gott bringt, nämlich zu all denen, die mit ihren Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen in den Jordan gehen und nicht über den Jordan wollen. Er teilt ihr Leben, ihr Schicksal, wird einer von ihnen, er wird einer unter allen, er wird wie Du und Ich. Matthäus hat eine Besonderheit beobachtet und aufgeschrieben, so kann man ihn verstehen: alle, die da waren, bekamen mit, was geschieht. Die Taube, die Stimme vom Himmel, Gottes Bekenntnis zum Sohn, all das ist keine Privatangelegenheit, als ginge es niemanden etwas an. Nein: Gotteskindschaft ist das Gegenteil von privat, Glaube ist nichts nur für das Kämmerlein. Also nichts im Geheimen, nichts im Privaten, nichts exklusives für nur wenige, sondern beim Bad mit der Menge fast wie beim Bad in der Menge können alle sehen und hören: das ist Gottes Sohn. Gott von Gott und Mensch unter Menschen.

Daran soll keiner zweifeln, daran kann es keinen Zweifel geben.

Und ich bin mir sicher: all die, die umherstanden, vielleicht wie auf unserm Bild aus unseren Tagen mitten im Jordan, wurden ergriffen von der Gewissheit, dass diese Zusagen ihnen doch ganz genauso gilt.

Wir erfahren, dass Jesus Gottes Sohn ist und zugleich spüren wir, dass wir alle zusammen Söhne und Töchter Gottes sein dürfen, an denen Gott hängt, an denen er Freude hat, mit denen er es gut meint, eben sein Wohlgefallen hat.

Deswegen ist der Grundtenor der Epiphaniaszeit, in der immer klarer und heller wird, was mit Jesus in die Welt gekommen ist: Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude. Davon lasst uns miteinander singen.

Amen !

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