Im Zweifel für den Glauben

(Diese Predigt im „Startgottesdienst“ Selbitz nimmt Bezug auf ein von Gerhard Heinrich komponiertes Lied und eine Grafik zur Jahreslosung 2020)

Diese Jahreslosung ist anders!  Sonst war sie meist ein Trostwort. Ein göttliches Versprechen. Wie vorletztes Jahr:  „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Oder eine Handlungsanweisung wie im Vorjahr. „Suche Frieden und jage ihm nach.“

Diesmal ein Schrei. Ein Schrei der Verzweiflung. Aus dem Munde eines Nichtchristen! Eines Hilfesuchenden. Das muss man sich gerufen vorstellen: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Aber wir gehen da ja intellektuell ran. Als wäre es ein Denkspruch. Glaube, Unglaube, hmmh. Totale Gegensätze. Wie passt das zusammen im Leben eines Gotteskindes? Das möge die Predigt bitte aufschlüsseln.

Genauso verkopft waren die Jünger auch vorgegangen. Sie haben sich in eine theologische Diskussion hineinziehen lassen, als sie Jesus sie mit seinen engsten Getreuen Petrus, Johannes und Jakobus antrifft. Auf dem Rückweg vom Berg der Verklärung , aus der schönen Klausur kehrt Jesus mit den drei Getreuen in den Alltag zurück und sie schlagen hart auf. Großer Auflauf mitten im Dorf. Ursache: Ein Unfall. Ein junger Mann hat einen epileptischen Anfall. Die Ersthelfer sind überfordert. Es sind die anderen 9 Jünger. Beseelt vom Missionsauftrag verkünden sie Gottes kommendes Reich. Genau wie ihr Meister haben sie eine gutes Wort für Menschen in Not und kümmern sich um die Kranken. Diesmal sind sie überfordert. Schon machen die Zuschauer ihre Bemerkungen. Darunter einige Schriftgelehrte. Sie nutzen diesen Moment der Schwäche aus, um die Jesu Anhänger anzugreifen. Die ganze Richtung passte ihnen ja noch nie. Die Jünger lassen sich von ihnen in einen Streit hineinziehen.

So trifft sie Jesus an. Als ginge es um eine theologische Diskussion. Aber darauf lässt er sich gar nicht erst ein. Er sieht die Not. Er sieht, wer Hilfe braucht. Er sieht den Kranken. „Bringt ihn her zu mir!“

Der wird von einem neuen Anfall geschüttelt. Das ist nicht nur krankheitsbedingt. Zerstörerische Mächte, die Vater und Sohn malträtieren, sie  ins Verderben reißen wollten, sehen sich durch Jesus bedroht.

Dieser Vater ist, wie wir heute sagen, ein pflegender Angehöriger. Das kostet Kraft, Geld, Nerven. Wie lang hat er das schon? Von Kindheit an. Also ist der Vater schon jahrelang von der Fürsorge in Anspruch genommen. Zusätzlich zu seinem Beruf vermutlich.

Wieviel solch treue, oft verborgene Fürsorge geschieht unter uns. Der Verzweiflungsruf der Jahreslosung bricht eine Lanze für all diese vielen, die bis an die Grenzen ihrer Kräfte sich kümmern um das behinderte Kind. Um den Vater, der das Bett nicht mehr verlassen kann. Um die Mutter nach ihrem Schlaganfall.

Unter Verzicht auf Urlaub. Immer unter Druck. Mit schlechtem Gewissen. Wiederkehrende  Klagen, Undank und Schrullen der Pflegebedürftigen fangen sie auf. Lenken den  Blick der Bedauernswerten und sich selbst Bedauernden mit liebevollem Umsorgen auf andere Themenkreise, öffnen immer wieder ein Fenster zur Welt da draußen.

Als Pfarrer kommt man in viele Häuser. Die wichtigsten Gespräche, nicht nur beim Krankenbesuch, sondern schon beim Gratulieren zum hohen Geburtstag waren mir die Wortwechsel, wenn Tochter oder Sohn mich hinaus begleitet haben. Oft hab ich dann gebeten, dass sie mit zum Fahrrad bzw. Auto kommen., Damit sie in sicherer Entfernung, was Hörweite angeht, aber mit innerem Abstand zur geselligen Runde drinnen, aussprechen können: Wie es dem Jubilar geht, wie sie klarkommen mit der Situation. Wie es weitergehen soll.

Das Wort der Jahreslosung „Ich glaube /Hilf meinem Unglauben“ klingt nach „zwei Seelen ruhen ach in meiner Brust“. Klingt nach Pari Pari. Klingt, wenn wir es auf die christliche Existenz beziehen, als sei das Christenleben eine Achterbahnfahrt. Aber so ist es selten. Meist hat eine Haltung die Oberhand. Kommt nur darauf an, welche.

Bei dem Vater des kranken Jungens ist die Konstante der Unglaube. Erst der Heilungsdienstder Jünger Jesu bringt ihn überhaupt in Kontakt mit der Kunde vom Reich Gottes. Vom Glauben hält er nichts. Als die Therapie nicht anschlägt, ist sein Weltbild bestätigt.

Zum Glück kommt Jesus dazu. Der Meister selbst. Die Zauberlehrlinge haben erfolglos herumgedoktert, aber nun kommt der Herr Professor. Zum Erstaunen des Vaters kommt aber kein „Lass mich mal machen!“ Jesus verlangt vom Vater etwas neues. Bisher war er nur Zuschauer gewesen, hatte den Wiederbelebungsmaßnahmen der Jünger beigewohnt. Statt deren ungelenken Handgriffe erwartet er nun die kundige Hand des Experten. Aber der wird gar nicht tätig. Der Vater wird ungeduldig: Mach doch, wenn du kannst! Da dreht Jesus den Spieß um. Ob ich kann? Auf dich kommt es an. Wenn du könntest glauben, du würdest Wunder sehn!

Damit hat der Vater nicht gerechnet. Dass der Beginn der Behandlung an diese unerwartete Bedingung geknüpft wird. Wie wenn die Krankenhausunterlagen gereicht werden und eine wichtige Unterschrift fehlt noch, sonst wird der Eingriff nicht vorgenommen. Und der von dem sie verlangt wird, ist doch schon ganz wirr im Kopf vor Sorge und Angst. Egal, wo muss ich unterschreiben, und der Absatz, den es zu bestätigten gilt, wird weder gelesen geschweige denn verstanden.

Vom Glauben versteht dieser Mann nichts. Sein Ruf, die Jahreslosung ist ein Unglaubensbekenntnis. Hilf meinem Unglauben, das ist seine Haltung immer gewesen. Ich glaube, das ist nicht seine Haltung, das ist nur nachgeplappert.

Aber dieser Funke genügt. Glaube wie ein Senfkorn. Das genügt schon.

Und ihr? Bei den meisten hier ist es genau anders rum. Der Glaube ist die Konstante. Der Unglaube, der Zweifel, kommt immer mal dazwischen. Gerhard Heinrich hat das wunderbar auf den Punkt gebracht in seinem Lied zur Jahreslosung. In den Strophen wird der Glaube der Christen, diese Konstante, beschrieben als die Kernpunkte vom Glaubensbekenntnis. Str. 1 Ich glaub an Gott den Schöpfer dieser Welt, der ewig bleibt und seine Treue hält. Str. 2 Ich glaub an Jesus Christus Gottes Sohn. Der starb für uns und sitzt jetzt auf dem Thron. Str. 3 Ich glaube an die Kraft des Heilgen Geist. Du Tröster, der die Liebe uns erweist.

Das ist sicherlich der Glaube der meisten hier. Aber das will im Leben sich bewähren. Und da beginnen die Schwierigkeiten. Damit meine ich nicht nur irgendwelche Schicksalsschläge, Unglücke, Niederlagen, die uns entmutigen wollen. Sondern die Tatsache, dass unsere Kultur, in der die Kirche längst keine prägende Kraft mehr hat, sich so rapide verändert. Was vor kurzer Zeit noch als richtig oder anständig und für alle verbindlich galt, ist auf einmal nur Option. Wie sollen sich Christen stellen zu Fragen der Sterbehilfe, Ehe für alle, müssen wir überhaupt eintreten für die herkömmliche Auffassung von Ehe und Familie, Bestattung im Wald statt auf dem Friedhof, alles im Fluss.

Man wundert sich, wie schnell um einen herum sich die Leute anpassen an früher Undenkbares. Die Großkirchen setzten dem nichts entgegen, geben ihren Mitgliedern keine Argumentationshilfen an die Hand. Sie haben sich schon mitreißen lassen vom Strom. Da kommt der einfache Christ mit Recht ins Fragen: Gilt das noch, was ich immer für richtig, für von Gott geboten hielt?

Wie wichtig und nötig wird es da, dass unter uns Angebote gemacht werden auf Freizeiten, Seminaren, Bibelwochen, Pfingsttagung. Wo die Trends unserer Zeit beleuchtet werden und bewertet werden vom Wort Gottes her. Durch fähige Leute, die sich damit auseinandergesetzt haben und uns zurüsten und vor allem unsere Leiter zurüsten. Freilich nicht in einem Augen zu und durch, als ob wir den vom Glaubensbekenntnis formulierte, feststehenden Glauben nur bewahren müssen und alles andere ausblenden bis zur Wiederkunft des Herrn. Wir müssen ihn vielmehr ins Gespräch bringen mit der Gegenwart, ihn dem harten Alltag aussetzen.

So wie es Jesus hier tut. Er nimmt den Kampf auf mit den Mächten des Bösen. Er ist der Stärkere. Das hat er hier bewiesen. Das wird er im neuen Jahr wieder beweisen in deinem und meinem Leben. Allem Zweifel zum Trotz.

Die Krankheit des Jungen in dieser Geschichte spiegelt zunächst das Hin und Hergerissensein von Glaube und Unglaube: Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot. So dass die Menge sagte, er ist tot. Aber Jesus ergirr und bei der Hand und richtete ihn auf. Und er stand auf.

Das ist die Wende. Neues Stehvermögen. Verändert durch Gottes Macht. Gefestigt im Glauben. Hier stehe ich und kann nicht anders. So deute ich das Bild zur Jahreslosung (Grafik) Sieht ein bisschen aus wie die Werbung von Vitasprint. Vitamin B12  macht die Lusche zur Rakete auf Knopfdruck.

Aber hier ist kein Angeber abgebildet, seht her, was ich kann. Das Kreuz schimmert durch. Der Gekreuzigte gibt uns den Halt. Gibt uns Rückgrat. Lässt uns standhalten in der Zugluft kurzfristiger Trends, die um uns werben.

So also können wir uns die Jahreslosung zu eigen machen. Wir richten dann diesen Ruf an Jesus in unserem Namen. Herr, ich , Joachim glaube, hilf meinem Unglauben! Ist schon okay. Aber erschöpft sich die Absicht der Jahreslosung darin, dass die, die schon glauben, es noch fester und inniger tun?

Der Hilfeschrei des Vaters will doch gehört sein als der Ruf von Menschen, denen Gott fern und nebulös ist. Die seine Kraft in ihrem Alltag nicht kennen. Von ihnen bist du umgeben. Und du bist wie damals die Jünger der jenige, der helfen soll.

Du bist durchaus fähig, das Licht des Glaubens in anderen zu entzünden.  Ja, es kostet Überwindung, du traust es dir nicht zu, du stößt auf Widerstand.  Aber du musst ja gar nicht einen anderen Menschen verändern und wieder richtig auf die Füße stellen. Du brauchst ihn nur mit Jesus in Verbindung bringen.

Das wäre ein Vorsatz fürs neue Jahr. Die Bitte: Herr lass mich wahrnehmen, wo du mir einen in den Weg stellst, der überfordert ist mit seiner Aufgabe. Dabei könnte er sie ganz anders bewältigen mit deiner Hilfe. Baue eine Brücke, verschaffe mir Zugang, schaffe dir Platz in diesem Leben, das deiner so bedarf.

Gehalten von ihm, können wir auch Zweifel zulassen. John Ortberg, der für seinen Humor bekannte Pastor aus Willow Creek, schreibt genau dazu  in seinem Buch „Glaube und Zweifel“ Klasse Cover, Glaube weiß, Zweifel schwarz, beides in gleich großen  Buchstaben.

Da sagt er: „Ich verrate ihnen mein Geheimnis. Ich habe Zweifel. Ich ha be mein ganzes Leben lang über Gott nachgedacht. Habe sein Wort studiert, gelesen und gelehrt. Ich bi n einer Gemeinde groß geworden. Ich ging auf eine christliche Schule und anschließend auf eine theologische Hochschule. Ich bin nie vom rechten Weg abgekommen. Ich habe mir nie die Hörner abgestoßen. Und trotzdem habe ich Zweifel.

Wenn ich mal gestorben bin und sich herausstellen sollte, dass alles wahr ist, was man sich so über den Tod erzählt. Die Engel singen. Der Tod ist besiegt. Das Buch des Lebens wird geöffnet und mein Name steht darin.

Dann werde ich ein bisschen erstaunt sein. Donner und Doria! Es ist alles tatsächlich wahr. Ich hatte ja doch so meine Zweifel daran.

So dürfen auch wir mit unseren Zweifeln unterwegs sein  im neuen Jahr. Wir wollen es miteinander tun. Uns zum loben locken  lassen von den  Glaubenszeugnissen der Geschwister, in die Fürbitte treiben lassen von ihren Enttäuschungen.

Immer in der Erwartung, dass Jesus dazu kommt und unser Leben ins rechte Licht rückt.

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