Behütet und getröstet wunderbar (Dietrich Bonhoeffer und die Jahreslosung 2020: Markus 9, 24)

Zum Reformationsjubiläum 2017 wurden Menschen nach starken Sätzen des Glaubens gefragt. Jeder kennt wohl solch einen Satz, seine persönliche Losung, sein Lebenswort für viele Lebenslagen, Sprachhilfe in der eigenen Sprachlosigkeit, die das Leben oft hinterlässt. Viele finden diese Sprachhilfe in einem wunderbaren Gedicht und Glaubenszeugnis, das in diesen Tagen 75 Jahre alt geworden ist und in verschiedenen Fassungen unbedingt zum Schatz unseres Liedgutes dazugehört. Dietrich Bonhoeffer hat in den Weihnachtstagen 1944 aus dem Gestapokeller in der Prinz-Albrecht-Str in Berlin an seine 20 Jahre junge Verlobte Maria von Wedemayer einen letzten Brief geschrieben. Es war ein sehr persönlicher Brief, eine Weihnachtsgabe an seine Familie und zugleich ein Vermächtnis weit über den Familienkreis hinaus. Aber man muss die Zeilen zunächst sehr persönlich hören, singen und beten, um sie recht zu verstehen. Das Weihnachtsfest und der bevorstehende Jahreswechsel klingen ebenso an wie die eigene bedrohliche Situation, die Folter im Gestapokeller und der drohende Tod durch Hinrichtung. Dietrich Bonhoeffer sollte das Kriegsende und die Befreiung von der Herrschaft der Nationalsozialisten nicht mehr erleben. Er wurde wenige Monate nach dieser Weihnachtsgabe, nur Tage vor der Befreiung am 9.April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. 

Am Anfang seines Weihnachtsbriefes schrieb Dietrich Bonhoeffer aus der Haft:  „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du und die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder“

EG 65 Strophe 1

Natürlich wird dieses Lied als Gabe an die Braut eine sehr persönliche, beinahe intime Glaubensbezeugung. Wahrscheinlich sind deshalb die Überzeugungskraft und die Leuchtkraft dieser Worte so groß, weil sie so persönlich und echt, so authentisch und mit eigenem Erleben und Erleiden gefüllt sind. Wir glauben Dietrich Bonhoeffer jedes Wort, weil sie nicht am Schreibtisch entstanden, sondern im Kerker erprobt sind.

Und dieses Gedicht gewährt einen liebevollen Einblick in das Leben der Familie Bonhoeffer, in die Dietrich hineingeboren und hineingenommen wurde. Weihnachten in Gestapohaft lässt die Erinnerung an die Weihnachtsfeste der Kindheit im Haus der Eltern wach werden und sie entwickeln eine große bergende Kraft, die durch niemanden und nichts gebrochen und geraubt werden kann. Dietrich Bonhoeffers Schwester Sabine hat liebevoll die Kindheitserinnerungen an Weihnachten im Hause Bonhoeffer festgehalten:

Nach dem Weihnachtsevangelium und dem ersten Lied, das die Mutter anstimmt, wird im Zimmer das Licht gelöscht. Im Dunkeln wird weitergesungen. Susanne, die Jüngste, darf zuerst ein Lied vorschlagen. Dann geht es dem Alter nach weiter. „Inzwischen hat Vater auf Zehenspitzen das Zimmer verlassen, um die Lichter am Christbaum und an der Krippe anzuzünden. Dann das Glöckchen. Das ist das Christkind, wissen die Kleinen, das ja auch unseren Wunschzettel vom Balkon geholt hat und überhaupt sich um die Geschenke kümmert. Alle erheben sich und tasten sich singend über die dunkle Diele zum Esszimmer, die jungen Geschwister voran, gefolgt von den älteren und den Erwachsenen. Und dann sehen wir unseren Christbaum. Strahlend hell! Alle Dunkelheit weg! Wir stehen in seinem Lichtkreis und singen das Kinderweihnachtslied `Der Christbaum ist der schönste Baum, den wir auf Erden kennen ́!Dort drüben die Gabentische! Die Geschenke sind zugedeckt! Nicht mal hinüberzuschauen fällt schwer! Aber zuerst hat die Krippe unsere Aufmerksamkeit. Aus der Stalltür dringt ein kleines Licht. Ausgebreitet vor uns die ganze Geschichte (Weihnachten Feiern S.30)

So fühlt man sich in die Weihnachtsstube der Familie hineinversetzt und spürt wie selbst im Gefängnis alle ganz gegenwärtig sind und wie tief verwurzelt die Sehnsucht und die Hoffnungen auf ein Wiedersehen, wie eng die Familienbande sind. Trennung und Verlust lassen sich im Alltag oft verdrängen, an den Hohen Festtagen bringen sie sich schmerzhaft in Erinnerung. Und Trauerschmerzen gebären Hoffnungsbilder: wir wollen uns, wir werden uns wiedersehen, hier und dort, hier oder dort. Und bis dahin bleiben wir durch ein unsichtbares Band verbunden.

EG 65 Strophe 5

Dieses Lied ist aber nicht nur ein liebevolles Weihnachtsgeschenk an die so unerreichbar ferne Braut, eine Erinnerung an glückliche Kindheitstage und leuchtende Weihnachtsaugen, sondern ein Gebet, ganz innig, wie die Psalmen, konkret mit Leben gefüllt und offen für so viele, die seitdem einstimmen. Und es ist offen in der Sprache, in der Gott angeredet wird. Denn es gibt so viele Bilder, die sich mit der Zeit wandeln, die so unterschiedliche Gefühle in den Menschen auslösen, die verbinden oder trennen. In diesem Gebet aber sind sie offen, ist Glaube als etwas sehr Weites und Tiefes in Worte gefasst. Glaube ist Vertrauen und Geborgenheit, ist Bewahrung und Trost. Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur kann uns von der  Liebe Gottes trennen, schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom und genauso entschlossen und gewiss, auch kämpferisch klingt Dietrich Bonhoeffer: auch die Macht und Gewalt, die Todesbedrohung, die die Tyrannei des Nationalsozialismus darstellen und mit der sie Welt und Wirklichkeit verdunkeln und in den Abgrund zu reißen drohen, können nicht  aus der Liebe Gottes und damit aus der Geborgenheit, dem Trost und dem Schutz reißen. Sie vermögen den Leib zu töten, aber mehr gehört ihnen nicht, vor allem nicht das letzte Wort. Das behalten die guten Mächte, die sich in Jesus Christus gezeigt, also geoffenbart haben dem Kind in der Krippe, dem Prediger auf dem Berge mit seinen Seligpreisungen, die die guten Mächte beim Namen nennen: Geistliche Armut, die alle gute Gabe von Gott erwartet, Leidgeplagte, die Gott an ihrer Seite haben, Sanftmütige, die die wahren Veränderer und Herren der Welt sein sollen, Menschen voller Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden, Verfolgte und um ihres Glaubens willen Bedrängte, auch massenhaft vernichtete Kinder des Gottesvolkes. Das sind die guten Mächte Gottes.

Die guten Mächte mögen im Augenblick wie auf verlorenem Posten erscheinen. Daran hat sich auch 75 Jahre nach der Entstehung dieses Gebetes nicht viel geändert, verändert haben sich lediglich die Schauplätze der Auseinandersetzung zwischen den Mächten. Krieg, Gewalt, Menschenverachtung, Diskriminierung von Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung oder ihrer sexuellen Orientierung sind noch nicht überwunden, sondern beherrschen die Auseinandersetzung an so vielen Kampfplätzen weltweit, aber auch in der innenpolitischen Diskussion des zu Ende gehenden und neu beginnenden Jahres. Aber sie können die Menschenliebe und Friedenssehnsucht und Friedensverheißung Gottes und das allen von Gott zugedachte Heil nicht auslöschen oder verhindern. Gott ist und bleibt Gott, die guten Mächte behalten die Oberhand im alten und im neuen Jahr. So hören wir nicht auf zu hoffen, zu glauben, zu beten, zu singen und im Geiste Jesu für die Herrschaft der guten Mächte zu streiten:

EG 65 Strophen 2 und 3

Es gibt oft die naive und so verständliche Vorstellung, als müsste uns der Glaube, als müsste uns Gott wegen unseres Glaubens vor allem Bösen bewahren. Dietrich Bonhoeffer hat wie so viele anderen Glaubenszeugen erfahren, dass gerade der Glaube erst in die Konflikte und die Widerstände, in die Verfolgung hineinführt. Er nahm das  Evangelium ernst und entschied sich, dem Rad in die Speichen zu greifen, sich als Christ nicht in eine tröstliche Jenseitshoffnung zu flüchten, sondern sich aktiv einzumischen, auch auf die Gefahr hin, s schuldig zu werden. Auch das gehört ja zur Auseinandersetzung im Leben und zur Erfahrung mit Gott dazu, dass wir Menschen schuldig werden, schuldig sind und dennoch Vergebung erfahren. Christsein ist konsequentes Leben und das immer aus der Vergebung. Vertrauen auf die guten Mächte ist der Anfang von machtvollem Handeln. Die Kirche Jesu Christi ist da, wo sie sich in die Angelegenheit der Welt einmischt, von der Abgrenzung gegenüber aller Menschenverachtung des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus bis hin zu Flüchtlingsschiffen im Mittelmeer, immer ganz bei ihrer Sache, bei Jesus Christus. Beten und das Tun des Gerechten war Bonhoeffers Credo in aller Konsequenz. Er lebte aus dem Vertrauen, er lebte aber ebenso aus der Erfahrung des Guten, des Heilvollen, des Lichten. Er ruft gewissermaßen die Erinnerung an Gottes Wohltaten ins Gedächtnis, die Freude an der Welt und ihrer Sonne Glanz, die Erinnerung an alle erfahrene Liebe, an die Kindheit, Beruf, Wegbegleiter*innen, Segen und mit all dieser Erinnerung, kann er sein leben ganz in Gottes Hand legen. So hat es wohl schon Psalm 103 gemeint: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

EG 65 Strophe 4

Ich kann mir eigentlich keine bessere Auslegung der Jahreslosung vorstellen als dieses Gebet, Gedicht und Lied Dietrich Bonhoeffers. Denn so ist Glaube: Vertrauen, Geborgenheit, Trost, Erinnerung der Schönheit des Lebens und der Welt.

Er ist realistisch, was Leid und Gebrochenheit im Leben angeht, wohl auch im neuen Jahr, da werden Mächte, Prinzipien und Überzeugungen aufeinanderprallen, da werden Krankheit und Tod uns herausfordern, da werden Licht und Schatten sich abwechseln, da werden Nahe uns fernstehen und Ferne uns ganz angekommen. Da werden wir Gott mühsam buchstabieren und manchmal ganz leicht und gelassen. Da werden wir beten: ich glaube, hilf meinem Unglauben und hoffentlich wunderbar geborgen, behütet und getröstet davon singen, dass Gottes Liebe untrennbar durch Jesus Christus mit unserem Leben verbunden sein wird.

Singen wir also auch EG 65, Strophe 6+7

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