Gott ganz klein – er braucht uns (zu Hiob 42, 1-6)

Man soll in der Tat den Morgen nicht vor dem Abend loben. Was Sinn macht und was nicht, erkennt man oft erst am Ende. Glück und Unglück können sich abwechseln, ob etwas ein Glück oder ein Unglück  ist erkennt man erst im Rückblick.

Manche sind grenzenlos optimistisch. „Diese Welt ist auf das vortrefflichste eingerichtet“ sagen die Optimisten und vermögen auch der größten persönlichen oder öffentlichen Katastrophe noch etwas positives abzugewinnen. Voltaire, aufgeklärter Philosoph hat darüber eine Satire geschrieben, Candide, vielleichte erinnert sich der eine oder die andere an die Lektüre in der Schulzeit und an das Gottesbild, das damit verbunden ist, dass Glück und Leid ihre Wurzeln bei Gott und damit eine tiefe Bedeutung haben müssen. Warum bestraft Gott, warum lässt er Böses zu, warum ist Krankheit, Krieg, Hass und Gewalt Teil der Schöpfung, die doch sehr gut gewesen sein soll, warum gibt es einen Widersacher des Guten, einen Bösen, einen teuflischen Geist, wenn Gott doch der Ewige, allmächtige und barmherzige ist ? Fragen über Fragen… Menschen haben nie aufgehört sie zu stellen und unterschiedlich zu verarbeiten. Aber welche Antwort überzeugt?

Auf die leidvolle Erfahrung des Erdbebens von Santiago de Chile im 17.Jahrhundert und dem Erdbeben von Lissabon 18.Jahrhundert reagierte Heinrich von Kleist mit der Novelle das Erdbeben von Chili, in der Glück und Unglück, Liebe und Tod einiger weniger und so vieler hin und her wanken.

Vor 15 Jahren standen wir alle fassungslos da, als am Morgen des Weihnachtstages, inmitten all der „O du fröhliche“-Seligkeit ein Erd- und Seebeben im Indischen Ozean einen Tsunami auslöste, der am Ende (das war nur die Spitze des Eisberges voller Leid) 230.000 Menschen das Leben kostete. Weihnachten und eine solche Katastrophe gehen nicht zusammen, genauso wie das erste Weihnachten nach dem Tod des Mannes, der Frau, der Kinder oder Enkel nicht auszuhalten ist. Auch wir hier heute morgen sind ja nicht einfach nur beseelt von der stillen und heiligen Nacht, weihnachtlich verzückt und allem Irdischen entrückt.

Die Phantasie aus dem Hiobbuch, dass in einem himmlischen Theater Gott und sein Herausforderer den frommen und gutmütigen Hiob mal eben auf die Probe stellen, kann ja keine ernst gemeinte Antwort auf die Frage nach der Güte Gottes sein, an der schon so mancher zerbrochen  ist und allen Glauben, alle Hoffnung und alle Liebe verloren hat. So muss und so darf ich keinem kommen, der eine Antwort auf sein Schicksal sucht, um überleben und hoffentlich irgendwann einmal weiterleben zu können. Anderen ihr Leid erklären zu können, verbietet sich einfach. Wir drohen manchmal an einem Gottesbild zu zerbrechen, das an Gottes Allmacht nicht rühren will und uns in unserer Ohnmacht einfach sitzen lässt.

Soweit gebe ich aller Religionskritik recht. Und widerspreche zugleich, weil sie die menschliche Dimension, die Sehnsucht und die Hoffnung darin übersieht. Gott im allergrößten Leid gegen alles Leid zu glauben hat etwas gnädiges und barmherziges und damit zutiefst menschliches. Bei Hiob kommt es ganz sanft als vorsichtiges Abtasten und zögerliches Staunen am Ende eines langen (Leidens-)Weges daher: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, was du dir vorgenommen hast, ist dir zu schwer.

Ich gebe zu, dass ich gerne auch so glauben möchte.

Und noch viel mehr: dass ich so bete.

Welchen Sinn sollte mein Beten haben, wenn es mehr als nur eine Form der Selbstreflektion, des konzentrierten Nachdenkens ist, wenn ich nicht das Ziel haben darf, Gottes Herz zu erreichen und zu bewegen und ihm zugleich zutraue, dass er die Dinge, die Verhältnisse, die Situation verändern kann.

Was sollte das für ein Gott sein, der mir nicht mehr helfen kann?

Meine Zuversicht und meine Stärke, meine Hilfe, in den Nöten, die mich getroffen haben, oder wie Luther vertont hat: ein feste Burg ist unser Gott. Das ist doch Glaube seit altersher in der Sprache der Psalmen (46,1)

Und mir stehen die Menschen vor Augen, die inmitten aller Schicksalsschläge mit genau diesem Glauben und Vertrauen, ihr Leben bewältigt und ihren Mut nicht verloren haben. Sie haben auf einen gütigen Vater hinter allem vertraut und dieses Dennoch gegen den Schmerz im Alltag gesetzt. Manchmal haben sie daraus eine enorme Kraft zum Verändern der Wirklichkeit entwickelt: an den sozialen Brennpunkten, in den Slums dieser Welt, in den Krankenhäusern und Hospitälern, auf den Schlachtfeldern und in den Schaltzentralen der Macht.

Und mir stehen die Menschen vor Augen, die genau dies nicht vermochten. Und es lag nicht daran, dass sie nicht genug gebetet, gehofft und geglaubt haben. Sie haben trotz ihres Einsatzes resigniert. Sie haben in der Ergebung und in dem Fügen keinen Trost gefunden, sondern dies als Erniedrigung und Entmündigung erlebt. Sie würden mit Voltaire spotten: diese Welt ist also auf das vortrefflichste eingerichtet?

Die Schrecken des letzten Jahrhunderts haben diesen Schmerz noch einmal verstärkt. Schon nach dem ersten Weltkrieg haben viele festgestellt, dass sich unser Reden und Denken von Gott, also alle Theologie ändern muss, weil sie bisher den Menschen und die von ihm beherrschte Welt nicht zu ändern vermochte und nach dem Holocaust haben viele gefragt, ob man überhaupt noch von Gott reden, an Gott glauben kann.

Die wichtigste Stimme dieser bohrenden Fragen in unserem Land war sicher Dorothee Sölle, deren 90.Geburtstag im Herbst diesen Jahres Anlass zur Erinnerung war. Ihr ganzes Lebenswerk dreht sich um diese Frage, wie man angesichts der Schrecken, die Menschen verantworten von Gott reden kann.

In einem Interview hat sie, die 2003 verstorben ist, einmal gesagt: „Für mich wichtigstes Thema war die Frage nach der Allmacht Gottes: Wo war Gott in Auschwitz? Warum hat er die Züge nicht angehalten? Wenn er doch alles kann per Knopfdruck? Wenn er da oben sitzt an seinem Schaltbrett und hat eine Milliarde Knöpfe, hätte er es doch machen können. Oder hatte er kein Interesse daran? Ich habe lange gerungen und ich denke, dass es eine falsche Vorstellung ist. Ich hab es auf die Formel gebracht: Gott war sehr klein in dieser Zeit in Deutschland. Er hatte fast keine Freunde und Freundinnen. Und Gott braucht uns.“

Und sie hat ein masochistisches Gottesbild massiv kritisiert, das immer noch postuliert: Gott ist der allmächtige Lenker der Welt, der alles leid verhängt. Gott handelt nicht grundlos, sondern gerecht. Alles Leiden ist Strafe für die Sünde.

Es gehört Mut dazu zu sagen, zu denken, zu glauben: Gott war/ist ganz klein (nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt). Er hat fast keine Freunde und Freundinnen. Er braucht uns.

Wer will schon etwas mit einem Gott anfangen, der klein ist und meine Hilfe braucht. Anders herum wird doch gefühlt ein Schuh daraus. Ich fühle mich ganz klein und brauche seine Hilfe.

Aber letztlich ist genau dies das Wunder der Menschwerdung, das Geheimnis der Weihnacht, der tiefe Sinn der Geburt eines kleinen Kindes, das niemand anderes als Gott mitten unter uns in einem Kind erschienen ist: Gott ist ganz klein, fast ohne Freunde und er braucht unsere Hilfe.

Gottes Antwort auf das Leid, das Menschen im Leben erfahren, egal ob selbst verantwortet oder schicksalshaft widerfahren, ist es, ein Kind in der Krippe zu sein, sich der Hilfe und der Zuwendung seiner Eltern auszuliefern, den Weg der Menschen mitzugehen, mitzulachen und mitzuweinen, mitzuhoffen und mitzubeten, mitzuleiden und mitzusterben. Statt der Allmacht steht erst einmal die Ohnmacht, an der Stelle der fernen Ewigkeit erst einmal ganz begrenzte Lebendigkeit, ein Leben vor seiner Zeit gewaltsam beendet, statt unbeteiligt über den Dingen zu thronen und zu stehen, gänzlich unberührt und unbewegt, hören wir von Mit-Leid, Sympathie, Tränen, Verzweiflung und Enttäuschung, auch von Angst und Beklommenheit.

Noch einmal Dorothee Sölle: „Zwischen den Leidenden und den Leidmachern, zwischen Opfern und Henkern, ist „Gott“, was immer Menschen mit diesem Wort denken, auf der Seite der Leidenden. Gott ist auf der Seite der Opfer.“ (Leiden, S. 181)

Das ist sein Stärke und die Wahl und Qualität seiner Allmacht, sich ohnmächtig und abhängig von Menschen zu machen, um ganz bei uns zu sein, inmitten tiefster Nacht, größter Verzweiflung, aber auch unbändiger Freude und grenzenloser Hoffnung. Er teilt alles mit uns ud teilt sich so mit.

Hiob stellt am Ende fest, dass er vom Hörensagen, von dem was alle bisher dachten und meinten, dahin gekommen ist,  nun mit eigenen Augen zu schauen: Gott, den ganz anderen.

Damit sind wir wohl noch ganz am Anfang. Aber die Weihnachtszeit ist ja auch noch nicht vorbei. Wir dürfen noch eine Weile bei der Krippe verharren und schauen, das Wunder zu begreifen suchen, dass Gott Mensch wurde, damit wir Menschen eine Vorstellung von Menschlichkeit und von Gott erlangen. Ich wünsche uns dabei offene Augen, Ohren und Herzen füreinander und für Gottes Gegenwart mitten unter uns. Amen

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