In dunkler klarer Nacht

Eine dunkle, sternenklare Nacht.

Können sie die Nacht auch spüren?

Dunkelheit umfängt mich, und eine unglaubliche Stille mitten in dunkler Nacht. Nur der Sternenhimmel funkelt. Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne. In solchen Nächten wandert mein Blick wie von selbst nach oben und ein eigentümliches Gefühl beschleicht und erfüllt mich.    ICH werde ganz still und ganz ergriffen, und staune über diese schlichte und ergreifende Schönheit, rätsele wie lange das Licht dieser leuchtenden Punkte nun schon unterwegs ist, ahne wie weit ich mit bloßem Auge in die unendliche Ferne dem Licht entgegenschauen kann.

Ich bin ergriffen von der Größe der Schöpfung und dem Tanz der Sternenlichter und werde ganz stumm und demütig, der ich ein winziger Punkt in dieser Unendlichkeit bin, fast verloren und unscheinbar. Was bin ICH angesichts der Weite über mir.

Was bin ich in meiner kurzen oder langen, leichten oder schweren, fröhlichen oder beklagenswerten Lebenszeit?

Wer bin ich? Es ist eine , wenn nicht sogar die Lebensfrage!

Unendlich wichtig bin ich, denen, die mich lieben und zugleich namens- und bedeutungslos für den Rest der Menschheit, den ich nicht kenne.

Der berühmte Berliner Prediger Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, vor gut 250 Jahren geboren, in seiner Zeit als Denker und Prediger gefeiert, beschrieb dieses Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit, als ein Gefühl von Gott in uns, andere empfinden eher Angst vor einer großen Einsamkeit inmitten und angesichts  der Unendlichkeit. Wer bin ich?

Eine dunkle, vielleicht sternenklare Nacht damals bei Bethlehem, als die Hirten bei ihren Herden waren.

In so einer Nacht können die Gedanken auf Wanderschaft gehen:

Sie überlegen, was der neue Tag bringen wird, wenn das Licht anbricht. Denn mit dem Erwachen sind auch die Sorgen wieder da: die Sorgen um das tägliche Brot damals und an so manchem Ort heute, die Frage, ob die Welt endlich zur Ruhe und zum Frieden kommt, damals unter Augustus, dessen Frieden ein trügerischer, durch die Macht der Soldaten erzwungener Frieden unterdrückter Völker war, oder heute, wo der kalte Krieg im Gewand des Misstrauens aufzuerstehen scheint, Mächte um ihre Einflusssphären kämpfen,  wir uns an brüchige Waffenruhen oder vergessene Kriege in der Ukraine oder in Syrien gewöhnt zu haben scheinen. Und sie hören nicht auf und mit ihnen auch das Leiden und Seufzen der Menschen. Selbst wo die Waffen schweigen, wird der Handel zum Mittel des Kampfes. 

Die Gedanken malen sich die Zukunft der eigenen Kinder aus, die heute so fröhlich spielen und deren Zukunft wir gerne sicher machen würden. Ich wüsste gerne in welcher Welt sie leben werden. Ich kann die Ungeduld vieler junger Leute verstehen, die die Welt retten wollen, weil es ihre Zukunft und ihr Leben ist, das doch gerade erst anfängt. Für sie ist Zukunft noch ein ganzes Leben. Und die Welt, die Schöpfung ist auch morgen und übermorgen ihre Heimat. Sie wollen sich mit dem Gefühl, nur ein unbedeutendes oder zu vernachlässigendes Rad im Getriebe zu sein, nicht abfinden. Sie, wir alle haben nur dieses eine Leben. Wer bin ich denn, dass ich dann die Augen vor der Verantwortung verschließe! Ein Rad bin ich vielleicht, aber eines, das in das andere greifen muss und greifen kann, damit alles in Bewegung bleibt. Unendlich wichtig bin ich.

Die Gedanken gehen zu denen, die zu Hause geblieben sind, deren Kräfte nach einem arbeitsreichen Leben geschwunden sind. Müde sind sie vom Leben geworden, alt und manchmal auch lebenssatt. Sie haben Sorge, zur Last zu fallen. Als ob ein Mensch nur nach seinem Nutzen und Ertrag oder seinen Kosten und Lasten beurteilt werden kann!

Anderen scheinen Krankheiten die Zeit zu rauben, die noch gebraucht würde, für all die Träume und Wünsche und Hoffnungen auf ein schönes bisschen Leben. Das kann doch nicht alles gewesen sein …

Meine Gedanken kreisen inmitten der stillen Nacht und mir wird es fragwürdig, dass Menschen sich als «die da unten» empfinden und andere als «die da oben» wahrnehmen. Hier die Hirten, da die Steuereintreiber oder Soldaten im Auftrag der Könige und Statthalter oder Machtverwalter. Hier die Regierten, da die Regierenden. Hier das Volk und da die Obrigkeit und und jeder will und braucht  Vertrauen des Anderen.

Da wird die Wahrheit  verdreht und vergewaltigt, um Menschen zu blenden, gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen, als ob immer der Recht hat und recht behält, der sich am lautesten zu Worte meldet. In solchen Augenblicken sehne ich mich nach der Stille unter einem leuchtenden Sternenhimmel, auch in winterklarer Nacht, um die erhitzen Gemüter abzukühlen und dann wieder empfindsam für die wichtigen Dinge im Leben zu werden und um klarer zu sehen.

Ich sehne mich nach Antworten. Denn Klarheit überFragen und Sorgen und Herausforderungen sind wichtig, aber noch keine Lösung. Am Ende sitze ich noch immer unter dem Sternenzelt allein mit meinen Fragen, Sorgen und Wünschen, schaue wie die Hirten in das Feuer, lausche in die Nacht, bereit aufzuspringen, wenn Gefahr droht. Nacht für Nacht und Jahr für Jahr. Immer wieder!

Eine dunkle, vielleicht sternenklare Nacht damals bei Bethlehem, als die Hirten bei ihren Herden waren.

Aber mit einem Mal leuchtete die Klarheit des HERRN um sie.

Ihnen ging ein Licht auf, sie fanden Antworten, wo sie bisher nur Fragen hatten. Sie entdeckten Wege, wo sie bisher nur funktionierten und auf ausgetretenen Pfaden unterwegs waren.

Denn der Engel des Herrn verkündete eine befreiende, erlösende, die Welt verändernde Botschaft:

Euch ist heute der Heiland geboren, ein Kind in der Krippe liegend, in Windeln gewickelt.

Und sie begriffen:

Ich bin, so wie ich bin, unter diesem unendlichen Sternenhimmel so  unendlich wichtig, dass Gott mir gleich wurde: Mensch, Kind, auf Liebe und Fürsorge angewiesen. So unschuldig wie ein Kind spricht er alle guten Gedanken und Gefühle in mir an und erweckt in mir eine Sanftheit und Menschlichkeit, eine Freundlichkeit, die so lange verloren gegangen schien. Wie sollte in Gottes Augen auch nur einer unwichtig sein, wenn Gott sich einen unscheinbaren Ort mit unscheinbaren Eltern ausgesucht hat, um Mensch zu werden und uns zur Menschlichkeit zu verführen. Denn nur so kann sich doch etwas verändern in den kleinen und großen Streitigkeiten dieser Welt, wenn die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit, die Kostbarkeit jedes Lebens egal an welchem Ort und mit welcher Herkunft nicht mehr in Frage gestellt wird. Der Friede beginnt mit der Würde jedes einzelnen, die darin begründet ist, dass Gott sich als Einzelner angreifbar und verletzbar gemacht, sich uns ausgeliefert hat.

Es geht gar nicht anders, als Weihnachten für Weihnachten festzustellen, dass die Verhältnisse nicht so bleiben müssen, aber auch nicht so bleiben dürfen, wie sie sind: Denn euch ist heute der Heiland geboren, der Retter, der Neuanfang, der Friedefürst. 

Sein Name ist Botschaft: Immanuel – Gott ist mit uns; Jesus – Gott rettet. Die Angst der Altgewordenen, Einsamen und Kranken wird geheilt, kein Leben vergeblich gelebt, keiner von Gott aus dem Blick verloren  und alle Not ist bei ihm aufgehoben, Not, die geheilt und Not, die getragen wird. Denn Gott ist mit ihm Mensch geworden, Gott ist mit uns. Mit dem Kind in der Krippe, mit seinem Leben hat Gottes Zukunft mit uns schon angefangen: neue Tage und neues Leben, neue Chancen und neue Hoffnungen, neue Ordnungen und neue Maßstäbe: 

Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, weil Gottes Wohlgefallen an uns Menschen und seiner Welt sich in dem Kind in der Krippe zeigt und Gott die Ehre gegeben wird, wo Frieden unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt.

Eine dunkle, vielleicht sternenklare Nacht damals bei Bethlehem, als die Hirten bei ihren Herden waren.       

Das ist Weihnachten.

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