Lippenstift im Säckchen

Also das war jetzt keine Falle, als ich den Lektor gebeten habe, den Predigttext als Schriftlesung zu nehmen. Mit lauter komplizierten Namen von Potentaten und Provinzen.

Die gehören alle dazu, sind untrennbar verbunden mit Jesu Kommen. Weil Jesu Erscheinen auf der Erde das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte ist, müssen die damals Amtierenden samt Herrschaftsbereich aufgezählt werden.

Gott kommt als Mensch in seine Welt. Hat sich diese Welt gewünscht, dass er kommt? Im Gegenteil! All die hier aufgezählten Herrscher, Tiberius, Pilatus, Herodes, Philippus. Denen hätte nichts gefehlt, wäre Jesus unterwegs im Stau stecken geblieben. Ein paar von ihnen hätten dann einigen Ärger weniger gehabt und weniger schlaflose Nächte.

Und wie sieht das bei uns aus? Den Normalmenschen ohne Berührung mit der großen Politik? Nicht viel anders. Wir haben normalerweise den starken Wunsch, dass andere und auch Gott sich aus unseren Angelegenheiten heraus halten. Deshalb machen die einen aus Gott eine religiöse Kitschfigur. Die anderen leugnen ihn gleich ganz. Wir haben ein Gespür dafür, dass Gott im Ernstfall unsere behaglich eingerichteten Wohnzimmer genauso durcheinanderbringen wird wie die Welt der großen Politik.

Der Evangelist Lukas macht das klasse. Wie ein Regisseur im Vorspann eines Films startet er mit einer langen Kamerafahrt. Erst zeigt er uns den Kaiser Tiberius in der Reichshauptstadt Rom. Mit seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Dann blendet er über auf seinen Vertreter Pilatus in einer abgelegenen Provinz im Osten. Auch immer noch ganz imponierend. Von da schwenkt die Kamera auf zwei Provinzfürsten am Rande der Wüste. Die versuchen in ihrem Landkreis mit einigermaßen königlichen Glanz zu verbreiten. Dann fängt die Kamera noch 2 religiöse Würdenträger aus der Gegend ein. Sie alle sind die Machthaber auf den verschiedenen Ebenen.

Aber dann wandert der Blick über die Grenzen der bewohnten Welt hinaus. In die Wüste. Wo nichts ist. Wo keiner lebt. Ein Gebiet, das kein Staat beansprucht. Weil da nichts zu holen ist.

Und ausgerechnet dort passiert das wirklich wichtige. Da geschah das Wort Gottes zu Johannes in der Wüste. Wenn Gott anfängt zu reden, dann bewegt sich die Welt. Man muss dazu wissen: Gott hatte zuvor jahrhundertelang geschwiegen. Die letzten Propheten waren lange tot. Seit damals war Gott stumm. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt. Die Frommen führten lange Diskussionen über Vorschriften welche Tätigkeit am Sabbat zulässig ist, welche untersagt. Welche Speisen man essen darf,  welche nicht. Und die normalen Menschen waren mit ihren normalen Sorgen beschäftigt. Es gab gute Zeiten und schlechte Zeiten.

Da fing Gott wieder an zu reden. Es ließ ankündigen: Jetzt ist die Zeit gekommen. Jetzt rede ich. Jetzt handele ich. Mein entscheidendes Werk steht bevor. Es kommt einer, der wird euch taufen mit dem Heiligen Geist und mit Feuer.

Menschen werden angesteckt von Begeisterung. Werden entflammt. Werden begeistert sein von Gott, wenn sie auf einmal erkennen, wie er wirklich ist. Die Feindschaft zwischen Gott und den Menschen, bis dato Grundtatsache der ganzen Geschichte, wird überwunden.

Man muss sich das immer wieder klar machen, wie sehr das Mißtrauen unser ganzes Leben durchzieht. Wieviel Absicherungen und Schutzmaßnahmen es gibt, weil Menschen Gott nicht trauen. Weil sie denken: Er wird uns nicht versorgen. Er wird uns nicht beschützen. Wir müssen unsere Sache selbst in die Hand nehmen.

Die ganze Weltgeschichte wimmelt vom Versuch, stark zu sein oder zu wirken. Sich selbst schützen und mögliche Bedrohungen kontrollieren. Davon ist die Weltgeschichte voll und unser persönlicher Lebensweg auch. Und oft richten diese Vorsichtsmaßnahmen den eigentlichen Schaden an.

Wenn dieser Geist der Vorsicht und der Absicherung durchbrochen wird. Dann gelten neue Regeln. Selbst wenn nur wenige danach leben. Jesus und seine Nachfolger haben nach diesen neuen Regeln gelebt, in der Kraft des Heiligen Geistes.

Das alles spürt Johannes herankommen. Und er sagt zu seinen Zeitgenossen: Bereitet euch vor! Geht an den Platz, wo das geschehen wird. Ihr wollt doch dabei sein, oder?

Johannes mischt die Menschen schon mal auf für Jesus. Er holt sie raus aus ihrem übersichtlichem Leben. Wo man heute schon weiß, was morgen sein wird. Und wo es in einem Jahr immer noch so sein wird wie heute.

Weil Gott in die Welt kommt, deshalb ist die wichtigste Frage: Bin ich auch da, wohin er kommt? Innerlich und äußerlich? Wir werden Gott bei seinem Vorhaben weder unterstützen noch hindern können. Aber die Frage ist: Werde ich dabei sein, wenn er kommt? Oder werde ich mit meinen Angelegenheiten so beschäftigt sein, dass er mir als Störenfried vorkommt oder gar als Feind?

Es geht darum, dass wir eine Position einnehmen, wo Gottes Zuwendung bei uns ankommen kann. Du musst  die anderen Dinge aus der Hand legen, damit deine Hände frei sind, wenn er sie füllen will.

Das ist gemeint mit Umkehr oder Buße, wozu Johannes dauernd auffordert. Umkehr heißt: Die Bindungen lösen an einen Lebensstil, wo Gott keine Rolle spielt.

Die erste Übung, die Johannes dazu empfiehlt, ist GEBEN. Es gibt wenig Dinge, die uns so effektiv befreien, wie wenn wir großzügig abgeben von dem was uns gehört. Unser Lebensstil ist geprägt von dem Wunsch, Dinge zu besitzen. Wir sind zum Glück nicht so stark davon infiziert wie Onkel Dagobert und ähnliche Raffzähne.

Trotzdem: Es muss bloß mal zum Jubiläum von Supermarkt XY etwas umsonst geben. Es reicht auch schon, wenn es irgendwo stark reduzierte Waren gibt. Da drängeln sich Menschen und schleppen Sachen ab, bei denen sie vorher nie in die Lage kamen, dass sie das mal brauchen. Und wenn, haben sie sich anderweitig beholfen. Und wieso spielen Menschen Lotto, die eigentlich ein auskömmliches Leben haben?  Die nicht so arm sind, dass sie verzweifelt nach so einer Chance greifen müssen.

So schaut an vielen Ecken heraus, wie stark das was wir besitzen oder besitzen möchten, mit unserer Seele verflochten ist. Wenn wir etwas davon weggeben, erleben wir jedes Mal, dass wir auch ohne diese Dinge auskommen. Dass sich unsere Lebensqualität dadurch nicht verringert. Und es ist die Erfahrung vieler, wie Gott trotzdem dafür sorgt, dass seine Kinder genug haben. Denn Gott hat die Erde so eingerichtet, dass eigentlich genug für alle da ist.

Wenn wir geben und teilen, setzen wir für uns diese Grundlage wieder in Kraft. Das Ergebnis ist dann zwar nicht so, wie wenn alle das tun würden. Aber selbst dann sorgt Gott dafür, dass Gutes dabei heraus kommt. Und es wird noch wesentlich besser wenn eine ganze Gruppe sich zum Geben entschließt.

Das gefällt mir an einer Spendengala wie Herz für Kinder vorletzten Samstag, wenn Menschen einander motivieren, ja mitreißen, zu geben. Wobei enorm viele der unterstützten Hilfsprojekt von Christen angestoßen wurden bzw. in Gang gehalten werden.

Also dazu ruft der Johannes auf. Und nun hat der Evangelist Lukas eine Besonderheit. Er hat uns wichtige Predigten aus der Zeit der Anfänge der Kirche überliefert. Von Petrus, Stephanus, Paulus. Und auch diese von Johannes dem Täufer. Man nennt sie die Standespredigt.  ,

Das Wort ist out, aber wir kennen es alle. frz. Revolution, erster, zweiter dritter Stand. Je höher der Stand, je mehr Vorrechte. Standrechtlich erschossen heißt, ein zum Tode verteilter Offizier darf nicht gehenkt werden. Er kriegt die Kugel. Schönen Dank. Standesgemäß heiraten heißt es kommt nur ein Partner in Frage aus derselben Schicht.

Also die Stände, vor allem die vornehmen bleiben gern unter sich. Hier aber kommen sie alle.

Daran zeigt sich, wieso Johannes der Vorläufer, der Wegweiser zu Jesus ist. Hoch und niedrig, jung und alt, Bauer und Fürst, allen gilt das Evangelium.

Wir erfahren auch, in welchem Stil Johannes predigte. Kein Monolog! Er geht auf die Leute ein, konfrontiert sie. Er guckt ihnen, vom Geist geleitet, ins Herz. Er sieht wenn die Motive nur äußerlich sind. Diese Leute schickt er weg mit der Auflage: Kannst morgen wieder kommen, aber dann bitte ehrlich. Er spricht einzelne direkt an. Kein brav in der Bank sitzen, stille Andacht, danke Herr Pfarrer für ihre trostvollen Worte. Nichts davon! Jeder bekommt praktische Hilfe damit er merkt: So kann ich im Alltag mit Gott leben.

Aber man merkt schon: Es ist noch vor Jesus. Die Einstellung der Leute, ihre Fragen, es offenbart, sie sind Jesus noch nicht begegnet, von ihm noch nicht berührt. „Was sollen wir tun?“ „Was sollen denn wir tun?“ So fragt jeder Stand, jede Berufsgruppe aus der Menge. So fragen sie in allen Religionen. Welche Übungen bringen mich Gott näher? Was verlangt er von mir. Was muss ich tun? Genauer, wieviel muss ich tun, bis es reicht, dass er mich hier beschützt und später in seinen Himmel lässt.

Deswegen diese praktischen Antworten von Johannes:  Wer zwei Hemden hat, gebe eins ab. Tut niemand Unrecht, lasst euch genügen. Das gehört alles in die Zeit vor Jesus. Genauer: Das ist noch nicht christlich, auch wenn das gemeinhin unter uns als christlich gilt und sich Christsein darin erschöpft.

Darum sagt Johannes immer zwischendurch: Ich will nicht euer Lebensberater sein. Das ist nicht mein Auftrag. Ich kündige den Messias. Das Lamm Gottes. Ich weiß zwar nicht wer er ist, wie er ist, aber er steht vor der Tür. Mit ihm müsst ihr in Verbindung kommen.

Die Adventszeit ist die Zeit im Jahr, die wie keine andere es Menschen erleichtert, mit Jesus in Verbindung zu kommen. Dabei kannst du helfen, mitwirken. Wegbereiter sein für Jesus.

Das setzt natürlich voraus, ich bin selbst mit Jesus verbunden. Ich weiß mich zu ihm gehörig. Stand jetzt., Egal wie man dahin gekommen ist, ob bewusste Richtungsänderung oder schon immer dazu gehörig.

Mancher von uns erfüllt diese Voraussetzungen und bleibt trotzdem untätig. Man ist mit seinem Christenstatus glücklich und zufrieden. Sich darüber hinaus um andere bemühen, sie umwerben glaubensmäßig. Das ist doch aufdringlich. Zu anstrengend. Oder es gehört in eine frühere Lebensphase, als man noch gretamäßig die Welt retten wollte.

 

Damit liegen ungeahnte Möglichkeiten brach. Menschen bleiben unerreicht, übersehen, übergangen, denen geholfen werden kann. Durch jeden von euch, der  auf der Seite Jesu steht.

Denn Religion, Glaube, Kirche, wird nach außen hin zuallererst, oft sogar ausschließlich, wahrgenommen über einzelne Christen. Sei es positiv, sei es negativ. Du bist der Öffner. Oder der Bremser. Ob du das willst oder nicht, es ist so. Auch wenn du sagst, das Christentum verkörpert doch der Papst oder Bischof Bedford Strohm oder der Pastor vor Ort. Nein.  Für ganz viele verkörperst du es. Als Wegweiser (langes e) oder als Wegweiser (kurzes e). Was für eine Verantwortung! Was für eine Chance!

Gerade in diesen Wochen des Advent! Da ist bei vielen eine viel größere Empfänglichkeit im Blick auf Glaubensdinge als sonst. Wo man sonst abgewiesen würde oder mißtrauisch betrachtet, öffnen sich jetzt sonst gut gesicherte Türen. Das Visier wird hochgeklappt.

Eine Freundin von uns ist zur Zeit an mehreren Abenden unterwegs im Rotlichtmilieu um Heilbronn. Im Team, ausgerüstet mit selbst genähten Weihnachtssäckchen.. Gefüllt mit einem Lippenstift und Schokolade. Dazu ein Tannenzweig und Strohstern. Auch über die Kalender in der jeweiligen Sprache freuten sich die Frauen sehr. Bei einer jungen Ungarin stand der Kalender 2019 auf dem Tischchen neben dem Eingang. „Oh bin ich froh, dass Du mir einen neuen Kalender für 2020 bringst!“ Eine junge Rumänin gesteht traurig:  „Den Weihnachtsbesuch bei meiner Familie würde ich am liebsten absagen. Denn meine Mutter wird mich vor allen loben und erzählen wie hart und vorbildlich ich der Schweiz arbeiten würde. Das Lügengerüst aufrecht zu erhalten wird für mich immer mehr zu einem großen Problem.“  Aufmerksam hörte sie zu als Annagret ihr in ein paar Sätzen von der wahren Bedeutung von Weihnachten erzählt.

Es lohnt sich wirklich, in diesen Wochen  Zeit zu investieren, obwohl der Terminkalender viel enger ist. So viele Menschen in deinem Umfeld sind offen wie das ganze Jahr nicht. Wir dürfen sie auf Jesus hinweisen.

Bei uns in der Küche ist in diesen Tagen der Tisch voll mit Umschlägen, Karten, unterschiedlichste Beilagen. Am besten ich zeigs mal. (Bistrotisch holen und füllen, dabei die „Zutaten“ benennen, hoch halten und erläutern):

Weihnachtskarten, darauf Sprüche mit Tiefgang.  Zündholzpäckchen mit Bibelspruch. Ein Buch mit Kurzgeschichten. Einzelne oft nachgefragte Geschichten im Sonderdruck. Für einen selbst zur Motivation, Unterhaltung, Adventsstimmung steigern. Für den einen oder anderen, der bei einer Weihnachtsfeier was vortragen soll und nach Material  sucht.

Diese Geschichten spielen in einer ganz anderen Liga als die Slapstick-Stories von Pleiten Pech und Pannen mit krummen Christbäumen, Kurzschluss wg zig Lichterketten, verkohlte Gans, die man auf mancher Weihnachtsfeier ohne erkennbaren Bezug zu Christi Geburt zu hören kriegt.

Manche von euch mögen abwinken: Viel zu aufwendig diese Grußaktion. Lange vorbei. Bei unseren Verwandten und Freunden gehen längst keine Karten mehr rum. Wir tauschen nur noch klingende Postings via handy.

Dann eben auf dieser Schiene. Aber bitte mit Niveau statt gedankenlos den witzigen Clip von tanzenden Nikoläusen weiterleiten. Besser ein liebevoll und aufwendig gemachtes Video teilen, das zum Glauben ermutigt. Wie der „Sei du ein Licht in der Welt“ Clip: Ruhige Klaviermusik, Szenen die wechseln von Geburt im Stall zu Szenen von Jesu heilendem Wirken, dazwischen immer wieder der Sprung in die Gegenwart zu Liebeswerken, die keinen überfordern. Alles ohne Zeigefingerattitüde.

Hier auf der Liste sind inzwischen die meisten Namen abgehakt. Von denen hat manch einer angerufen nach Erhalt. Um den Empfang zu bestätigen, Danke zu sagen. Den Jahresrundbrief haben sie gleich gelesen. Dann erzählen sie von sich aus, wie ihr Jahr war. Schütten ihr Herz aus. Und man kann sich mitfreuen oder trösten. Das Besprochene gleich weiterleiten an Jesus bei einem  Gebet noch am Telefon.

So dürfen wir Wegbereiter sein, wie einst Johannes der Täufer. Bei alledem  ist es nur Vorbereitung. Nicht Johannes hat die Welt erschüttert, sondern Jesus. Nicht unsere adventliche Herzmassage oder Liebestätigkeit wird die Welt oder auch nur uns retten, sondern Jesus. Wenn er in unserem Leben erscheint und im Leben vieler anderer.

Wir sollen dahin gehen, wohin er kommt: Äußerlich indem wir dahin gehen, wo wir von ihm hören können. Wo Menschen in seinem Namen beieinander sind., Innerlich, indem wir ein Leben der Einfachheit führen, ohne die ganzen Bindungen an Dinge und Sicherheiten, die doch kein Leben schenken.  Die Jesus den Platz weg nehmen.

Er soll wieder Raum bekommen, Zugang finden, zutage  treten, groß werden, sich ausbreiten in vieler Leben.

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