Mit Weihnachten fängt es an zu Titus 3,4-7

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

der Heiligabend ist vorüber. Wir haben die Romantik genossen oder sind von der fehlenden Romantik enttäuscht oder es war einfach wie sonst oder anders als sonst. Aber das ist vorbei. Heute an Weihnachten gehen wir weiter. Wir vertiefen uns in das Geheimnis von Weihnachten, das wenig mit Romantik aber ganz viel mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat. Der Predigttext heute spricht von dem Geheimnis des christlichen Glaubens, das mit Weihnachten begonnen hat und nun unser ganzes Leben prägen möchte. Der Brief an Titus gibt seiner Gemeinde einen hymnischen Überblick darüber, was passiert, wenn Weihnachten nicht nur ein besonderer Tag ist sondern der Anfang eines neuen Lebens. Ich lese

Titus 3, 4-7

Doch dann erschien die Güte

und die Menschenfreundlichkeit Gottes,

unseres Retters –

5 und zwar unabhängig von irgendwelchen Taten,

die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten.

Sondern er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt:

Er hat uns gerettet

durch das Bad,

aus dem wir neu geboren werden.

Denn mit diesem Bad erhalten wir

das neue Leben durch den Heiligen Geist.

6 Den hat er in reichem Maß über uns ausgegossen

durch Jesus Christus, unseren Retter.

7 Durch diese Gnade

werden wir von Gott als gerecht angenommen.

Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens –

so wie es unserer Hoffnung entspricht.

 

Weihnachten: Die Menschenfreundlichkeit Gottes ist erschienen. Der Retter ist da. Das ist der Anfang, auf den der Glaube sich beruft. Das Kind in der Krippe ist die Hoffnung, dass die Welt sich grundlegend ändern wird und damit auch unser Leben.

Buchstabieren wir es durch, was wir geschenkt bekamen:

Jesus Christus hat uns aus dem alten zerstörerischen Leben gerettet. Er hat uns von der Macht des Bösen befreit.

Wir haben das neue Leben bekommen. Es wurde uns in der Taufe geschenkt. Und in der Taufe bekamen wir den heiligen Geist. So gehören wir nun zu Jesus Christus. Und dadurch betrachtet Gott uns als gerecht und vergibt uns unsere Schuld. Und deshalb erben wir das ewige Leben. So hoffen wir.

Ich gebe zu, das ist hohe Theologie und genauso unverständlich wie der Text selbst. Wie erkläre ich es so, dass deutlich wird, was sich dadurch für die Welt und uns geändert hat?

Vielleicht fange ich mit dem Weltbild der Paulusschule an aus der dieser Predigttext stammt.

Paulus und seine Schüler betrachten ihre Welt als ein Gefängnis. Dort gibt es keine Freiheit. Alle Menschen sind unter die Macht der Sünde versklavt. Die Sünde beherrscht sie und sie haben keine Wahl. Sie müssen ihr dienen. Die Menschheit als Ganzes und jeder einzelne Mensch ist dazu verdammt dauernd Böses zu tun, nur nach seinem eigenen Vorteil zu streben und die anderen zu betrügen und ihnen zu schaden. Kein Mensch kann etwas dagegen tun. Besonders die Herrscher und Könige sind ihrem Machtstreben verfallen und damit geht die Welt ihrer Zerstörung entgegen.

Erkennen Sie das Lebensgefühl, das dahinter steht? Ich denke, diese Einstellung ist heute auch weit verbreitet. Wer hat nicht auch schon gedacht: Die Politiker fahren unser Land gegen die Wand und wir einfachen Bürger sind machtlos und können gar nichts dagegen tun. Die Welt wird immer schlechter. Die Menschen kümmern sich nicht mehr umeinander. Jeder ist sich selbst der Nächste.

So ähnlich sieht die Paulusschule die Welt auch.

Aber sie bleibt nicht bei diesem Lebensgefühl stehen, sondern sie hat Hoffnung. Denn sie denkt: Gott konnte das einfach nicht mehr mit ansehen. Und deshalb hat Gott seinen Sohn auf die Welt geschickt, um die Menschen von der Macht der Sünde zu befreien und ihnen die Möglichkeit zu geben das zu tun, was sie wirklich wollen, nämlich das Gute. Jesus ist geboren und durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung hat er die Welt grundlegend geändert. Er hat die Macht der Sünde gebrochen. Und wie passiert das, dass die Sünde keine Macht mehr hat. Es geschieht erst mit einzelnen Menschen und breitet sich dann über die Welt aus. Für den einzelnen beginnt es mit der Taufe. In der Taufe bekommt der Mensch in Verbindung mit Jesus Christus. Und jetzt herrscht nicht mehr die Sünde in ihm sondern Jesus Christus herrscht in ihm. Damit bekommt der Getaufte ein neues Leben. In diesem neuen Leben ist er jetzt frei von der Macht der Sünde. Er muss nicht mehr Böses tun. Er kann jetzt anfangen Gutes zu tun. Da das aber für Menschen ziemlich ungewohnt ist, braucht er dabei Unterstützung und muss es erst lernen. Die Unterstützung in ihm ist der heilige Geist. Durch die Taufe empfängt der Täufling den heiligen Geist. Und wenn auf den heiligen Geist in sich hört, dann wird er in der Liebe leben und anderen helfen anstatt ihnen zu schaden. Das muss er aber erst mühsam und langsam lernen. Wie ein Kind überhaupt erst lernen muss zu verstehen wie das Leben funktioniert und was die Eltern und die anderen Menschen von ihm erwarten. Dabei wird es noch Fehler machen. Und auch der getaufte Mensch macht noch eine Menge Fehler. Das ist aber nicht schlimm, denn weil er zu Jesus Christus gehört, wird Gott ihm die Fehler nachsehen und die Schuld vergeben und ihn so betrachten als wäre er wie Jesus Christus selbst. Und deshalb kann jetzt für den einzelnen Getauften nichts mehr schief gehen. Er hat die Freiheit gewonnen das Gute zu tun. Er kann in seinem neuen Leben ankommen. Und um so mehr er sich in das neue Leben in Christus einlebt um so klarer wird. Er kann dieses Leben nicht mehr verlieren. Er erbt das ewige Leben.

Können wir der Paulusschule mit dieser optimistischen Sicht des christlichen Lebens folgen? Immerhin haben wir 2000 Jahre Christentum hinter uns. Das Christentum ist die größte Weltreligion. Man müsste doch erkennen können, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung, der inzwischen getauft ist, von der Macht der Sünde befreit wurde und immer mehr Menschen das Gute tun. Ist unsere Welt nicht zu schlecht um so etwas anzunehmen? Diesen Illusionen konnte sich ein Schüler des Paulus hingeben, können wir heute noch diese Sicht teilen?

Nein, nicht wirklich. Ich will jetzt nicht aufzählen, was alles schlecht und gefährlich in unserem Leben ist. Das wissen Sie selbst.

Aber ich würde gerne aufzählen, was heute besser ist im Vergleich zur antiken Welt, in der Jesus gelebt hat. Zum Beispiel gibt es heute tausende von Hilfsorganisationen, die von dem Gebot der christlichen Nächstenliebe inspiriert sind. Zum Beispiel geht man heute davon aus, dass alle Menschen gleich sind und grundsätzlich die gleichen Rechte haben. Das war damals undenkbar. Es gibt eine effektive Gesundheitsversorgung, Krankenhäuser, Sozialstationen, kaum noch Hunger in Europa. Vielleicht ist doch etwas dran an der Sicht der Paulusschule.

Jetzt können Sie sagen: Natürlich hätte ich nicht damals leben wollen, keine Frage. Aber all die Fortschritte sind doch nicht die Folge des christlichen Glaubens. Und Menschen in anderen Religionen tun doch auch Gutes. Ja, das stimmt. Aber ich gehe mal davon aus, dass Gott auch in anderen Religionen wirken kann nicht nur im Christentum.

Aber verdanken wir die Fortschritte, die wir heute genießen, nicht vielmehr der Aufklärung als dem christlichen Glauben? Auch da ist etwas dran. Aber die Aufklärung ist auch ein Kind der christlichen Welt. Sie hat sich sowohl in Opposition zu den Kirchen als auch durch die Kirchen hindurch verbreitet. Da gab es immer beides.

Sie sehen, große geschichtsphilosophische Entwürfe wie die Paulusschule sie hier hat, sind kompliziert. Es gibt immer Argumente dafür und dagegen.

Am Ende bleibt es eine Frage des Glaubens. Glauben wir dem menschenfreundlichen Gott, der uns den Retter geschickt hat und uns den heiligen Geist und das ewige Leben schenkt? Verlassen wir uns auf ihn? Feiern wir von ganzem Herzen Weihnachten?

Es besteht immer in Risiko. Wir könnten uns irren und umsonst vertraut haben.

Ja, das kann sein. Aber was ist, wenn Gott tatsächlich ein menschenfreundlicher Gott ist und uns mit Jesus Christus die Rettung angeboten hat und uns seinen heiligen Geist schenkt und ewiges Leben und wir lassen es links liegen und sagen das interessiert uns nicht? Und wir verpassen das Beste, was uns dieses Leben zu bieten hat? Blaise Pascal sagt: Bei der Wette kann ich nur gewinnen. Wenn ich auf Gott und Jesus Christus wette, und es stimmt, erlange ich ewiges Leben und ich tue Gutes. Wenn es nicht stimmt, habe ich trotzdem ein gutes Leben und Hoffnung gewonnen. Auf Gott zu vertrauen ist gut, selbst wenn es Gott nicht geben sollte. Aber das ist sehr unwahrscheinlich. Alle Völker haben irgendwelche Religionen entwickelt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es etwas gibt, was wir Gott nennen können, auch wenn wir nicht genau wissen können, was das ist. Ich hoffe, dass es der menschenfreundliche Gott ist, den Jesus Christus uns zeigt.

 

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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