Lebensbejahend – das Evangelium

Liebe Gemeinde,
hören wir den Predigttext aus dem 2. Korintherbrief 1, 18-22.

Liebe Gemeinde,
Lebensbejahende Menschen tun einfach gut!
Menschen, die nicht lange herumreden, die die Ärmel hochkrempeln und anpacken.
Ich tat mich schwer mit der Renovierung des Wohnzimmers. Wusste nicht, wie ich das umsetzen und terminlich schaffen sollte. Während ich noch so grübelnd und halblaut davon redete, hatten sich meine Söhne schon verabredet.

Am nächsten Wochenende standen sie plötzlich vor der Tür. Dann hieß es nur noch: „Husch Papa, ab zu Deinem Termin!“ Und schon ward ich aus der Tür geschoben.

Sogleich fingen sie auch an zu werkeln. Schoben die Sitzgarnitur in der Mitte zusammen, deckten die Möbel und den Boden ab, demontierten Schalter, Lampen und Steckdosen. Sogar weiße Farbe hatten die Jungs besorgt. Und eins-fix-drei, als ich wieder zurückkam, war alles frisch gestrichen, rückgebaut und fertig.

Mit Farbe im Gesicht machten sie Witze, tranken Kaffee, zogen sich gegenseitig auf. Meine Söhne, was bin ich dankbar und stolz auf sie! Was mir zuerst noch Sorge bereitet hatte, war plötzlich heiter und leicht.

Wohltuend, diese lebensbejahenden, „Yes-we-can!“ – „Ja-wir-schaffen-das!“, Menschen. Bei denen das Glas immer halbvoll ist. Sie nehmen einen in den Arm und sagen: „Wunderbares Wetter heute. Es regnet zwar etwas. Ansonsten ist es doch herrlich.“

In Gesellschaft solcher Menschen fühle ich mich gleich gestärkt und viel besser. Mir gelingen plötzlich Sachen, die unerreichbar schienen.

Diese Menschen gibt es überall. Bei Freunden, bei Kollegen, in der Familie. Das Wörtchen „Nein“ scheint in ihrem Wortschatz zu fehlen. Jedenfalls höre ich sie meistens „Ja“ sagen.

Auf die Frage: „Kannst Du heute etwas länger bleiben?“, lautet die Antwort: „Passt schon, ich rufe rasch zu Hause an.“ „Hast du noch etwas Zeit, mir hier zu helfen?“ Die Antwort: „Ja, gern.“

Liebe Schwestern und Brüder, manchmal ständen wir ganz schön dumm da, gäbe es solche Menschen nicht. Mitmenschen, deren Ärmel immer schon ein bisschen hochgekrempelt sind und die einen nicht hängenlassen. Leute, die einfach anpacken und für alles eine Lösung zu haben scheinen.

In allen Milieus, in allen Schichten, in allen Berufsgruppen und Altersstrukturen sind sie zu finden. In der Schule war es der Mitschüler der bei den Hausaufgaben half. Als Jugendliche sind es die, die sich in der Freiwilligen Feuerwehr oder der Kirchengemeinde engagieren. Als Erwachsene gehen sie dem Nachbarn zur Hand. Oder machen schnell noch einen Besuch im Krankenhaus. Sie reparieren den Staubsauger von Oma Plotke. Sie sehen Aufgaben und packen an. Stellen wir eine hilfesuchende Frage, Antwort: „Ja, geht klar.“

Lebensbejahende Menschen, sie tun uns so gut.
Ob Paulus so ein Mensch war? Vermutlich! Er gründete unzählig viele Gemeinden. Unternahm dazu viele weite Reisen. Wobei reisen damals sehr beschwerlich war. Meist zu Fuß, im günstigen Fall mit Ochsenkarren oder Schiff. Sie dauerten lange und waren dazu noch extrem gefährlich. Kein Auto, kein ICE, kein Flieger.

Er nahm diese Reisen auf sich. Kein Weg schien ihm zu weit. Zu „seinen“ Gemeinden hielt er engen Kontakt. Er schickte Mitarbeiter oder, wenn er es einrichten konnte, besuchte er sie selber. Ansonsten schrieb er viele Briefe. Ein paar davon sind uns im Neuen Testament überliefert.

Vertiefen wir uns in die Korrespondenz, werden wir überrascht. Es sind großartige, teilweise geniale, theologisch ausgereifte und menschlich zugewandte Schreiben. Seine Energie ist förmlich spürbar. Mit diesen Schreiben wollte er die Gemeinden stärken und ermuntern, trösten und aufbauen.

Paulus versuchte die Empfänger seiner Briefe dort abzuholen, wo sie sich gerade, gedanklich, befanden. Mit den Korinthern war dies problematisch, in der Gemeinde gab es häufig Streit. Von den einen wurde Paulus als Apostel verehrt, von den anderen seine Autorität in Frage gestellt. Manche hielten ihn für schwach. Andere meinten, er sei in der freien Rede ungeschickt. Irgendwas, war immer.

Aktuell waren einige wieder etwas „angesäuert“. Paulus hatte einen Besuch angekündigt, musste ihn aber wieder absagen. Die Gründe blieben verborgen. Im Brief deutete er lediglich an, dass seine Mitstreiter und er sehr bedrängt worden seien. Es muss allerdings schlimm gewesen sein. Im Brief wird erwähnt, dass sie Todesangst hatten. Es war also kein Schnupfen, der ihn hinderte.

Allerdings, hielt das einige Korinther nicht ab, ihm Wortbruch vorzuwerfen. Paulus versuchte sich zu verteidigen. Er suchte nicht nach wortreichen Entschuldigungen. Er lenkte ihren Blick von „Klein-Klein“ auf das große Ganze. Er erinnerte an das, was im Leben wichtig ist und wovon die Gemeinde lebte.

Er erinnerte an Gottes, großes, „JA“! Immer wieder sagte und sagt Gott es zu dieser Welt und den Menschen. Das hatte Paulus den Korinthern verkündigt und davon in seinen Briefen geschrieben. Das war der Antrieb seiner Reise und Korrespondenzen.

Sich in Rechthaberei zu verzetteln, brachte beiden Seiten nichts. Die Tatsache, dass Paulus sein Versprechen nicht halten konnte, ändert nichts an den Absichten Gottes. So gesehen, macht Paulus einen richtigen Schritt nach vorn und versucht die Korinther aus ihrer gedanklichen Enge zu führen. Großartig, wenn einer so etwas kann.

Situationen, in denen Menschen sich gedanklich im Kreis drehen sind bekannt. Gelingt es dann jemanden, Gedanken und Gespräche wieder auf die Sachebene zu lenken, ist es geradezu befreiend.

Lebensbejahende Menschen, die tun uns einfach gut.
Paulus scheint ein lebensbejahender Mensch gewesen zu sein, seine ganze Mission war lebensbejahend. Er trug als Völkermissionar das Evangelium in die Welt, sogar bis nach Europa.

Das Evangelium beschreibt, dass Gott die Welt und den Menschen mit Güte ansieht und beiden die Treue hält. Also ist das Evangelium von Jesus Christus das große „JA“ Gottes, zu jedem Einzelnen von uns.

Von Gott bejaht und angesehen betreten wir die Welt.
Von Gott bejaht und angesehen gehen wir durch die Welt.
Von Gott bejaht und angesehen verlassen wir die Welt.

Wir können uns bei ihm kein „Ansehen“ erwerben. Gottes Güte ist niemals Verdienst, sie wird uns durch Gottes Liebe zuteil. Diese dürfen wir dankbar annehmen.

Paulus erinnert die Korinther und uns daran mit dem Hinweis auf die Taufe. Und plötzlich wird der 4. Advent unverhofft zur Tauferinnerung. Gottes „JA“ geht mit dem Täufling über das Wasser eine unlösliche Verbindung ein. Ein schöner und unerwarteter Gedanke vor dem Weihnachtsfest.

Lebensbejahende Menschen tun uns gut.
Das Evangelium ist komplett lebensbejahend und von Gottes Güte gezeichnet. Auf den Punkt gebracht, reicht ein einziges Wort: „JA!“. Gott sagt „JA“ zur Welt und zum Menschen. Kürzer geht Wohlwollen nicht.

Er sagt JA: zu Jungen und Alten, zu Inländern und Ausländern.
Er sagt JA: zu Kranken und Gesunden, zu Menschen mit und ohne Handicap.
Er sagt JA: zu Menschen, die sich in ihrem Leben verirrt haben oder schuldig geworden sind.

Mit Gottes JA ist unverträglich: dass Menschen, die um Einlass bitten, die Tür mit einem lauten Nein vor der Nase zugeschlagen wird.
Mit Gottes JA ist unverträglich: dass so vielen Menschen auf dieser Erde, die Lebensmöglichkeiten entzogen sind.
Mit Gottes JA ist unverträglich: dass Menschen im Mittelmeer ertrinken oder in den Ländern Afrikas an heilbaren Krankheiten sterben.

Das Evangelium ist durch und durch lebensbejahend.

Und selbst, wenn uns das „Yes-we-can!“ – „Ja-wir-schaffen-das!“ nicht in die Wiege gelegt ist, lasst uns dem Evangelium folgen. Schon dadurch ziehen wir andere mit.

Lebensbejahende Menschen tun nicht nur sich und dem Umfeld gut. JA, sie tun der ganzen Welt gut. Lasst uns immer wieder gemeinsam daran üben, was es bedeutet Christ zu sein. Wir folgen dem lebensbejahenden Evangelium.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Matthias Blume.)

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