Nun komm, der Heiden Heiland

Predigt über EG 4 Nun komm der Heiden Heiland[1]

  1. Advent

 

Gnade sei mit euch und Friede

Von dem der da ist

und der da war

und der da kommen wird,

Christus, unserm Herrn. Amen

 

Liebe Gemeinde,

die Adventszeit und die Weihnachtszeit sind – neben anderem – Zeiten der Lieder. Seit einiger Zeit schon dudelt im Supermarkt Weihnachtliches durch die Lautsprecher. Ich bin immer froh, wenn nicht gesungen wird, weil die Texte oft so schmalzig sind. Mir reichen da schon die Trompeten, Geigen, Harfen und das Schellengeläut.

Die Adventslieder im EG sind dagegen oftmals melancholischer. Als Kind habe ich das nicht verstanden, denn sollte man sich nicht auf das Christfest freuen? So nach dem Motto: „Lustig, lustig, tralala-lala, bald ist Niklaus-Abend da?“

Inzwischen merke ich: in den Adventsliedern kommt eine tiefe Sehnsucht zum Ausdruck. Ein Sehnen nach Mehr. Eine Hoffnung auf Erlösung.

Der kommende Erlöser ist das Thema des Liedes „Nun komm, der Heiden Heiland“. Sie finden es als Nummer 4 im EG. Bitte schlagen Sie es schon einmal auf, denn wir wollen es in dieser Predigt bedenken und nach und nach singen.

„Nun komm, der Heiden Heiland“ ist ein altes Lied, sowohl was den Text als auch was die Melodie betrifft. Der Text geht auf Ambrosius zurück, der in Trier geboren und 374 Bischof von Mailand wurde. Ambrosius setzte sich u.a. für die Erneuerung der Kirchenmusik ein – schon damals ein Thema, und immer wieder und bis heute.

Ambrosius also schrieb den Text – natürlich auf lateinisch. Die deutsche Übersetzung verfasste Martin Luther. Und wie so oft bei Übersetzungen – und bei Martin Luther zumal – ist es weniger als eine wörtliche Übertragung der lateinischen Worte als vielmehr bereits eine Auslegung. – Dazu später mehr.

Auch die Melodie fand Martin Luther vor; sie war bereits mehrere hundert Jahre alt.

Bemerkenswert an ihr finde ich, daß die erste und die letzte Zeile der Melodie genau gleich sind – und doch für mich ganz unterschiedlich klingen. Das mag an der zweiten und dritten Zeile der Melodie liegen. Da passiert etwas: die Melodie steigt in die Höhe, entfernt sich vom Grundton, dem die erste und letzte Zeile – beide beginnen und enden auf dem Grundton – verhaftet bleiben.

Und dieser Ausflug in die Höhe – und in das, was sein könnte – verändert, wie ich die letzte Zeile singe und empfinde – obwohl sie von den Tönen her doch identisch mit der ersten Zeile ist.

 

Nun komm, der Heiden Heiland. So beginnt das Adventslied.

Dieser Satz ist heute schwer verständlich. Zugrunde liegen die lateinischen Worte des Ambrosius: Veni, redemptor gentium. Wörtlich übersetzt: Komm, Erlöser der Völker.

Das ist ein Hilferuf, und viel dringlicher als „Nun komm“ in Luthers Übersetzung.

Komm!

Es ist ein Ruf nach Befreiung.

Erlösen – das bedeutet in der Bibel: Ein Mensch, der Schulden hat, wurde zahlungsunfähig. Nun konnte er als Sklave verkauft werden, buchstäblich zu Geld gemacht werden – es sein denn, sein „Löser[2]“ oder „Erlöser“ kaufte ihn frei. Dieser Erlöser war der nächste Angehörige – und das können ja manchmal ziemlich entfernte Verwandte sein.

Vergleichbar zum Erlöser in der Bibel ist heute bei uns vielleicht die Situation, daß jemand festgenommen und nur gegen Kaution freigelassen wird. Da sitzt er oder sie nun verzweifelt in Haft und telefoniert, wer für ihn oder sie die Kaution stellen kann, damit er wieder zuhause und bei seinen Lieben sein kann und sich darum kümmern, daß seine Sache ins Reine kommt.

Wie dieser Löser – bei Luther: Heiland – namentlich heißt, wird im ganzen Lied nicht gesagt. Doch wir können uns denken, daß Jesus gemeint ist. Darauf weist hin, daß er der Jungfrauen Kind genannt wird – so problematisch diese Bezeichnung für uns heute auch ist.

 

Komm, Erlöser der Völker!

Wo brauchen wir Menschen heute Befreiung und Völker Hilfe für ein friedliches und gerechtes Miteinander?

Mir fällt da ein, daß wir mit der Erde umgehen, als wären ihre Schätze – seien es Mineralien oder lebende Organismen wie Wälder oder Fischgründe oder Wasser und Luft – unerschöpflich. Als kämen nicht Generationen nach uns, die auch saubere Luft atmen und sauberes Wasser trinken wollen. Als gäbe es diese Menschen nicht auch schon heute, die in dem Müll leben, den wir nach Übersee verschiffen – und es auch noch Recycling nennen!

So mein erster Einfall. Da fallen Ihnen sicher auch noch andere Themen ein.

Doch wieder zurück zu unserm Lied: … daß sich wunder alle Welt. Hier hat Luther den Text des Ambrosius Miretur omne saeculum ziemlich wörtlich übersetzt. Die ganze Welt soll staunen. Staunen über Gott, der unter uns leben will.

Staunen über das Kind Jesus, in dem uns Gott begegnet.

Staunen über Jesus, der die Logik unserer Welt durchkreuzt. Jesus zeigt uns einen anderen Weg auf: einen Weg der Liebe und des Friedens. Ein Weg, der Mut und Kraft braucht – von uns Menschen, die ihn gemeinsam gehen.

…Gott solch Geburt ihm bestellt. – Luthers Übersetzung ist heute wenig verständlich. Ambrosius schrieb Talis partus decet Deum – das heißt: Solch eine Geburt steht Gott gut. Der kommende Erlöser ist der menschlich ganz nahe, nicht der ferne und unerreichbare. Der kommende Erlöser befreit. Sein befreiendes Handeln löst die Menschen von dem Zwang, anderen die Freiheit zu nehmen. Und es ist gut, die Bitte wach zu halten: „Komm, Erlöser der Völker“.

Nun singen wir den ersten Vers unseres Liedes.

EG 4, 1 singen

 

In der zweiten und dritten Strophe wird geschildert, woher der Erlöser kommt und wohin er geht. Er ist der Menschen- und Gottessohn.

Die 2. Strophe beschreibt den Ausgangspunkt seines Laufes: eine Kammer, die ein königlicher Saal ist, groß und weit und rein. Das Himmelreich ist die Heimat des Erlösers, wo er bei Gott, dem Vater war. Der Lauf geht zu uns auf die Welt, ja in die tiefsten Abgründe des Leidens, des Todes und der Gottferne – d.h. die Hölle – und endet doch wieder beim Vater. Eine Rundstrecke also, am Ende ist es wieder wie am Anfang. Und doch ganz anders. Also so ähnlich wie bei der Melodie unseres Liedes: die erste und letzte Zeile sehen ganz gleich aus – und doch hat sich in der Zwischenzeit etwas getan.

Nun singen wir die nächsten 2 Verse unseres Liedes.

EG 4, 2+3 singen

 

Nun noch zu den letzten zwei Strophen:

Die 4. Strophe führt uns nochmals zurück zur Menschwerdung Gottes. Jesus wird geboren und liegt in einer Krippe. Mit Jesu Geburt geht ein Licht auf in der Dunkelheit. Gottes Licht scheint unter denen, die leiden, die traurig sind, die übersehen und an den Rand gedrängt werden, die zu wenig haben zum Leben.

Dieses Licht des Glaubens und der Hoffnung scheint auch heute. Und wir können und sollen die Träger dieses Lichtes sein – in unserer Familie und unter unsern Nachbarn, in unserer Stadt, unserm Land und in die Welt. Möge dieses Licht uns weiter scheinen – so bittet diese Strophe.

Das Lied endet mit einem Lobpreis auf Gott, den Vater, auf Jesus Christus, seinen Sohn und auf Gott, den Heiligen Geist.

So wollen wir diese Strophen singen.

EG 4, 4+5 singen

 

 

Amen

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinnen

in Christus Jesus.

Amen                

[1]Angeregt durch eine Predigt von Heinz Janssen, Quelle: https://www.ekiba.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&m=31&artikel=4958&cataktuell=328

[2] Hebr: Goël – Leviticus 25,47-49

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