Liebe ist wie eine Nebelschlußleuchte vor dir auf der A7.

Es ist diese Liebe von der ich nicht loskomme.
Diese Liebe, die die Nacht enden lässt und den Morgen dämmern sieht.
Es ist diese Liebe, die Menschen einander niemals schuldig bleiben sollen.
Diese Liebe, die in einer dunklen Zeit, in einer dunklen Welt, die einzige positive Möglichkeit ist.
Es ist diese Liebe, die alles menschliche Miteinander fluten soll.
Von dieser Liebe, komme ich nicht los.
Von dieser Liebe, die man einander niemals schuldig bleiben darf –
davon muss ich reden. Davon will ich erzählen.

Als wir uns anschicken zu gehen, steht unser Freund auf und sagt, „Ich mach‘ das schon!“
Er ist schnell, auf jeden Fall schneller als wir, bezahlt das Essen und sogar die Getränke. „Der Abend geht auf uns!“, sagt seine Frau lachend.
Und als er zurückkommt, fügt er hinzu: „Wir waren dran.“

„Wir waren dran!“ Da ist er, dieser Satz. Warum wart ihr dran? Mir fällt es schwer, die nette Geste mit einem Lächeln anzunehmen und es einfach gut sein zu lassen. Ich finde es unangebracht, unter Freunden etwas aufzurechnen. Wir bedanken uns artig aber ich denke nur beim nächsten Mal müssen wir also zahlen?!
Wir haben Schulden!

Meiner Großmutter war das ein Gräuel. Schulden machen: Das gab es nicht. Auf gar keinen Fall. Schulden machte man nicht. Schulden hatte man nicht. Wenn es für das neue Kleid nicht reichte, dann reichte es eben nicht. So einfach war das. Stolz erzählte meine Oma immer wieder, wie sie und mein Großvater eine ganze Woche nur Suppe aßen, weil sie meiner Mutter ein paar neue Schuhe kaufen wollten. Sie sparten sich das Geld vom Munde ab.
Bloß keine Schulden machen.

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. (Röm 13, 8-10)

Das sind Worte, die meiner Großmutter gut gefallen hätte.
Es sind fremdartige Worte.
Es sind Worte gegen Schulden.
Es sind Worte, die die Liebe gegen die verrechnende Welt stellen.
Gerade im Advent, kurz vor Weihnachten, steigt der Druck.
Bloß nichts vergessen. Bleib niemandem etwas schuldig.
„Wir müssen dieses Jahr unbedingt N.N. schreiben, die schreiben uns auch jedes Jahr.“
Schon wieder. Bleibt niemandem etwas schuldig.
Dabei bleiben wir einander immer etwas schuldig. Das ist schlimm, aber so ist es eben. Und je mehr Gedanken ich mir mache, umso tiefer gerate ich in diesen Sog.

Und diese Zeit, in die wir heute eintauchen, ist wie dafür gemacht, andere zu enttäuschen.
Die Fallhöhe ist hoch:
Ist es das richtige Geschenk?
Werden alle zufrieden sein?
Wird alles klappen?
Und auch ich bin nicht davor gefeit, enttäuscht und verletzt zu werden. Das Gefühl zu haben, bloß ein weiterer Punkt auf der abzuarbeitenden Liste eines anderen zu sein.

Zurück bleibt ein schaler Geschmack.
Die Welt bleibt dunkel, wo man so handelt.
Bleibt einander nichts schuldig. Schon gar nicht die Liebe.
Wo etwas verrechnet wird, wo die Liebe fehlt, wird der Funke nicht zünden.
Aber von dieser Liebe gilt es zu sprechen und heute soll sie nicht übertönt werden von allem Klingeling und dem ganzen – ach so – unadventlichen Stress.

So viel Remmidemmi – und die Liebe hat keinen Platz.
Wo das so ist, ist etwas ganz und gar aus dem Ruder gelaufen.
Das Haus kann man abbezahlen, genauso wie das Auto und das neue Handy auch. Aber lieben kann man nie genug. Aus der Schuld gegenüber seinem Nächsten kommt man nicht raus. Die Liebe kann man nie abbezahlen.
Das wäre auch fatal in einer Zeit, in der ich dem, was in der Welt oftmals ratlos gegenüber stehe. Da sind Konflikte, die die Atmosphäre vergiften und keiner wagt ein klares Wort. Die Weihnachtsbeleuchtung, die Glühweinstände, die schönen Schaufenster mit den hübsch drapierten Steif-Tieren sind nur ein Placebo dagegen.
Sie sehen schön aunsm aber sie ersetzen die Liebe nicht.

Bleibt niemandem etwas schuldig – außer der Liebe, denn die seid ihr einander immer schuldig!
Also: Liebe deinen Nächsten!
Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?
Was kostet dich ein Lächeln?
Oder zwei? Oder drei? Mehr verlange ich ja gar nicht.
Bloß eine ausgestreckte Hand.
Oder dass das Gerede aufhört oder das Mobbing im Büro.
Ich will nicht weiter das Gespött der Kollegen und Vorgesetzten sein.
Das ist doch nicht zu viel verlangt, dass Menschen einander mit Liebe begegnen?

Und der Advent ist genau die richtige Zeit, um diese Liebe zu feiern.
Kann man etwas fröhlicheres, etwas schöneres in dieser Zeit in die Welt sagen, als dass, dass man aufeinander achten, einander lieben soll?

Ach, ich muss das sagen.
Mitten hinein und am besten bevor dieses Gehetze und Gewese losgeht.
Denn die umsatzstärkste Zeit des Jahres, mit all den ausgedruckten Kassenzetteln braucht einen starken Kontrapunkt.
Braucht etwas Fremdartiges.
Braucht einen Satz wie diesen:
Bleibt niemandem etwas schuldig – außer der Liebe, denn die seid ihr einander immer schuldig!

Denn in dieser Liebe zum Anderen begegnet mir Gott. Das ist wie eine Nebelschlussleuchte vor mir auf der A7, die mir auch durch die dickste Suppe den Wagen vor mir erkennbar macht.
Und ich finde es überaus tröstlich, das gerade dieser Text am Anfang eines neuen Kirchenjahres, am Anfang des Advents zu verlesen ist.
Die vor uns liegende Zeit, das neue Kirchenjahr, wird noch viel Schweres mit sich bringen, manch ungeahnte dunkle Stunde bereithalten. Wie tröstlich ist es dagegen, gleich am Anfang etwas von dieser Liebe zu hören, die all das Dunkel erhellen kann.

Viele Menschen warten darauf.
Warten auf Zuwendung.
Auf etwas gemeinsam verbrachte Zeit.
Ich glaube, es gibt in unserer Gesellschaft einen Heißhunger auf Zuwendung, auf Vertrauen und auf Liebe.

Und der Advent? Der sehnt sich auch nach dieser Liebe und fordert heute schon mal eine Welt ein, die anders ist. Eine Welt, in der sich die Liebe einen Weg bahnt, über Weihnachtsmärkte und Glühweinstände hinweg. Sich mit dem Duft gebrannter Mandeln vermischt und all überall Zuversicht verbreitet.
Und nach und nach tröpfelt diese Liebe in die Welt ein.

Es ist diese Liebe von der ich nicht loskomme.
Diese Liebe, die die Nacht enden lässt und den Morgen dämmern sieht.
Es ist diese Liebe, die Menschen einander niemals schuldig bleiben sollen.
Diese Liebe, die in einer dunklen Zeit, in einer dunklen Welt, die einzige positive Möglichkeit ist.
Es ist diese Liebe, die alles menschliche Miteinander fluten soll.
Von dieser Liebe, komme ich nicht los.
Amen.

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