Die Lehre vom Sterben und die Klugheit des Lebens

Psalm 90

Zuflucht in unserer Vergänglichkeit

1  Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. /

2 Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

3 Der du die Menschen lässest sterben und sprichst:

Kommt wieder, Menschenkinder!

4 Denn tausend Jahre sind vor dir / wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

5 Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, / sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,

6 das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

7 Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen.

8 Denn unsre Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht.

9 Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn, wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.

10 Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

11 Wer glaubt’s aber, dass du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm?

12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,

auf dass wir klug werden.

13 HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig!

14 Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.

15 Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden.

16 Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

17 Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich / und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir werden geboren und das hat seine Zeit und Stunde, wir leben die von Gott geschenkte und bestimmte Lebens-Zeit für uns, um eines Tages zu sterben. Und auch das hat seine Zeit und Stunde. Die Zeit dazwischen ist die geschenkte Lebenszeit. Häufig  70 oder 80 Jahre. Und heutzutage noch mehr Jahre. Das hat alles seine Zeit. Nach unseren Zeitvorstellungen können dazwischen 70 oder 80 Jahre oder sogar 90 Jahre liegen. Ein langes Lebensalter, eine Zeit von Liebe, Freude, Glück und Segen, aber auch von Mühe, Not, Last, Leid, Schmerz und Arbeit.

Und doch am Ende der persönlichen Zeit gilt eines: Jeder von uns muss sterben. Das ist ein biologisches Naturgesetz. Wir werden geboren, wachsen bei unseren Eltern als Kinder auf, altern und werden Jugendliche, dann junge Erwachsene, gründen eigne Familien, werden reif und älter, haben Enkel und können lebenssatt werden und dann sterben wir eines Tages. Das ist der Rhythmus des Lebens. Die Zeit dazwischen, unsere Lebenszeit, ist dann gefüllte, manchmal auch  vertane oder verlorene  Zeit, ist die Zeit des genutzten Augenblicks (Carpe diem!) und der verpassten Chancen und verschlafenen Möglichkeiten, ist die uns von Gott zu bemessene Zeit für uns ganz persönlich und ganz individuell. Es ist die Zeit des Anfangs und geleichzeitig die Endzeit unseres persönlichen Lebens.

Das klingt nüchtern oder traurig, aber auch beruhigend und tröstlich, je nach Gefühlslage und individueller Situation. Und es gilt für alle Menschen, für alle Geschöpfe auf dieser Erde. Und wie wunderbar philosophisch und tröstend schreibt und verkündigt dies der Psalm. Die Zeit –und eben gerade die geschenkte und gelebte Lebenszeit-   als Tröster und Seelsorger für die Lebenden, Sterbenden, Toten und das erwartete Leben in der kommenden Welt. Alle Zeit ist Gottes Zeit und Gott zeigt sich in der Zeit und für die Ewigkeit. Die nächste Stufe, die unsere Zeitvorstellungen und Raumvorstellungen transzendiert, also überschreitet, ist die Ewigkeit. Darüber haben wir eine Ahnung oder Vorstellungen.

Was sollen wir tun?!

Psalm 90, 12:  Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,

auf dass wir klug werden.

Heute erinnern wir uns in diesem Gottesdienst an die Zeit, die Lebenszeit und Schaffenskraft, die Liebe und die schönen Erinnerungen, die wir mit unseren Verstorbenen Angehörigen hatten. Bestimmt auch das Schwere und Belastende, das wir mit ihnen teilen mussten. Es ist nun die Zeit, ihnen im Gebet mitzuteilen, dass sie uns fehlen. Manchmal schrecklich und unwiederbringlich fehlen. Wir hatten Zeiten des Weinens und der Trauer, aber auch der Freude und des Glücks mit unseren Verwandten. Mit Vater, Mutter, Ehemann und Ehefrau, mit Bruder und Schwester. Wir erlebten Höhen und Tiefen mit Ihnen, anstrengende und wunderschöne von Gott geschenkte Zeit. Auch die Zeit heilt Wunden, nicht alle Wunden, denn es bleiben auch Vernarbungen auf der Seele. Aber Narben sind keine Wunden mehr, die schmerzen. Hier hilft durch den Psalm so ausgedrückte von Gott bemessene Zeit. Wir hatten schöne Zeiten mit unseren vermissten und um sie trauernden Verwandten.  Sie fehlen uns.

Wir liebten, klagten, weinten, herzten, tanzten, schrien.

Wir suchten, behielten, schwiegen, beteten, stritten, klagten und mühten.

Wir sahen ihre innere und äußere Schönheit und teilten ihre Gedanken, wir kannten ihre Ängste, Sorgen und Nöte, auch ihre Abgründe und charakterlichen Ecken und Kanten.

Wir litten unter und mit ihnen und wir freuten uns über und mit ihnen.

Wir liebten ihr Lächeln und ihren unbändigen Stolz, ihren bahnbrechenden Charme und ihre Betörungskünste.

Das fehlt uns. Sie fehlen uns.

Es fehlt die Hand, die hält und streichelt, die beruhigt und die tröstende Fürsorge.

Das fehlt uns und das ist manchmal zum Weinen und Schreien.

Es fehlen die Worte, der Klang der Stimme und die Tiefe der Liebe und Zuneigung.

Das ist bitter und sie fehlen uns.

Doch wir ließen und mussten sie gehen lassen.

Sie sind hinübergegangen in die andere Welt, wo kein Schmerz und kein Schrei und kein Wehklagen mehr ist.

Wo Gottes unendliche Liebe und Freiheit herrschen.

Dort gibt es keinen Anfang und kein Ende, sondern nur die Ewigkeit des Augenblicks und die Existenz und das Ewige in Gottes Reich und im religiösen Himmel.

Denn: dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, beten wir. So war  es, ist es und so wird es sein.

Ein anders schönes Bild ist in die Arme Jesu Christi bzw. in Gottes Hand zu fallen. Erlöst von Angst, Schmerz, Not, Sorge und Leid.

Erlöst und befreit, von Gottes zärtlichen und liebenden Händen gestreichelt und getröstet. Vom gekreuzigten und auferstanden Christus in die Arme genommen, geborgen, geschützt, gedrückt und gehalten.

Ein Halt, eine Umarmung und  eine  allumfassende Geste der Liebe Gottes .

Was heißt das und wie könnte das aussehen:

Im Lied mit dem Titel „Nehmt Abschied“ meines Wächtersbacher Kollegen Christoph Schilling, das wir gleich singen heißt es dazu:

„Nehmt Abschied! Und wir geben dich mit allem, was verband, aus unserer Zeit für immer nun in Gottes große Hand.“

EG plus 160, Strophe 1.

Und dann singen wir den Refrain:

„Der Himmel wölbt sich übers Land. Adieu! Auf  Wiedersehen!

Wir alle ruhn in Gottes Hand. Zieh hin! Auf Wiedersehen!

Da klingen solch eine unbändige Glaubensgewissheit und starrköpfige Hoffnung durch, dass der Tod sein Schrecken verliert.

Auch weil wir sie eines Tages wieder sehen. Sie, unsere geliebten Angehörigen. Jetzt  sind sie in Gottes Hand.

Dort ruhen sie in Ewigkeit. Bei Gott. Auf Französisch: Adieu.

Bei und mit Gott.

Und im 5. Vers heißt es:

Nehmt Abschied! Und ein letztes Mal:/ „Adieu!“ Sei frei in Gott./

Du warst sein Kind. Du bleibst sein Kind/ im Leben und im Tod./

Und dann wieder der Refrain:

„Der Himmel wölbt sich übers Land. Adieu! Auf  Wiedersehen!

Wir alle ruhn in Gottes Hand. Zieh hin! Auf Wiedersehen:

Und so wünsche ich allen, die in dieser Zeit um einen geliebten Menschen trauern und weinen, dass Gott sie in ihrer Trauer tröste, ihnen gute und liebe Menschen schicke, die ihnen durch Wort und Tat wirklichen Trost und Zuspruch spenden. Menschen, die wieder Licht in das finstere Tal der eigenen Trauer bringen.

Menschen, durch die Gott alle Tränen abwischen wird. Sei es durch die Enkel oder durch das geduldige Zuhören von Nachbarn und Freunden.

Unsere Verstorbenen sind nun in Gottes Hände übergeben, wo sie jenseits unserer Zeit- und Lebensumstände durch die in Jesus Christus geschehene Auferstehung in Gottes Ewigkeit weiterleben.

Uns als Lebenden bleiben die mahnende Erinnerung  und die Weisheit des Psalmbeters:

12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,

auf dass wir klug werden.

Diese Klug- und Weisheit des Lebens über das Sterben  schenke uns Gott im Leben und Sterben.

Amen.

 

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