Britisches Museum und Totensonntag

Im Britischen Museum in London faszinieren mich besonders die Kunstwerke aus dem alten Assyrien, aus Ninive, Nimrud oder Babylon. Den Eingang zur Abteilung bewachen zwei riesige geflügelte Löwenskulpturen mit Menschenköpfen. Fein ausgearbeitete Reliefs zeigen eine Löwenjagd oder Szenen im Palast des Königs. Die Männer tragen charakteristische Bärte. Während das alte Israel zur gleichen Zeit agrarisch geprägt war und es eher ärmlich zuging, hat Assyrien eine Hochkultur hervorgebracht. Die Gärten und Paläste von Ninive waren weltberühmt. Welch ein Unterschied! König Sanherib ließ sogar einen kompletten Saal mit einem Alabaster-Relief verkleiden. Es führt den Triumphzug gegen die jüdische Stadt Lachisch vor. Die assyrische Armee erobert die  Stadt. Schwerbewaffnete Soldaten erstürmen die Mauern mit Rammböcken, Steinschleudern und Speeren. Die Menschen flüchten. Die Stadt wird geplündert und die Beute auf Karren weggeschafft. Männer, Frauen und Kinder werden gefangen genommen und in einem langen Zug deportiert. Vor dem Thron des Königs Sanherib müssen sie sich niederknien und um ihr Leben bitten.
Die Alabaster-Reliefs enthüllen Szene für Szene die ganze Brutalität, mit der diese großartige Kultur andere Völker unterjochte. Die Kunst ist die Kunst der Sieger. Den Preis zahlen die Besiegten. Woher hätten sie auch Geld, Kraft und Zeit hernehmen sollen, um eine eigene großartige Kultur zu erschaffen? Im besten Fall bleibt ihnen das nackte Leben.

Ein paar Räume weiter liegt die ägyptische Abteilung. Unermessliche Schätze hat das Museum in seinen Besitz gebracht: Mumien, Siegel, Tontafeln, Säulen, Statuen. Sorgsam vor Licht geschützt lagern Papyri, auf denen die Farben fast noch so leuchten wie am ersten Tag. An den Wänden sind Steintafeln ausgestellt, dicht beschrieben mit Hieroglyphen, 3000, 4000, manche fast 5000 Jahre alt. Viele hängen nicht einmal hinter Glas. So nah lassen sie sich sonst nie betrachten. Die Schriftzeichen sind gestochen scharf in Stein gehauen. Ich hätte sie mit meinen Fingern berühren können.

Es sind Tafeln für Tote. Auf ihnen steht der Name, und die Hieroglyphen enthüllen noch viele Details. Stellung, Besitz, Verdienste. Ein Mensch, der vor mehreren tausend Jahren gelebt hat und dessen Grab schon lange verschwunden ist, bekommt so auf einmal ein Gesicht. Der Stein hat die Erinnerung an seine Existenz über die Zeitalter hinweg konserviert, zum Anfassen nah.

Was bleibt einmal von uns? Wir sammeln gigantische Datenmengen. Doch unsere Speichermedien haben eine immer kürzere Halbwertzeit. Disketten, die der Computer vor 20 Jahren beschrieben hat, können wir nicht einmal mehr lesen. Musik und Filme werden nicht mehr auf CD gespeichert, sondern geistern irgendwie im Internet herum, und wenn wir sie kaufen, bekommen wir einen Zugangscode und sonst nichts in die Hand.
Die Gräber auf den Friedhöfen werden nach 30, 40 Jahren eingeebnet. Die meisten kennen die Namen und Lebensdaten ihrer Urgroßeltern. Einzelheiten, ein Gesicht, Geschichten und Gefühle verbinden die wenigsten mit ihnen.
Sogar über die Menschen, für die in der Jacobikirche ein Grabstein steht oder ein Epitaph, wissen wir wenig. Dabei waren sie zu ihrer Zeit wichtige Leute in Sangerhausen, bekannt, verdienstvoll und so geachtet, dass ihnen nach ihrem Tod ein Platz in der Kirche zugestanden wurde. Doch schon 200, 300 Jahre später findet sich selbst im Archiv nur noch wenig über sie.

Am Ende bleiben – wenn überhaupt – ein paar Namen. Die Geschichte ist parteiisch und oftmals ungerecht. Sie bewahrt das Gedächtnis der Gewalttätigen, der Machthaber und Erpresser, und sie unterschlägt die, die ihren Ruhm ermöglicht haben. Die kleinen Leute verschwinden aus der Erinnerung. Selbst die Künstler, die die Reliefs im Palast von Ninive gemeißelt oder die Hieroglyphen in den Stein gegraben haben, bleiben namenlos.

Doch Gott ist nicht so. Gott sieht auf die, für die im Geschichtsbuch kein Platz ist. Die Geduldigen, die Geschundenen, die Rechtschaffenen und Barmherzigen, die Frieden gestiftet und Kriege verhindert haben, die kleinen Schlitzohren, die Mauerblümchen und Habenichtse. Gott merkt sich, wenn Menschen versuchen, gut zu sein, auch wenn sie es schwer haben. Gott vergisst nicht, was sie auf sich nehmen, um ihr Stückchen Land bewohnbar zu machen und sich gegen Unrecht zu wehren. Gott zählt die Tränen, die im Verborgenen geweint werden. Gott sieht, wenn Menschen für andere einstehen, Streit schlichten, für Recht sorgen. Bei Gott ist niemand zu unbedeutend. Gott erinnert sich. Bei Gott haben alle einen Namen. Die großen Namen, die in Stein gemeißelt werden, die beeindrucken ihn nicht. Bei ihm sind die Namen im Himmel geschrieben.

Andere Predigten von Margot Runge: queerpredigen.com

Andere Predigten am Totensonntag

drucken