Wo sind unsere Toten? Predigt von Albrecht Burkholz zu Johannes 5,24-29

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

wir gedenken heute am Totensonntag unserer Verstorbenen. Natürlich denken wir auch sonst an sie, aber heute wollen wir das besonders begehen. Öffentlich. Betend. Gemeinsam und doch ein jedes für sich. Die Trauer um unsere Verstorbene begleitet uns und wir wollen weiterkommen in der Trauer. Die Erinnerung an die Menschen, die uns Begleiter waren und nun nicht mehr sind, geht mit uns. Die Gefühle bei der Erinnerung sind sehr unterschiedlich, je nachdem an welcher Stelle unseres Trauerwegs wir sind.

Heute ist eine Station unseres Abschiednehmens.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Totensonntag aus dem Johannesevangelium Kapitel 5 die Verse 24-29.

24 Amen, amen, das sage ich euch:

Wer mein Wort hört

und dem glaubt,

der mich beauftragt hat,

hat das ewige Leben.

Er kommt nicht mehr vor Gottes Gericht.

Im Gegenteil:

Er ist vom Tod

ins Leben hinübergewechselt.

25 Amen, amen, das sage ich euch:

Die Stunde kommt,

ja sie bricht schon an:

Da werden die Toten

den Ruf des Gottessohnes hören.

Und diejenigen, die ihn hören,

werden leben!

26 Aus sich selbst hat der Vater das Leben.

Genauso hat er auch dem Sohn gegeben,

aus sich selbst heraus das Leben zu haben.

27 Er hat ihm auch die Vollmacht gegeben,

Gericht zu halten.

Denn er ist der Menschensohn.

28 Wundert euch nicht darüber:

Es kommt die Stunde,

in der alle Toten in ihren Gräbern

seinen Ruf hören

29 und herauskommen werden.

Diejenigen, die Gutes getan haben,

werden auferstehen,

um das Leben zu empfangen.

Diejenigen aber, die Böses getan haben,

werden auferstehen,

um verurteilt zu werden.

Wie können wir uns das vorstellen? Wo sind unsere Toten? Gibt es etwas dort auf der anderen Seite? Oder da ist vielmehr nichts, wie manche meinen?

Viele Menschen haben Nahtoderfahrungen gemacht. Sie haben dort auf der anderen Seite das Licht gesehen. Dort, im Jenseits, war nichts bedrohliches, sondern etwas helles, das geborgen sein lässt.

Unser Bibeltext nimmt die Vorstellung vom göttlichen Gericht auf. Im Glaubensbekenntnis sprechen wir Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Von wo wird er kommen: von da wo er ist: er sitzt zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters. Wer wird kommen: Jesus Christus. Also: Jesus Christus wird vom Himmel kommen. Er wird der Richter sein der Lebenden und der Toten.

Dahinter steckt die Frage nach dem Endgericht am Ende aller Zeiten. Und die Angst davor, die in allen Höllendarstellungen steckt, die wir in den Kirchen finden. Und es steckt auch die Frage, wie wir unser Leben bewerten und das Leben unserer Verstorbenen. Und genau so wie es im Endgericht zwei Seiten gibt, so gibt es auch zwei Seiten bei der Bewertung unseres Lebens. Und es gibt auch zwei Seiten, wenn wir unsere Verstorbenen bewerten. Das macht Angst. Denn wir sind nie sicher, dass bei uns alles in Ordnung ist. Wir wissen ja, dass wir unsere Verstorbenen manchmal ziemlich schlecht bewerten und fühlen uns dabei schuldig. Und was das Jenseits anbetrifft – auch da sind wir unsicher. Wir wissen auf irgend einer Ebene: wir sind nicht so in Ordnung, dass wir vor einem himmlischen Richter bestehen könnten. Deshalb sind die Bilder von dem, was am Ende sein wird, in der Bibel auch teilweise drohend, düster, erschreckend.

Was machen wir damit? Leben wir halt mit der Angst, wie wir auch sonst mit unseren Ängsten leben?

Interessant ist, dass Jesus Christus der endzeitliche Richter ist. Und der beschreibt sich selbst als den guten Hirten, der sein Leben lässt für seine Schafe.

Wenn ein solcher guter Hirte der endzeitliche Richter ist – dann werden wir im Licht dieses guten Hirten bewertet. Unser Leben wird dadurch nicht besser. Aber wir werden anders angesehen. Und deshalb können wir uns selbst anders ansehen. Deshalb können wir auch unsere Verstorbene anders ansehen.

Alles wird in das Licht des Erbarmens und der Gnade getaucht. Ein freundlicher Blick ruht auf uns.

Haben Sie schon jemals eine Mutter gesehen, die ihre Kinder schlecht bewertet? Sie wird ihre Kinder vor allem mit Stolz ansehen, jedenfalls nach außen.

In Jesus Christus schaut uns ein Richter an, der es sehr gut mit uns meint.

Es gab ja in Deutschland einen Richter Gnadenlos. Wenn man an der geraten ist, hatte man Pech. Wir haben Glück. Unser Richter ist der Richter Gnadenreich.

Unser Predigttext sagt noch etwas wichtiges: das Gericht ist für uns schon geschehen. Im Glauben fängt ewiges Leben an. Insofern wir Glaubende sind, kommen wir nicht mehr ins Gericht. Natürlich sind wir nicht nur Glaubende. Aber wir sind doch auch Glaubende. Und das, was in uns und in unseren Beziehungen zu Glaube, Liebe und Hoffnung gehört – das ist dem endzeitlichen Gericht schon entronnen.

Wir begegnen im Glauben ja jetzt schon Jesus Christus, unserem Richter. Und Jesus Christus ist nicht nur Richter für uns. Jesus Christus ist auch unser Freund und Bruder. Jesus Christus ist für uns an Weihnachten das ohnmächtige göttliche Kind, für das wir sorgen können. Immer, wenn wir jemandem helfen, helfen wir in dieser Person Jesus Christus. Immer, wenn wir uns in das Bild Jesu Christi hinein verwandeln, indem wir schwierige Seiten in uns überwinden, wachsen wir auf den hin, der unser Haupt ist, Jesus Christus. Also, je mehr von Jesus Christus schon da ist in unserem Leben, desto mehr ist das Gericht schon geschehen. Weil unser Richter da ist und uns anders erscheint. Als unser Freund, der uns auf dem Weg begleitet. Als der, der uns hilft, uns heilsam zu verändern. Als der, der uns hilft, das Schwierige in unserem Leben zu verändern. Probleme in Richtung Lösung zu verändern.

Richtung Jesus Christus heißt nicht, sich nur mit Bibeltexte und Gesangbuchversen zu beschäftigen. Aber dass uns Worte zu Gottesworten werden, tief in unserem Inneren, die uns helfen, so werden wie wir eigentlich gedacht sind. Dem göttlichen Menschen Jesus ähnlich zu werden, heißt, dass wir unsere Möglichkeiten entfalten und unseren Beitrag für eine menschliche Welt leisten, wo auch immer wir leben.

Wissen Sie, was toll ist an dem Gericht? Endlich sieht mal jemand, was ich Gutes getan habe und würdigt es richtig. Und mein himmlischer Freund Jesus hilft mir, nicht zu schlecht über mich selbst zu denken. Sicher, zu gut sollte ich auch nicht von mir denken. Ich bin ein Mensch mit allen Schwächen eines Menschen. Und doch sagt mir Jesus Christus zu: so wie du bist, bist du Gottes geliebtes Kind. Ich helfe dir, dich selbst so zu bewerten, dass du deine Möglichkeiten entfalten kannst. Und dass was nicht klappt, das ist bei allen so. Und die göttliche Macht besteht darin, aus unseren Fehlern trotzdem etwas sinnvolles entstehen zu lassen. Den Schaden zu begrenzen. Schwieriges zu verwandeln. Verletzungen zu heilen. Zorn zu besänftigen. Dunkle Zeiten zu überstehen.

Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Das ist der Blick der Gnade auf unsere Familiengeschichten, die immer Krummes enthalten. Die göttliche Macht kann aus all dem Krummen trotzdem Gutes entstehen lassen und den Schaden begrenzen. In den 10 Geboten heißt es, dass Gott die Missetat 3 oder 4 Generationen heimsucht in einer Familiengeschichte, aber die Barmherzigkeit währt 1000 Generationen lang.

Jesus Christus als Richter zeigt uns diese gnädige Seite Gottes. Das ist unsere Hoffnung.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zu ewigen Leben. Amen.

drucken