Warum denkst du an den Mensch ?

Dieser Predigt liegt im Mittelteil wortwörtlich und paraphrasierend eine Predigtmeditation zu Hiob 14, 1-6 (7-14) 15-17 von Annette Kurschus mit dem Titel:

„…nach dem Wek deiner Hände hast du dich gesehnt!“ zugrunde.

In: Zum Volkstrauertag am 17. November 2019, Gedenkstunden und Gottesdienste gestalten, PDF-Dokument, S.14-17, hier: S.16

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute haben wir Volkstrauertag. Der Tag, an dem sich unser Volk daran erinnert, gedenkt  und institutionell darüber trauert, dass in den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts Millionen von Menschen in ganz Europa gestorben sind und an den schrecklichen Folgen der beiden Kriege umkamen. Auch erinnern wir uns daran, dass am 1.September 1939, vor 80 Jahren,  beim Überfall der deutschen Wehrmacht  auf Polen der 2.Weltkrieg begann. Der für das letzte Jahrhundert den Zweiten der großen Kriege in Europa und der ganzen Welt von 1939 bis 1945 markierte. In diesem  Krieg und noch unzähligen anderen Kriegen sind seither  Millionen von Menschen umgekommen. Diese Menschen, jeder Einzelne, ihr Schicksal  und ihr  tödliches Ende, sind nicht durch eine Naturkatastrophe, durch Hunger oder durch eine Epidemie verstorben, was ja schon schlimm genug gewesen wäre, sondern durch zwei erbarmungslose Kriege, die diesen Millionen Menschen das Leben raubten.

Viele Gottesdienstbesucher, Besucher von Andachten und Kranzniederlegungen an Mahnmalen durch Vereine, Politiker und Geistliche erinnern heute daran. Alte Kriegerwitwen, erwachsene Halbwaisen und andere Anverwandte erinnern sich heute daran, dass Ehemänner, Väter, Brüder und Söhne nicht aus dem Krieg oder der Gefangenschaft zurückgekehrt sind. Große Soldatenfriedhöfe mit Namen oder Nummern auf den Gräbern sind ein stilles Mahnmal und stumme Zeugen für die Grausamkeit der beiden Weltkriege.

Ja, jedes Mahnmal ist ein unauslöschliches Symbol für verlorenes und einmaliges Leben.

Leben, das einstmals Väter, Brüder, Ehemänner geführt haben. Das einzige, was von ihnen blieb, ist der Name auf den Mahnmalen. Und die Erinnerung an ihre kurze Lebenszeit.

Vielleicht fragt sich jetzt mancher aus der jüngeren Generation, was soll’s: die Kriege sind vorbei und uns geht es relativ gut. Es gibt bei uns keinen Krieg. Wozu sollen wir noch als Volk über unsere Toten der beiden Weltkriege trauern?

Die Toten sind tot, sogar begraben  und wir leben. Das Leben geht weiter!

Ja, das Leben geht weiter und das ist gut so, aber unser Leben besteht auch aus Erinnerung und Verantwortung für die Zukunft.

Einerseits die Erinnerung daran, dass das Leben eines jeden Einzelnen eine Gabe Gottes war, an die sich die Erinnerung lohnt, und die Verantwortung andrerseits, dass durch die Erinnerung und Trauer, nie wieder Krieg von Deutschland ausgehen darf. Denn unser Volk hat nicht nur viel Unglück und Trauer erlebt, sondern auch viel Unglück und Trauer über andere Völker gebracht.

Zum heutigen Predigttext.

„Stirbt der Mensch, so ist er dahin!“ (V.10) Es sind nüchterne Worte, mit denen Hiob auf das Leben des Menschen blickt. Sein Name ist zum Inbegriff himmelschreienden Leids geworden. Wie der erbarmungslose Tod der durch den Krieg in viele Familien kam. Sie haben wie Hiob erfahren, wie sich das Leben wenden kann, plötzlich und unerwartet, ohne eigenes Dazutun und Dafürkönnen. Hiob, gesegnet mit Ansehen und Wohlstand, mit Frau und Kindern, verliert beinahe alles. Die Knechte und Mägde ermordet, Vieh und Vermögen verbrannt, die Kinder sterben in den Trümmern seines Hauses. Er selbst erkrankt schwer. Übersät mit Geschwüren vom Scheitel bis zur Sohle. Nur einige Freunde halten es bei ihm aus und seine Frau. Doch auch ihr stinkt allmählich sein kranker Atem (Hi 19,25) und nicht nur der. Immerhin war sein Schicksal auch ihres. Hiob verflucht sein Leben, geht hart ins Gericht mit Gott. Entschieden, aufmüpfig und scharf wie selten wird im Hiobbuch die Klage vor Gott zur Anklage und Anfrage Gottes selbst. Wie kannst du nur? Oder kannst du nicht anders? So viele haben ähnlich gefragt und geklagt, in den Kellern und Schützengräben, verwaist und verwitwet, und tun es auch heute. Es ist eine Grundfrage menschlicher Existenz, die Tertullian im 2. Jahrhundert nach Christus in sein schlichtes „unde malum“ kleidet.

Woher, warum und durch was kommt das Böse, das Grausame, der Terror und der sinnlose Tod? Diese Frage ist ewig. Und ewig ungelöst. Wie kommt das Böse in seinen immer neuen Spielarten in die Welt? Und wie steht es um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch angesichts der vielen unschuldigen Toten anlässlich der unsäglichen Kriege und der Gräuel, die folgen würden? Nicht wenige haben darüber ihren Glauben verloren.

Anders Hiob. Er hält stöhnend und wütend an seinem Glauben an Gott fest. Überzeugt davon, dass Gott unbedingt und unmittelbar mit seinem Leid zu tun hat, entlässt er ihn weder in den Unglauben noch aus der Pflicht. Durch sein unnachgiebig bohrendes Warum zieht und zwingt Hiob ihn hinein in die Leidensgemeinschaft mit sich selbst. Er führt ihm vor, wie sich das Leben in seiner Haut anfühlt: voll Leid und Unruhe geht es dahin, bis es welkt und flieht wie ein belangloser Schatten. Gott setzt die Frist (V.1-5). Selbst ein Baum ist besser dran, wettert Hiob: abgehauen, sprießt er neu, alte Wurzeln und tote Stümpfe keimen auf „vom Geruch des Wassers“ (V.9). Wie anders der Mensch? „Stirbt er, so ist er dahin“ (V.10). „Wende deinen Blick von ihm“ (V.6), fleht Hiob, anders kann er nicht Ruhe und seine Freude am Leben wiederfinden. Wende dich doch endlich ab! Das ist unerhört: Nicht die Ferne Gottes ist es, die Hiob beklagt, sondern ausgerechnet seine Nähe, seine quälende und bedrückende Nähe. Sie sei es, die sein Schicksal bedingt. Hier versagt jede Romantik vom „lieben Gott“, die ihn mild und großväterlich zeichnet und gerade dadurch dem Leid gegenüber sprachlos macht. In Hiobs Welt ist Gott mehr und anders, ja erschreckend anders, als erwartet und gedacht. Das Böse ist Gott überlassen, nicht sich selbst!

Doch wir wissen –auch wie Hiob-, dass Gott das Böse nicht gänzlich von der Erde tilgt. Das Böse, der Hass, die Wut, die Verrohung kommt aus uns Menschen. Wir tragen dieses schlimme zerstörerische Potential wie einen schlummernden bösartigen Krankheitserreger in unserem Geist und in unseren Gedanken. Das Böse kann auch unsere Handlungen beeinflußen.

Wir Menschen sind wie die vielen sinnlosen Kriege zeigten und zeigen fähig zum Bösen, zum Hass, zum Terror, zur Gewalt, zu Mord und Totschlag.

Das Böse kommt aus uns und von uns. Und da finden wir auch eine Antwort auf das Warum und Wieso? Das Böse kommt aus uns. Der Mensch ist des Menschen Wolf, „homo homini lupus est“ schrieb der englische Philosoph Thomas Hobbes.

Doch wir können auch anders:

Wir sind auch lernfähig und vergebungsbereit, wir können lieben statt hassen. Wir können einander Gutes tun und Freunde sein und uns als Völker aussöhnen, verstehen und gegenseitig helfen.

Das können wir auch alles.

Als Christen hören wir diesen Auftrag, den Jesus uns gegeben hat.

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mit getan!(Matthäus 25, 40)

Wir sind fähig zum Guten und  zur guten Tat. Wir können Nächstenliebe, wir sind fähig zu Gemeinschaft, auch zur Vergebung und zur gegenseitigen Aussöhnung.

Und deswegen ist es gut und richtig, dass es den Volkstrauertag gibt.

Erinnerung und Verantwortung bringen uns weiter.

Beide, die Erinnerung und die Verantwortung, speisen sich aus Liebe. Liebe zum  Mitmenschen, Fürsorge und Verantwortung aus Liebe für die Nachgeborenen, für Kinder und Kindeskinder.

Wie gesagt wir können auch das Gute, Richtige und Menschenfreundliche tun.

Hiob gibt ihm klagend Raum, diesem Gott in seiner Andersheit.

Doch wir kennen Jesus Christus und glauben an ihn:

Er, der uns aufnimmt in seinen göttlichen Frieden, der uns in seinen Händen birgt, der unser Leid und unsere Bosheit kennt, der uns vergibt, liebt und  uns stets ermahnt, Gott zu lieben und unseren Nächsten.

 Und für alle, die heute über ihre Toten trauern mag gelten, was ein unbekannter Verfasser geschrieben hat:

Gesegnet seien alle, die mir jetzt nicht ausweichen. Dankbar bin ich für jeden, der mir einmal zulächelt und mir seine Hand reicht, wenn ich mich verlassen fühle.

Gesegnet seien die, die mich immer noch besuchen, obwohl sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.

Gesegnet seien alle, die mir erlauben, von dem Verstorbenen zu sprechen. Ich möchte meine Erinnerungen nicht totschweigen. Ich suche Menschen, denen ich mitteilen kann, was mich bewegt.

Gesegnet seien alle, die mir zuhören, auch wenn das, was ich zu sagen habe, sehr schwer zu ertragen ist.

Gesegnet seien alle, die mich nicht ändern wollen, sondern geduldig so annehmen, wie ich jetzt bin.

Gesegnet seien alle, die mich trösten und mir zusichern, dass Gott mich nicht verlassen hat.

O Herr, berge Du uns alle in deiner Hand; nimm Du Dich unser an. Bei Dir bleiben wir im Leben wie im Tod.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.            Amen.

 

 

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