Hoffnung und nochmals Hoffnung

Hiob 14, 1-6.13.15-17

17.11.2019 – Ev.-Method. Gemeinde Berlin-Marzahn

Mit unserem heutigen Predigttext begeben wir uns in das Buch Hiob. Natürlich kennen Sie alle Hiob wenigstens dem Namen nach und auch seine Geschichte mehr oder weniger.

Hiob, das ist der, den unmittelbar nacheinander so viele Schicksalsschläge treffen. Immer, während der eine Bote noch redet und das Unglück schildert, kommt schon der nächste angerannt und teilt ein noch viel schlimmeres Geschehen mit, eben diese Hiobsbotschaften – schlimme Nachrichten, die kein Ende nehmen.

Hiob, das ist auch der, der das alles mit unerschütterlicher Ruhe und festem Gottesglauben erträgt, der sich nicht von seiner Frau aus der Ruhe bringen lässt und auch nicht von den Freunden, die ihn besuchen, zumindest so lange sie schweigen.

Doch als die Freunde anfangen, ihm damit helfen zu wollen, dass sie Hiob an mögliche Sünden erinnern, deretwegen er diese Unglücke erleiden würde, als sie ihn wieder und wieder auffordern, Gott seine Schuld zu bekennen, da ist es aus, da platzt ihm der Kragen, da beschimpft er seine Freunde. Hin und her fliegen die Worte. Mehr und mehr schaukelt sich der Streit auf. Und am Ende, wo er das Reden mit den Freunden satt hat, da fordert Hiob schließlich Gott selber heraus, der solle ihm doch bitteschön zeigen, wo er gesündigt hätte, er, Hiob, wisse von nichts.

Und Gott antwortet dem Hiob. Er tut es auf ganz unerwartete Weise und führt damit weit über den banalen Streit hinaus, wer denn nun Recht habe, und vermittelt Hiob so eine neue und viel tiefere Gotteserkenntnis. „Ich kannte dich bisher nur vom Hörensagen, nun aber von Angesicht zu Angesicht“, gesteht Hiob schließlich ein. Und deswegen, nicht weil einer nur Recht hat, deswegen beugt sich Hiob vor Gott und deswegen allein spricht Gott ihn gerecht und nennt Hiob vorbildlich. Die Freunde aber, die Spezialisten in Sachen göttlicher Weisheit, sollen lieber von Hiob lernen, als weiter ihre fromme Dogmatik verkünden.

Aber noch sind wir nicht an diesem Endpunkt. Noch sind wir bei Hiobs Geschichte mitten im Ringen dieses frommen Mannes, noch erleben wir einen Menschen in der Auseinandersetzung mit Gott und mit denen, die meinen, Gott vor Hiob vertreten zu sollen. Noch sind wir da, wo auch wir normalerweise immer stehen, mittenmang aller Fragen und Unklarheiten, mittendrin in der Auseinandersetzung und nämlich da, wo wir unseren Lebenslauf und Gottes Wirken darin immer nur wie in einem schlechten Spiegel sehen und eben noch nicht in der Klarheit der Vollendung.

Wir hören Abschnitte aus dem 14. Kapitel des Hiobbuches. Es spricht Hiob:

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

13 Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest!

15 Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. 16 Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. 17 Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Hiob setzt ein mit einer Klage über die Vergänglichkeit des Menschen. Man könnte es eine Elegie nennen, wie manche Ausleger das tun, ein Gedicht voll trauriger, sehnsuchtsvoller Grundstimmung. Wie eine Blume ist der Mensch, schnell erblüht, aber noch viel schneller verblüht. Wir kennen diesen Gedanken auch aus anderen Teilen der Bibel, etwa aus Psalm 103: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“ (Vers 15 und 16) Warum, so Hiobs Frage, kümmert sich Gott um dieses kurze Leben des Menschen und ahndet seine Vergehen? Er soll ihn doch in Ruhe lassen bis zum Tode, dann kommt ja sowieso das Gericht. Denn das ist ja Hiobs Problem: Er fühlt sich von Gott verfolgt und möchte lieber in Ruhe gelassen werden.

Bei Eugen Roth klingt das so:

„Ein Mensch, der recht sich überlegt,
dass Gott ihn anschaut unentwegt,
fühlt mit der Zeit in Herz und Magen
ein ausgesprochnes Unbehagen
und bittest schließlich Ihn voll Grauen,
nur fünf Minuten wegzuschauen.
Er wolle unbewacht, allein
inzwischen brav und artig sein.
Doch Gott, davon nicht überzeugt,
ihn ewig unbeirrt beäugt.“

Deswegen will Hiob lieber tot sein, und dann, wenn dann noch etwas sein sollte, ist sicher alles anders. Dann nämlich wendet sich Gott seinem Geschöpf zu, verfolgt seine Schritte in Liebe und lässt in Bezug auf die Sünden „fünfe gerade sein“. Die sind nämlich in einem kleinen Sack verstaut, und der ist fest zugebunden und beiseite gelegt. So beschreibt es Hiob.

Hier keimt Hoffnung auf, die man inmitten all der Klagen und Vorwürfe gegenüber Gott bei Hiob gar nicht erwartet. Es ist aber nicht mehr als ein Aufblitzen, denn eigentlich kennt Hiob noch keine Hoffnung über den Tod hinaus. Ein abgehauener Baum schlägt wieder aus, ein Mensch aber, der sich zum Sterben hinlegt, wird nicht wieder aufwachen, sagt Hiob hier im selben Kapitel in einem Abschnitt, der nicht mit vorgelesen wurde. Und am Ende des Kapitels tritt Hiob diesen kleinen Hoffnungsfunken, von dem gerade die Rede war, auch selber schnell wieder aus und unterstellt am Ende Gott: „Du machst die Hoffnung des Menschen zunichte.“ (Vers 19)

Ist das so? Gott sei Dank – nein! Wir sind hier in Kapitel 14 des Hiobbuches, das ganze Buch hat aber 42 Kapitel! Das positive Ende ist noch nicht erreicht.
Wir sind mit Hiob auch noch mitten in der Bibel und damit noch mitten auf dem Weg der Heilsgeschichte, von Jesus Christus ist noch längst nicht die Rede.
Und von Hiob ist es noch weiter bis zu Paulus, der erkannte, dass, wenn am Ende alles vergeht, doch Glaube, Liebe und Hoffnung bleiben und gerade die Hoffnung eben nicht zuschanden werden lässt.
Das sollten wir bedenken.

Und dann ist vor allem festzuhalten: Wir sind alle, wie wir hier sitzen, noch mitten im Leben. Wir sind noch nicht am Ziel. Es ist darum nichts Außergewöhnliches, wenn wir uns zuweilen fühlen wie Hiob und mit Gott hadern wie Hiob. Wir brauchen dazu nicht nach Halbe zu fahren und dort durch die schier endlosen Grabreihen zu gehen, brauchen auch nicht den Golm auf Usedom zu besuchen, wo die Tausenden bestattet sind, die in Stettin sinnlos umkamen, es reicht die Fernsehnachrichten einzuschalten. Da erscheinen dann die Kränze, die heute am Volkstrauertag allenthalben niedergelegt werden, ebenso nötig wie am Ende auch hilflos.

Was aber kann helfen? Sich mit Hiob auf den Weg begeben, auch auf den Weg der Klage und Trauer, aber eben auch auf den Weg, wo nach Gott gefragt wird, denn das ist der Weg, wo am Ende Gott selber stehen wird, unerwartet und überraschend vielleicht, aber ganz gewiss gnädig. Hiob hat ja auch das gewusst, denn den Satz „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, den finden wir auch bei ihm. Und wenn auf diesem Weg zu einem gewiss tröstlichen Ende zwischen Not und Zweifeln ein Fünkchen Hoffnung aufkeimt, dann lasst uns dieses nicht austreten, sondern hüten und pflegen, denn darin steckt weitere Hoffnung, wie Ludger Edelkötter das so schön formuliert hat und singt:

„Kleiner Funke Hoffnung,
mir umsonst geschenkt,
werde ich dich nähren,
dass du überspringst,
dass du wirst zur Flamme,
die uns leuchten kann,
Feuer schlägt in alle alle,
die im Finstern sind.“

Amen.

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